Marion Saxer war kein Medienstar, aber bekannt als Aktivistin der Frankfurter Musikwissenschaft. Ihre interdisziplinären Symposien fielen schon wegen der bunten und kühn komponierten Schar der eingeladenen Referenten aus dem akademischen Rahmen. Die Kulturmanagerin Julia Cloot, die selbst vom Fach ist, gedenkt der verstorbenen Wissenschaftlerin.

Zum Tod der Musikwissenschaftlerin Marion Saxer

Streiterin für Neues

Von Julia Cloot

Mit Marion Saxer ein Symposium oder eine Konzertreihe zu planen, war immer eine kreative Bereicherung, lehrreich, aufregend, eine energische Aufforderung zum Nachdenken. Ihre Projekte verfolgte sie mit Ideenreichtum und Hartnäckigkeit. In unserer gemeinsamen interdisziplinären Tagung „Expressionismus in den Künsten“ (2010, als Buch 2012 erschienen) sprachen nicht nur Expert/innen unterschiedlicher Disziplinen über Gegenstände ihres Fachs, sondern auch Künstler/innen über Objekte aus einer anderen Kunstsparte. Im Kreuzverfahren entstanden so völlig neue Einsichten der Komponistin zu einem Gedicht, des Videokünstlers zu einer Komposition oder des Dichters zu einem Gemälde.

Der interdisziplinäre Zugriff war eines der Charakteristika von Marion Saxers Arbeit. Sie hatte nicht nur Musikwissenschaft (bei Helga de la Motte-Haber in Berlin) und Philosophie studiert, sondern kam als Schulmusikerin und Pädagogin auch aus der musikalischen Praxis und profitierte davon in ihrer Forschung. Die fruchtbare Kooperation zwischen der Universität Frankfurt und der dortigen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst war ihre Initiative. 2013/14 gründete sie an ihrem Institut in Frankfurt ein Performance Labor, um Studierende der Musikwissenschaft, Performer/innen und Komponist/innen miteinander ins Gespräch zu bringen. Ungewöhnliche Aufführungssituationen sollten erforscht, neue Werke gemeinsam einstudiert und diskutiert werden. Im Regelstudium ist für solche Begegnungen kaum Zeit, obwohl sie für die spätere Berufspraxis unabdingbar sind.

Wie wenige Vertreter/innen ihres Fachs hat Marion Saxer ihre umfangreiche Lehrtätigkeit und den direkten Kontakt mit den Studierenden immer als Inspirationsquelle empfunden und beständig mit neuen Unterrichtsformen experimentiert. Nach vielen Jahren als Dozentin in Mainz und Wiesbaden, an den Musikhochschulen in Köln und Frankfurt, an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Graz und einer Professur an der Musikhochschule in Lübeck, lehrte sie seit 2013 als Professorin für Historische Musikwissenschaft mit Schwerpunkt Zeitgenössische Musik und Klangkunst an der Goethe Universität in Frankfurt.

Ihre Publikationsliste als Autorin ist lang und keineswegs, wie es der Titel ihrer Professur vermuten ließe, nur auf die Neue Musik und Spielarten der Klangkunst fokussiert. Nach ihrer Promotion über Morton Feldman („Between Categories“, 1998), einem grundlegenden Werk zum Komponieren des amerikanischen Komponisten von 1951-1977, publizierte sie zwar im ganzen Spektrum von Neuer Musik, Klangkunst und Medienforschung über Werke des 20. und 21. Jahrhunderts, über John Cage, Salvatore Sciarrino oder Rolf Riehm, Annesley Black, Michael Reudenbach oder Bernd Thewes, erforschte Medienkonstellationen, Reproduktionsmaschinen oder Aufmerksamkeitsstrategien.

Immer wieder jedoch wandte sie sich weit zurückliegenden Epochen und Themenfeldern zu, etwa Monteverdis „L’Orfeo“ in ihrem Habilitationsvortrag. Einen nicht unwesentlichen Teil ihres Schriftenverzeichnisses machen musikpsychologische oder musikpädagogische Studien aus, darunter der zauberhafte Band „Anfänge. Erinnerungen zeitgenössischer Komponistinnen und Komponisten an ihren frühen Instrumentalunterricht“ (2004). In der Wahl ihrer Gegenstände ignorierte sie nicht nur jeglichen Mainstream, sondern sie fand für jeden noch so scheinvertrauten Forschungsgegenstand eine überraschende Perspektive, die sie so anschaulich darzustellen vermochte, dass nicht nur die Fachleserschaft sich angesprochen fühlen durfte. Im Januar 2020 konnte sie ihr letztes Buch fertig stellen (es erscheint 2020 im Olms Verlag: „Quintendiskurse. Das Quintparallelenverbot in Quellentexten von 1330 bis heute“) und darin Fragen aufwerfen und beantworten, die sich wohl nahezu jeder Musiktheoretiker schon einmal gestellt hat.

Am 18. Mai 2020 ist Marion Saxer im Alter von 59 Jahren in Frankfurt am Main gestorben.

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erstellt am 22.5.2020

Marion Saxer. Foto: Uwe Dettmar
Marion Saxer (Foto: Uwe Dettmar)