Jörg Schröder war eine historische Figur im deutschen Verlagsgeschäft. Er war ein großer Erzähler, ein Überzeuger auch, der das Grelle und Knallige nicht scheute, um linke Politik und Pornografie in einer plausiblen Lebensform zu zeigen. Harry Oberländer hat dem kürzlich Gestorbenen einen Nachruf geschrieben, Volker Breidecker hat diesem einen anderen Aspekt hinzugefügt.

Erinnerung an Jörg Schröder

Nachruf auf Jörg Schröder

Zum Tod des März-Verlegers

Von Harry Oberländer

Jörg Schröder, den ich erst in den 90er Jahren persönlich kennenlernte, war nicht allein ein großer Verleger, der mit Bereitschaft zum Abenteuer zur Sache ging, er war vor allem auch ein grandioser Erzähler. Er erzählte aus seinem Leben sarkastisch, humorvoll und angriffslustig; aber auch so plausibel, dass man ihm glauben musste, auch wenn die Opfer seiner polemischen Darstellungen, die er mit sardonischem Genuss vorführte, dies auf heftigste bestreiten, naturgemäß. Da es aber nicht seine Sache war, seine Geschichten niederzuschreiben, brauchte er dafür einen Menschen, dem er vertrauen und mit dem er den Text erarbeiten konnte. Für seine frühe Autobiographie Schröder erzählt: Siegfried war das der Schriftsteller Ernst Herhaus, danach war es seine Lebensgefährtin Barbara Kalender, mit der er Schröder erzählt als desktop edition in Fortsetzungen im Selbstverlag herausbrachte. Dort erzählte er – überwiegend zur Freude seiner Abonnenten – Klartexte mit Klarnamen. Der Gefahr, wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten vor den Kadi gezerrt zu werden, entging er durch eine vorbeugende Unterlassungserklärung. Das Werk, das er nicht weiter zu verbreiten vorbeugend gelobte, war immer schon bei den Lesern. Wenn der Kläger Hase startete, hatte der beklagte Igel Schröder schon erklärt: „Ick bün all hier!“

Geboren 1938 in Berlin, lernte der kleine Jörg schon in der Grundschule, dass man nicht „Guten Morgen“ sagt, wenn man den Klassenraum betritt, sondern „Heil Hitler“. Bei seinem „Onkel Siegfried“, schwarzer Hut, schwarzer Mantel, weißer Seidenschal, lernte er nach dem Krieg, was ein Künstler ist, bis sein Vater Kurt, der als Beamter im Innenministerium arbeitete und in seiner Freizeit den Brockhaus abschrieb, ihn nach Bonn holte und auf die Oberschule steckte. Mit Siebzehn wollte er Journalist werden und fand sich vor der Buchhandlung Schrobsdorff auf der Königsallee in Düsseldorf wieder. Um näher an ein Mädchen hinter dem Schaufenster zu kommen, disponiert er um und beschloss Buchhändler zu werden. Schrobsdorff war so ziemlich das Feinste, was der rheinische Kapitalismus an Buchhandlung zu bieten hatte. Schröder wurde als Lehrling akzeptiert, und so begann eine der spektakulärsten Karrieren im deutschen Buchhandel des 20. Jahrhunderts, zweite Hälfte, versteht sich. In seiner Freizeit trieb sich der angehende Buchhändler im Café Mobbi unter Teppichhändlern, Zuhältern, Nutten und Freiern herum. Er schrieb Gedichte von Brecht und Benn herunter, um als Schriftsteller zu gelten. Die Buchhändlerprüfung bestand er mit ausreichend. Die Note war unwichtig, entscheidend war der Name Schrobsdorff.

Schröders Karriere im Deutschen Buchhandel führte über Kiepenheuer & Witsch und weitere Stationen zum Melzer Verlag. Joseph Melzer hatte den Verlag 1958 in Köln gegründet, um jüdische und von den Nazis unterdrückte Literatur wieder zugänglich zu machen. Als Jörg Schröder in den sechziger Jahren in Darmstadt als Teilhaber in den Verlag eintrat, war Melzer vom Konkurs bedroht. Das Programm Melzers war ehrenwert, aber kaum verkäuflich. Als er am Ende auf einer Börne-Edition sitzen blieb, sah Schröder die Rettung in dem Roman Geschichte der O., einem Roman der 1954 unter dem weiblichen Pseudonym Pauline Réage in Frankreich erschienen war. Kein geringerer als Albert Camus erklärte, der Roman sei nie und nimmer von einer Frau verfasst worden, während Susan Sonntag ihn in ihrem Essay Pornographic Imagination (1967) als Beispiel für die Legitimität „literarischer Pornographie“ anführt. Tatsächlich war eine Frau die Autorin, die Lektorin Anne Desclos. Jörg Schröders vielzitiertes Fazit lautete: „Die Geschichte der O. hat den Weg für Pornographie in Deutschland freigeschlagen, nicht die Olympia Press.“

Die Geschichte der O. spülte Geld in die Kassen des Melzers Verlags, dennoch hielten Schröder und die übrigen Melzer-Mitarbeiter im Verlauf eines Konflikts die fristlose Kündigung in der Hand. Folgt man der Darstellung Schröders in Siegfried, gelang es ihm, die Mitarbeiter in die Kellerräume des Verlags zu lotsen. Statt sich, wie Melzer vorschlug, bei ihm zu entschuldigen und Besserung zu geloben, ließ Schröder sie die Kündigungen akzeptieren und gab die Parole aus: „Wir gründen heute einen Verlag, die Olympia Press und noch einen zweiten, dessen Namen ich noch nicht weiß.“ Das war Jörg Schröders großer Coup Ende März 1969. KD Wolff auf dem Weg zu Melzer, um dort Lektor zu werden, schloss sich begeistert an und auch Rolf Dieter Brinkmann und Ralf Rainer Rygulla, Herausgeber der Anthologie ACID, kamen dazu. Ebenso Uve Schmidt, dem der Name „März Verlag“ einfiel, eben weil es gerade März war, der traditionelle deutsche Revolutionsmonat.

Im MÄRZ Verlag erschienen: Eine kleine Auswahl. Foto: Harry Oberländer

Es gibt eine wunderbare filmische Dokumentation zur weiteren Verlagsgeschichte: Die März Akte, produziert vom Bayerischen Rundfunk im Jahr 1985, für den Regisseur Peter Gehrig ein Jahr später den Grimme-Preis erhielt. Schröder wohnte damals in der Rhön mit Mutter und seiner Lebensgefährtin bis zum Grabe, Barbara Kalender. Die abgedrehte Story, die Schröder sich für sein Filmporträt ausgedacht hatte, war eine Betriebsprüfung. In der Rolle des Betriebsprüfers sehen wir den unvergessenen Horst Tomayer, der sich am Ende der Prüfung als Lyriker outet, der sein Werk gerne dem frisch von ihm geprüften Verleger andrehen möchte. Es ist ein schräger (alternativer) Heimatfilm geworden, in dem Schröder stets im Kostüm eines verwegenen Jägers vom Silberwald auftritt, es sei denn, er bricht zur Buchmesse nach Frankfurt auf, dann gibt er gelassen den weltmännischen Mafioso.

Die weitere Geschichte des Verlages, die Geschichte von Schröders Konkursen und Herzinfarkten findet sich detailliert aufgezeichnet in den von 1990 bis 2018 erschienenen 68 Folgen von Schröder erzählt. Ein Jahrhundertwerk, das für ein großes Publikum noch zu entdecken ist und hoffentlich einen Verleger findet, mit oder ohne vorbeugende Unterlassungserklärung. Denn ohne Schröders Erzählungen ist die Geschichte des deutschen Buchhandels nach 1945 nicht darzustellen.

Barbara Kalender schrieb in ihrem taz-Blog:

„Am 24. Oktober 1938 fuhr Edith Schröder mit dem Taxi von Niederschönhausen in die neue moderne Geburtsklinik des Weddinger Virchow-Klinikums, wo Jörg noch am selben Tag geboren wurde. Fast 82 Jahre später brachte ich ihn, ebenfalls mit dem Taxi, von Wilmersdorf ins selbe Krankernhaus, wo er am 13. Juni 2020 um 2 Uhr morgens gestorben ist.“

Salut Schröder, auch wenn Du nicht immer dabei warst: Ich habe viel mit Dir gelacht.

Eine ergänzende Marginalie

Unter dem Pflaster lag der Samt

Von Volker Breidecker

Es war im August des Jahres 1969, als der amerikanische Liedermacher Country Joe McDonald, dem zwischen Silicon und San Fernando Valley gelegenen linksidyllischen Biotop des University of California-Campus in Berkeley entsprungen, das noch allzu lau erregte, weil vorwiegend verregnete Publikum des berühmten Woodstock Festivals dazu ermutigte, ein einschlägiges „Four-letter-word“ kraftvoll durchzubuchstabieren:„Gim-me-an-F! Gim-me-U… !“ etcetera pp. Da verhandelte in der fernen badischen Beamtenmetropole Karlsruhe der zuständige Bundesgerichtshof gerade über Pornographie, um im sogenannten „Fanny-Hill-Urteil“ den archaischen, noch aus dem deutschen Kaiserreich stammenden Unzuchtparagraphen auszuhebeln. Das davon ausgelöste juristische Vakuum, das erst vier Jahre später durch die schlussendliche Legalisierung von Pornografie geschlossen wurde, bot wagemutigen Entrepreneuren und alternativen Start-up-Unternehmen freien Zugang zu einem vorläufig – bis zur Entstehung einer dann ebenso mondial wie multigenital operierenden Porno-Industrie – noch offenen, innovativen Markt: Ein einmaliges Zusammentreffen gleich mehrerer Erregungspotentiale bereitete den fruchtbaren Boden für die lukrative Fusion von Pop und Protest, Sex und Pol (nach gusto auch mit Pot, nur vorläufig ohne Pol Pot).

Der 1938 geborene Verleger Jörg Schröder war dafür der Mann der Stunde. Die Illustrierte „Stern“, die die ihm 1971 eine ganze Titelgeschichte widmete, kürte ihn sogleich zu Deutschlands „Pornokönig“: Immerhin war der Vorjahresumsatz seiner drei Verlage März, Melzer und Olympia Press von 11 Millionen DM zu vier Fünfteln allein aus dem Verkauf von Büchern über Sex erwirtschaftet worden. Pornographie aber war Schröder im kreativen Cross-over kommerzieller, politischer, erotischer und ästhetischer Motive zugleich Vehikel für linke Politik, für die Exploration gewöhnlicher sexueller Lüste und deren entsublimierter Steigerung zum authentisch-generativen politischen Akt.

Jörg Schröders in knalliges Gelb broschierte März-Bücher genießen längst bibliophilen Kultstatus. Minder bekannt sind jedoch die von dem Verleger in den Jahren 1971 und 1972 produzierten Hardcore-Pornofilme, die nachhaltigen Milieustatus beanspruchen konnten: Bereits die Titel boten knallige linke Folklore, wenn sie wie „Colt und Köcher“ mit drastischer Symbolik und wie „Die Chefin oder Der unaufhaltsame Aufstieg des Fensterputzers Salvatore G“ mit der Verschmelzung gleich mehrerer Mythologeme – Italo-Western, Mafia Siciliana & Augsburgisch Berliner Brechtbühne – spielten, oder wie in „Die Amazonen. Für Valerie Solanas und die S.C.U.M.“ sexuelle Rollenbilder mit lüsterner Ironie hintertrieben: „S.C.U.M.“, das stand halbwegs jugendfrei noch immer für die berüchtigte „Society for Cutting Up Men“ (= Gesellschaft zur Vernichtung der Männer), gegründet und angeführt von Valery Solanas, jener amerikanischen Radikalfeministin, die 1968 beinahe tödliche Schüsse auf Andy Warhol abgab und deren legendäres Manifest Schröder damals verlegte.

Daneben aber boten Schröders Filme unverblümten Sex in der für Pornofilme üblichen Dramaturgie – bei gleichzeitiger Durchbrechung ihrer Konventionen allerdings, wie das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ damals anmerkte, mit durchaus etwas „mehr Frohsinn“ als gemeinhin üblich. Die linksalternativen Milieus, an die Schröders Filme und die Bücher adressiert waren, entsublimierten sich in deren Rezeption allerdings eher dominanteren protestantischen Veranlagungen und Antrieben, oder wie die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Elizabeth Heinemann – Verfasserin einer Studie zum deutschen „Wirtschaftswunder im Schlafzimmer“ – über Schröders Unternehmen urteilte: „Für Liberale alter Schule war die Kunst die heilige Kuh, die auch sexuell explizite Bilder rechtfertigte. Für die Neue Linke übernahm die Politik diese Rolle.“

Und so dauerte es nach all dem SexPol, Pot & Pol Pot und beim Übergang zum anhaltenden Stellungskrieg in einem besondes erregten Zentrum der Bewegung nur noch ein paar Jährchen, bis im müden Spätsommer 1978 im Frankfurter Spontiblatt „Pflasterstrand“ als Ausweis für die längst nicht mehr leise Sehnsucht nach dem Juste milieu erstmals eine Kontaktanzeige zu lesen war, die da lautete: „Depressiver, sensibler, fast total geschaffter Typ, sucht zum Aufbau einer längerfristigen, fruchtbaren Zweierbeziehung verständnisvolles weibliches Wesen.“

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erstellt am 16.6.2020
aktualisiert am 16.6.2020

Jörg Schröder (1938 – 2020)

Jörg Schröder (1938 – 2020)
Foto (Ausschnitt): Harald Krichel – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0 (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73542870)

 
 
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