Yvonne Georgi, die bei Mary Wigman und mit Harald Kreutzberg tanzte, war eine innovative Künstlerin, die es wagte, Ballett und elektronische Musik zusammenzudenken. Als Choreographin, Ballettmeisterin und Tanzpädagogin gelang ihr zwischen 1954 und 1973 am Theater Hannover eine einzigartige Synthese zwischen avantgardistischen und klassischen tänzerischen Ausdrucksformen. Walter H. Krämer stellt ein Buch mit Tagebuchaufzeichnungen und Dokumenten vor.

Yvonne Georgis Tagebuch und Dokumente

Stilikone des modernen Ausdruckstanzes

Yvonne Georgi und Harald Kreutzberg (Screenshot)
Yvonne Georgi und Harald Kreutzberg

Mary Wigman, Gret Palucca und Yvonne Georgi – drei Ikonen des modernen Ausdruckstanzens in Deutschland. Von ersteren hatte ich schon gehört, auf Yvonne Georgi bin ich erst jetzt durch das Buch „Yvonne Georgi. Tagebuch und Dokumente zu Tanztourneen mit Harald Kreutzberg (1929-1931). Eine andere Recherche zu den Potenzialen einer kritischen Nachlassforschung“ aus dem Wienand Verlag Köln aufmerksam geworden.

Das Buch enthält neben Tagebuchaufzeichnungen der Tänzerin kritische Beiträge u. a. zu den Themen „Mit biographischen Quellen arbeiten“ und „Biographisches zwischen Autofiktion und historischer Narration“. Außerdem ein Interview von Horst Koegler mit der Künstlerin unter der Überschrift „Verräterin des modernen Tanzes“ und – dies ein weiterer Pluspunkt für das aufwendig gestaltete Buch – zahlreiche Abbildungen, die einen Eindruck von der Persönlichkeit Yvonne Georgis und ihrer Art zu tanzen vermitteln.

Erstmals veröffentlichte Tagebuchaufzeichnungen, Memoiren und Dokumente aus dem Deutschen Tanzarchiv Köln vermitteln einen umfassenden Einblick in das Leben und Wirken der Künstlerin und sind eine Bereicherung für die Tanzgeschichtsschreibung.

Yvonne Georgi wird am 23. Oktober 1903 in Leipzig geboren. Ihr komödiantisches Tanztalent, ihrer Leichtigkeit und ihre außergewöhnliche Sprungkraft machen sie weit über die Grenzen Deutschlands hinaus berühmt. Und sie begeistert mit ihrer Kunst ein großes internationales Publikum sowohl für den Ausdruckstanz in den 1920er, als auch als Choreographin in den 1950er und 1960er Jahren.

Tänzerin zu werden war nicht geplant. Sie selbst beschreibt dies so: Ich wurde Tänzerin, “weil ich als Bibliothekarin in der Deutschen Bücherei mich jammervoll mopste und zweitens – weil ich als Mitglied des Radfahrvereins ‚Tretgut' mit sechzehn Jahren eines Tages im wunderschönen Monat Mai nachmittags 5.11 Uhr durch die Ferdinand-Rhode-Straße radelte. Die Anwesenheit meiner Jugendliebe […] veranlaßte mich, bei Herrn Professor Gebhardt Besuch zu machen. Der suchte verzweifelt nach einer Tänzerin […] und meinte, mit meinem sächsisch-arabischen Blut müßte ich hierzu geeignet sein.”

Als sie einen Tanzabend von Mary Wigman erlebt, ist ihr Entschluss gereift, Tänzerin zu werden. Sie weiß, dass ihr Leben dem Tanz gehört und wechselt gleich zu Beginn des Jahres 1921 nach Dresden an die Schule von Mary Wigman. Die zweifelt nicht eine Sekunde an Georgis Talent, ernennt sie nach wenigen Monaten zu ihrer Meisterschülerin und nimmt sie als festes Mitglied in ihre Tanzgruppe auf.

In den 1920er Jahren überzeugt Yvonne Emilie Hortense Felixine Georgi (so ihr vollständiger Name) als Stilikone des modernen Ausdruckstanzes und avanciert mit Harald Kreutzberg zu einem der weltweit erfolgreichsten Tanzpaare. Das Publikum ist fasziniert von ihrer hervorragenden Tanztechnik, ihrem Witz, ihrer Ironie und ihrer Originalität, ihren Kostümen und Bühnenbildern, aber auch von ihrem Spiel mit den Geschlechterrollen.

Das Publikum der Zwanzigerjahre hatte sich mehr und mehr vom klassischen Ballett mit seinen erstarrten Gestenrepertoire abgewandt und bejubelte die moderne Ausdrucksform. Begeistert meldeten die Leipziger Neueste Nachrichten am 22. März 1924: “Ihr gestriger Tanzabend war eine Oase in der Wüste endloser Veranstaltungen dieses Winters. (…) Ihre straffen, federnden Rhythmen haben jetzt eine stählerne Kraft, die phänomenal wirkt. Hier endlich sah man Tanzdämonie, Ekstase, wildes Sichselbstverschleudern in Schmerz und Jubel von einer absoluten, völlig ausgereiften und dabei ganz aus dem persönlichen Stil der Tänzerin geflossenen Technik getragen.”

Schon während ihres ersten Engagements in Hannover erschafft sie mit den Tänzern eine Synthese aus klassischem Ballett und modernem Tanz und richtet im Oktober 1926 in Hannover eine eigene Tanzschule ein. In dieser Schule bietet sie neben Laien vor allem professionellen Tänzer*innen eine umfassende Ausbildung. Ziel dabei ist es, sowohl den klassischen als auch den modernen Tanztechniken gerecht zu werden.

Aus dem Buch „Yvonne Georgi“, Seiten 138-139

1954 kehrt Yvonne Georgi aus den Niederlanden nach Hannover zurück und beginnt unter einzigartig guten Bedingungen mit dem Aufbau einer Ballettkompanie. Systematisch baut sie nun eine Tanztruppe auf, die sowohl die klassisch-akademischen als auch moderne Techniken beherrscht und beide Systeme überzeugend miteinander kombinieren kann. Mit diesem Ensemble kann sie nicht nur Werke des neunzehnten Jahrhunderts aufführen, sondern auch den modernen Tanz der 1920er Jahre aufgreifen und erneuern. Zu den wichtigsten Choreographien dieser Jahre gehört „Glück, Tod und Traum“, das 1954 in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Gottfried von Einem entsteht und sich mit der Frage beschäftigt: „Was ist ein Mensch?“

1960 bringt Georgi dann das viele Jahre in Hannover gespielte Stück „Die Frau aus Andros“ heraus. Die gleichnamige Novelle von Thornton Wilder dient der Choreographin als Grundlage für die Handlung. In acht Soli lässt sie die innere Handlung der Hauptperson tanzen und findet auch mit diesem dritten elektronischen Ballett allergrößte Zustimmung bei Publikum und Kritik.

Revolutionär waren ihre Choreographien zu elektronischer Musik des Holländers Henk Badings, die 1957 uraufgeführt und überraschend positiv von Publikum und Presse aufgenommen wurden. Als das Elektronische Ballett 1957 in Hannover uraufgeführt wird, ist in Deutschland elektronische Musik nahezu unbekannt. Ein Ballett nach dieser Musik auf die Bühne zu bringen, ist überaus mutig. Das Publikum ist von diesem Stück, in dem der Konflikt zwischen den gegensätzlichen Prinzipien des klassischen und des modernen Tanzes gezeigt und überwunden wird, begeistert und bekommt ein Jahr später die eher traditionelle Suite „Evolutionen“ (erneut zu einer elektronischen Komposition von Henk Badings) präsentiert.

Am 25. Januar 1975 stirbt Yvonne Georgi in Hannover und wird in einem Ehrengrab auf dem Stadtfriedhof Engesohde beigesetzt.

Das besprochene Buch erinnert an diese herausragende Tänzerin, Choreographin und Ballettdirektorin (siehe hierzu auch Informationen auf der Webseite Deutsches Tanzarchiv Köln, das auch als Quelle für diesen Beitrag diente), holt sie ins Bewusstsein einer interessierten Öffentlichkeit zurück und feiert ihr Andenken und ihre Leistungen auf kritische und reflektierende Art und Weise.

Aus dem Buch „Yvonne Georgi“, Seiten 78-79

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erstellt am 23.6.2020

Yvonne Hardt und Frank Manuel Peter (Hg.)
Yvonne Georgi
Tagebuch und Dokumente zu Tanztourneen mit Harald Kreutzberg (1929–1931). Eine andere Recherche zu den Potenzialen einer kritischen Nachlassforschung.
Paperback, 200 S., zahlreiche Abb.
ISBN: 978-3-86832-542-3
Wienand Verlag, Köln 2019

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