Er war der große Solitär des deutschen Undergrounds, die graue Eminenz am unbekannten Rand des Literaturbetriebs, der letzte Mohikaner der subkulturellen Literaturszene. Jetzt ist Jürgen Ploog am 19. Mai im Alter von 85 Jahren in Frankfurt gestorben. Wolfgang Rüger erinnert an ihn.

Erinnerung an Jürgen Ploog

»Ich bin nicht unterwegs um zu finden, sondern um zu suchen«

Zuletzt gesehen haben wir uns im August letzten Jahres. Er sah immer noch wie das älter gewordene Double von Brian Ferry aus, gut gekleidet, den Schnellhefter mit seinen Textblättern unterm Arm. Clemens Meyer hatte Jürgen Ploog zu seiner Abschiedslesung als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim in die Nikolauskapelle eingeladen. „Cut-up – Lesung und Gespräch“ war der Abend überschrieben. Klar war, daß ich da hinging. Zum einen war es eine seltene Gelegenheit, den alten Freund wiederzusehen, zum anderen hatte ich ein bißchen Angst, daß sonst kaum einer kommen würde. Ploog litt zeitlebens darunter, daß gerade in Frankfurt kein Hahn nach im krähte. In den über 35 Jahren, die wir uns kannten, hat er schätzungsweise keine Handvoll mal in Frankfurt gelesen. Bergen-Enkheim zeigte sich dann aber von seiner besten Seite, die Kapelle war gut gefüllt, und das Ploog-atypische Publikum fühlte sich, soweit ich das beurteilen konnte, gut unterhalten.

Anfang der achtziger Jahre war ich ein blutjunger Verleger, gerade aus der hohenlohischen Provinz als Student nach Marburg gekommen, und schon Veranstalter einer Lesereihe im Café des Buchladens Roter Stern. Eingeladen wurden damals alle literarischen Heroen des deutschsprachigen Undergrounds. Der Größte von allen war Jürgen Ploog. Er war damals schon „ganz ohne Zweifel einer der einflußreichsten sogenannten Subliteraten“ (Florian Vetsch) und genoß in der Alternativszene Kultstatus.

Jürgen Ploog in den 70er Jahren
Jürgen Ploog in den 70er Jahren

Seit den frühen sechziger Jahren war der in Frankfurt lebende Ploog in der Szene präsent. Zusammen mit Carl Weissner, Udo Breger, Jörg Fauser, Pociao und Walter Hartmann bildete er Ende der Sechziger/Anfang der Siebziger den harten Kern der little mag Szene. Ploog war der einzige deutschsprachige Cut-up-Autor von herausragender und originärer Qualität. Mit seinen Büchern „Cola Hinterland“ (1969), „Die Fickmaschine“ (1970) „Sternzeit 23“ (1975), „Radarorient“ (1976), „Pacific Boulevard“ (1977), „Motel USA“ (1979), „Nächte in Amnesien“ (1980) hat er den Deutschen vorgeführt, was Cut-up ist. Als Mitherausgeber von „Gasolin 23“, dem vielleicht wichtigsten little mag Deutschlands, hat er Maßstäbe gesetzt und Talente gefördert.

Geboren wurde er 1935 in München. 1952 kam er mit dem Schiff zum ersten Mal in die USA, wo er ein Jahr als Austauschschüler in Pittsburgh verbrachte und „eine vollkommen andere Welt“ kennenlernte. Nach dem Abitur begann eine Zeit des Suchens nach einem Beruf, in dem sich künstlerische Tätigkeit und Broterwerb verbinden ließen. Gefunden hat er diesen bei der Lufthansa, für die er 33 Jahre lang als Langstreckenpilot unterwegs war. „Die Fliegerei war die richtige Art und Weise, wie ich mein Leben verbringen konnte.“ Für das zerrissene Leben des Piloten (heute hier, morgen da) fand er in der von William S. Burroughs entwickelten Cut-up-Methode die für ihn am besten geeignete Ausdrucksweise. Fortlaufendes lineares Erzählen war durch die Lebensweise des Piloten nicht möglich. Die harten Schnitte des Cut-up ermöglichten, in der Sprache die Sprünge des Lebens nachvollziehbar zu machen. Seine ersten Texte waren noch vom reinen Cut-up geprägt, wurden dann aber im Lauf der Zeit, analog zur Routine des Fliegens, geschmeidiger und assoziativer, wie er in einem sehenswerten und aufschlußreichen Film von Eliott Ploog, der auf youtube zu sehen ist, selbst zugibt.

Seit den Sechzigern war seine Wohnung im Frankfurter Westend Anlaufpunkt der Frankfurter Boheme. Jörg Fauser hat ihm in seinem autobiographischen Roman „Rohstoff“ unter dem Pseudonym Anatol Stern ein literarisches Denkmal gesetzt: „Manchmal ging ich nach Feierabend zu Anatol Stern. Er lebte mit Frau und Tochter im Westend. Stern war von Hauptberuf Pilot, das Schreiben erledigte er nebenher, meistens in den Hotels, in denen die Crews abstiegen, in Karachi, Bombay, Bangkok, New York, Los Angeles, Rio. Seine Frau war außerordentlich attraktiv und gastfreundlich. Es schienen eine Menge Hippies und Junkies in der Wohnung zu verkehren, aber nach und nach bekam ich mit, dass es Literaturstudenten waren, Models, Boutiquenbesitzerinnen, Künstler, Autoren.“

Jürgen Ploog im Video zur LP „TAPES“

Mitte der Achtziger kam ich nach Frankfurt, stieg schnell zum leitenden Feuilletonredakteur der Stadtzeitschrift Auftritt, später Journal Frankfurt, auf und versammelte alle mir wichtigen Autoren um mich. Der intelligenteste Kopf unter ihnen war Jürgen Ploog. Wie kein anderer im deutschsprachigen Raum hat er in seinen Essays die Literatur aus den Randzonen gleichsam programmatisch und prophetisch analysiert, kommentiert und kritisiert. Unter dem Titel „Facts of Fiction, Essays zur Gegenwartsliteratur“ sind seine besten Essays versammelt. Am Beispiel von William S. Burroughs, Kathy Acker, Carlos Castaneda, Sam Shepard, Joseph Conrad und Rolf Dieter Brinkmann setzt er sich mit der Zukunft der Literatur auseinander.

Jahrzehntelang war er Verfechter und Vordenker einer Literatur, die in ihrem Bewußtsein mit den Transformationen der Lebenswelt Schritt halten kann. „Veränderungen in der Landschaft der Wahrnehmung werden Veränderungen in ihrer Darstellung nach sich ziehen. Ja. Aber das ist nur die handwerkliche Voraussetzung, die eigentliche Arbeit des Schreibers ist, über die Abenteuer, denen Bewußtsein ständig ausgesetzt ist, zu berichten, die noch nicht Allgemeingut gewordenen Erfahrungen/Wahrnehmungen dingfest zu machen, sie fiktiv durchzuspielen.“

Sein Werk umfaßt heute 35 Einzelpublikationen, alle veröffentlich in Klein- und Kleinstverlagen, vom etablierten Feuilleton praktisch nicht zur Kenntnis genommen. Er war der sprichwörtliche Prophet, der im eigenen Land nichts gilt.

In den zehn Jahren meines Journalistendaseins hatten wir intensiv miteinander zu tun. Ab der Jahrtausendwende trafen wir uns nur noch sporadisch. Er war als Pilot pensioniert, ich wurde Antiquar. Vom Heuschnupfen geplagt, verschwand er immer am Anfang des Jahres für mehrere Monate nach Florida, wo er einen zweiten Wohnsitz hatte. Piloten gehen berufsbedingt früh in Rente, ihm blieb jetzt viel Zeit für die Familie und zum Schreiben. Sein Freund Wondratschek hat das vor einem halben Jahr so formuliert: „Ich habe ihn dort einmal besucht. Und sah, was ich kenne: Jürgen an der Schreibmaschine. … Nun wird der Altmeister, der Freund, der Autor, Essayist und Theoretiker, unglaubliche 85 Jahre. Ein, wie es für einen Mann seiner Statur gehört, sturer Hund, der seine in den späten sechziger Jahren begonnene Pionierarbeit ohne erkennbare Ermüdung bis heute fortsetzt.“

Obwohl er kontinuierlich publiziert hat, in Insiderkreisen verehrt wird, ist er doch der wahrscheinlich unbekannteste Große in der deutschsprachigen Literatur der zweiten Jahrhunderthälfte geblieben. In der Schweiz und in den USA hatte er noch die größte Reputation und Fangemeinde.

Auf meine Geburtstagsmail im Januar gab er mir schon keine Antwort mehr. Über Dritte hörte ich von einer schweren Herzoperation. Das Herz hat ihn jetzt im Stich gelassen. Aus der Schweiz höre ich, daß über 60 Namen aus der weltweiten Literaturszene auf seiner Traueranzeige genannt werden möchten.

Für eine Entdeckung ist es nie zu spät. Auch postum könnte man dem Werk dieses Autors die ihm gebührende Anerkennung verschaffen. Neugierigen empfehle ich zum Einstieg einen Klick auf www.ploog.com. Wenigstens das Internet macht ihn unsterblich.

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Kommentare


Axel Dielmann - ( 28-05-2020 03:27:37 )
Eine schöne Erinnerung an Ploog, lieber Wolfgang. Bitter. Und »Bitter Lemon« wird allmählich zu einem historischen Konvolut!

Malte Rauch - ( 28-05-2020 06:45:33 )
Jürgen Ploog gehörte zum Redaktionsteam unserer handgemachten alternativen Zeitung Koop 2000, Untertitel : Zeitung für die befreiten Gebiete Frankfurts. Das war 1968 und es gab nur zweieinhalb Ausgaben. Zur selben Zeit schuf Helmut Schauer vom SDS ein seriöses, sozialistisches Info-Blatt. Unvergessen die öffentliche Diskussion im damaligen (ersten) Buch Café Libresso am Opernblatz, wo der Schwabe Schauer unser "Plättle" schmähte, währen Jürgen Plot dessen "Bladl"niedermachte.

Axel Dielmann - ( 28-05-2020 11:22:15 )
Eine schöne Erinnerung an Ploog, lieber Wolfgang. Bitter. Und »Bitter Lemon« wird allmählich zu einem historischen Konvolut!

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erstellt am 24.5.2020

Jürgen Ploog (1935 – 2020)
Foto: Harald Schröder