Die totalitäre Tendenz der ‚politischen Korrektheit’ erschwert den differenzierten Zugang zu Problemen, die die Gesellschaft seit Jahrhunderten bis heute belasten. Gudrun Braunsperger empfiehlt das 1962 geschriebene und jetzt auf Deutsch erschienene Buch „Ein anderer Takt“ von William Melvin Kelley, worin es um Rassentrennung geht, aber nicht um Schwarzweißmalerei.

Buchkritik: William Melvin Kelley

»Ein anderer Takt«

William Melvin Kelley (Screenshot)
William Melvin Kelley

In diesem Roman, in dem es um die Rassentrennung geht, ist nichts schwarz-weiß. Der zu Unrecht vergessene afroamerikanische Autor William Melvin Kelley schrieb über ein zutiefst autobiographisches Thema mit einer menschlichen Reife, die staunen lässt, war er doch beim Erscheinen seines Debütromans 1962 erst 24 Jahre alt. „Ein anderer Takt“ ist ein Buch, von dem man heute noch oder vielmehr wieder lernen kann. Es handelt von sozialer Ungleichheit, deren Ursache eine vererbte und nicht gesühnte Schuld ist, von dem über Generationen weiterwirkenden Unrecht, das an der schwarzen Bevölkerung Nordamerikas verübt wurde, von der maßlos tiefen sozialen Kluft zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, von der Macht der Gruppe und von der Ohnmacht des einzelnen. Es ist ein Buch über die amerikanischen Südstaaten, wo bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ‒ anders als im liberalen Norden ‒ eine strikte Rassentrennung aufrecht erhalten wurde. Verbindungen zwischen der Welt der weißen Landherren und Pächter und jener der ehemaligen Sklaven, die in diesem Text entsprechend dem im 20. Jahrhundert üblichen Sprachgebrauch Neger genannt werden im Unterschied zur abwertenden Bezeichnung Nigger, Verbindungen zwischen beiden Lebenswelten sind in diesem Roman ebenso berührend wie fragil, und sie haben in dieser Atmosphäre verkrusteter Ressentiments letztlich keine Chance.

Das Buch erzählt die Geschichte einer Selbstbefreiung. Ausgehend von Sutton, einem Dorf in einem zwischen Alabama und Mississippi liegenden fiktiven Staat der USA, ereignet sich zur anfänglichen Verblüffung und baldigen Irritation der Weißen von einem Tag auf den anderen eine Art Auszug aus Ägypten der schwarzen Bevölkerung. In Gang gesetzt wird dieser Exodus von einem einigermaßen dramatisch inszenierten Ritual: Tucker Caliban, der erst kurz zuvor seinem ehemaligen Herrn ein Stück Land abgekauft hat, düngt den Boden seiner Farm mit Salz, tötet seine Kuh und sein Pferd und steigt mit seiner schwangeren Frau und dem Baby in den Bus, der sie nach Norden bringt. Seinem Beispiel folgt die gesamte schwarze Bevölkerung der Region. Die Kraft zu diesem Schritt habe ein Mythos geschaffen, so jedenfalls erzählt man es sich in einer Männerrunde weißer Südstaatler in der träge machenden Hitze in Sutton. Die Legende geht so: Unter den Sklaven, die mehrere Generationen zuvor auf einem Schiff aus Afrika eingetroffen waren, befand sich auch ein Stammeshäuptling. Er war von mächtiger, ja furchterregender Gestalt, ein Wesen mit übermenschlichen Kräften, das seinem Käufer, dem General Willson, erbitterten Widerstand leistete und entkam. Nur mit Hilfe eines Verrats wurde er schließlich doch überwältigt.

Die Nachfahren der beiden Gegenspieler stehen einander in diesem Epos über die Südstaaten gegenüber, auch wenn es sich nicht mehr um Kontrahenten zu handeln scheint, sondern um eine schicksalsmächtige Verbundenheit: Tucker Calibans Eltern sind nach der Sklavenbefreiung aus Anhänglichkeit für die Willsons bei diesen geblieben. Eine jener fragilen Verbindungen, die der Sohn schließlich durchtrennt, kostet sie doch den Preis der Freiheit.

Wandbild in Memphis zur Erinnerung an die Märsche der Bürgerrechtsbewegung in den USA (Screenshot)
Wandbild der US-Bürgerrechtsbewegung

Was der Aufklärung die Utopie, das ist dem Mythos die Wiederherstellung, so lautet ein Wort von Botho Strauß. In diesem Roman schafft ein Mythos Tatsachen, und was hier wiederhergestellt wird, das ist die Freiheit und damit die Menschenwürde einer Gruppe. Nach Kant setzt Aufklärung selbstverschuldete Unmündigkeit voraus, während die Selbstbefreiung, der in diesem Narrativ von außen ein Mythos zur Legitimation zugeschrieben wird, das Heraustreten aus einer Unmündigkeit darstellt, in die eine gesellschaftliche Gruppe ohne ihr Zutun geraten ist. Tucker ist ein Mann ohne Bildung, der seinem Instinkt folgt. Er hat intuitiv begriffen, was der intellektuelle Ideengeber in diesem Roman, der schwarze Prediger Reverend Bradshaw, ebenfalls erkannt hat: dass die revolutionären Kategorien des Sozialismus und Marxismus auf die Rassenfrage keine Anwendung finden. Tucker Caliban findet die Kraft zum Handeln in sich, ohne durch Worte Aufhebens davon zu machen. Erklärungen und Kommentare, Gedanken oder Ideologien, das spürt er, helfen hier nicht weiter. Er wartet nicht darauf, dass man ihm die Freiheit gibt, er nimmt sich, was ihm zusteht. Seine kluge, ihm intellektuell weit überlegene Frau Bethrah, die anders als er auf dem College war, den Weg des sozialen Aufstiegs aber für ihre Liebe zu ihm abgebrochen hat, einen Weg, der ja letztlich eine Einordnung in das von den Weißen kontrollierte System bedeuten würde, Bethrah fügt sich der ungewöhnlichen Entscheidung ihres Mannes, weil sie, „etwas von ihm lernen möchte“, wie sie sagt.

„Vielleicht haben Leute, die studieren, etwas verloren, das Tucker hat. (…) Tucker weiß einfach, was er zu tun hat. Er denkt nicht darüber nach, er weiß es einfach. Und jetzt will er gehen, und darum gehe ich auch. Ich werde ihm nicht sagen, dass er einen sicheren Job aufgibt und Leute verlässt, denen wirklich an ihm liegt. Ich gehe einfach mit ihm. Und zwar nicht, weil ich ihn liebe, sondern weil ich mich selbst liebe. Wenn ich tue, was er mir sagt, und nicht darüber nachdenke, wenn ich ihm und dem, was er in sich spürt, für eine Weile folge, kann ich vielleicht eines Tages etwas in mir spüren, von dem ich jetzt noch gar nichts weiß.“

Es ist faszinierend, wie viele Ebenen Kelley in seinen Roman hineinzubringen vermag und wie es ihm gelingt, eine unerwartete Wendung nach der anderen zu platzieren. Der Plot schraubt sich immer weiter empor, erzählt aus der Perspektive unterschiedlicher, allerdings immer weißer Protagonisten, und er entwickelt sich zwischen zwei dramatischen Szenen, die den Beginn und das Ende des Buchs markieren: Auf die geheimnisvolle Andeutung, es gehe nun los, folgt die Episode, in der Tucker sein Haus anzündet, erzählt von der Stimme eines Kindes, ein weißer Junge, der in seiner kindlichen Unvoreingenommenheit als Freund von Tucker vorgestellt wird. Am Ende beobachtet der junge Dewey Willson ohnmächtig ein weiteres Drama, ohne in der Lage zu sein, helfend einzugreifen, und ohne zu wissen, dass es den Jugendfreund seines Vaters betrifft, ohne auch zu ahnen, welch große Bedeutung diese Freundschaft für die Geschichte und das emotionale Gefüge seiner Familie hat. Der schwarze Studienfreund aus Massachusetts, der hochbegabte Bennett Bradshaw, ist eine schillernde Figur, ein Alter ego des Autors, wie Kelley hat er sein Studium an einer Eliteuniversität abgebrochen.

Dass der Leser gegen Ende zur Hoffnung auf einen guten Ausgang geführt wird, sich aber dann doch noch ein Drama ereignet, ist nicht nur der beeindruckenden dramaturgischen Gestaltungskraft des Autors geschuldet. Hier wird auch die Uneindeutigkeit unterstrichen, die dieses Buch so großartig macht. Denn auch wenn es um Gerechtigkeit geht und um die Schuld der Weißen gegenüber der schwarzen Bevölkerung, so enthüllt sich doch, etwa am Beispiel der Familie Willson, immer wieder aufs Neue Unerwartetes. Der explosive Akt der Befreiung fordert schließlich seinen Preis: Das dramatische Ende diese Romans ist mit dem Blick auf die Moral der Weißen pessimistisch, es hat aber auch einen geradezu eschatologischen Charakter: Geopfert wird der Ideengeber, der den Ort des Geschehens aufsucht und die Wiederbegegnung mit dem weißen Jugendfreund ebenso verpasst wie die mögliche Rettung durch dessen Sohn, der ihn nicht kennt. Das Opfer des Schwarzen Jesuiten Reverend Bradshaw gemahnt an eine Christusfigur.

Ein großes Werk amerikanischer Literatur, dessen eindringlicher und zugleich besonnener Ton mit hineinnimmt ins Geschehen, ist mit mehreren Jahrzehnten Verspätung nun endlich auch in deutscher Sprache zugänglich.

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erstellt am 17.5.2020

Buchcover: William Melvin Kelley, Ein anderer Takt

William Melvin Kelley
Ein anderer Takt
Roman
Übersetzung: Dirk van Gunsteren
Gebunden, 304 Seiten
ISBN: 978-3-455-00626-1
Hoffmann und Campe, Hamburg 2019

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