Scheherazade aus Tausendundeine Nacht ist vielleicht die Allegorie des Erzählens. Wem man gern zuhört, der möge nicht aufhören zu erzählen, und was gut erzählt wird, ist glaubwürdig, wirklich, zumindest im Moment des Erzählens, und so mächtig, dass man blind durch alle Nacht folgen möchte – Gefahren, Abgründen und Bizarrerien zum Trotz. Michael Köhlmeier hat sich mit seinen Märchen bereits seit Längerem einen Namen gemacht, die im letzten Herbst gesammelt bei Hanser erschienen sind, virtuos illustriert von Nikolaus Heidelbach. Märchen für Märchen nimmt das Buch einen gefangen und macht – süchtig. Elvira M. Gross hat den Autor in einem Ferngespräch befragt.

Im Ferngespräch mit Michael Köhlmeier

»Als ich ein Kind war, wollte ich ein Pferd sein«

Elvira M. Gross: Herr Köhlmeier, wie beginnt Ihr Tag? Hören Sie morgens lieber Musik oder Nachrichten?+

Michael Köhlmeier: Musik. Ich geh in die Küche und schalte das Radio ein. Ö1. Dann mach ich Frühstück. Dann setzt sich Monika zu mir, und wir führen unser Gespräch fort, das wir vor 45 Jahren begonnen haben.

Welches war das erste Buch, das Sie als Kind nicht mehr aus der Hand legen konnten? Und welches Buch war es zuletzt?

Die ersten waren Tom Sawyers Abenteuer von Mark Twain und Huckleberry Finn. Das letzte Buch, das ich nicht aus der Hand legen wollte … schwierig, da gibt es einige … von Richard Ford Kanada … von Cormac McCarthy Die Abendröte im Westen … von Stendhal Rot und Schwarz … nicht zu vergessen, die Gedichte von William Carlos Williams. Und John Williams Butchers Crossing. Aphorismen von Nicolá Gómez Dávila.

Mir hat mein Großvater Geschichten erzählt, Ihnen, wie ich im Falter gelesen habe, Ihre Großmutter. Wie würden Sie das Verhältnis zu ihr beschreiben, haben Sie ein bestimmtes Bild im Kopf, wenn Sie an sie denken?

Meine Großmutter war sehr abergläubisch. Und ich mit ihr. Wir glaubten, alles sei belebt. Wenn ich meinen königsblauen Samtpullover auf dem Fußballplatz liegen ließ, bat ich ihn um Verzeihung. Meine Großmutter grüßte gewisse Bäume. Als ich nach Marburg zog, um zu studieren, bat sie mich um ein Stück, das mir lieb sei. Ich gab ihr meinen Druckbleistift. Den hatte sie von nun an immer bei sich. Um mich zu beschützen.

In Marburg soll Brentano zufolge eine legendäre Märchenerzählerin im Elisabethhospiz gewohnt haben, überhaupt waren es oft Frauen wie die berühmte Dorothea Viehmann, die Märchen erzählten. Die Brüder Grimm haben dann ihre Spracheigentümlichkeiten teilweise bewusst übernommen. Wie ist die Sprache der Märchen? Weiblich, männlich oder weder noch?

Ich habe das nie verstanden … was ist eine männliche Sprache und was eine weibliche? Ist die Grammatik verschieden? Oder die Zeichensetzung? Ist das Komma vielleicht ein Phallussymbol? Kommen bei den einen mehr männliche, bei den anderen mehr weibliche Artikel vor? Da wäre ich gern dabei, wenn jemand den Nachweis erbringt, dass Märchen mehr eine weibliche oder mehr eine männliche Sprache haben. Anstatt dass man sich dafür einsetzt, dass Männer und Frauen für die gleiche Arbeit endlich, endlich gleich viel verdienen, murkst man an der Sprache herum und wackelt mit dem Zeigefinger, wenn man „man“ sagt und nicht „frau“ oder gar „mensch“. Als ich ein Kind war, wollte ich ein Pferd sein. Aber zu Ihrer Frage: Zunächst: Ich kann Brentano nicht leiden. Er ist ein miserabler Märchenerzähler. Vergleichen Sie ihn mit den Grimms – jämmerlich! Die Grimms hatten Hochachtung vor der Volkserzählung, Brentano verachtete sie. Des Knaben Wunderhorn, zusammen mit Achim von Arnim, war der Versuch einer „Verbesserung“. Für mich hört sich das an, wie wenn das Kronos Quartett Jimi Hendrix spielt – ebenfalls jämmerlich. Wilhelm Grimm dagegen hat aus der hochachtungsvollen Nähe zu der sogenannten Volksdichtung eine wunderbare eigene Sprache geschaffen, die Märchensprache schlechthin.

Gibt es für Sie Märchen, die eher für Frauen, andere, die eher für Männer geschrieben wurden?

Ich kann mir vorstellen, dass Märchenerzählerinnen eher an Frauen als Zuhörerinnen denken und Männer eher an Männer. Aber was ändert das? Wenn Frauen Romane schreiben, treffen wir öfter auf Heldinnen, bei Männern öfter auf Helden. Ich muss ja wohl nicht erklären, dass in diesem Zusammenhang der Held nichts weiter ist als der Protagonist und nicht ein Haudrauf.

Haben Sie selbst ein Lieblingsmärchen?

Die zwei Brüder von den Grimms. Der Herr Korbes. Hans, mein Igel. Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen von Hans Christian Andersen. Zwerg Nase von Wilhelm Hauff.

Sie sagten einmal, dass jedes Märchen eigentlich um Angst kreist. Was ist der Unterschied zur Furcht? Gibt es eine Angst, die durch Schreiben bewältigt werden kann?

Nein, mit Schreiben kann Angst nicht bewältigt werden, vielleicht für einen Augenblick gebannt. Angst ist irrational, Furcht rational. Wenn mir auf der Straße ein tätowierter Muskelmann mit einem Pitbull Terrier entgegenkommt, fürchte ich mich, und ich glaube, ich habe Grund dazu. Ich reagiere rational und wechsle die Straßenseite. Angst betrifft nicht nur eine Sache, sie ist umfassend, ihr kann rational nicht begegnet werden, am besten mit Chemie.

Kleine Auswahl Bücher von Michael Köhlmeier bei den Hanser Literaturverlagen (Screenshot)

Erinnern Sie sich gut an Träume? Fließen diese auch in Ihr Schreiben ein?

Leider oder zum Glück träume ich sehr, sehr selten. Manchmal ein paar Bilderfetzen. Einen nacherzählbaren Traum hatte ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

Sie arbeiten/schreiben auch gemeinsam mit dem Philosophen Konrad Paul Liessmann, den Sie zu immer neuen Interpretationen herausfordern. Wie kam es dazu? Werden Sie umgekehrt dadurch auch zu neuen Märchen inspiriert?

Konrad Paul Liessmann inspiriert mich auf vielfältige Weise. Seine Art zu philosophieren beweist, dass der Mensch ein philosophierendes Wesen ist, jeder Mensch. Dass Philosophie Glück bedeutet. Dass Philosophie wie Dichtung und Musik ein Zauberstab ist, um der Welt einen Sinn zu geben. Das Philosophicum Lech ist der Termin im Jahr, um den alles andere herumgebaut wird. Dieses Symposium haben wir gegründet, Konrad leitet es, ich darf ihm dabei zusehen.

Märchen handeln teilweise von unsagbarem Leid, Erfahrungen der Selbstüberwindung. Es geht um Archetypen, Initiation. Aber finden sich in Ihren Märchen auch Spuren des eigenen Erlebens?

Wie alle Literatur, alles Geschichtenerzählen, ist auch das Märchen die Vorführung eines Präzedenzfalles. Wir wollen wissen, wie verhält sich ein anderer in einer Situation, die uns vertraut ist, die wir schön finden oder die wir fürchten. Damit wir uns auskennen.

Sie haben sich schon im Studium mit Geschichte und Politik beschäftigt. Ihre Abschlussarbeit hat den Austrofaschismus zum Thema. Ist der Universalismus der Märchen möglicherweise ein Heilmittel gegen den weltweiten Aufstieg des Nationalismus? Oder sind Märchen „identitätsstiftend“, wie es die sogenannten „Volksmärchen“ erwarten lassen?

Ja, das hätten sie gern, die nationalistischen Hetzer, dass die Märchen zu Diensten sind ihren kruden Ideen. Nein, das sind sie nicht. Märchen sind universell. Sie lassen sich nicht vereinnahmen. Die Grimms wussten, warum sie ihre Sammlung nicht „Deutsche Märchen“ nannten, sondern „Kinder- und Hausmärchen“.

Wie man geartet ist – hängt es vielleicht auch davon ab, woher man kommt? Welche Landschaft entspricht Ihrer Persönlichkeit am meisten? Herkunftsort – das Ländle – oder ein Sehnsuchtsort?

Natürlich spielt in meiner Literatur meine Herkunft eine große Rolle, in jeder Literatur. Herkunftsort ist Sehnsuchtsort, ist Heimat. Heimat aber ist nicht Nation. Nation ist eine historisch-politische Übereinkunft. Ähnlich wie eine Verkehrstafel. Wenn jemand von mir erwartet, dass ich meine Nation lieben soll, dann erwarte ich von ihm, dass er die Verkehrstafeln liebt.

Glauben Sie an Wunder – oder: Was ist das für Sie, ein Wunder?

Ich glaube nicht an Wunder. Außer alles, was uns umgibt, ist eines. Da habe ich es mit meiner Großmutter.

Gibt es eine Anekdote aus Ihrem Leben, die daran grenzt?

Nein.

Wenn Sie Bob Dylan zufällig beim Skifahren an einer Bar treffen würden, was würden Sie ihn gern fragen?

Ob ich ihn für all die Freude, die mir sein Werk bereitet hat, auf einen Whiskey einladen darf.

Wenn Sie an Ihre Studienzeit zurückdenken, gibt es etwas, das verlorenging, das Sie vermissen?

Die Spaziergänge und die Nächte mit meinem Freund Achim Pietzsch.

Fiktion und Wirklichkeit, wo wohnen Sie lieber?

Selbstverständlich in der Wirklichkeit! Spaghetti aglio olio in der Fiktion machen nicht satt.

Und nach allem: Was ist Glück?

Föhn im Februar.

Das Ferngespräch führte Elvira M. Gross.

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erstellt am 24.6.2020

Michael Köhlmeier, 2017 (Foto: Amrei-Marie – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64508829)

Michael Köhlmeier, 2017
Foto: Amrei-Marie – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0 (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64508829)

Michael Köhlmeier, geboren 1949, wuchs in Hohenems/Vorarlberg auf, wo er auch heute lebt. Für sein Werk wurde der österreichische Bestsellerautor unter anderem mit dem Manes-Sperber-Preis, dem Anton-Wildgans-Preis und dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet. Seine Romane erscheinen im Hanser Verlag München.

Buchcover: Michael Köhlmeier, Die Märchen

Michael Köhlmeier
Die Märchen
illustriert von Nikolaus Heidelbach
Fester Einband, 816 Seiten
ISBN: 978-3-446-26374-1
Hanser Verlag, München 2019

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