Der Rechtsanwalt Ethan Bensinger hat die Erzählungen seiner alten Mutter mit der Videokamera aufgezeichnet. Sie lebte, wie dreißig andere deutsche Juden, die den Nazis entkommen waren, in einem Selbsthilfehaus in Chicago, wo Bensinger auch weitere Zeitzeugen befragte. Den Film, der daraus entstand, führte er in Frankfurt vor. Und Doris Stickler hat ihn gesehen.

Ethan Bensingers Geschichten aus dem »Selfhelp Home«

»Was Worte anrichten können«

Ethan Bensinger (Foto: selfhelphome.org/)
Ethan Bensinger

Eigentlich wollte Ethan Bensinger nur die Geschichte seiner Familie dokumentieren. Die Großeltern und der Vater waren vor den Nationalsozialisten nach Palästina geflohen und später in die USA ausgewandert. Er besorgte sich eine Videokamera und hielt jedes Mal, wenn er seine 95-jährige Mutter im Altersheim besuchte, ihre Erinnerungen fest.

Vermutlich wäre es dabei geblieben, hätte sie nicht im „Selfhelp Home“ gelebt. Errichtet von einer Selbsthilfeorganisation, die dem Naziregime entkommene Juden 1938 in Chicago gegründet hatten, wohnte die Mutter dort mit dreißig anderen Emigranten und Holocaust-Überlebenden zusammen.

Im Laufe der Zeit erfuhr Ethan Bensinger auch deren Geschichten, zeichnete sie ebenfalls auf und dachte zuerst nur ans Archivieren. Irgendwann kam ihm die Idee, einen Film zu drehen. 2012 fertiggestellt, wurde „Refuge: Stories of the Selfhelp Home“ (Zufluchtsort: Geschichten aus dem Selbsthilfe-Haus) in den USA inzwischen auf vielen Festivals sowie im Fernsehen gezeigt.

Im Beisein des Regisseurs war er vor kurzem in der Evangelischen Akademie Frankfurt zu sehen und wer zugegen war, weiß, warum der Film etliche Preise kassierte. Indem Ethan Bensinger die Entstehung des Selfhelp Home und die Erlebnisse von Bewohnern mit wissenschaftlichen Kommentaren und historischen Rückblenden verknüpft, gewährt er vielschichtige wie bewegende Einblicke in 75 Jahre Zeitgeschichte.

Wie der Rechtsanwalt im anschließenden Gespräch erklärte, habe er sechs Personen ausgewählt, deren Lebensverläufe die Schicksale unzähliger Leidensgenossinnen und Leidensgenossen wiederspiegeln. So hat Edith Stern das Konzentrationslager Theresienstadt, Hannah Messinger das Vernichtungslager Auschwitz überlebt, konnte Marietta Pollak dank der Kindertransporte, Paula Tritsch dank eines Verstecks in Frankreich und Horst Abraham dank der Flucht nach Shanghai den Fängen der Nazis entkommen.

Blieben sie körperlich weitgehend unversehrt, haben die grausamen Erfahrungen tiefe Wunden in ihren Seelen hinterlassen. Dass Zeit hier nichts zu heilen vermag, tritt im Film deutlich zutage. Es wird an keiner Stelle geklagt, doch ist zu spüren, dass die hochbetagten Protagonisten seit Jahrzehnten eine unsägliche Last mit sich schleppen.

Die Erinnerung an erlittene Torturen oder ermordete Angehörige zu wecken, fiel Ethan Bensinger denn auch alles andere als leicht. „Es war schwer, diesen Film zu drehen. Wir haben alle viel geweint und mussten immer wieder mehrere Wochen Pause machen.“ Das sich über rund fünf Jahre erstreckende Projekt habe auch ihn „sehr mitgenommen und berührt“.

Heutiger Eingang des Selfhelp Home in Chicago
Eingang des Selfhelp Home in Chicago

Heute ist der 71-Jährige froh, dass er trotzdem drangeblieben ist – nicht zuletzt, weil die Zeitzeugen schwinden. So ist im vergangenen Jahr Edith Stern im Alter von 99 Jahren verstorben, zwei Mitbegründer der Selbsthilfeorganisation sind inzwischen ebenfalls tot. Im Film schildern sie noch, wie die Gruppe Ende der 1930er Jahre medizinische Versorgung, Unterkünfte und Englischkurse für die meist mittellosen Emigranten organisierte und 1950 das Selfhelp Home auf die Beine stellte. Seither bot das Haus mehr als eintausend NS-Verfolgten im Alter ein Zuhause.

Neben Ethan Bensingers 2014 verstorbener Mutter verbrachte dort auch seine aus Frankfurt stammende Großmutter ihre letzten Lebensjahre. Wie der ausgezeichnet Deutsch sprechende Jurist erzählte, hatten die Großeltern um die Wende zum 19. Jahrhundert den Manufakturwaren- und Textilhandel Bensinger & Co. aufgebaut. Das in der Kaiserstraße ansässige Geschäft florierte, es folgten Niederlassungen in anderen Städten. Als Hitler im Januar 1933 die Macht an sich riss und sie mit eigenen Augen Judenboykott, Reichstagsbrand und Bücherverbrennung miterleben mussten, sei ihnen klar gewesen, wohin das führen wird. Im Oktober hätten sie ihrer Heimat den Rücken gekehrt.

„Es waren völlig assimilierte Juden, der Großvater hat im Ersten Weltkrieg gekämpft, an Weihnachten wurde der Christbaum geschmückt. Die Bensingerfamilie war mehr als 250 Jahre in Deutschland zuhause, innerhalb weniger Monate war alles dahin“, so Ethan Bensinger. Während seine Großeltern und sein Vater das Land noch rechtzeitig verlassen hätten, sei dies vierzig Familienmitgliedern nicht mehr geglückt.

Er selbst wurde 1949 in Israel geboren – sein Vater und seine Mutter lernten sich auf dem Schiff nach Palästina kennen –, doch erinnert er sich kaum mehr an die ersten Jahre. Die Familie übersiedelte bereits 1955 in die USA. Geschäftsreisen haben Ethan Bensinger ab den 1970er Jahren mehrmals nach Deutschland geführt, wo ihn sehr zwiespältige Gefühle plagten. „Ich wollte nie eine Eisenbahn betreten und konnte keine Schornsteine sehen.“

Das Verhältnis zum Geburtsland seiner Vorfahren veränderte sich erst, als er Angelika Rieber in Chicago begegnete. Die Vorsitzende des Vereins „Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt“ lud ihn ein, „Refuge: Stories of the Selfhelp Home“ in Frankfurt zu zeigen. Nach dem Emma-und-Henry-Bugde-Heim und der Wöhlerschule – die besuchte Ethan Bensingers Vater Ernst – reiste er nun zum dritten Mal in die Mainmetropole und kommentierte seinen Besuch mit den Worten: „Einhundertprozentig frei bin ich immer noch nicht, aber in Frankfurt fühle ich mich wohl.“

Während seines jüngsten Aufenthalts lag es Ethan Bensinger am Herzen, den Film gleich in mehreren Schulen zu zeigen. „Es geht mir nicht darum, dass sich junge Menschen für etwas schuldig fühlen, sondern dass sie von der Vergangenheit lernen“, stellte er klar. Zumal sich Geschichte wiederhole, wie die gegenwärtigen Entwicklungen in Amerika belegten. Er hätte nie gedacht, dass es hier jemals zu einem Massaker wie in der Synagoge in Pittsburgh kommen könnte. „Ich befürchte, dass dies erst der Anfang war“, sagte Ethan Bensinger und fügte mit Blick auf Donald Trump hinzu:

„Wir müssen lernen, was Worte anrichten können.“

Offizieller Trailer “Refuge: Stories of the Selfhelp Home” (in englischer Sprache, 2:14 Min.), https://vimeo.com/38581150

Der einstündige Dokumentarfilm „Refuge: Stories of the Selfhelp Home“ ist unter http://vimeo.com/73011912 in der englischen Version in voller Länge zu sehen.

Siehe auch

Informationen zu Ethan Bensinger und seiner Familie bei dem „Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt am Main“

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erstellt am 25.6.2020
aktualisiert am 26.6.2020

Filmplakat „Refuge: Stories of the Selfhelp Home“ von Ethan Bensinger

Der Dokumentarfilm ist bei refugestories.com auch als DVD erhältlich.