Die Vereinigten Staaten von Amerika, die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik und der Umgang mit Krieg, Besatzung, Aufarbeitung der Verbrechen – Vergleiche lassen sich als Quellenarbeit, Personengeschichte, Strukturanalysen oder mit Hilfe einer oral history ziehen. Die Philosophin Susan Neiman hat in ihrem Buch „Von den Deutschen lernen“ alles mit einbezogen, und Jan Plamper ist davon angetan.

Susan Neimans Aufklärung fürs 21. Jahrhundert

Das Böse in der Geschichte

Von Jan Plamper

Susan Neiman
Susan Neiman

Die Philosophin Susan Neiman hat ein Buch zur Geschichte der Gegenwart geschrieben, so vielschichtig, so gewichtig und so wichtig, dass es geradezu verdammt ist, nicht gebührend in dieser Gegenwart wahrgenommen zu werden. Gut Ding will Weile, ein großer Wurf Zeit für Rezeption haben: Dieser Text ist ein Beschleunigungsversuch.

Von den Deutschen lernen ist mehreres zugleich: ein Argument pro Auseinandersetzung mit verbrecherischer nationaler Vergangenheit und contra Vergessen und Umschreiben; ein Argument pro postheorisches Heldentum und contra Opfer- und Traumadiskurs; stereoskopische Analyse von Erinnerungskultur Deutschland/USA; ein Reisebericht durch die Landschaften und Orte der Erinnerung in Deutschland und den Südstaaten der USA; Interviews mit Personen, die sich der kritischen Aufarbeitung der Geschichte von Nationalsozialismus und US-Sklaverei verschrieben haben; teilnehmende Beobachtung, wie sie dies genau tun, oft in Graswurzelinitiativen; Autobiographie; und ein Plädoyer für den aufklärerischen Universalismus, aber nicht auf der philosophischen Meta-Ebene, sondern angewandt und oft leichtfüßig, also mit Zeigefinger in der Ruheposition.

Neiman, eine Kantianerin und Rawls-Schülerin, lebt seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Berlin, von 1982–1988 als Doktorandin und Postdoc, seit 2000 als Direktorin des Potsdamer Einstein Forums. Inzwischen ist sie auch deutsche Staatsbürgerin. Prägend war für Neiman die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre in Georgia, wo sie aufwuchs. In ihrem Buch hält sie der Gesellschaft ihrer Jugend den Spiegel der Gesellschaft ihres Erwachsenenalters vor: Was lässt sich von der „Vergangenheitsaufarbeitung“, dem working-off-the-past, für die Erinnerung an die Sklaverei ableiten, was ist überhaupt verallgemeinerbar am Umgang der Deutschen mit dem Bösen in ihrer Geschichte?

Die Deutschen sahen sich als Opfer von Krieg und Besatzung, bis die ins Studienalter gekommenen Kinder der NS-Generation ihren Eltern unangenehme Fragen zu stellen begannen – 1968. Es dauerte mindestens ein weiteres Jahrzehnt, bis in den 1980er Jahren die Konfrontation mit dem Nationalsozialismus auf der Mikroebene begann – Geschichtswerkstätten fragten, wer eigentlich die Wohnung nebenan „arisiert“ hat, und was aus den jüdischen Nachbarn wurde. Erst in den 1990er und 2000er Jahren wurde die „von unten“ gewonnene Erkenntnis, dass die allermeisten Deutschen mehr oder minder in den Nationalsozialismus verstrickt waren, in Denkmäler, Gedenkstätten, Museen und andere staatliche Erinnerungsinitiativen gegossen.

Wenn man dies als grobes Phasenmodell auf die USA anwendet und den Civil Rights Act von 1964 als Ausgangspunkt nimmt – nicht die Abschaffung der Sklaverei 1865, denn die wurde von einem 100 Jahre währenden System gefolgt, das Neiman mit dem von Douglas Blackmon geprägten Begriff „Neosklaverei“ belegt (statt der verharmlosenden Epochenbezeichnung Jim Crow, 1877-1964) –, ergibt sich, dass der Süden sein coming to terms „von unten“, nicht per gesetzliches Oktroy aus Washington D.C., noch vor sich hat. Aber es hat begonnen – Neiman berichtet von moderierten Graswurzelgesprächskreisen am Winter Institute in Mississippi:

„Sehr persönliche Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Hautfarben, Vertreter der Opfer genauso wie die der Täter, sind die Voraussetzung für jeden ernsthaften Versuch, die Wunden der Nation zu heilen. Und: Solche Begegnungen legen nur das Fundament. Sie können zur Versöhnung der darauf aufbauenden Gemeinschaften führen und das so entstandene Vertrauen nutzen, um gemeinsam gegen die immer noch vorhandenen Ungerechtigkeiten vorzugehen. Gruppe für Gruppe, Gemeinde für Gemeinde, Bundesstaat für Bundesstaat, Nation für Nation. Es ist ein langer, beschwerlicher Prozess, aber eine Alternative dazu gibt es wahrscheinlich nicht“.

Sollte dieser ins Stocken geratene Prozess – Trump! – wieder in Gang kommen, wird sich der Süden vom Lost Cause-Mythos freimachen, sich also nicht mehr als Opfer nordstaatlicher Aggression gegen bundesstaatliche Eigenständigkeit und eine überlegene, weil vorkapitalistische, von der Moderne noch nicht angekränkelte Lebensweise sehen, wird der Fall des 1955 in Mississippi gelynchten schwarzen Teenagers Emmett Till endlich aufgeklärt, werden die Denkmäler für Generäle und andere „Helden“ der Konföderation geschliffen, wird die Flagge der Konföderierten endgültig und konsensuell zum Schandsymbol, werden Reparationen an Nachfahren von Sklaven gezahlt und wird in Washington D.C. ein nationales Mahnmal zur Erinnerung an das Verbrechen der Sklaverei gebaut – analog zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas neben dem Brandenburger Tor.

Was nun lässt sich diesem Buch abgewinnen, gerade für alle, die Politik und Zeitgeschichte schreiben? Ich greife drei Aspekte heraus.

Postwar

In der Historiographie ist in den vergangenen Jahren Konsens geworden, dass 1945 alles andere als ein Stunde null war und stattdessen die Kontinuitäten von Personen und mentalen Dispositionen zwischen NS-Deutschland und früher Bundesrepublik bzw. SBZ/DDR überwogen. Ein Großteil der Bevölkerung sah sich als Opfer – der Nazis, der Alliierten, ja der Juden. Frank Biess hat in seiner 2019 erschienenen Emotionsgeschichte der BRD, Republik der Angst, gezeigt, wie verbreitet die Furcht vor jüdischer Vergeltung für die Shoah war. Norbert Frei u. a. haben 2019 in Zur rechten Zeit herausgearbeitet, wie groß die Widerstände gegen die Entnazifizierung waren und wie effektiv sich rechte Kräfte sammelten. Samuel Salzborn hat 2020 in Kollektive Unschuld nachgezeichnet, wie die „Tätergemeinschaft des Nationalsozialismus zur Erinnerungsabwehrgemeinschaft der Bundesrepublik“ wurde.

Bei Neiman kann man das meiste davon auch nachlesen, und zwar pointiert, mit Beispielen unterfüttert und ohne Polemik. Ihr originellster – und kontroversester – Beitrag zum Thema betrifft aber die DDR: „In der Aufarbeitung der Nazivergangenheit stand Ostdeutschland besser als Westdeutschland da“. Die DDR-Regierung habe von Anfang an den Nationalsozialismus verdammt, ohne Wenn und Aber. Während Adenauer lavierte, westdeutsche Opfernarrative nährte und den 8. Mai 1945 nebulös als Tag der Kapitulation kleinhielt, feierte die DDR den 9. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus durch die Sowjetunion. (Erst 1985 deutete die BRD das Kriegsende als Befreiung um – Bundespräsident Richard von Weizsäckers berühmte Rede.) Während die BRD erst nach der deutschen Einheit Denkmäler für die Opfer der Nazis zu errichten begann, hatte die DDR ab 1949 das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park, wo 7000 der 80.000 Rotarmisten, die bei der Eroberung Berlins ihr Leben lassen mussten, begraben liegen. Neiman setzt sich systematisch, profund und immer fair abwägend mit den wichtigsten Argumenten gegen die moralisch-historische Überlegenheit der ostdeutschen Vergangenheitsaufarbeitung auseinander. Ja, sie bedient sich quantitativer Methoden und rechnet vor, wie die DDR bei der juristischen Verfolgung und Übernahme von Nazis in Ministerien und andere Ämter, bei der Memorialisierung der NS-Opfer in Denkmälern und Gedenkstätten und bei Reparationen (in der DDR vor allem durch den Transfer von Industrieanlagen in die UdSSR) vor der BRD lag.

Am beeindruckendsten sind ihre langen Interviews mit Personen wie Jalda Rebling, der Klezmer-Sängerin, Ingo Schulze, dem Schriftsteller, und Hermann Simon, dem langjährigen Direktor der Berliner Centrum Judaicum. Selbst der Bürgerrechtler Jens Reich sagt: „Dennoch ist der Vorwurf, unser Antifaschismus sei hohl gewesen, keiner, den ich akzeptieren kann.“ Neiman schreibt deshalb an gegen die Rede von den zwei deutschen Diktaturen – die Gleichsetzung von DDR und NS sei historisch und moralisch ungenau, sie diene gar kompensatorisch dazu, den NS-Antisemitismus im Gewand eines modernen Antibolschewismus wieder aufleben zu lassen, habe die NS-Ideologie ja auch Bolschewisten und Juden gleichgesetzt. Hans Otto Bräutigam, ein konservativer westdeutscher Diplomat, der lange in der DDR tätig war, pflichtet ihr bei: „Noch immer gibt es ein tiefes, unausgesprochenes Bedürfnis, die Nazis zu entlasten. Darum ziehen es die Menschen vor, sich vor allem mit der DDR zu beschäftigen“.

Neiman schönt keines der Verbrechen der DDR – aber „es gab auch Zeiten, wo sie auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden hat. Das zu vergessen hieße nicht nur, die Geschichte, sondern auch die Politik und die Moral zu verfälschen. Denn diese Vergessenheit ist ein Weg, das Böse nach außen zu verlagern und zu dämonisieren – der sicherste Weg, dieses Böse unbeschadet in die Zukunft zu tragen.“ Der Russlandhistoriker Jochen Hellbeck und andere sind ebenfalls dabei, die NS-Verquickung von Antibolschewismus und Antisemitismus neu zu vermessen und Antifaschismus als einende Klammer gegen den aktuellen Rechtsruck zu rehabilitieren. Doch vielleicht braucht es den Innen-Außenblick einer Deutschen wie Neiman, um das Bild für ein breites Lesepublikum zurechtzurücken – und gar zu schließen, die Korrektur des Ortes der DDR in der deutschen Erinnerungslandschaft sei Ermöglichungsbedingung für eine „geistige Wiedervereinigung“.

Vor Postmemory

Erinnerungstheoretisch ist Von den Deutschen lernen eher konventionell – erfrischend konventionell. Neiman nimmt an einem Treffen des Kölner Arbeitskreises für Intergenerationelle Folgen des Holocaust teil, in dem sich die Enkel von Holocaust-Überlebenden mit den Enkeln von Nazis treffen, sie besucht das Mississippi Civil Rights Museum und analysiert die DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“ sowie das Emmett Till-Gemälde „Offener Sarg“ (2016) von Dana Schutz. Sie vergleicht Denkmäler und erklärt, warum sie Ingeborg Hunzingers Skulptur zu Ehren der nichtjüdischen Frauen, die in der Berliner Rosenstraße 1943 gegen die Verhaftung ihrer jüdischen Männer protestierten, für das bewegenste der Berliner Holocaustmahnmale hält, sie diskutiert mit Bryan Stevenson, dem Direktor des National Memorial for Peace and Justice in Alabama, im Volksmund als National Lynching Memorial bekannt, über die Gefahren der Ästhetisierung des Bösen. Sie geht von der grundlegenden Annahme aus, dass diese Erinnerungsspeicher, Symbole und Rituale konsensuell sein sollten und dass sie wirkmächtig sind, sonst wären sie ja nicht so umstritten – siehe AfD-„Flügel“-Chef Björn Höckes Wort vom „Denkmal der Schande“ in seiner Dresdner Rede im Januar 2017.

Derartige Analysen von Erinnerungspolitik, die sich auf Konflikte zwischen reellen Akteuren mit Überzeugungen und Intentionen konzentrieren, sind in letzter Zeit in den Hintergrund getreten. „Anti-intentionalistische“ (Ruth Leys) Konzepte, in denen verkörperlichte Erinnerung autonom und unbewusst wirkmächtig wird, losgelöst von Überzeugungen, Willen und Signifizierung (sprachlich oder anderweitig), haben Konjunktur – Traumastudien, Postmemory und transgenerationelle Traumavererbung. In konzeptioneller, politischer und ethischer Hinsicht ist dieses neuere analytische Instrumentarium hochproblematisch. Für Deutschland sei hier nur auf die Bestseller von Sabine Bode verwiesen, etwa zu „Kriegsenkeln“. Psychische Probleme der um 1970 Geborenen werden bei Bode kausal hergeleitet aus den Schwierigkeiten für die Großeltern, ihr Leid im Zweiten Weltkrieg (Bombardierung, Vertreibung, Vergewaltigung) zu thematisieren, weil sie in erster Linie als Täter wahrgenommen worden seien. Dies sei an die Eltern weitergegeben worden und wirke sich jetzt auf die Enkel aus (auch epigenetisch, wie es neuerdings heißt). Es ist kompliziert: Freilich ist den Großeltern dieses Leid widerfahren, aber bei Bode bzw. in deren Rezeption wird trotz gegenteiliger Lippenbekenntnisse eine Rechnung aufgemacht und Erlittenes gegen Täterschaft aufgerechnet, sodass letztlich NS-Täterschaft entschuldigt wird – und dies in einem therapieaffinen, eigentlich linksliberalen Milieu. Die um 1970 Geborenen sehen sich heute oft selbst als Opfer und sammeln sich in Kriegsenkelstammtischen; teilweise wird sogar an die AfD angedockt, ja man kann inzwischen von der Entstehung einer Psychorechten sprechen.

Diese jüngsten Entwicklungen kommen bei Neiman nicht vor – in einer Neuauflage müssten sie das aber. Ansonsten ist ihr Buch noch einmal ein beeindruckender Beweis, was die „alte“ Erinnerungstheorie zu leisten vermag. (Einen Lapsus gibt es, und zwar als Neiman einem Lost Cause-Spezialisten, der als Historiker über das unbewusste Nachwirken der Reconstruction-Ära spekuliert, sagt: „Bei neurowissenschaftlichen Thesen bin ich eigentlich vorsichtig…aber es gibt eine Menge Belege für generationsübergreifende Traumata. Sie werden weitergegeben“.) Es ist nur folgerichtig, dass Neiman Viktimisierung scharf kritisiert („Olympiade des Leidens“) und sich als Vordenkerin für ein neues Heldentum etabliert hat, jenseits des alten, märtyrerfixierten, emphatischen Heldendiskurses.

Posttribalismus

„Fünf Jahre lang habe ich es selbst mit dem Stammesdenken versucht“, schreibt Neiman über ihre Zeit als Professorin in Tel Aviv von 1995 bis 2000. Das Experiment ging schief, die universalistischen Prägungen ihrer bürgerrechtsbewegten jüdisch-amerikanischen Eltern in Atlanta, Immanuel Kant und die Gerechtigkeitsphilosophie ihres Doktorvaters John Rawls waren zu stark: Ihr wurde klar, dass sie sich „einem Waffenhändler, der den ethnischen Hintergrund mit mir teilt, unmöglich stärker verbunden fühlen kann als einem Freund aus Chile, Südafrika oder Kasachstan, der dieselben Grundwerte mit mir teilt. Ich bin handelnden Menschen verbunden, nicht Ahnentafeln.“

Das macht die Wucht dieses Buches aus: Es ist die eloquenteste mir bekannte praktische Verteidigung der Aufklärung für unsere Zeit, und zwar am historischen Gegenstand by doing. Neiman setzt sich nicht groß mit der poststrukturalistischen Kritik am Universalismus auseinander, sie setzt einfach nach ihr ein. Vermutlich würde sie selbst zustimmen, dass es in der poststrukturalistischen Aufklärungskritik durchaus gewichtige Argumente gab, aber diese zu diskutieren, hätte das Buch gesprengt.

Die Debatte über Universalismus versus Partikularismus hat die deutschsprachige Geschichtswissenschaft bisher kaum erreicht, zumindest nicht bezüglich dessen, was es bedeutet, Geschichte zu schreiben. Das Thema kommt am ehesten in der Praxis von Berufung und Förderung auf den Plan – zum Beispiel: Zwar bin ich für Meritokratie, verstanden als Erfolg nach Leistung unabhängig von Alter, Geschlecht usw., aber bei der Berufung auf eine Professur für Geschlechtergeschichte hätte ich doch lieber eine Person, die sich als Frau beschreibt, auch wenn der selbstbeschrieben männliche Kandidat mehr geleistet hat, alleine weil ich an die Kraft von Vorbildern glaube und meine, dass Studierende, die sich ähnlich beschreiben, eher akademische Karrieren anstreben werden, wenn eine genauso selbstbeschreibende Person vor ihnen im Hörsaal steht.

Doch eigentlich geht die Debatte viel weiter und zielt ins Herz der historischen Praxis. Sollten Weiße westafrikanische Geschichte erforschen, oder ist das cultural appropriation? Wenn Letzteres, auf welcher argumentativen Grundlage kann man noch Rassisten entgegentreten, die behaupten, Schwarze könnten die Musik, Dichtung, Geschichte von Weißen nicht verstehen? Können Personen der Gegenwart überhaupt Personen der Vergangenheit untersuchen? Wenn nicht, verengt sich der Kreis der Untersuchungsgegenstände nicht immer weiter, sodass man am Ende bei sich selbst landet, da nur man selbst sich selbst zu verstehen meint? Das heißt es nämlich, wenn Neiman schlussfolgert, „dass Stammesdenken die Tendenz hat, immer enger zu werden“. Hier erweist sich Von den Deutschen lernen als wegeweisend für Fragestellungen aus den Studien zu Critical Whiteness und Postkolonialismus, die die Historie ebenfalls zu erreichen beginnen.

***

Genauso anregend für die Geschichtswissenschaft und aus dem letzten Gedanken folgend erweist sich auch die Form dieses Buches – mir ist kein vergleichbares Werk bekannt. Zunächst einmal ist das Buch ein Musterbeispiel vergleichender Geschichtsschreibung: So kann man es verantwortungsbewusst machen, ohne den strengen Konventionen der sozialwissenschaftlichen Komparatistik zu gehorchen. Darüber hinaus, und dies hat mit der angewandten Aufklärung zu tun, wird immer die eigene Standortgebundenheit transparent gemacht, ja der Denkprozess, die rationale Deliberation nachverfolgt, sodass man im Fazit eines Kapitels zu Reparationen für Sklaverei lesen kann, „Als ich anfing, dieses Kapitel zu schreiben, war ich selbst nicht ganz sicher, wo ich stand. Doch je länger ich über die Fragen nachdachte, umso mehr kam ich zu der Überzeugung, dass die Gerechtigkeit nach Entschädigungen verlangt, so schwierig ihre Ausarbeitung im Detail auch sein mag.“ Oder inmitten eines Gesprächs mit einem weißen Südstaatenrassisten: „Zwar hatte ich nicht ernsthaft Sorge, dass der Mann mir etwas antun würde, aber ich glaubte auch nicht, dass ich seine Ansichten verändern könnte. Ich beschloss, den Mund zu halten und ihn reden zu lassen. Bis heute weiß ich nicht, ob ich nicht doch hätte aufstehen und gehen sollen.“ Neiman macht vor, wie wir, die wir Geschichte schreiben, unsere gedanklichen Entscheidungsprozesse, Zweifel eingeschlossen, in die immer noch viel zu oft vermeintlich neutrale, aus der vermeintlichen Distanz verfasste Narration einfließen lassen könnten.

Die Argumente sind immer nachvollziehbar, auf jede starke Meinung folgt ein „weil“ oder ein Abwägen, manchmal über Seiten – Argument, Gegenargument. Die narrative Konstruktion, der Erzählbogen, das stete Einflechten von O-Tönen machen das Buch einfach zu lesen, ohne zu vereinfachen – wäre nur mehr Wissenschaft so eingängig geschrieben! Schließlich: Angewandter Universalismus meint auch, wir müssen „die Furcht vor allem, was an Kitsch grenzen könnte, ablegen – eine Furcht, die heute einer Bildungskultur zugrunde liegt, die sich mit Ironie wesentlich wohler fühlt“. Immer wieder blitzt Humor auf, aber sonst ist das Buch tatsächlich postironisch, und in dieser Absage ans uneigentliche Sprechen dürfte Neiman ihrer Zeit voraus sein, denn die Greta Thunberg- und Bernie Sanders-Jugend ist vom Stil her wieder pro Transparenz, pro Pathos. Überhaupt ist das Zielpublikum das denkbar breiteste, also nicht nur USA und Deutschland (was schon schwierig genug ist), sondern potenziell alle Menschen – sehr wenige sind in der Lage, so zu schreiben. Das ist Posttribalismus für die Praxis und at its best. So hat die Aufklärung eine Zukunft – und sei es nur im Sinne Becketts, den Neiman für die Vergangenheitsaufarbeitung in Anschlag bringt:
„Try again. Fail again. Fail better“.

Siehe auch

Video der digitalen Buchpremiere „Von den Deutschen lernen“ am 3. Juni 2020 (Volksbühne Berlin): Susan Neiman im Gespräch mit dem Schriftsteller Ingo Schulze.

Jan Plamper (Foto: Stephan Röhl)
Jan Plamper (Foto: Stephan Röhl)

Jan Plamper ist Professor für Geschichte am Londoner Goldsmiths College und Autor von zuletzt „Das neue Wir. Warum Migration dazugehört: Eine andere Geschichte der Deutschen.“ (S. Fischer, 2019).

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erstellt am 05.6.2020

Buchcover: Susan Neiman, Von den Deutschen lernen

Susan Neiman
Von den Deutschen lernen
Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können.
Originaltitel: Learning from the Germans. Race and the Memory of Evil.
Übersetzt von Christiana Goldmann
Fester Einband, 576 Seiten
ISBN: 978-3-446-26598-1
Hanser Berlin, 2020

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