Zu den Raritäten der neueren Zivilisation gehören die vielfältig begabten, geistig unabhängigen Persönlichkeiten, wie Jürgen von der Wense eine war. Er war über jedes Maß hinaus belesen, kannte sich bestens in den Naturwissenschaften aus, schrieb brillante Prosa, komponierte und war, so scheint es, immer unterwegs. Christian Schulteisz hat Wense ein zugewandtes Porträt gewidmet, das den Sonderling in seinen historischen Kontext stellt. Harry Oberländer empfiehlt das Buch.

Christian Schulteisz über Jürgen von der Wense

Der Universaldilettant

Christian Schulteisz (Foto: privat)
Christian Schulteisz (Foto: privat)

Als ich im Jahr 2006 zum ersten Mal etwas über Jürgen von der Wense las, war mein Eindruck, dass es sich um eine gut erfundene Figur handelte. Ulrich Holbein hatte mir ein Manuskript angeboten, das folgendermaßen begann:

„Früheste verträumte Erinnerungen des Sprösslings verarmten Landadels aus Ostpreußen: Blitz, Sternschnuppen, Kapuzinerkresse, Säbelklirren, Eierschalen im Mund, Flucht unter den Tisch vor dem Gedränge dunkler Noten eines Schumannlieds. Von frühauf schrieb er Worte wie Reykjavik auf jedes Löschblatt. Zum Klavierüben musste er nicht genötigt werden. Dass er zu Großem berufen sei, spürte er bald. Dass Menschen, die Gott schuf, dann aber nur als Bürger herumliefen, verübelte ihnen Wense. Aus Freude an der Erkenntnis, dass Fugen von Buxtehude, den er den Aristoteles der Musik nannte, höher stehen als Bachfugen, kaufte er sich einen Dackel. Zunächst schien der genialisch erhitzbare Maschinenbaustudent, angehende Jurist und Nationalökonom, der sich auf dem Kammermusikfest in Donaueschingen 1922 am Klavier die Finger blutig spielte, Expressionist und Neutöner zu werden, vertonte als Komponichts Ungaretti, Yeats, Jean Paul, ehe er plötzlich Chinesisch lernte.“

Zu meinem Erstaunen fand ich heraus, dass diese bizarre Figur, dass dieser seltsame Heilige nicht nur tatsächlich gelebt (1894–1966), sondern auch ein großes, nie vollendetes Werk hinterlassen hatte. „Es wurde nicht verlegt, sondern abgelegt“ wie der Literaturwissenschaftler Rainer Niehoff schrieb, der mit Valeska Bertoncini eine Briefauswahl herausgab. Und dieser Wense-Nachlass besteht aus ungefähr 30.000 beidseitig beschriebenen, losen Blättern, eine ungeheure Materialsammlung aus Nachdichtungen, Aufzeichnungen zu Kultur, Klima, Geologie und Siedlungshistorie der deutschen Mittelgebirge, Exzerpten, Essays und Entwürfen zu allen Feldern der Literatur und des Wissens von Mythos bis Mühlenkunde, sowie je 40 Kompositionen und Tagebücher, 3.000 Photographien und doppelt soviel Briefe. Niehoff schreibt: „Ein Mammutwerk der Verzettelung, das an die Faszikel-Meere Jean Pauls erinnern mag, an die Fragment-Hefte von Novalis, an die Materialmappenberge Flauberts oder an die Zettelkästen von Arno Schmidt.“ Der Nachlass ist zugänglich. Er wird seit 2009 in der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Kassel unter der Signatur 2° Ms. Hass. 856 aufbewahrt und wurde 2012 in das Verzeichnis national wertvollen Kulturguts eingetragen. Wer sich vor zu vielen Bäumen nicht fürchtet, gehe in diesen kritischen Wald hinein.

Um Wense im Original zu lesen, muss man sich auch in Bibliotheken bemühen, denn vieles, was bisher in Buchform erschienen ist, ist vergriffen. Das gilt für die lexikalisch aufgebaute Briefedition „Von Aas bis Zylinder“, die Reiner Niehoff und Valeska Bertoncini 2005 bei Zweitausendeins in Frankfurt am Main herausbrachten, es gilt auch für den Band „Wanderjahre“ (2006), den Dieter Heim bei Matthes & Seitz veröffentlichte. Zurzeit noch lieferbar ist allerdings das vorangegangene Buch „Geschichte einer Jugend“ (1999) von Dieter Heim bei Matthes & Seitz. Der 1925 geborene Geologe und Petrograph Dieter Heim, der seit 1956 am Institut für Geowissenschaften der Uni Mainz arbeitete, hatte Wense noch während des Krieges in einer Göttinger Fabrik kennengelernt, die Radiosonden für die militärische Wettervorhersage fertigten. Er schrieb darüber in einem Wenseheft von Text und Kritik (Nr. 185, Januar 2010): „Wense lud mich zu sich ein, öffnete mir seine reiche Welt, spielte mir Bach, Buxtehude und eigene Kompositionen vor und nahm mich auf Wanderungen in der näheren oder weiteren Umgebung Göttingens mit.“

Zum Wanderer wurde Wense im Mai 1932, auf dem Weg von Hamburg nach Triest, als er in Karlshafen an der Weser aus dem Zug gesprungen war und mehr aus Not als mit Absicht im Hotel zum Schwan, einem Rokokopalast und damals first class hotel, übernachtet hatte. Am nächsten Morgen war er hinauf zur südlichen Hochebene über dem Städtchen, auf das Hohe Holz gestiegen. „Halb tänzelnd, halb ironisch“, wie er 20 Jahre später an seinen Freund, den Kunsthistoriker Wilhelm Niemeyer schreibt, aber dann: „Ich erinnere nun diesen Augenblick so genau, wie in meinem Leben nicht sonst irgend etwas. Ich saß auf einer Bank, junges Grün, eine kleine Schlange, ein roter Trümmer, über silbernen Nebel im Tal die blaue Linie der Ferne. Sehr ernst, sehr zart. Und ich sehe, ich sehe diese Linie – und zum allerersten Mal überhaupt sehe ich – steh auf, geh hinein in das offene Bild der Flur, stundenweit, ob Dornen oder Wasser. Das war meine erste Wanderung, der 1000-de folgten. Zum Desenberg, dem spitzen Vulkan der Keuperbörde von Warburg. Mir ward offenbar, daß es ein noch weit mehr gab an Erhabenheit als Ozean oder Firn, an dolcessa, als unsere smaragdenen Matten und stillen Gründe: eine Landschaft im Geiste. Von der Stunde an änderte ich mein gesamtes Leben …“

„Die blaue Linie“, Annäherung an von der Wenses Blick auf die Vulkane.
Foto: Harry Oberländer

Wense, der Musiker und Komponist, der expressionistische Lyriker, der in Franz Pfempferts Zeitschrift Die Aktion veröffentlicht hatte, der Übersetzer des Laotse, des Konfuzius und zahlreicher anderer Sprachen, darunter afrikanische und Südseedialekte, der Exzentriker, der wahrhaftig nicht provinziell, schon gar nicht national, sondern kosmisch dachte, verbrachte von Stund an seine Zeit mit Wanderungen durch die deutschen Mittelgebirge vom Weserbergland bis zum Rhein, vom Harz bis zum Hohen Meissner, vom Reinhardswald bis ins Sauerland und Rothaargebirge. Wense verstand unter Wandern das Gegenteil von Spazierengehen: einen geistlichen Akt aus Landnahme und Eroberung und seine Messtischblätter, Landkarten im Maßstab 1 zu 25.000, als Partituren der Landschaft.

Nachdem die Publikationen von und über Jürgen von der Wense am Anfang des 21. Jahrhunderts Interesse und Öffentlichkeit fanden, wurde es wieder still um ihn. „Den Verlagsvertretern, die Novitäten in den Handel zu schleusen haben, sagte ich, Wense sei ein Novalis des 20. Jahrhunderts“, bekannte der Verleger Axel Matthes in ‚Text und Kritik’. Auch das hat nicht verhindert, dass Wense über seine „Gemeinde“ hinaus kaum bekannt ist. Für diese Gemeinde stellt das Literaturhaus Nordhessen in Kassel Informationen bereit und organisiert alle zwei Jahre ein Treffen des Wense Forums.

Wenses Funke scheint allerdings auch auf die jüngere Generation überzuspringen. Christian Schulteisz (geboren 1985) hat jetzt einen Roman mit dem schlichten Titel Wense im Berliner Verlag Berenberg veröffentlicht, ein in der Themenwahl unkonventionell mutiges und sprachlich wie inhaltlich beeindruckendes Romandebüt. Der Stuttgarter Autor beschreibt kenntnisreich und dokumentarisch die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs, die Wense 1943 bis 1945 als zwangsrekrutierter Arbeiter in einer kriegsrelevanten Göttinger Fabrik, den Physikalischen Werken, zubringen muss. Sie produziert Radiosonden für militärische Wettervorhersagen und Wense wird aufgrund seiner Fähigkeiten zu einer Art Abteilungsleiter, verantwortlich nicht nur für die Produktprüfungen, sondern auch für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

Wense wandert 1965 durch Bad Sooden-Allendorf. Foto: Hedwig Esche / blauwerke Verlag
Wense, 1965 (Foto: blauwerke Verlag)

Zunächst aber lässt Schulteisz Wense wandern. Wense wandert nicht mit dem Rucksack, sondern mit der Aktentasche, ob immer, wage ich zu bezweifeln. Aber es gibt dafür einen Beleg, ein Photo Wenses, das seine Freundin Hedwig Esche in Bad Sooden-Allendorf aufgenommen hat. Schulteisz‘s Leser folgen Wenses Schritten von der Lazarettstadt Bad Pyrmont über die Ruine Schellenburg nach Aerzen und im Tal der Wümme nach Schwöbber zum Wasserschloss der Familie von Münchhausen, deren Ahnherr Otto hier den ersten Englischen Garten des Festlandes geschaffen hatte, beehrt durch keinen geringeren Besuch, als dem des Zaren Peter des Großen. Was wir allein auf dem Stück Weg erfahren, erfahren wir aus Wenses innerem Monolog, denn Wense ist eine wandelnde Enzyklopädie, er weiß einfach alles. Er weiß soviel, dass er sich manchmal selbst unheimlich wird. Die Messtischblätter liest er nicht nur einfach als punktgenaue Landkarten, sondern ganz Musiker, als Partituren der Landschaft. Die Burgruine reizt ihn, darüber nachzudenken, ob es vor den Zeiten der frommen Mainzer Erzbischöfe hier schon eine Burg des Sachsenkönigs Widukind gegeben haben könnte. „Nicht alles ist tot in Westfalen, was begraben ist“ war schon Heinrich Heine aufgefallen. Bei den von Münchhausens kehrt er ein, er ist bei vielen Schloss-, Guts- und Hausbesitzern ein belesener und beliebter Konversationsbesucher. Man spricht über weiße Maulwürfe, weiße Kaninchen, weiße Bussarde und den heiligen weißen Elefanten von Siam.

Vom Wasserschloss Schwöbber schlägt sich Wense bis zum nächsten Bahnhof durch, der von Hameln vermutlich, besteigt den Zug und kommt mitten im Krieg an. „Ein vollgestopfter stinkender Schlafwaggon, Männer stöhnend in den Betten, je drei übereinander, sogar Soldaten auf dem Boden, einer mit blutigem Kopfverband, ein anderer völlig mumifiziert, jemand zieht ihn am Mantel: _‚Herr Doktor‘ … Er ist in einem Lazarettzug gelandet.“_ In Karlshafen verlässt er diesen Zug und erinnert sich an den ersten Besuch vor elf Jahren. „Keine Ahnung von Vorgeschichte, Geologie, Heimatkunde, Messtischblatt? Ein Fremdwort. Auch was eine Wüstung ist, musste er erst nachschlagen. Jetzt schickt er sein Wissen als Spürhund voraus und sein Wissen zerrt ihn hinter sich her. Auf die Hochebene. Zur Burg des Segestes.“ Dass der Höhenzug im Reinhardswald, die Sieburg, oberhalb von Karlshafen die Burg des Cheruskerfürsten Segestes gewesen sei, ist Spekulation. Archäologen haben sich für das Gelände, in dem es noch im 18. Jahrhundert große sichtbare Wallanlagen gab, nie wirklich interessiert. Christian Schulteisz lässt Wense durch die Nacht wandern, im Kopf einen Orbit aus Römern, Cheruskern, Hermanduren und Angraviern, bis er nach Mexiko abdriftet ins Sonnensystem der Maya und dem Gott Tonatiuh. Am Morgen nimmt er eine Fähre über die Weser und erreicht über Lippoldsberg den Bahnhof von Bodenfelde und einen zivilen Zug nach Göttingen.

Originalton von der Wense (an Wilhelm Niemeyer, 1954):

„Ich kam auf Lippoldsberg – Sie kennen wohl die sehr edle hirsauische Basilika zwischen Bramwald und Reinhardtswald; die Geschichte des Klosters, auf dessen Hof jetzt der fatale Hans Grimm wirtschaftet, ist wie alles in Deutschland nur oberflächlichst in Anmerkungen abgefertigt, doch voller Geheimnis – der Ort wird durch seinen Namen das fortlebende Denkmal Luitpolds, des Reichs-Erzkanzlers, Erzkaplans Kaiser Heinrichs des Dritten und Primas aller Erzbischöfe, qui die quaddam spaciandi gratia (lustwandelnd) silvestria haec loca perlustrans an diesen Winkel des grünen Stroms gelangte, cuius amoenitate delectatus et captus – er baute hier – und zwar einzig für sich allein, um im Stillen zu beten – eine Kapelle des Heiligen Chrysogonus, des Goldgeborenen, 1051. Was aber sagt das mir! Der bei uns so gar nicht verehrte Märtyrer ist der Stadtpatron von Zara in Dalmatien, wo ich 1930 einige schöne Wochen verlebte, bis eine grausame Begegnung meinen Traum zerriß: durch den römischen Triumphbogen der porta marina schreitend mit der Gedenktafel an die Schlacht von Lepanto will ich eben in die Calle S. Chrisogno und finde auf meiner Steinbank unter der alten Ulme, wo ich zu arbeiten pflegte wen? Harry Liedtke und Anni Ondra. Es war diese seltsame venezianische Enklave damals durch d’Annunzio-Rappaports Handstreich berühmt geworden und kinoreif. Ich floh und wanderte durch die Felsenwildnis der hochschäumenden Zrmanja nach dem türkischen Knin. Und nun wiederbegegne ich meinem aquitanischen Heiligen an der hessischen Weser.“

Die romanische Basilika in Lippoldsberg. Foto: Harry Oberländer

Die romanische Basilika in Lippoldsberg. Foto: Harry Oberländer

Mit der Beschreibung des Lazarettzuges und der Erwähnung des britischen Luftangriffs auf die Edertalsperre im Mai 1943 gelingt Schulteisz eine sehr plastische Darstellung des Kriegshintergrundes. Der Historiker Jörg Friedrich hat in seinem Buch „Brand – Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945“ geschrieben, der Talsperrenangriff der britischen RAF auf Möhne- und Edertalsperre am 17. Mai 1943 gelte als das brillanteste jemals von Luftstreitkräften ausgeführte Unternehmen. Punktgenau in der Durchführung war es raumverheerend in der Wirkung. Im Edertal gingen in der Flutwelle von 160 Millionen Kubikmetern fünf Dörfer komplett unter, noch in Kassel an der Fulda war die Welle neun Meter hoch, und noch in Karlshafen erreichte der Pegelstand der Weser acht Meter, Stadt und Hafen wurden komplett überflutet. Schulteisz lässt Wense 1943 durch Karlshafen wandern, wo noch im Herbst die Kellerfenster offenstehen und der Modergeruch der Überschwemmung ihn rasch vorbeigehen lässt, nicht ohne die Bemerkung, so sei das versandete Hafenbecken endlich einmal voll Wasser gewesen.

Er schickt ihn danach auch von Göttingen aus ins zerstörte Kassel, im historischen Kern eine Fachwerkstadt, die durch einen verheerenden Luftangriff am 22. Oktober 1943 für immer unterging:

„Es wird still im Frühnebel. Still die ersten Brandflecken am Boden, still das erste ausgebrannte Haus, die erste ausgebrannte Reihe von Häusern, die zerbombten Henschelbüros. Scherben knirschen unter seinen Schuhen. Nirgends ein Mensch, nicht einmal ein Mäuschen. Nur immer mehr Asche, immer mehr schwarze Fenster und Dachstühle und schließlich gar keine Dächer, gar keine Fenster, gar keine Straßen mehr. (…)
Er sucht nach dem Altmarkt – aber die ganze Altstadt fehlt! Statt schmalen Gassen überall weite Plätze, schwelende Balken, Ruß über Ruß. Die Schäden früherer Angriffe sind im Totalschaden verschwunden. Am Rand eine Leiche neben der anderen mit Chrysanthemen geschmückt, die meisten verkohlt, einzelne gebraten, auch Erschossene.“
[Christian Schulteisz im Buch „Wense“]

Den eindrucksvollen Szenen, die den historischen Hintergrund ins Blickfeld rückt, lässt Schulteisz den Alltag Wenses in Göttingen folgen. Wense lebt hier als Untermieter bei einem Kunsthistoriker, dem Grafen Vitzthum. Er kann seine Mutter besuchen, die in der Nachbarschaft wohnt, für sie den Hund ausführen und Klavier spielen und mit ihr über seine Korrespondenzen sprechen, zum Beispiel die mit seiner platonischen Geliebten Hedwig Esche und mit seiner Mäzenatin, der Malerin Hedwig Woermann (1879–1960). Hedwig Woermann war die Nichte des Reeders und Kolonialtycoons Adolph Woermann (1847–1911). An Woermann erinnern in Hamburg Häuser und eine wohltätige Stiftung sowie in Swakopmund (Namibia) ein Woermann-House, an seine Nichte Hedwig ein Woermann Museum im Ostseebad Wustrow.

Er muss seine in eine Kirche ausgelagerte Bibliothek in dem einen Zimmer unterbringen, das er bewohnt. Er muss sich in der Fabrik um das Eichen von Radarsonden kümmern und russische Zwangsarbeiterinnen und französische „Fremdarbeiter“ beaufsichtigen. Er bemüht sich, die Aufgabe ohne Androhungen von Zwangsmaßnahme möglichst einvernehmlich zu lösen. Mit dem Franzosen Roger, einem „echten Physiker“, verbindet ihn, den gelehrten Dilettanten ein freundschaftliches Verhältnis. Insgeheim begehrt er ihn auch. Wense ist froh darüber, dass seine Mutter ihn nie nach erotischen Vorlieben gefragt hat. Nicht nur vor ihr muss er seine Homosexualität geheim halten, die ihn unter der Naziherrschaft leicht hätte ins KZ bringen können.

Der langjährige Freund Wenses, Dieter Heim (Herausgeber der zwei biographisch aufgebauten Dokumentationen „Geschichte einer Jugend“ und „Wanderjahre“), hatte Wense in dieser Göttinger Zeit kennengelernt.

Herrmann-Nohl-Haus und Klosterkirche in Lippoldsberg. Foto: Harry Oberländer

Herrmann-Nohl-Haus und Klosterkirche in Lippoldsberg. Foto: Harry Oberländer

Auch der Pädagoge Hermann Nohl, ein Diltheyschüler und Protagonist der Jugendbewegung, der seit 1918 einen Lehrstuhl an der Göttinger Universität innehatte, ist in den Physischen Werken gelandet. Er hatte versucht, sich nach der „Machtergreifung“ 1933 mit den Nazis zu arrangieren, wurde dennoch 1937 als Hochschullehrer entlassen. Nohl ist bei Schulteisz ein Mann, der die Glaubensstärke deutscher Mütter lobt, aber die Naziherrschaft, die aus ihm einen Schlosser in der Kriegswirtschaft gemacht hat, eine vorübergehende historische Stunde nennt. Wense erzählt, wie er seine Mäzenatin Hedwig Woermann nach seinem Auftritt auf dem Musikfest in Donaueschingen kennenlernte, und Nohl weist darauf hin, dass ohne den Reeder Woermann und seine Dampfer der Hereroaufstand nicht niedergeschlagen worden wäre. Ohne seine Dampfer wären die kaiserlichen Truppen nie rechtzeitig eingetroffen, und wegen der Wucherpreise, die Woermann verlangte, habe Wilhelm II. ihn anschließend nicht mehr empfangen. Aus vielen solcher Mosaiksteine baut Christian Schulteisz ein überzeugendes Bild auch vom Kriegsalltag der dienstverpflichteten Intellektuellen der Universitätsstadt Göttingen. Zu denen gehört auch der Graf Vitzthum, der von seinem Vetter Hermann, genannt Milbenvitzthum erzählt. „Tausend Seiten über zigtausend Spinnchen, er wollte sie alle erfassen. Beinahe wäre er fertig geworden.“

Christians Schultheisz‘ Wense-Porträt endet mit einem hochpoetischen Bild. Der Wanderer verlässt die Bibliothek. Im Bewusstsein, dass er das große Werk, das ihm immer vorschwebte und ihm ein Lebensziel war, nie vollenden wird, geht er durch den kalten Morgennebel hügelan hinaus in den Wald. Dort steht er mit kalten Füßen und intellektuellem Adlerblick auf einem Berg. Alles hat Freiherr Jürgen von der Wense in seinem genialen Kopf. Den Potala in Lhasa, das Mainzer Rad im Eichsfeld, den Harz und seine Stollen mit Kohle, Salz und Zwangsarbeitern, die Leine, die im Tal vorbeifließt, und Johann Carl Fuhltrott, der den Überaugenwulst des Neandertalers entdeckte. Das Erhabene und das Schöne, das große Ganze und das akzidentielle Kleine. Musik und Wissenschaft, Geschichte, Ethnologie und die Poetik der Südsee, lauter verlorene Lieben.

„Und was ist er selbst? Ein im Landstrich verschwindender Punkt.“

Jürgen von der Wense wandert. Foto: blauwerke Verlag

Weitere Literatur
  • „Geschichte einer Jugend“, ISBN 978-3-88221-821-3, Dieter Heim, Matthes & Seitz Verlag, 1999 (lieferbar)
  • Literatur von Hans Jürgen von der Wense, “Lose Mappen”/Broschüren, im blauwerke Verlag (lieferbar)
  • Briefedition „Von Aas bis Zylinder“, Reiner Niehoff und Valeska Bertoncini, Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2005
  • „Wanderjahre“, Dieter Heim, Matthes & Seitz Verlag, 2006

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erstellt am 13.6.2020

Buchcover: Christian Schulteisz, 'Wense'

Christian Schulteisz
Wense
Gebunden, 128 Seiten
ISBN: 978-3-946334-67-5
Berenberg Verlag, Berlin 2020

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Jürgen von der Wense (Foto: blauwerke Verlag)
Jürgen von der Wense (Foto: blauwerke Verlag)