Alfred Kolleritsch, Dichter und legendärer Herausgeber der »manuskripte« ist tot. Er war Gymnasiallehrer und unterrichtete Philosophie und Literatur an der Grazer Universität. Er war die zentrale Figur der Grazer Stadtpark-Kultur und großherziger Förderer nicht nur der jungen österreichischen Literatur. Der freundliche Mensch mit dem bösen Blick (Handke) veröffentliche zwölf Lyrikbände. Volker Breidecker erinnert an den Schriftsteller.

Erinnerung

Der Türöffner

Zum Tode des österreichischen Dichters, Schriftstellers und Literaturvermittlers Alfred Kolleritsch

Zum Glück für die deutschsprachige Literatur der zweiten Nachkriegszeit gab es nicht nur die „Gruppe 47“ mit ihren Großwesiren und Reserveoffizieren. „Graz, Stadtpark 1“ hieß seit dem Ausgang der fünfziger Jahre die erste Adresse der jüngeren deutschsprachigen Literatur, bekannt auch als deren „Genie-Ecke“. In dieser heiklen und sensiblen Grenzregion, wo eine Peripherie an die andere stößt, mit Reibungszonen, die selbst einen jeden Vers konkreter Poesie zum umkämpften Politikum machten, da wollte, sollte man einfach Avantgarde sein und war einer experimentellen, selbst wiederum neue Erfahrungen ermöglichenden Literatursprache verpflichtet. Und anders als in Berlin, München, Wanne-Eickel oder Frankfurt wäre da auch gottlieb niemand auf die Idee gekommen, einfach so darauflos zu schreiben, wie ihm der Schnabel gerade – oder auch schief – gewachsen wäre. Alles hatte mit einer „Revolution im Stadtpark“ begonnen, und Alfred Kolleritsch war ihr Prophet.

Es war wie im Märchen: Ein leerstehendes Kaffeehaus im Stadtpark sollte abgerissen werden, wogegen Künstler aller Sparten, die nach einer gemeinsamen Spielstätte suchten, Sturm liefen. Auf den Zusammenschluss zu einem (wörtlich Anno 1959!) „Aktionskomitee“ reagierte die Stadtverwaltung – wie demnächst wohl auch wieder der Frankfurter Magistrat im potjemkinschen Bühnenstreit – mit der Beschleunigung der Abrisspläne, bis die Stadtoberen vor dem davon entfachten Proteststurm am Ende kapitulierten und – welch leuchtendes Vorbild für „Frankfurt 2099“! – den demokratisch gefassten Ratsbeschluss genauso demokratisch wieder rückgängig machten. Das war die Geburtsstunde des Grazer Kunstvereins „Forum Stadtpark“, aus dem späterhin der legendäre „Steirische Kulturherbst“, zunächst aber, und noch am Tag seiner festlichen Einweihung, die vom November 1960 bis heute ununterbrochen von Alfred Kolleritsch herausgegebenen „manuskripte“ als „Zeitschrift für Literatur“ und nichts anderes hervorging. Seit der ersten, noch hektographierten Nummer bis zum Heft Zweihundertsiebenundzwanzig von 2020 enthält das Impressum den Vermerk, dass „nur Erstdrucke veröffentlicht“ werden, neben dem Hinweis auf das Copyright exklusiv „by the authors“.

Die Autoren, die Kolleritsch seither versammelte, oftmals noch als Debütanten, sind Legion, und längst legendär ist der engere Stammkreis der „Grazer Gruppe“: Wolfgang Bauer, Barbara Frischmuth, Gert Jonke, Gunter Falk, Elfriede Jelinek, Gerhard Roth, Michael Scharang, Helmut Eisendle und Peter Handke, der hier entdeckt wurde, bevor er aufbrach, um die deutschsprachige Literatur vom Diktat der Gruppe 47 zu befreien. Schade nur, dass unter dem Ruhm von Kolleritschs jahrzehntelanger Präsidentschaft über das Forum Stadtpark seine großartigen Meriten als Lyriker und Erzähler nicht immer die gebührende Aufmerksamkeit erfahren haben. Mit dem wunderbaren Humor und der feinen Ironie, womit der Mann mit den wasserklaren, klugen und neugierigen Augen zeitlebens begabt war, hat Alfred Kolleritsch das späte Erscheinen eigener Werke – der erste Gedichtband des Petrarca-Preisträgers „erinnerter zorn“ sowie der erste Roman „Die Pfirsichtöter“ erschienen beide im selben Jahr 1972 – auf eine „anhaltende Schreibverzögerung“ zurückgeführt: Sie begleitetete ihn wohl schon seit seiner in den Romanen verarbeiteten Kinderzeit, als dem notorischen Linkshänder das Schreiben mit der linken Hand von der Grundschullehrerin mit Stockhieben und Schlägen mit dem Geigenbogen ausgetrieben wurden. Seither seien beide Hände miteinander uneins geblieben.

Überwältigend sind Umfang und Geschlossenheit seines lyrischen Werks, das an sprachlicher Schönheit bei einerseits hermetischer Dunkelheit, andererseits herrlich klarer und eingängiger Musikalität in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nichts Gleichwertiges hat. Dazu passt, dass dieser poeta doctus und Philosoph, der einst über Heidegger promovierte, auch ein ungemein musikalischer Mensch gewesen ist – Bruder des Musikwissenschaftlers und Komponisten Otto Kolleritsch und Jugendfreund des Pianisten Alfred Brendel –, dem man nur zu gerne lauschte, wenn er mit warmherziger, weicher Stimme sprach und dazu seine stets staunenden und doch scheuen Kinderaugen weit aufriss. Als Alfred Kolleritsch vor bald einem Dezennium achtzig Jahre jung geworden war, hatten ihm die im Grazer Literaturhaus versammelten Freunde Schüler und Weggefährten einen mit eigens beigesteuerten Bildern und Texten wunderbar gestalteten Band überreicht, unter dem Titel: „Das schönste Fremde ist bei Dir“ – auch über seinen Tod hinaus.

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erstellt am 30.5.2020

Alfred Kolleritsch

Alfred Kolleritsch (1931 – 2020)
Foto: Dnalor_01, Wikimedia Commons/CC-BY-SA 3.0

DAS FEUER ist fort vom Himmel,
die Brandstelle ist weggefegt.

Zurückgeblieben
Ist eine Hügelkette. Weit draußen
Fängt sie die Erde ein.
Auf der Wiese:
Die Verwandlung der Asche in Gras.
Und in den Augen
Werden es Blumen sein.

Mit Berührung füllt sich der Raum,
das Erregende
erfindet die Namen.

Die Schritte
Sind Wege,
Umkehrungen
Des Sternenrausches in Tod.

Aus:
Alfred Kolleritsch: Im Vorfeld der Augen. Gedichte. Residenz Verlag, Salzburg und Wien 1982