Der Dramatiker, Regisseur und Drehbuchautor David Mamet wurde 1947 in Chicago geboren. Der Pulitzer- und Oscar-Preisträger schrieb und inszenierte 11 Filme, darunter „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, verfasste für 14 Filme die Drehbücher, schrieb über 20 Theaterstücke und 10 Bücher, vor allem Sachbücher. Sein schneller, mit Kraftausdrücken versetzter Dialogstil ist als „Mametspeak“ bekannt. Michael Eberth stellt ihn vor.

Zur Person: David Mamet

Mamets Mementos

„Widerstehe doch der Sünde,/ Sonst ergreifet dich ihr Gift“, hielt Bach dem Sündenpfuhl seiner Zeit in einer Kantate zum 7. Sonntag nach Trinitatis des Jahres 1714 vor, „Lass dich nicht vom Satan blenden;/ Denn die Gottes Ehre schänden,/ Trifft ein Fluch, der tödlich ist“. Der innige Ton, den der isländische Kultpianist Vikingur Olafsson beim Vortragen seiner Transkription des Werks anschlägt, lässt in diesen Tagen, in denen wir unterm Eindruck der Pandemie so Vieles neu zu bedenken haben, die „süße“ Erinnerung an verdrängte biblische Weisheiten aufsteigen.

Wer sich nach dem Abklingen des ersten Schocks über das Ausmaß der Seuche dem jüngsten Schaffen des amerikanisch-jüdischen Dramatikers Mamet zuwendet, dem wird auffallen, wie konsequent sich dieser Autor in einer Folge von Werken, die vom Faustus über China Doll, The Penitent und Bitter Wheat zur The Christopher Boy’s Communion führt, mit der Frage nach dem Anteil des Teufels am „Zerfall der Wertvorstellungen“ beschäftigt, „die aus derselben okzidentalen Entwicklung hervorgingen“, wie es Habermas in diesen Tagen formuliert, und „die Aushöhlung der liberalen politischen Kultur und den Verlust jeder transzendierenden, über die in der Welt begegneten Gegenstände hinausgehende Perspektive“ anprangert, um eine vom Überschreiten der hergebrachten Ordnungen besessene Welt zur Besinnung zu bringen.

Mamets Faustus ist nicht der nach unbegrenzter Erkenntnis Strebende, der dem Teufel die Seele opfert, um überschreiten zu können, was seiner Wissensgier Grenzen setzt, sondern ein Narziss, der sich dem Teufel ausliefert, um ein Plagiat zu kaschieren, das ihm beim Verfassen seines Meisterwerks passiert ist, um den Verlust der Aura des Besonderen abzuwenden, der sein Streben gilt. In der Entgleisung dieser Faust-Figur können wir die verzerrten Züge des Prototyps der heutigen kreativen Szene gespiegelt sehen. „Die Freiheit des Menschen liegt in seinem allein auf der Welt dastehenden Vermögen, der Ordnung zu folgen – oder zu schwindeln“, schreibt Denis de Rougemont in seinem Werk Der Anteil des Teufels.

„Ich beschuldige den Teufel mit allen seinen Machenschaften“, lässt Mamet den Ernüchterten bekennen. „Ich verurteile mich für ein Leben der Ketzerei. Jeder meiner Gedanken war Götzendienst, fauler Zauber. In allem, was ich betrieb, habe ich mich dem falschen Gott hingegeben. Ich sage mich los davon, sehe in jedem Gedanken, jeder Ermunterung und jeder Tat eine Sünde, werfe mich hilflos und demütig nieder vor dem einen und wahren Gott. Lieber Gott, der stets vergibt, ich widerrufe, was ich glaubte, erkannt zu haben. Erhöre mein Gebet. Aber nicht in der Form, die am besten gefällt, sondern in jener, die zutiefst wahr ist.“

In China Doll hat ein Wirtschaftstycoon so viel Geld „gemacht“, dass er den Lauf der Dinge zu bestimmen versucht, indem er Politiker besticht und mit Seinesgleichen The Art of The Deal pflegt. Der verzwergten und korrupten Spezies der Regierenden gegenüber suhlt er sich in einer Verachtung, die seine Allmachtsphantasien in die Blindheit umschlagen lässt. Als er sich in den späten Jahren in eine junge Frau verliebt, die er mit seinem Geld ködern konnte, und im Liebeswahn einen Fehler nach dem andren macht, schlagen die Gedemütigten zurück. Die Strafe für die Hybris bleibt im Reigen der Mamet‘schen Mementos nicht aus.

Im Penitent wird ein jüdischer Guru der Seelenkunde von einem Staatsanwalt verhört, der den Großinquisitoren von Schiller und Dostojewski gleicht, und muss sich vorhalten lassen, als Gerichtsgutachter für die Mörder so viel Verständnis zu erwirken, dass sie der gerechten Strafe entgehen, und dafür Geld zu kassieren. Am Beispiel dieses Bußfertigen, der am Ende des Spiels von den Zweifeln am eigenen Tun verschlungen wird, bildet Mamet die „Auflösung der sittlichen Totalität“ ab, zu der beiträgt, wer das Prinzip der Gerechtigkeit aus Gründen der Eitelkeit, Selbstsucht oder Geldgier außer Kraft setzt.

In der Komödie Bitter Wheat, die von Aufstieg und Fall des Filmmoguls Harvey Weinstein inspiriert ist, überträgt Mamet die Moritat vom größenwahnsinnigen Narzissten, der an seiner Hybris zerbricht, auf die Welt der Kultur. Auch sein Harvey Fein trägt die verzerrten Züge des Entfesselten, der für die Welt, die sich vom Glanz seines Tuns blenden lässt, nur Verachtung kennt, und darüber zu Fall kommt.

„Tja, hm, das war’s dann wohl. Ich habe mich immer gefragt, wie ein Tier sich fühlt, das in einer Falle steckt, wenn sich alle von ihm abwenden. Habe ich dieses Ende ein Stück weit der eigenen Sündhaftigkeit zu verdanken?

UND WENN SCHON, VERDAMMTE SCHEISSE, UND WENN SCHON! ICH WAR EIN TYP WIE NAPOLEON, WIE HITLER, OH JA, WENN AUCH WENIGER BÖSARTIG, DER EIN IMPERIUM GESCHMIEDET HAT. AUS WAS? AUS EINER KÜHNEN VISION. HAB ICH DAS „RADIUM“ ENTDECKT? NEIN, ICH HABE „BEOBACHTET“, DASS DIE LEUTE BEREIT SIND, SICH SCHEISSE REINZUZIEHEN, WENN SIE DAVON ÜBERZEUGT SIND, DASS SIE SICH DABEI GUT FÜHLEN. ICH HÄTTE ECHTE FÄKALIEN DURCH DEN PROJEKTOR LAUFEN LASSEN, DIE KRITIKER KAUFEN UND MICH GEEHRT UND BEWUNDERT ZURÜCKZIEHEN KÖNNEN. ABER NEIN. ABER NEIN. UND WAS MACHEN DIESE MIESEN „STIEFELLECKER“ JETZT, DIESE CHARAKTERLOSEN, MINDERBEMITTELTEN LOSER, DEREN KINDER ICH DURCHS COLLEGE GEBRACHT HABE? IN IHRER PANIK. WERFEN SIE MICH IN DIE GOSSE UND NENNEN ES „GERECHTIGKEIT“. (…) SETZ MIR AUF DEN GRABSTEIN: ER HAT GESEHEN, WAS KEIN ANDERER SEHEN KONNTE. ER IST AUS DEM NICHTS ZUR MACHT EMPORGESTIEGEN. ER HAT SICH AUS DEM GETÜMMEL DER SCHLACHTEN IN WÜRDE ZURÜCKGEZOGEN.“

In The Christopher Boy’s Communion, Mamets neuesten Werk, bringt der Sohn einer wohlhabenden Familie, die in New York und auf einer der Massachusetts vorgelagerten Inseln der Reichen und Schönen lebt, im Central Park am helllichten Tag seine jüdische Freundin um, und seine Mutter muss befürchten, ihr einziges Kind für immer in einem Gefängnis verschwinden zu sehen. Während der Vater des Jungen dazu neigt, der Gerechtigkeit ihren Lauf zu lassen, bemüht sie sich buchstäblich auf „Teufel komm raus“ darum, dies zu verhindern, indem sie die Ermordete als verderbte Verführerin zu schmähen versucht. Diese Mutter ist eine treue Anhängerin der Kirche, lässt keine Messe aus, engagiert sich in der Gemeinde, spendet dem Pfarrer großzügig Geld, und wendet sich doch mit der Hilfe einer Mrs. Charles, die in der amerikanischen Kultur als Inkarnation des Satans gilt, von Gottes Gesetz ab, als es um das Schützen des Mördersohns geht, weil ihr die Kirche nur den Trost wohlfeiler Worte zu bieten hat.

Ein Polizist, der den Mord beobachtet hat, gibt sich nach der Verhaftung des Jungen die Kugel, „weil er eine Seele hat“, wie zwei seiner Kollegen post mortem räsonieren, und darüber verzweifelt, dass die Welt um ihn herum bereit ist, die Seele um des eigenen Vorteils willen dem Teufel zu opfern, was zur Aushöhlung der sittlichen Totalität einer Gesellschaft führt, deren „sittliche Herkunftswelten“ (Habermas) immer poröser werden.

„Don’t be tempted by the shiny apple“, singt Tracy Chapman, „Don’t you eat of the bitter fruit/ Hunger only for a piece of justice/ Hunger only for a word of truth/ ‘Cause all you have is your soul.”

David Mamet im Gespräch mit Michael Krasney, 2018
(JCCSF’s Arts & Ideas YouTube channel)

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erstellt am 18.5.2020

David Mamet (Screenshot)

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