Wer schreibt, um sich zu erinnern, gibt der Erinnerung eine Form, die sie vor dem Schreiben nicht hatte. Wer sich aber erinnert, um zu schreiben, setzt eine Suche im Gedächtnis in Gang, die nach Aufschreibenswertem forscht. So schreibt er sich selbst als Beschreibbaren nieder. So kann das Erinnern zur Meditation, zur beschreibbaren Selbstfindung werden. Doris Dörrie hat das versucht, Otto A. Böhmer hat es nachvollzogen.

Buchkritik: Doris Dörrie lädt zum Schreiben ein

Erinnerungskünstlerin

Wirkliche Selbstfindung wird dem Menschen nur selten gewährt; eher schon gönnt man ihm Glücksmomente, Ahnungen, Einsichten, die eine wundersame Besinnung erlauben, welche uns wichtig sein sollte – läßt sie doch, im bedachten Augenblick, aufscheinen, was, unter dem unendlichen Himmel, das Gewährende ist. Von all dem künden Einflüsterungen der Erinnerung, die den verführerischen Tonfall beherrscht, aber auch Gefahr läuft, eines unschönen Tages zum Totalausfall zu werden. Wie dem auch sei: Ohne unsere Gedächtnisbilder, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, sind wir nur die Hälfte wert, weshalb ein dickes Lob angebracht ist: „(…) Im unermeßlich weiten Haus des Erinnerns“, befand schon der Philosoph und Kirchenvater Augustinus, „lebt mir Himmel und Meer und Erde und alles, was ich von ihnen je erfahren, nur jenes nicht, was ich vergessen habe. (…) Dort drinnen begegne ich mir selbst, erinnere mich meiner selbst und was ich empfand … Und da ich solches sage, sind all die Bilder dessen, was ich sage, vor den Augen meiner Seele, entnommen aus dem gleichen Schatze des Erinnerns. Groß ist die Kraft, o Gott, meines Gedächtnisses, groß, gar gewaltig groß, ein stilles Heiligtum, so weit und grenzenlos. Wer dringt auf seinen Grund?”

Das ist die Frage. Erinnerungsforscher sind zu eindrucksvollen Ergebnissen gekommen, aber auf den Grund des stillen Heiligtums sind sie noch nicht vorgedrungen. Ein Berufsstand, für Anmaßungen ohnehin empfänglich, pflegt eine besondere Beziehung zur Erinnerung: die Schriftsteller. Sie verstehen sich darauf, in ihre eigene Geschichtswelt einzutauchen und dort fündig zu werden. Die Werke, die dabei entstehen, sind nicht immer spannend, manchmal sogar merkwürdig aufgeblasen, lassen im gelungenen Fall aber Unerhörtes anklingen und führen zu Wiederentdeckungen, die über das persönliche Befinden des Erinnernden hinausweisen und ans Allgemeinmenschliche rühren.

Doris Dörrie (2017), Autorin und Regisseurin © Amrei-Marie - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0 (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64112812)
Doris Dörrie, Autorin und Regisseurin

Eine Erinnerungskünstlerin von Format ist die Schriftstellerin und Filmemacherin Doris Dörrie, die sich zudem als begnadete, mit feinem Humor gesegnete Erzählerin präsentiert, von der man einiges lernen kann. Dörrie hat sich nie um das Standesbewußtsein geschert, das in ihrer Branche bedient wird. Ja, sie ist sogar der Meinung, dass „jeder der lesen kann, auch schreiben (kann)“; man muß nur etwas zu sagen haben. In ihrem neuen, sehr schönen und sehr zu empfehlenden Buch „Leben, schreiben, atmen“ gibt sie „eine Empfehlung zum Schreiben“ aus, die man wahrnehmen darf, auch wenn keine Absicht besteht, sich in überfüllten Autorenkreisen Zutritt zu verschaffen: „Immer wieder erlebe ich, welche enorme Ermächtigung es bedeutet, sich dem eigenen Leben schreibend zu nähern“, sagt Dörrie in einem Interview. „Welche Freude, welche Inspiration … daraus entstehen kann, zu begreifen, dass jedes Leben berichtenswert ist! Dass jedes Leben unverwechselbar und das ganz eigene und besondere ist! Das bedeutet sehr viel in einer Welt, die sich immer mehr an einer homogenen digitalen Oberfläche orientiert, die immer nur fragt, ob ich schön und erfolgreich genug bin.“ Dörrie erzählt auch von ihren Versuchen, zu Erleuchtungen zu gelangen, die, laut Auskunft ambitionierter Weisheitslehrer, erst erarbeitet und dann durchstanden werden müssen.

Die Autorin macht viel, aber nicht alles mit und behält, erfreulich für den Leser, ihren Blick für die komischen Seiten der Selbstfindung bei, die Ergebnisse zeitigt, für die es keinen Finderlohn gibt: „_Auf meinem Kissen ist es langweilig, es gibt keine Erleuchtung. Auf all den Kissen, auf denen ich … in Klöstern und Zentren in verschiedenen Städten, in meinem Zimmer und Hotelzimmern gesessen bin, geschieht nie etwas Großartiges oder Erbauliches oder Wunderbares. Nur das ganz normale Leben. Die Töne, die Geräusche, die Gerüche, mein eigenes pochendes Herz, der Blödsinn, der durch meinen Kopf hüpft, all die Gefühle wie ständig wechselndes Wetter, aber alles, wirklich alles vergeht auch wieder. Alles nichts Besonderes, und das ist das Erholsame.“_

Einmal ins Schreiben befördert werden Erinnerungen eingängiger, auch anschmiegsamer und verlangen nach Zuwendung, der man entsprechen sollte: „Die Erinnerungen verändern sich und wandern. Sie werden zu Geschichten, unserem Kosmos der menschlichen Erfahrungen, den es immer neu zu füllen gilt mit ihrer Einzigartigkeit. Deshalb ist persönliche Geschichte erzählenswert. Die genaue Beschreibung der Einzigartigkeit jedes Einzelnen von uns bewahrt uns vor der Vorstellung, dass die Dinge klar und einfach sind. Sind sie nicht. Sie in all ihrer Widersprüchlichkeit zu beschreiben ist Waffe gegen Dogmatismus und Ausgrenzung. Allein deshalb sollten wir uns erinnern. Und schreiben.“ Das kann, wenn's denn nicht so gut läuft, mühsam sein, bedrückend; manchmal möchte man den freiwilligen Schreibdienst quittieren und sich direkt in die Strafkammern der Verzweiflung einweisen lassen. Es gibt ein Scheitern im Schreiben, ja doch; damit muß man rechnen. Egal. Aufgeben vor der Zeit gilt nicht, zumal, allen Zwischenständen zum Trotz, noch viel zu erfahren ist, gerade in den anfangs noch unzugänglichen Bereichen:

„Schreiben ist Unterwassertätigkeit, ein Abtauchen in Regionen, die einem unbekannt sind oder die man vergessen hat … Man taucht ab in das eigene Leben. In das Leben, das man wirklich hat, nicht das, das man sich vielleicht wünscht. Man ist mit einem Mal dort, wo einem niemand zuschaut. Ganz bei sich. Ruhig weiteratmen! Weiterschreiben. Weitermachen. Jeder Tag ist ein guter Tag. Ha!“

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erstellt am 30.5.2020
aktualisiert am 02.6.2020

Buchcover: Doris Dörrie, „Leben, schreiben, atmen“

Doris Dörrie
Leben, Schreiben, Atmen
Eine Einladung zum Schreiben.
Hardcover Leinen, 288 Seiten
ISBN: 978-3-257-07069-9
Diogenes Verlag, Zürich 2019

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