Das Wettlesen, das während der Tage der deutschsprachigen Literatur zum Klagenfurter Bachmann-Preis – diesmal per Videokonferenz – führen soll, steht, wie so oft, in keinem guten Verhältnis zur Literatur selbst. So kommt der Jury eine wichtige und heikle Aufgabe zu. Marcel Inhoff, der den Prozess um Politik und Ästhetik nicht das erste Mal beobachtet, beschreibt ein Grundproblem der Veranstaltung.

Der Ingeborg Bachmann Wettbewerb 2020

Dialogverweigerung

Logo: 44. Tage der deutschsprachigen Literatur

Jedes Jahr aufs Neue versuchen die Tage der deutschsprachigen Literatur, in deren Rahmen der Bachmann-Preis vergeben wird, zu bemänteln, worum es eigentlich geht. Es wird in Jurydiskussionen und am Rand der Veranstaltung davon gesprochen, etwas zu „entdecken“ – am besten gleich ‚Die Neue Literaturhoffnung‘, wie es mehrere Juror*innen in der Textdiskussion rund um den Auftritt von Laura Freudenthaler in diesem Jahr wieder anklingen ließen. Jedes Jahr wird über die Bandbreite von Beiträgen und Autor*innen gesprochen, wie viele denn nun von dieser oder jener Kategorie dabei seien – und am Ende, so stellt sich heraus, ist es doch nur Bestandswahrung. In den letzten Jahren, vielleicht angesichts des zunehmend mürben Zustands des Buch- und Zeitungsmarkts, haben sich die Juror*innen auf eine zunehmend konservative Lese- und Auswahlpraxis verständigt. Hier und da wird ein Rädchen gedreht, um den Anschein einer Änderung zu machen. Zum Beispiel rotierte 2018 Nora Gomringer, Autorin und Sängerin, auf einen Jurorenstuhl – und eine sogenannte ‚klassische Literaturkritikerin‘ verließ dafür den Bewerb. „Die Jury wird jünger“, sagte die ORF Landesdirektorin, weil gleich zwei neue Jurorinnen, Gomringer und Insa Wilke, die früheren Jurorinnen Meike Feßmann und Sandra Kegel ersetzten. Nun ist Sandra Kegel diejenige, die 2016 Sharon Dodua Otoo eingeladen hat, und 2017 John Wray, zwei, im besten Sinne, Außenseiter im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Otoos Gewinn hinterließ Spuren, besonders ihr Geständnis, vor der Einladung haben sie gar nicht gewusst, was das Format genau sei, und was für ein Tross an kulturellem Kapital sehr schmalfäustig verhandelt wird am Wörthersee. So verriet im Folgejahr Klaus Kastberger, Kritiker und Germanistikprofessor aus Graz, seine Irritation, ohne Otoo beim Namen zu nennen. In einer Diskussion von John Wrays Text erklärte er, John Wray habe sich informiert, „[d]as ist nicht so wie im Vorjahr, dass jemand kommt und […] gar nicht weiß, dass da kluge Menschen sitzen.“ Eine verletzte Eitelkeit, und nicht ausgeschlossen, dass auch deshalb der Sieger in jenem Jahr, Ferdinand Schmalz, einer mit dem richtigen Stallgeruch war, und der Drittplatzierte, Eckhart Nickel, ein Mitglied der Generation Tempo.

In den letzten Jahren gab es immer wieder, vorsichtig gesagt: schwierige Texte, darunter einen Text von Stephan Lohse aus dem Jahr 2018, in dem eine Lehrerin ihren Schüler mit dem Satz beruhigt, “dass es nicht auf die Hautfarbe ankomme und Philip sehr wohl sein Wesen nach ein Schwarzer sein könne.” Der Grund, warum es solche Texte jedes Jahr gibt, und warum es weder der Jury noch den Autoren auffällt, sind die selbst auferlegten Grenzen, was Diversität und Dialog betrifft. Obwohl es einmal hieß, „das Klagenfurtformat sollte ein pluralistisches Format sein“ (Zitat Kastberger), wird diese „Pluralität“ sehr eng interpretiert.

Der Bewerb in diesem Jahr ist dafür ein Paradebeispiel: eingeladen, die alljährliche Rede zur Literatur zu halten, war ebenjene Sharon Dodua Otoo, die am Vorabend des Wettlesens eine Rede mit dem Titel „Dürfen Schwarze Blumen Malen“ hielt, in der es um Schwarze Literatur, um Fragen der Repräsentation und Solidarität ging, aber auch darum, wie man über diejenigen spricht, zu deren Gruppe man nicht gehört – gleich zu Anfang erklärte Otoo, sie sei, in der Erstellung der Rede, unsicher gewesen, wie mit den Begriffen „taub“ und „gehörlos“ umzugehen sei, wie sich Menschen selbst bezeichnen, die zu dieser Community gehören. Sie plädiert dafür, „Sprache als eine post-it-Note zu begreifen: als ständige Erinnerung daran, dass Diskriminierung existiert und dass unsere eigene Haltung dazu in der Wortwahl oder der Schreibweise deutlich werden kann“ und betont, „so zu handeln ist eine Wahl.“

Sharon Dodua Otoo bei der Rede zur Literatur 2020 (Foto: ZDF/SRF/ORF/3sat)

Sharon Dodua Otoo bei der ‚Rede zur Literatur‘ 2020: „Dürfen Schwarze Blumen Malen?“ (Foto: ZDF/SRF/ORF/3sat)
Die Rede zur Literatur als Text & Video:
bachmannpreis.orf.at/stories/3050322/ (mit Zeichnungen von Sharon Dodua Otoo)

In jedem Jahr fließt die Rede zur Literatur in Jurydiskussionen ein. So wurde Feridun Zaimoglus Rede 2018 zum Beispiel in der Diskussion von Martina Clavadetschers Text herangezogen, und Franzobels Rede aus dem Jahr 2017 in der Diskussion um einen Text von Urs Mannhart. Und im vergangenen Jahr verging „kaum eine Jury-Diskussion, in der nicht auf Clemens Setz' Eröffnungsrede verwiesen wird“, wie Sonja Harter in der Klagenfurter Kleinen Zeitung schreibt. Sharon Otoos Rede hingegen wird nicht nur von keinem Juror erwähnt, sondern findet am letzten Tag auch keine Erwähnung, weder als Kontextualisierung der Texte, noch in einer der Danksagungen. Nicht einmal, als der Autor der Rede des kommenden Jahres angekündigt wird, Juror Hubert Winkels, finden er oder der Moderator Christian Ankowitsch Worte für Otoos kluge Rede.

Für die Rede war keine Zeit – aber für die Erwähnung des N-Worts fand Julya Rabinowitsch, die den Bewerb im Garten in den Pausen mitkommentieren sollte, dann doch die nötige Zeit und Muße, direkt am ersten Tag. Und das veranschaulicht doch deutlich, was am Bachmannpreis nach wie vor im Argen liegt – live im Fernsehen und im Livestream kann man dem Literaturbetrieb zuschauen dabei, wie er sich selbst korrigiert, und der Gefahr ausweicht, doch zu sehr ein „pluralistisches Format“ zu werden. Die Lesungen waren entsprechend weitgehend konservativ angelegt, und zwar auch die besten Texte waren bemüht, das Boot „Kulturbetrieb“ nicht zu sehr zum Schaukeln zu bringen. Da waren zum Beispiel „typische“ Bachmanntexte, wie die Erzählungen von Carolina Schutti und Katja Schönherr, in denen die Befindlichkeiten weitgehend gut situierter Menschen untersucht werden. Im Fall von Schutti ist es die Sicht auf eine marginalisierte Person, mit dem Vokabular und Stil, der so typisch ist, dass er auch in allen ihren Romanen so auftaucht und auch dort bereits im überbetonten Klagenfurt-Tonfall geschrieben ist. Katja Schönherr brachte einen Text zum Bewerb, in dem ein Orang-Utan eine Demonstration in einem Zoo startet, über die sich die Menge aufregt, und deren Unterstützung Schönherrs Protagonistin dabei hilft, ihre Ehe zu beenden. Dabei führt sie am Ende in einem Orang-Utan Kostüm eben jene Demonstration fort. Wir erfahren nie, um welches Thema es geht, aber darum geht es in der Geschichte nicht – die Demonstration jener, die etwas zu sagen haben, ist für Schönherr eine black box, in der man gar nicht so genau auf den Inhalt schauen muss.

Gerade in der heutigen Zeit, in der Menschen auf der Straße das Recht auf ihr Leben und ihre Stimme einfordern, hätte der Jury das Problem hier auffallen können, man hätte, mit Otoo, fragen können, welche Wahl die Autorinnen getroffen haben in diesen Texten, und was diese Wahl für das Verhältnis von Schriftsteller*in und Bürger*in aussagt, zu dem Otoo den nigerianischen Autor Chinua Achebe zitiert: „Schriftsteller*innen sind nicht nur Schriftsteller*innen, sondern auch Bürger*innen.“ Auch andere Autor*innen trafen eine sehr spezifische Wahl, wie man dem Moment begegnet. Jörg Piringer und Levin Westermann brachten lyrische Texte zum Bewerb, in denen nicht nur der Ton lyrisch war, sondern auch die Form. Betonte Verse, Wiederholungen, Rhythmen, beide Autoren insistierten darauf, Lyrik einen Raum im virtuellen Klagenfurt einzuräumen. Besonders bei Westermann musste dafür allerdings der Inhalt hinter dem Sprachspiel zurücktreten. Die politischen Anmerkungen hier und da wurden zu einem Referenzspiel, nicht mehr und nicht weniger wichtig als die Liste von Autor*innen, mit denen Westermann seinen Text spickte, und zwar so, dass es zum Teil quer saß im Text.

Bei Piringer stand eine historische Nostalgie im Vordergrund. Wie die wesentlich jüngere Autorin Lisa Krusche konfrontierte er die Jury mit einem Technik- und Zukunftsbild, wie es auch, von einigen konkreten Details abgesehen, in den späten 1980er bzw. frühen 1990er Jahren hätte geschrieben werden können. Dieser Vortäuschung technischer Gegenwart, von der sich die Jury leicht einnehmen ließ, steht das Verschweigen von zentralen Themen unserer tatsächlichen Gegenwart entgegen. Bei Krusche sogar explizit so: In ihrem Text steht ein spätes Werk der Biologin und Theoretikerin Donna Haraway Pate, das Buch Staying With The Trouble, in der sich die Autorin von den Belangen der Gegenwart loslöst und ihnen eine Diskussion von Trans- und Interspeziesbelangen entgegensetzt – mit Begriffen aus dem Werk des rassistischen Autors H. P. Lovecraft; dabei wischt Haraway nicht nur die drängenden Begriffe der Gegenwart beiseite, sondern reproduziert auch noch Lovecrafts Rassismus, wie die Kritikerin Sophie Lewis in einem Aufsatz nachweist. So ist es auch bei Krusche, die mit einem nostalgischen Technikbegriff die Aktualität eines Textes behauptet, der sich in Wirklichkeit aus verschiedenen problematischen Quellen der Vergangenheit speist.

Was bedeutet es, Bürger*in und Schriftsteller*in zu sein? Diese Frage wird von Sharon Dodua Otoo gestellt, ein Ball, der der Jury und der Leseöffentlichkeit zugespielt wird, da aber nicht aufgenommen wird. Wenigstens wird das Thema bei Egon Christian Leitner und Lydia Haider implizit verarbeitet – Leitner und Haider präsentieren hochpolitische Texte, in denen das Literarische vom engagiert-politischen nicht zu trennen ist, Texte, die sich mit Problemen unserer Gegenwart auseinandersetzen. Leitner, dessen literarisches Hauptwerk der mehrbändige „Sozialstaatsroman“ ist, setzt sich mit den Verlierern unseres Systems auseinander, ohne sich selbst dabei zu erhöhen, in einer klaren und souveränen Sprache. Haiders Text, mit Vorbildern wie Werner Schwab und Elfriede Jelinek, schreit, spuckt und blutet, es geht dabei um, auch, rechtsextreme Gewalt. Beide lesen ihre Texte jeweils so, dass sie zentrale Stärken ihrer eigenen Texte überdecken. Leitners leiernder Monoton verbirgt den pointierten Humor und Sarkasmus, der seinen Texten eingeschrieben ist; und Haiders lauter, dramatischer Vortrag verbirgt, wie klug und gut der Text stilistisch verfasst ist; er ist es wert, mit Sorgfalt gelesen zu werden. In der Jurydiskussion wird zwar das politische Element der beiden Texte kritisch diskutiert, ohne aber zu fragen, wie sich diese Texte nicht nur zu Otoos Rede, sondern auch zu den anderen Texten verhalten. Ob nicht vielleicht ein Text wie der von Carolina Schutti, in dem ein psychisch kranker Mensch mit seinen Worten kämpft, einen ganz anderen Widerhall hat in einer Woche, in der zum Beispiel die Bremer Polizei einen Marokkaner tödlich verletzte, der eigentlich dem sozialpsychiatrischen Dienst vorgestellt werden sollte. Wie verhält sich denn Leitners wütende Empathie zu Laura Freudenthalers symbolischer Wut, in ihrer Geschichte, in der ein unter der Erde schwelender Brand „umgetopft“ wird und ein ganzes Dorf niederbrennt.

Wer darf sich denn wie zu unserer Gegenwart äußern? Es ist vielleicht nicht überraschend, dass die Autor*innen der drei Texte, die direkt und nicht selbstbezogen politisch Stellung nehmen zum Torfbrand in unserer Gegenwart ausgerechnet Leitner, Haider und Freudenthaler heißen, und dass Autorinnen wie Jasmin Ramadan und Meral Kureyshi mit Texten eingeladen wurden, die entweder leicht in der Form (Ramadan) sind oder sich auf das Persönliche zurückziehen (Kureyshi). Heißt man nämlich Hengameh Yaghoobifarah, zwar ohne Text bei den TDDL, aber mit einer Kolumne bei der taz, erhebt vielleicht der deutsche Innenminister Anklage, wenn man schwelende Wut satirisch umtopft.

Es ist, schließlich, symptomatisch, dass die zwei der besten Texte des Bewerbs, darunter der souveräne Siegertext, Helga Schuberts Erinnerungen an ihre Mutter, sich gar nicht erst besonders um die Gegenwart bemühen. Hanna Herbsts Erinnerungen an ihren Vater sind stilistisch teilweise etwas zu kunsthandwerklich hergestellte Miniaturen, die in der Summe aber ein bewegendes, gutes Portrait eines Vaters ergeben. Helga Schubert fand eine mindestens ebenso bewegende Sprache für ihr Portrait einer Mutter, deren Verhältnis zur Tochter oft von Kälte und Grausamkeit geprägt war, die dieser Mutter aber nicht mit derselben Kälte entgegnet, die Verständnis, Empathie und Wärme in den Text einschreibt, in dem auch ihr Eheleben in der Gegenwart Eingang findet. Die Behandlung älterer Menschen ist ein schwieriges Thema und wurde von Helga Schubert nicht nur in ihrer Erzählung thematisiert, sondern auch in ihrer Dankesrede. Sie sei, so führte die Schriftstellerin aus, froh, dass sie gerade in diesem Jahr eingeladen worden sei, wo sie virtuell habe teilnehmen können, da sie so weiterhin ihren Mann habe pflegen können. Wie sie sich glücklich schätzen kann, überhaupt in ihrer Situation sein zu können, ihren Mann umarmen, und ihr „Gesicht in seiner warmen Halsgrube vergraben“ zu können, ist auch der Dreh- und Angelpunkt ihrer Geschichte.

Einen Dialog darüber, worüber wir uns alle glücklich schätzen können, hätte man auch mit Otoos Rede zur Literatur führen können. Sie schreibt darin: „Ich begreife meine Arbeit als Teil eines solchen Austausches. Erst durch die Rezeption wird das, was ich schreibe, zu Literatur. Vorher ist es bestenfalls ein Monolog.“ – die Jury, Moderation und Autoren haben in diesem Jahr diesen Austausch verweigert, und sich gesträubt, zu überlegen, was es bedeutet, die eigene Position auch mit Dankbarkeit und Offenheit zu reflektieren. Das brächte auch das eigentliche Projekt der Tage der deutschsprachigen Literatur in Gefahr – wie kann man einen Bestand wahren, wenn man ihn vielleicht grundsätzlich hinterfragen sollte? Vielleicht sollte er ausgetauscht, erweitert, vergrößert werden? Es wird Zeit. Anhaltspunkte bietet Sharon Otoo in ihrer Rede, die mit einer Liste von Schwarzen Autor*innen endet. Sie brennt, anders als Freudenthalers Protagonistin, nichts nieder, aber sie erinnert uns daran, dass „die deutschsprachige Literaturlandschaft daran wachsen“ kann, wenn sie von anderen Stimmen lernt. Solange es aber das Selbstverständnis des Kulturbetriebs ist, dass es wichtig ist, anzuerkennen, „dass da kluge Menschen sitzen“, so lange kann sich auch nichts ändern.

So kann man von Jahr zu Jahr die Jury verjüngen, indem man ältere Jurorinnen durch jüngere Jurorinnen ersetzt, aber das Grundproblem ändert man so nicht. Dafür muss man andere Stimmen einladen. Und wenn man diese Stimmen einlädt, sollte man ihnen vielleicht auch zuhören.

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Kommentare


dr. ulrich dittmann - ( 24-06-2020 09:29:52 )
DAnke für die überzeugende Kommentierung.Es fehlt an Austausch, Rückfrage – lauter Kulturposaunen, MRR reproduzierend. Das war nicht nur der Isolation geschuldet, das hatte Prinzip

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erstellt am 23.6.2020

Ingeborg Bachmann Wettbewerb 2020, 17.-21. Juni 2020

Der Bachmannpreis geht in diesem Jahr an Helga Schubert.

Lisa Krusche bekommt den Deutschlandfunkpreis. Egon Christian Leitner nimmt den KELAG-Preis mit nach Hause. Der 3sat-Preis geht an Laura Freudenthaler. Das Publikum stimmte beim BKS-Bank-Preis für Lydia Haider.

Helga Schubert, diesjährige Bachmannpreisträgerin (Screenshot)
Preisträgerin Helga Schubert