Zehn Fragen an Julia Mantel

Was steht außer dem Computer, der Schreibmaschine, dem Schreibblock oder dem Diktiergerät noch auf Ihrem Schreibtisch?

Julia Mantel: Es stapeln sich ein paar Bücher rechts und links, ich schaue ansonsten auf wundervolle Bilder an der Wand, u. a. auf ein ZKM-Plakat mit dem Konterfei von Burroughs drauf, auch meine (Sonnen-)Brille muss immer griffbereit sein.

Was tun Sie am liebsten, wenn Sie nicht schreiben?

Ich bekoche gerne meine Freundinnen oder gehe mit ihnen wandern. Sehr gerne mache ich auch Sport (täglich eine Stunde, wenn es klappt: Yoga, Pilates, Schwimmen, Ballett). Ansonsten versuche ich ‒ ja, wie soll man es bezeichnen?! ‒ inspiriert und informiert zur Ruhe zu kommen.

Gibt es ein Heilmittel gegen Schreibblockaden?

Ich schreibe nur dann, wenn ich Lust dazu verspüre, wenn sich die Worte in meinem Kopf gesammelt haben, alles andere ergibt keinen Sinn. Den Prozess des Schreibens kann man nicht forcieren.
Wenn etwas raus möchte, muss man ihm vertrauen und darauf hören.

Wo sammeln Sie Ideen für Ihre Texte?

Das Leben schenkt mir immer wieder die richtigen Ansätze für das nächste Gedicht.
Zum Beispiel greife ich Gesprächsfetzen aus dem Alltag auf und gebe mich ihnen hin bzw. lasse daraus einen gesamten fließenden Sprachrhythmus entstehen. Die Beschäftigung mit Literatur im Allgemeinen hilft natürlich ansonsten auch sehr.

Welche fünf Bücher möchten Sie nicht missen in Ihrer Bibliothek?

Norbert Scheuer: „Bis ich dies alles liebte“, Gesammelte Werke von Thomas Brasch, „Die unsichtbare Frau“ von Siri Hustvedt, Agota Kristof: „Das große Heft“, „Gefährliche Geliebte“ von Haruki Murakami.

Welches Buch oder welchen Autor oder welche Autorin können Sie nicht ausstehen?

Die ganze deutschsprachige Popliteratur ist vollkommen überflüssig (Ausnahme: Jörg Fauser).

Welchen Autor oder welche Autorin beneiden Sie und warum?

Lydia Daher bringt ein Lebensgefühl so souverän auf den Punkt, dagegen kann ich nur (an)stottern. Magdalena Jagelke ahnt nicht, wie genial sie ist. Ich kenne keine Frau, die besser über weibliche (sexuelle) Begierde und ihre Verletzlichkeiten schreiben kann, als die Kanadierin Anne Carson.

Wer oder was hat Sie zum Schreiben gezwungen?

Erstens meine lebenslange Flucht ins Buch, dazu eine unerwartete Trennung, gepaart mit einer chronischen Arbeitslosigkeit und den dazugehörigen Krankheitsepisoden.

Kann Bildende Kunst zum Schreiben anregen – wenn ja, an welche Künstler oder Künstlerin denken Sie dabei?

Natürlich kann sie das: Hannah Ryggen in der Schirn hat mich letztes Jahr komplett umgehauen. Ich arbeite ja generell immer wieder mit bildenden Künstlerinnen zusammen.
Meret Oppenheim finde ich auch immer wieder aufs Neue inspirierend. Peaches und Pipilotti Rist fallen mir natürlich sofort ebenso ein.

Mit welcher Autorin oder mit welchem Autor würden Sie gerne einen trinken gehen?

Wenn Charles Bukowski noch leben würde, würde ich ihn sicherlich mal anrufen. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für Samuel Beckett. Michel Houellebecq dagegen wäre mir zu abgeranzt: Da gehe ich lieber alleine in die Sauna. A.L. Kennedy würde ich stattdessen gerne in unseren Frauenclub integrieren. Ingeborg Bachmann hätte sich bestimmt über eine feste Umarmung gefreut. Auch bei ihrer Männerwahl wäre ich ihr gerne beratend zur Seite gestanden.

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erstellt am 12.6.2020
aktualisiert am 25.6.2020

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Julia Mantel

Foto: Alfred Harth