Dass die Form den Inhalt prägt, ist eine vertraute Erfahrung. Dass aber der Inhalt wir selbst sein könnten und die Form die Häuser, die wir bewohnen, ist aus dem Blick geraten. Matthias Schulze-Böing erinnert an die Frankfurter Stadtplanung Ernst Mays, das Bauhaus und das Menschenbild, das sich mit der Sozialreform dieser Architekten verband.

Ketzerische Gedanken zum »Neuen Frankfurt«

Zwischen Fortschritt und Hybris

Das Jahr 2019 war Bauhaus-Jahr. Die Feuilletons ergingen sich in hymnischen, kritischen oder nüchternen Würdigungen dieser ikonischen Bewegung der Architekturmoderne. Es gab eine Vielzahl von Ausstellungen, der Buchmarkt wurde mit Literatur zum Bauhaus geflutet. Das brachte Erkenntnisse zur Einordnung dieser Bewegung und neue Einblicke, zum Beispiel den Hinweis, dass auch die Akteure des Bauhauses bei aller Modernität einem eher traditionellen Verständnis der Rollen von Frauen und Männer verhaftet waren. Die Männer kümmerte sich ums Bauen, den Frauen blieb das textile Gestalten für das traute, wenn auch moderne Heim. Auch war es wohl so, dass die Bauhausarchitekten zwar Sinn für klare Formen und architektonische Visionen hatten, aber bei fachlichen Details eher pfuschten. Bei vielen Häusern der Bauhaus-Meister fanden sich Konstruktionsmängel, die den Gebrauchswert der Bauten teilweise empfindlich einschränkten.

Das Bauhaus-Jahr brachte aber auch das „Neue Frankfurt“ auf die Bühne, ebenfalls eine Bewegung der Architektur- und Urbanistik-Moderne, die in den zwanziger Jahren große Resonanz hatte, heute aber etwas im Schatten der Bauhaus-Bewegung steht und oft – irrtümlich – sogar als Teil davon angesehen wird. Das „Neue Frankfurt“ ist vor allem mit dem Namen des Stadtplaners und Architekten Ernst May verbunden. Es war eine durchaus eigenständige Richtung des Bauens, die sich in vieler Hinsicht vom Ansatz des Bauhauses absetzte. Anders als das Bauhaus, das sich auf Fragen der Gestaltung des Hauses, von Einrichtungen und Gebrauchsgegenständen als ästhetischen Objekten konzentrierte, war das Neue Frankfurt von Anfang an als ganzheitliche Strategie des Städtebaus und darüber hinaus der sozialpolitischen Reform im weitesten Sinne angelegt.

Ernst May, als Kopf der Frankfurter Stadtplanung in den zwanziger Jahren auch mit operativer Macht ausgestattet, entwarf große Stadtteile und Siedlungen und realisierte – aus heutiger Sicht bemerkenswert, wo Stadtentwicklung in den meisten Fällen nur zäh und als Projekt für Jahrzehnte stattfindet – diese Pläne zu großen Teilen innerhalb weniger Jahre. Eine Vielzahl Frankfurter Stadtteile, etwa die Römerstadt, Hausen oder Riederwald, sind in dieser Zeit entstanden und zeigen, wozu entschlossene Stadtentwicklungspolitik fähig sein kann. Ziel des Neuen Frankfurt war, schnell in großem Umfang erschwinglichen Wohnraum zu schaffen. Dafür wurden Häuser seriell entworfen und gebaut. Man wollte in jeder Hinsicht modern sein. Man übertrug Konzepte der industriellen Fertigung auf das Bauen, versuchte Häuser aus massenhaft vorgefertigten Teilen zu montieren. Nicht mehr das Handwerk, sondern industrielle Methoden sollten das Bauen bestimmen. Auch im Inneren der Häuser wurden Prinzipien der industriellen Produktionsweise angewandt. Die berühmte „Frankfurter Küche“ der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, das Urmodell der modernen Einbauküche, nutzte Erkenntnisse der industriellen Arbeitsorganisation des Taylorismus, um die Arbeit dort effizient und kräftesparend zu machen.

„Das Neue Frankfurt. Monatsschrift für die Fragen der Großstadt-Gestaltung“, 1926-1927. Foto: Universitätsbibliothek Heidelberg
„Das Neue Frankfurt“, Hg. Ernst May

Doch es ging um mehr. Der städtische Lebensraum und das Wohnen sollten neu erfunden werden. Mehr noch, neues Bauen und Wohnen wurden von den Akteuren des Neuen Frankfurt als Impuls und Schlüssel zu einer fundamentalen Gesellschaftsreform gesehen, die weit über das Bauliche und Gestalterische hinausgeht. Bauen wurde als Gesellschaftspolitik mit weit gespannten Ansprüchen gedacht.

Das Deutsche Architekturmuseum hat dem Neuen Frankfurt 2019, gleichsam als Gegenakzent zu den Feierlichkeiten rund ums Bauhaus in Weimar und Dessau, eine große Ausstellung gewidmet. Dort fand sich zur Überraschung vieler Besucher auch eine große, eigens aus dem Nietzsche-Haus in Weimar herbeigeschaffte Büste von Friedrich Nietzsche. Daneben eine aufgeschlagene Erstausgabe von „Also sprach Zarathustra“. Nietzsche schreibt dort bekanntlich auch über den „neuen Menschen“, gar den „Übermenschen“, der die Enge der abendländischen Zivilisation überwindet und auf den Trümmern eines gescheiterten Lebensmodells zu neuen Dimensionen des Menschseins aufbricht.

Es war, wie berichtet wird, dieses Buch von Nietzsche, nicht etwa Marx oder sozialistische Literatur, das sich in den Handbibliotheken fast aller Vertreter der Architekturmoderne fand. Die Handausgabe aus dem Besitz Le Corbusiers wurde ebenfalls ausgestellt. Sie zeigte mit einer Vielzahl von Anstreichungen und Marginalien, dass der Meister sich offenkundig sehr intensiv mit der Lehre Nietzsches beschäftigt hatte.

Diese Verbindung von Nietzsche und dem neuen Bauen scheint mir instruktiv zu sein, wirft sie doch ein besonderes Licht auf die Anstrengungen, den Menschen nicht nur günstige und praktische Möglichkeiten zu bieten, den existentiellen Lebensbezug des Wohnens in menschenwürdiger und gesunder Form zu realisieren, sondern den Menschen selbst durch das Wohnen zu ändern und zu neuen Ufern der gesellschaftlichen Existenz zu führen.

Die eindrucksvolle Liebe zum Detail, die man bei den Entwürfen des Neuen Frankfurt erkennt, gewinnt in dieser Perspektive neue Bedeutung. Man hatte sich in den Planungsabteilungen von Ernst May nicht nur mit dem Entwerfen von Häusern und der Planung von Stadtteilen beschäftigt. Auch das Innere der Häuser wurde akribisch gestaltet. Es gab eine Bibliothek von Musterentwürfen für Ausstattungsteile, Türen, Türklinken, Wasserhähne, Geländer, Stühle, Betten, Regale, Tische, die anspruchsvoll, aber einfach gestaltet waren, ebenfalls für serielle Produktion geeignet und Maßstäbe setzen sollten, wie man das jeweilige Teil sowohl formal vollendet, aber eben auch funktionsgerecht gestaltet.

Das war praktisch, ökonomisch und sozial gedacht. Das schöne Ausstattungselement der alltäglichen Wohnumgebung sollte nicht mehr nur Privileg der Wenigen sein, die sich künstlerisch inspirierte Gebrauchsgegenstände leisten konnten. Es sollte allen zugänglich sein, auch den Bewohnern der Ernst-May-Siedlungen: überwiegend Arbeiter und kleine Angestellte.

Zugleich aber verband sich mit diesen Gegenständen ein lebensreformerischer Denkansatz. Viele dieser Gegenstände sollten nicht nur praktisch nützlich sein, sondern den Nutzer auch weg von traditionellen Gewohnheiten hin zu einer „modernen“ Lebensauffassung und Lebenspraxis führen. So ist etwa die Frankfurter Küche das Modell einer Produktionsstätte, die von rationellen Abläufen geprägt ist, nicht mehr von der Individualität ihres Nutzers und seinen Marotten, nicht mehr Platz zu verweilen und eines Durcheinanders von zweckmäßig produzierenden und konsumierenden Tätigkeiten wie in einer traditionellen Wohnküche. Das Leben in den Häusern von Ernst May war abgezirkelt und „funktional differenziert“, wie man das in der Soziologie bezeichnen würde. Alles hatte seinen eigenen Platz, die Hausarbeit, das Wohnen, das Schlafen. Es reproduzierte damit ganz bewusst die in den zwanziger Jahren als heilbringend angesehenen Prinzipien der industriellen Organisation, in der alles bis ins Kleinste durchorganisiert und im Hinblick auf ein optimales Verhältnis von Aufwand und Ertrag kalkuliert ist.

Frankfurt: Römerstadt (1927-1928). Foto: Christos Vittoratos - Own work, CC BY-SA 3.0 (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25538812)

Frankfurter Stadtteil Römerstadt (1927-1928), Architekten: Ernst May und Carl-Hermann Rudloff
Foto: Christos Vittoratos – Own work, CC BY-SA 3.0 (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25538812)

Die Idee des Konzepts der Differenzierung ist, durch Spezialisierung nicht nur eine effizientere Ressourcennutzung, sondern auch eine Steigerung des Lebens in qualitativer Hinsicht zu ermöglichen. In Arbeiterhaushalten sollte die rationelle Organisation des Alltags Zeit für Muße, Aufklärung und Bildung schaffen. Um dieser gewonnenen Zeit Form zu geben, hatten die Siedlungen des Neuen Frankfurt meist auch ausgeklügelte Konzepte für die Organisation von freier Zeit und Geselligkeit vorgesehen, in Form von Plätzen, Kleingartenanlagen, teilweise auch Gemeinschaftshäusern bis hin zu heute als skurril erscheinenden Einrichtungen wie einem eigenen Drahtfunk, der die Siedlungsbewohner mit Informationen und Unterhaltung versorgte [Anm. der Redaktion: „Drahtfunk“ bezeichnet die Verbreitung von Rundfunk über das Telefon- oder Stromnetz].

Es zeigt sich darin aber nicht nur die Umsicht und Fürsorge der Planer für die Bewohner des Neuen Frankfurt, sondern auch ein sehr weitgehender und das Leben durchdringender Gestaltungsanspruch. Es sollte nicht nur der Mensch, wie er ist, anständig wohnen und sein Leben soweit es geht nach freien Stücken einrichten können, sondern es sollte auch im Kleinen des Alltagslebens am „neuen Menschen“ gefeilt werden, der Traditionen und gewachsene Gewohnheiten hinter sich lässt und sich für die Vision einer neuen Gesellschaft öffnet. Rationelle Lebensorganisation sollte Freiräume schaffen. Die aber sollten nicht der anarchischen Selbstorganisation der Menschen überlassen bleiben, sondern als Ressource genutzt werden für ambitionierte Gesellschaftsentwicklung. Aus heutiger Sicht kann man darin durchaus ein totalitäres Element im Konzept des Neuen Frankfurt sehen, über das man ‒ bei aller Bewunderung für den sozialpolitischen Impetus und nicht zuletzt für die politisch-verwaltungsmäßige Effizienz des Ansatzes von Ernst May und seiner Mitstreiter ‒ noch einmal nachdenken sollte. Nietzsche und der Sozialismus haben im Neuen Frankfurt eine Verbindung gefunden, die hoch innovativ war, die aber, wie dann ja auch der weitere Verlauf der Geschichte und der Werdegang vieler Protagonisten des Neuen Frankfurt zeigte, die gegenüber dem Stalinismus zum Beispiel kaum Berührungsängste zeigten, durchaus ihre Ambivalenzen und möglicherweise auch dunklen Seiten zeigen, wenn man heute auf diese Konzepte schaut.

In den aktuellen Konzepten der „Smart City“ scheint es eine gewisse Wiederkehr dieses ganzheitlichen Konzepts von urbanem Raum, urbaner Infrastruktur, Lebensform und Alltagsorganisation zu geben. Die heute gehypten „Smart Homes“ sind genau besehen Neuauflagen der May´schen Wohnideale. Alles ist digital, effizient, optimiert, von Algorithmen gesteuert, vom Kühlschrank bis zum Garagentor, von der Müllentsorgung bis zur Energieversorgung. Die Menschen kommunizieren untereinander auf digitalen Plattformen und organisieren ihr Leben im Netz. Algorithmen sorgen dafür, dass die Systeme ihre Präferenzen kennenlernen, so dass alles auf sie, aber natürlich auch ihre Kaufkraft abgestimmt wird. Alles greift, der Idee nach, perfekt ineinander.

Die Firma Google arbeitete Jahre lang an dem Modell einer smarten Idealstadt, in der alles „grün“, energieeffizient und ressourcenschonend organisiert ist. Algorithmen, die den Menschen digital jeden Wunsch von den Augen, oder besser: von ihren Verhaltensmustern und Daten ablesen (natürlich nach vorherigem Blick auf ihr Bankkonto und ihre Kreditlinie), aber alles auch unter Kontrolle der Serverfarmen und der dort installierten Programme ist, in der schädliches Verhalten frühzeitig erkannt und die Menschen immer mehr zum Abbild der Muster werden, die sich in den digitalen Datenspuren ihres Lebens herausbilden.

Dass diese Utopie der digitalisierten Stadt an Grenzen stößt, musste Google kürzlich erfahren, als in Toronto, wo der erste Prototyp eines smarten Quartiers entstehen sollte, Bürgerproteste gegen die Anmaßungen und Gefahren dieses Plans kulminierten und zum Abbruch des Versuchs führten (vgl. F.A.Z. vom 11.05.2020: „Google-Stadt ist abgebrannt“).

Was lässt sich daraus lernen? Hier kann eine ganz andere Frankfurter Tradition, nämlich die in der „Frankfurter Schule“ der Sozialphilosophie und vor allem in den Werken ihres Protagonisten Theodor W. Adorno zur virtuosen Anwendung gekommene Denkmethode der Dialektik helfen. Nicht lineares Schlussfolgern, sondern Widersprüche und ihre Zuspitzung treiben das Denken voran, jede Feststellung wird nur wahr, wenn sie auch das Gegenteil einbezieht, jede Situation enthält eine Vielzahl von Möglichkeiten, die es zu entfalten gilt, so ganz grob das Prinzip dieser Methode.

Angewandt auf unser Thema: So wie das Planen und Bauen des Neuen Frankfurt aufrichtigsten sozialpolitischen Idealen entsprang und der Entfaltung der Menschen und ihrer Freiheit verpflichtet war, hatte es auch, nicht nur in Spuren, sondern als kräftigen Unterzug, ein totalitäres Potential, das seine destruktiven Wirkungen nicht nur in der stalinistischen Architektur und Planung, sondern, wenn auch deutlich abgemildert, in den Fehlentwicklungen von Städtebau und Architektur der Nachkriegszeit in den westlichen Ländern zeigte.

Ernst May selbst war zum Beispiel leidenschaftlicher Anhänger der Grundsätze der „funktionalen Stadt“ mit ihrer Zonierung von Arbeiten, Wohnen und Freizeit, wie sie in der Charta von Athen 1933 festgehalten worden sind. Mit sehr guten Gründen hat man sich von dieser Auffassung abgewandt. Nicht funktionale Trennung und Spezialisierung, sondern Funktionsmischung, Multifunktionalität von Räumen und Städte, die der Selbstorganisation ihrer Einwohner Raum geben, sind, das hat man nach schmerzlichen Erfahrungen und mit urbanen Pathologien in gesichtslosen Vorstädten, Radikalsanierungen, Bürgerprotesten und sozialen Kämpfen um die Zukunft einer lebenswerten Stadt gelernt, die besseren Maßstäbe.

Die digitale Welt scheint neue Verbindungen dieser Gegensätze zu ermöglichen, in dem sie starre Vorgaben und Strukturen in fluide, selbstanpassende Prozesse verwandelt. Nicht „Schema F“, sondern ein hohes Maß von Individualisierung von Diensten und Funktionen, so das Versprechen der Digitalisierung. Allerdings wirken im Hintergrund standardisierte Routinen und Maschinenlogiken. Mit dem dialektischen Denkwerkzeug der Frankfurter Sozialphilosophie könnte man von einem „digitalen Schein“ sprechen, der den Menschen individuelle Zuwendung suggeriert, sie aber gerade damit noch fester in ein „Schema F“ neuen Typs einspannt.

Dem Neuen Frankfurt der zwanziger Jahre fehlte im Übrigen jeder Sinn für Bürgerbeteiligung und die Mitwirkung einer aktiven Stadtgesellschaft am Planen und Bauen. Das hatte man damals zum einen in der Planungsmethodik nicht „auf dem Bildschirm“. Es erschien den Machern um Ernst May aber auch deshalb abwegig, weil sie die Stadt ja gerade nicht für die Menschen wie sie nun mal sind planten – traditionsverhaftet, engstirnig, anarchisch ‒ , sondern für den „neuen Menschen“, der sich, geläutert vom neuen Wohnerlebnis, transformiert in einen bewussten Träger der Moderne in all ihren Facetten, läutert für eine neue Gesellschaft.

Darin lagen durchaus richtige Erkenntnisse, gehört es doch zu den Grundeinsichten nicht nur der marxistischen Gesellschaftswissenschaften, dass die Menschen durch Traditionen, Vorurteile und Ideologie oft daran gehindert werden, das für sie Richtige zu erkennen und umzusetzen. Man kann also nicht einfach daran anknüpfen, was die Menschen wollen, sondern muss die Realität an den normativen Maßstäben einer guten Gesellschaft und eines guten Lebens messen. Erst aus dem Spannungsverhältnis von Sein und Sollen entsteht nachhaltiger Fortschritt. Wohlgemerkt, aus einem ausgetragenen Spannungsverhältnis, nicht daraus, dass dem „schlechten“ gesellschaftlichen Sein einfach ein „gutes“ Soll-Konzept übergestülpt wird.

Wenn man die Ansätze des Neuen Frankfurt unter heutigen Bedingungen wieder aufnehmen will, wofür viel spricht, man denke an Wohnungsknappheit und den Bedarf an mehr kostengünstigem, aber zugleich hochwertigem Bauen, sollte man sich bewusst machen, dass das Neue Frankfurt nicht nur ein Konzept zur Schaffung von umbautem Raum war, sondern ein Lebensentwurf. Darin lag, wie Adorno sagen würde, Wahrheit und Falschheit zugleich. Wahr war und ist, dass Wohnen einen existentiellen Bezug zum menschlichen Leben hat und dass man die Lebensvollzüge insgesamt im Blick haben muss, wenn man Stadtraum und Wohnraum schafft. Falsch ist, dass man ein abstraktes Ideal auf die Wirklichkeit projiziert und die Komplexität und Eigensinnigkeit des menschlichen Lebens ignoriert hat.

Vom Bauen des Neuen Frankfurt kann man lernen, wie man trotz einfacher und ökonomischer Bauweise ästhetisch anspruchsvoll baut. Man kann in mancher Hinsicht auch lernen, wie man nachhaltig baut, wenn man bedenkt, dass die Bauten uns auch heute noch nach fast hundert Jahren noch ansprechen und als beispielhaft für guten Städtebau gelten können. Das Bauen des Neuen Frankfurt war in gestalterischer Hinsicht zweifellos weiter als vieles, was heute in Form immer gleicher Klötzchen-Häuser von Investoren in großer Zahl in die Städte gestellt wird.

Was man einem wieder belebten Neuen Frankfurt aber hinzuspielen müsste, wäre ein Verständnis für offenes Planen, das dem Eigensinn der Menschen Raum gibt und sie an der Gestaltung der Stadt und der Quartiere beteiligt. Also nicht „neuer Mensch“, sondern gute Problemlösungen für die Menschen, wie sie halt sind. Dies aber durchaus mit Elementen, die das „Sollen“ in Richtung auf eine vielfältige, aber friedliche und kooperative Gesellschaft immer wieder aufscheinen lässt. Das können intelligent gestaltete „soziale Orte“ in den Quartieren sein, die nutzungsoffen und inklusiv sind, das können gemeinsame Ressourcen sein, die von allen Bewohnern genutzt werden können; das sind auf jeden Fall auch umsichtig geplante öffentliche Räume, die Wegebeziehungen ermöglichen, auf denen sich Menschen unterschiedlicher Art zwanglos begegnen und sich wahrnehmen.

Schaut man in die Wohnungen hinein, wird man erkennen, dass die Idee der radikalen Funktionstrennung in die Irre geführt hat. Wohnungen, in denen die Räume nicht auf eine Funktion festgelegt sind, ermöglichen dagegen flexible Anpassungen an wechselnde Lebensverhältnisse und Präferenzen. So eindrucksvoll die „Frankfurter Küche“ von Schütte-Lihotzky war, ein Zukunftsmodell ist sie heute nicht mehr.

Was für ein neu belebtes Bauen in der Tradition von Ernst May gilt, gilt auch für die Idee der „Smart City“. Sie wird nur dann nachhaltig zur Verbesserung des Lebens der Menschen beitragen, wenn sie sich wirklich auf einen Dialog mit den Menschen einläßt, wie sie nun mal sind, auch auf einen Dialog darüber, wie eine gute Gesellschaft aussehen soll und könnte. Und zwar nicht durch Musteranalyse in Datenströmen, sondern in offenen Beteiligungsprozessen, in denen das Analoge ebenso seinen Raum hat wie das Digitale.

Daraus können, ähnlich wie seinerzeit die Frankfurter Musterbibliothek der Gebäudeausstattung, Bausteine entstehen, digitale Bausteine, die man in immer neuen Formen, abgestimmt auf die Situation, neu zusammensetzen kann, die man aber auch wieder abschalten kann, wenn man wieder Lust auf Analoges bekommt. Eine gute „Smart City“ wird die analoge Option immer erhalten, nicht nur als Rückfall bei Stromausfall und Cyberattacken, sondern als Lebensoption, die eigene wertvolle Sinnperspektiven erschließt. Nach der digitalen CD und dem Musikstream hat bekanntlich auch die gute alte Schallplatte ein Revival erlebt. Viele meinen, Musik hört sich darauf einfach besser an. Ähnlich sollte es die Gesellschaft und die Stadt halten. Nicht „digital first“, sondern digital und analog in einer guten Balance und vielleicht auch immer wieder im dialektischen Widerstreit. In dieser Kunst war Frankfurt bekanntlich ebenso ein Labor der Moderne wie im Städtebau. Beides zusammengespannt böte viele Perspektiven, dieses Labor für das 21. Jahrhundert wieder zu eröffnen.

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erstellt am 15.6.2020
aktualisiert am 17.6.2020

Der Architekt und Stadtplaner Ernst May, 1926 Foto: Otto Schwerin, Public Domain (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=80949065)