Reden, Reisen und Bereistwerden: Deborah Wockelmann seziert die Verquickung von Tourismus, Neokolonialismus und Sprache an der Küste Ostafrikas. Sprachforscherinnen haben anhand von Fallbeispielen und anderen Untersuchungen die Kommunikationsfallen im touristischen Bereich erforscht. Bruno Laberthier hat die Studie mit Gewinn gelesen.

»The Mouth«

Auf der HMS Sansibar

The Mouth nennt sich eine Online- und Printpublikationsreihe, die hier schon einmal vorgestellt wurde. Gegründet haben sie zwar Linguist*innen, doch zur Sprache gelangt ist in der seit 2017 auf sechs Ausgaben und drei Special Issues angewachsenen Reihe nicht nur Afrikasprachliches: Anne Storch, Angelika Mietzner, Nico Nassenstein und andere denken über die Grenzen ihres Fachs hinaus, das Sprachen dokumentiert, inventarisiert und in grammatischen Beschreibungen einfriert. Sie warten auf mit Bestandsaufnahmen von Artikulationen und den sie Artikulierenden zu den gesellschaftlichen Bedingungen und Realitäten, die sich an lokalen Orten zu den global längst gültigen Bedingungen zeigen.

Zu diesen Realitäten zählen Menschen aus den Wohlstandsspeckgürteln der Welt, die aus Alltags-Flucht-Gründen periodisch verreisen. Vor Ort am Urlaubsort treffen sie auf gänzlich eigene, ihnen zumeist fremde Zungenschläge und wirken unbewusst mit an der Entstehung neuer Jargons. The Mouth knöpfte sich zunächst den in Sprachen sedimentierten Tourismus auf Mallorca vor.

Die Balearen hat die Zeitschrift inzwischen verlassen, Ende 2018 war Sansibar dran, das Inselgebilde vor der Küste Tansanias im Indischen Ozean. Hier haben ihre Macher*innen und Beitragenden teilnehmend sprach-beobachtet und an Methoden gefeilt. So hat Susanne Mohr einen für empirisch ausgerichtete Spezialist*innen spannenden Transfer aus der empirischen Psychologie für die Spracherforschung fruchtbar gemacht, die „Q methodology“. Es entstanden Konzeptbegriffe wie Hakuna Matata Swahili (kurz: HMS). Und als Sonderausgabe erschienen ist soeben eine kleine Studie, in der dargestellt wird, wie Reden und Reisen zusammenhängen, wenn nordglobalhälftige Tourist*innen auf die sie vor Ort Empfangenden treffen und beide miteinander kommunizieren.

Sprache und Sansibar

Deborah Wockelmann (Screenshot)
Deborah Wockelmann

Language and Tourism in Zanzibar von Deborah Wockelmann nimmt sich der Schimären und eigentümlichen Begegnungen an, die derzeit auf Sansibar ihren verbalsprachlichen Ausdruck finden und voller Ablagerungen aus nur scheinbar überkommenen Zeiten und Denkweisen zu sein scheinen. Wie das im Einzelnen funktioniert, zeigt sich beispielhaft an der Feelgood-Varietät HMS als kalkuliert reduzierte Form des Swahili, die von Bediensteten in den Hotelbetrieben und den beach boys bemüht wird, die ihre Waren und Dienstleistungen feilbieten. Mit HMS nehmen die Tourismusarbeiter*innen ihre an- und bald wieder abreisenden Gäste mehr auf den Arm als an die Hand. Statt sie über erste Wörter ernsthaft einzuführen in die große Sprache Ostafrikas, verfüttern sie mundgerechte Versatzstücke, eine Art Swahili Baby Talk: ‚hakuna matata‘ statt ‚hakuna matatizo‘ für ‚there are no worries‘.

Funktionieren kann das Ganze nur, wenn Herr und Frau Touristin sich einlassen auf den Anschein von Authentizität einer Kultur und Sprache. Und genau das tun sie, so Wockelmann, bereitwillig und automatisch, ausgestattet wie sie sind mit seit Kolonialzeiten tief eingekerbten und vom Schimärentheater der Tourismusindustrie zur Wiedervorstellung gebrachten Vorstellungen von einem stereotypen Anderen, das sich in ihren Köpfen festsetzt oder neu – nunmehr neokolonial – festgesetzt wird. Von diesem Anderen mag man sich nichts sagen lassen, man spricht schließlich ‚deutsh‘ und kann ein bisschen Englisch und erwartet das für sein Reisegeld auch von den Sansibar*innen. Das eine oder andere Sprachsouvenir nimmt man aber schon gerne mit, und ‚hakuna matata‘ lässt sich gerade so noch merken. Dass es sich in ostafrikanischen Ohren ähnlich plump anhört wie ‚ich Robinson, du Freitag‘, sei denen, die es den Tourist*innen andrehen, als gelungene List gegönnt.

Mehr als Anekdoten

Nicht nur die Analyse dieses Zusammenhangs ist das Eintrittsgeld in die kleine Studie wert (das man sich im Übrigen sparen kann, wenn man die Open Access-Version wählt). Sie holt auch sonst alle ab, die keine afrikanistisch oder soziolinguistisch ausgewiesenen Expert*innen sind, wenn in ihr sieben Gespräche wiedergegeben werden, die tatsächlich stattgefunden haben. Ausgehend von Begegnungen mit einem rumänischem Touristenpaar, einem tansanischen Urlauber aus dem benachbarten Touristenresort, einem britischen Sugar Daddy und anderen Tourist*innen, beschreibt Deborah Wockelmann die Verzerrungen des Reisens nach (und des Bereistwerdens von) Sansibar. Diese Vignetten – die Autorin spricht von ‚Anekdoten‘ – führen schnell, kritisch und umstandslos in eine Betrachtung, die auch ein breiteres Publikum ansprechen dürfte.

Lesezeit: zwei Stunden. Mitzubringen sind: Die Bereitschaft, sich sprachwissenschaftlich anzuschwitzen (keine Hochleistungslinguistik), und geländegängiges Englisch.

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erstellt am 17.6.2020
aktualisiert am 19.6.2020

„Language and Tourism in Zanzibar“ von Deborah Wockelmann,
in: The Mouth, Sonderausgabe 3, März 2020

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themouthjournal.com