Gewöhnlich zieht man die Reißleine, um eine bedrohliche oder schädliche Entwicklung zu bremsen oder zu stoppen. So wurde etwa einem Achtel der deutschen Bevölkerung, nämlich den Schülerinnen und Schülern, plötzlich der Schulbesuch untersagt. Was dieser Rettungsversuch im Bildungs- und Berufsleben an Verwerfungen anrichtet, beschreibt, nach einem Blick in die aktuellen Erhebungen, Jutta Roitsch.

Die Corona-Krise und die Chancengleichheit

Zwischenstand – Teil II

Es gibt Merksätze von Philosophen, an denen sich verunsicherte Menschen festhalten können. Ein solcher Satz fand sich am 3. April im Kölner Stadtanzeiger. „So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie“, sagte der 91-jährige Philosoph Jürgen Habermas. Er räumte damit dem schockartigen Ende des bisherigen Alltagslebens und den Tag für Tag-Entscheidungen der Wissenschaftler und Politikerinnen wie Politikern eine Begründung ein, die auf den ersten Blick einleuchtet. Aber nicht dem Wissen über das Nichtwissen folgten die Bürgerinnen und Bürger zunächst ohne Protest und Widerstand gegen die weitreichendsten Beschränkungen der Freiheits- und Grundrechte seit Bestehen der Bundesrepublik. Die Bilder aus Bergamo, die gespensterhaften Gestalten aus den Krankenhäusern oder die Militärlaster mit Särgen wirkten furchterregend. In eine bislang eher sorglose Gesellschaft kroch die Angst vor einer unsichtbaren Bedrohung.

Und jetzt, zehn Wochen nach dem shutdown oder lockdown, liefern zwei Arbeitsmarkt- und Berufsforscher eher unfreiwillig einen Hinweis, welche der schnellen politischen Maßnahmen die lähmende Angst ausgelöst hat. „Den größten Effekt unter den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie in Deutschland hatten die Schul- und Kitaschließungen“, schreiben Enzo Weber und Tobias Hartl zu ihrer am 12. Mai veröffentlichten Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Die beiden argumentieren ökonomisch, durch die betroffenen Eltern seien schließlich 55,8 Millionen Arbeitstage ausgefallen. Das ist ihre kurze Sicht auf den Arbeitsmarkt. Gesellschaftspolitisch gewendet war der noch nie politisch verfügte Eingriff in das Leben von Millionen von Kindern, Jugendlichen, Studenten, Müttern und Vätern die schärfste Maßnahme, mit der jedermann die Bedrohung und die Alternativlosigkeit beim Handeln klar gemacht wurde.

Ohne Vorwarnung, ohne jegliche Vorbereitung wurden 11 Millionen Schülerinnen und Schüler nach Hause geschickt, Kontakte unterbrochen oder verboten, Freizeitvergnügen vom Sport bis zur Kultur untersagt. Von diesen Millionen stand jeder Zehnte von der Hauptschule bis zum Gymnasium vor den Abschlussprüfungen, die in Deutschland immer noch über Berufs- und Lebenschancen entscheiden, allein in den Gymnasien 279.000. Für 3,7 Millionen Kinder unter sechs Jahren schlossen sich ihre Kitas, entfiel das gemeinsame Spiel mit Freundinnen und Freunden, das warme Mittagessen, das Kuscheln mit den Erzieherinnen. In den 56.700 Kitas des Landes, die eigentlich rund 93 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen betreuen, fand monatelang nur eine Notbetreuung von Kindern statt, deren Eltern in den „systemrelevanten“ Berufen arbeiten. In einer Kita waren das mal zwei Kinder, in einer anderen fünf bis neun von sonst 40, 50 oder sechzig Kindern.

Was zunächst von der Öffentlichkeit, aber auch den Eltern, Kindern und Jugendlichen als vorgezogene Osterferien wahr- und hingenommen wurde, wuchs von Woche zu Woche zu einer Fassungslosigkeit über sprach- und handlungsunfähige Kultus- und Wissenschaftsministerinnen und -minister. Während in der Politik nur über Abiturtermine gestritten wurde, sich im Fernsehen oder im Internet Abiturientinnen bitter über den Ausfall des Abiballs beklagten, wich in den Familien die Ferienstimmung und wuchs der Verdacht, dass auf absehbare Zeit weder ein normaler Schulbetrieb noch ein regelmäßiger Gang in die gewohnte Kita stattfinden würde. Die „neue Normalität“ (so die Bundeskanzlerin) hieß jetzt in den Familien in heimelig klingenden Anglizismen „Homeschooling“ und „Homeoffice“. Heimarbeit und Schularbeiten am Küchentisch klingen schließlich nach Armut und Mief.

Planlos stolperten die verantwortlichen Ministerinnen und Minister von einem Termin zum nächsten, empfahlen ErzieherInnen und PädagogInnen, den Kontakt zu ihren Kindern und Schülern nicht zu verlieren, digitale Möglichkeiten zu nutzen und das Abstandsgebot zu beachten. Sie boten ein Bild der Hilflosigkeit, das verstärkt wurde, als Mitte April die Bundeskanzlerin und die Regierungschefs der Länder die Konferenz der Kultusminister (KMK) beauftragten, „bis zum 29. April 2020 ein Konzept für weitere Schritte vorzulegen, wie der Unterricht unter besonderen Hygiene- und Schutzmaßnahmen, insbesondere unter Berücksichtigung des Abstandsgebots durch reduzierte Lerngruppengrößen, insgesamt wieder aufgenommen werden kann. Dabei soll neben dem Unterricht auch das Pausengeschehen und der Schulbusbetrieb mit in den Blick genommen werden. Jede Schule braucht einen Hygieneplan.“ Aus diesen Sätzen strömt eine technische Kälte, die erschreckt. Kein Wort zu den Kindern und Jugendlichen und ihrem Recht auf einen freien Zugang zu Schule und Ausbildungsstätten, kein Wort über den Umgang zwischen Lehrern und Schülern in diesen Zeiten. Kein Hauch von Empathie für das, was von den Kindern und Jugendlichen künftig verlangt wird. Die freie Entfaltung der kindlichen Persönlichkeiten verschwindet hinter der Pandemie. Und der Angst der Politik, sie nicht steuern zu können, die Kontrolle zu verlieren.

In der KMK scheinen die Verantwortlichen für den Auftrag diesen Grundzug erkannt zu haben. Sie unterstreichen zumindest in einem Satz: „Für die Kultusministerkonferenz sind das Recht auf Bildung aller Schülerinnen und Schüler und die Wahrung der Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit von zentraler Bedeutung“. Gleichwohl, schiebt die KMK nach, habe der Infektionsschutz „höchste Priorität“. Der Plan, den sie in Berlin abliefert, ist karg und enthält viel Ungefähres für eine weitere Notbetreuung oder einen tageweisen Schulbesuch. Der Kernsatz allerdings ist eine politische Bankrotterklärung: „Nach dem jetzigen Stand wird vor den Sommerferien aufgrund des Abstandsgebots kein uneingeschränkt regulärer Schulbetrieb mehr möglich sein.“ Das Lernen zu Hause werde weiterhin stattfinden und „ausgebaut werden“.

Was das für Eltern und Kinder bedeutet, darüber hüllte und hüllt sich die KMK in Schweigen. Einer der wenigen, die sich äußerten, war der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD). Dem Sender NDR Info sagte er (am 28. April) in aller Offenheit, dass auch im kommenden Schuljahr der „Fernunterricht“ fester Bestandteil des Schulalltags sein werde. Bemerkenswert ist bei Rabe der Wortwechsel zum „Fernunterricht“, fürchtet er doch stets klagebereite Eltern, für sich gegen die staatliche Schulpflicht ein „Homeschooling“ durchzusetzen. Bisher sind diese Klagen in Deutschland gescheitert. So auch baut Rabe vor: „Wir müssen alles tun, dieses ganz neue Feld, in das wir jetzt ganz stürmisch hineingeschubst worden sind, zu ordnen, Qualitätskriterien anzulegen und den Lehrern, Schülern und Eltern Rückenwind geben.“

Zu diesem Zeitpunkt allerdings lagen nicht nur Ties Rabe, sondern der gesamten KMK erste Brandbriefe von Verbänden, Schulleitungen, namhaften Wissenschaftlern und couragierten Lehrerinnen und Lehrern vor, in denen der Alltag am Küchentisch geschildert wurde. Die Sorge galt nicht den Abiturienten oder den Schülerinnen der höheren Klassen, sondern den kleinen Kindern, die gerade erst „Schulalltag“ gelernt hatten, und jenen Kindern aus sozial benachteiligten Lebensverhältnissen, den Kellerkindern des deutschen Bildungssystems, über die viel geschrieben, aber wenig Durchgreifendes getan wird. In einem behutsam formulierten Offenen Brief an die KMK weisen Bildungsforscher wie Jürgen Baumert oder Klaus Klemm sowie ein Dutzend Schulleiter und Schulleiterinnen von preisgekrönten Schulen auf die Folgen des „Homeschooling“ hin. Es fehle nicht an hohem Engagement und gutem Willen von Lehrern und Eltern, aber es bestünde die „begründete Sorge“, dass viele Schülerinnen und Schüler „abgehängt“ würden. Es fehlten für den „Fernunterricht“ nicht nur die erforderlichen digitalen Geräte und der Internetzugang. „Vor allem sind die Möglichkeiten der familiären Unterstützung eingeschränkt, denn nicht alle Eltern beherrschen das in der Schule geforderte Deutsch und sind vertraut mit den Bildungsinhalten.“ Es fehle diesen Kindern und Jugendlichen die alltägliche deutsche Sprachpraxis. „Mit jedem Tag Abstand zur Schule wächst in ihrem Lernstand die Differenz zu denjenigen, die Tag für Tag an den von der Schule vorbereiteten Lernaufgaben arbeiten, dabei technisch, emotional und fachlich unterstützt von ihren Eltern.“ Die Unterzeichner fordert die KMK auf, bei einer schrittweisen Öffnung der Schulen diese Kinder bevorzugt zu berücksichtigen. Um Klagen von anderen, vor allem bildungsnahen Eltern vorzubeugen, schlagen die Bildungsforscher, ErziehungswissenschaftlerInnen und SchulleiterInnen vor, diese Maßnahme als „erweiterte Notbetreuung“ rechtlich abzusichern und dies öffentlich überzeugend zu begründen. „Es geht um mehr Bildungsgerechtigkeit“, schreiben sie und hoffen auf eine „hohe Akzeptanz“ bei vielen Menschen.

Ihre Sorge vor einem „abgehängten Corona-Jahrgang“ ist begründet und durch erste, schnell organisierte Befragungen von Hochschullehrern, dem Deutschen Jugendinstitut in München, dem Wissenschaftszentrum Berlin, dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg oder der Vodafone Stiftung belegt. Für die Vodafone Stiftung befragte im April infratest dimap über tausend Eltern schulpflichtiger Kinder. Viele sind unter psychischem und ökonomischem Druck, haben Angst vor Ansteckung (52 Prozent) und Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage (58 Prozent). Fast die Hälfte der Eltern gibt an, unter diesen Bedingungen nicht die nötige Unterstützung für das Lernen ihrer Kinder aufzubringen. Fast die Hälfte der Mütter und Väter mit niedriger Bildung geben an, dass ihnen Kenntnisse und Wissen fehlen, um ihre Kinder beim Lernen zu Hause gut zu unterstützen (46 Prozent). Bei Eltern mit formal hoher Bildung sind es „nicht einmal ein Viertel (22 Prozent)“, schreibt die Vodafone Stiftung in ihrer Pressemitteilung vom 24. April.

Und das Lernen findet kaum statt. Die Mehrheit der Eltern (88 Prozent) gibt an, dass ihren Kindern der Austausch mit Klassenkameradinnen und -kameraden sowie Lehrkräften fehle. Nur sieben Prozent der Schülerinnen und Schüler nähmen täglich an digitalem Unterricht teil. Sie (beziehungsweise ihre Eltern) bekommen Post von den Lehrern per Mail, auf das Handy oder im Briefumschlag. Dabei sind viele Kinder „verloren gegangen“, wie eine Lehrerin aus Hamburg im Radio mitteilte. Telefonnummern oder Mailadressen erwiesen sich als falsch. Zu wie vielen Kindern die Pädagogen zwei Monate lang überhaupt keinen Kontakt hatten, weiß zurzeit niemand.

Auch über die Lernzeit am Küchentisch gibt es bisher wenig Genaues. Der Marburger Erziehungswissenschaftler Ivo Züchner wollte sie wissen und befragte 300 Schüler der Klassen 5 bis 12 in Hessen und 900 in Nordrhein-Westfalen. Sie gaben zwischen zwei und vier Stunden an, vor allem in den Fächern Deutsch und Englisch, in Mathematik und Naturwissenschaften schalteten sie ab. Nach allen Befragungen und Reportagen aus dem Alltagsleben zu Hause finden andere Fächer des Stundenplans kaum oder nicht statt. Um die Gymnasiasten in den Abschlussklassen kümmerte sich eine Forschergruppe im Nürnberger IAB, schließlich ist das Abiturzeugnis immer noch die wichtigste Eintrittskarte für Studium und Berufslaufbahn. Der jetzige Abitur-Jahrgang äußerte sich frustriert: 46 Prozent erklärten, weniger als zwei Stunden täglich etwas für die Schule zu tun (IAB-Forum vom 23. April). Auffallend an den bisherigen Befragungen ist, dass Schüler selbst in der gymnasialen Oberstufe wenig Interesse am Homeschooling zeigen. Ein Drittel kreuzte 0 bis 2 Stunden an, knapp die Hälfte 2 bis unter 4. Die Online-Befragungen des WZB und des DJI geben ein Spiegelbild aus Familien mit formal hohem Bildungsgrad und ohne finanzielle Sorgen wider.

Erstaunlich ist dennoch ein Ergebnis. Auf die Frage, mit wem die Kita-Kinder und Grundschüler jetzt ihre Zeit verbringen, antworten 13 bis 18 Prozent trotz der Warnungen der Virologen: mit den Großeltern. Aber 46 Prozent verbringen ihre Zeit zu Hause allein.

Ungleichheit (Screenshot)

Was aber bedeuten alle diese vorläufigen Einblicke in die Familien, in die Küchen und Wohnzimmer? Die Kluft zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Schichten ist noch einmal breiter und tiefer geworden. Und sie wird sich nicht auflösen, denn die Corona-Bedrohung bleibt auf absehbare Zeit (Zauberformel: bis ein Impfstoff gefunden worden ist) bestehen. Start-ups in Berlin wittern ein Geschäft und rüsten sich, den überforderten Eltern im Homeoffice an den schulfreien Tagen die digitale Betreuung ihrer Kinder zu übernehmen. Die Lehrerinnen und Lehrer aber werden mit den Erkenntnissen der letzten Monate allein gelassen. Denn nach der stufenweisen Öffnung der Schulen an einem, zwei oder drei Tagen pro Woche für ein paar Stunden stehen Deutsch, Englisch und Mathe auf dem eingekürzten Stundenplan. In den Pisa-Testfächern geht es da weiter, wo im März der abrupte Stopp verfügt wurde. Welche Chancen die „abgehängten“ und „verlorenen“ Schüler haben, hängt an den einzelnen Lehrern. Die „Abstandsregeln“, so die amtierende KMK-Präsidentin Stefanie Hubig (SPD) in einem Interview mit der Berliner Tageszeitung (21.Mai), bestimmten „stark die Art des Unterrichts“. Mit Lehrerinnen und Lehrern, die nicht zu den Risikogruppen zählen dürfen. Letztere sind vom „Präsenzunterricht“ freigestellt. Ob sich in den Kultusministerien die Beamten dazu die Zahlen angesehen haben? In den amtlichen Statistiken lässt sich finden, dass von den rund 800.000 Pädagogen an allgemeinbildenden Schulen in nahezu allen Bundesländern rund zehn Prozent in die Altersgruppe 60 plus fallen. Wer sich freiwillig zum praktischen Unterricht meldet, macht das auf eigene Verantwortung.

Haben die verantwortlichen Ministerinnen und Minister einen Gedanken daran verschwendet, was dieser Umgang mit LehrerInnen, ErzieherInnen und Kindern für Zeichen setzt? Welcher Abiturient und welche Abiturientin, die in diesen Monaten bewusst erlebt haben, welchen Stellenwert Bildung und Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und Empathie für benachteiligte Kinder und Jugendliche in unberechenbaren, bedrohlichen und unsicheren Zeiten haben, sollen sich im Herbst für ein Studium „auf Lehramt“ entscheiden? Gebraucht werden sie dringend, denn in fünf Jahren werden allein in den Grundschulen 20 bis 25.000 Pädagogen fehlen. In den Kitas sieht es nicht besser aus. Wie stehen die Chancen?

Vielleicht ist in den jungen Frauen und Männern in den Zeiten der Corona-Krise ein trotziger Mut gewachsen, der Pandemie nicht mit Angst zu begegnen, sondern mit einem anderen mitmenschlichen Umgang statt social distancing.

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erstellt am 09.6.2020
aktualisiert am 09.6.2020

Leeres Schulzimmer in Zeiten der Corona-Krise (Screenshot)

Leeres Schulzimmer in Zeiten der Corona-Krise