Rolf Hochhuth hat mit seinen aufklärerischen Dramen „Der Stellvertreter“ (1963) und „Juristen“ (1979) Entscheidendes für die Bundesrepublik Deutschland bewirkt. Weil er die Moral und das Gerechtigkeitsempfinden seines Publikums ansprach, bewirkte er auch biografische Weichenstellungen. Johannes Winter hatte als Unterprimaner sein Erweckungserlebnis.

Erinnerung an Rolf Hochhuth

Pausenszene im Theater

Klassenfahrt der Unterprima eines humanistischen Gymnasiums nach Berlin, 1963. Dem Kultur-Programm der Reise in die Frontstadt gilt, zwei Jahre nach dem Mauerbau, das besondere Augenmerk der Schulleitung, auch der Elternschaft. Denn auf dem Spielplan der Freien Volksbühne steht Rolf Hochhuths Stück „Der Stellvertreter“, inszeniert von Erwin Piscator. Im Mittelpunkt der in der katholischen Kirche hochverehrte Papst Pius XII. und seine Haltung zum Holocaust. Genauer: sein Schweigen bei der Deportation der römischen Juden. Das Stück rüttelt an den Grundfesten katholischer Selbstgewissheiten.

Vor dem Berlin-Besuch spricht die Schulleitung kein Verbot aus, will die Schüler jedoch argumentativ ausrüsten. Sie sollen gebührend präpariert sein: Wer von den Gymnasiasten das Stück sehen will, hat Bedingungen zu erfüllen. Die mehrheitlich 18-Jährigen haben nicht nur ein schriftliches Ja ihrer Eltern vorzulegen, dass sie das Stück sehen dürfen. Sie haben darüber hinaus einen speziellen Kurs zu absolvieren, den ihr Deutschlehrer, ein ehemaliger Aktivist des Nazi-Regimes, anbietet.

Nicht unwichtig: Geschichtsunterricht jener Jahre handelt das Thema ‚Nazizeit’ in der Regel unter dem Aspekt „Gleichschaltung“ ab, als bürokratischen Akt der Zurichtung der deutschen Gesellschaft. Die Ermordung der europäischen Juden ist kein Thema.

Mit Hochhuths Drama, parallel zum Frankfurter Auschwitz-Prozess auf die Bühne gebracht, beginnt sich der Wind zu drehen. Im katholischen Fulda sorgt es für Empörung, wenn nicht Verstörung. Ein Viertel der Schüler erfüllt schließlich die Bedingungen der Schulleitung, scheint also gefeit vor des Autors „niederträchtiger Papst-Beschimpfung“.

Ich nicht. Zumal sich in der Bibliothek meiner Eltern eine Jubel-Biografie dieses Papstes befindet, verfasst von dessen Leibarzt, Berufskollege des Vaters. Ich komme also erst gar nicht auf die Idee, um Erlaubnis zu fragen. (Meine Leidenschaften sind Fußball, Pfadfinder und die Antike: Lieblingsfächer Griechisch und Latein, späteres Studienfach Altphilologie).

Rolf Hochhuth: „Der Stellvertreter“ – Programmheft der Freien Volksbühne Berlin, 1963. Inszenierung: Erwin Piscator. (Foto: Freie Volksbühne Berlin, Gemeinfrei)
Programmheft „Der Stellvertreter“, 1963

Als sich die Schüler am Abend der Aufführung im Foyer der Berliner Unterkunft gemäß ihren Interessen sammeln, bin ich unschlüssig. Fühle ich mich weder zu den Stadt-Flaneuren hingezogen noch zu den Freunden des Musicals oder zur „Stellvertreter“-Gruppe. Eher halbherzig docke ich bei den Disco-Fans an (die „Eierschale“ ist für Provinz-Jugendliche der Hit jener Jahre).

Wieso finde ich mich, als der Aufbruch naht, bei den Deutschkurs-Absolventen wieder? Einer von ihnen – seine Lust auf Tanzengehen ist erwacht, meine schläft – hat einen Tauschpartner gesucht: Theater-Karte gegen Disco-Ticket, sozusagen unter der Hand. Kurzes Zögern. Mit einem Mal ist Neugierde da, stärker als das Fehlen eines Anzugs oder ein Schuldgefühl wegen Nicht-Teilnahme am Vorbereitungskurs. Ich steige in den Bus, ohne dass der Deutschlehrer sein Veto einlegt.

Pause in der Aufführung. Ich sehe mich, vor bald 60 Jahren, inmitten meiner Mitschüler, aufgewühlt. Der junge Jesuit Riccardo Fontana, auf der Bühne der Gegenspieler des alten Papstes Pius, hatte es mir angetan, sprach mir aus der Seele. Er, der nach seinem Gewissen handelt, nach einer Moral, mit der ich aufwuchs, der schließlich nach Auschwitz geht, er rührte mich im Innersten, begegnete mir als wahrer Stellvertreter Christi. Ähnlich der SS-Offizier Kurt Gerstein, dem, so vergeblich er gegen die Ermordung der Juden agiert, mein Mitgefühl zufloss. – Was bleibt, ist das Bild vom Kreis der Klassenkameraden, die wie im Chor eine beharrliche Verständnislosigkeit ausstrahlen, schweigend.

Der NS wurde zu meinem Lebensthema. Das verdanke ich Rolf Hochhuth. Dem Mann mit dem weichen Eschweger Akzent.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare


Joachim Petrick - ( 22-05-2020 04:37:34 )
Danke.

Heute wissen wir, was Rolf Hochhuth 1963 beim Verfassen seines „Stellvertreter“ Buches in bundesdeutsch formierter Gesellschaft nicht wissen konnte nach dem Zuschnitt des weithin bis Rudolf Augstein ungebrochen hochverehrten NS Staatsrechtlers Carl Schmitt mit Bundeskanzler Ludwig Erhard, der im Buch von seinem Pressesprecher Johannes Gross gleichnamigen Titels „Der Volkskanzler“ völkisch „geadelt“ wird, dass Papst Pius XII NS Botschafter SS Hauptsturmbannführer Ernst von Weizsäcker (1882-1951) beim Heiligen Stuhl kurz vor Besetzung Roms durch Alliierte Juni 1944 Aufenthalt und Immunität auf Gebiet des Vatikanstaates über deutsche Kapitulation 8./9.Mai 1945 bis August 1946 mit allen konsularischen Instrumenten versehen, gewährte, ihm sicheres Geleit als Zeuge beim Nürnberger Tribunal zusicherte, der 1942 als Außenamts Staatssekretär auf Nachfrage keine Einwände hatte, Tausende franz. Juden aus Paris nach Auschwitz zu deportieren, während hochrangige NS Chargen wie Adolf Eichmann, Josef Mengele, Alois Brunner über Südtirol mithilfe Heiligen Stuhls, Roten Kreuzes nach 8.5.1945 sog. Rattenlinie für ihre Flucht nach Südamerika, Syrien, die Türkei, Portugal, Spanien organisierten.

Rolf Hochhuth Claus Peymann waren in vielerlei Raufereien verwickelt und doch mit hohem Empörungspegel als verrückte Kerle einander zugetan, wie Peymann zum Tod seines 7 Jahre älteren Weggefährten 14.5.2020 im Deutschlandfunkt bekundet. Empört sein war Hochhuths Antrieb auf Betriebstemperatur zu gelangen. 1987 schrieb er die Erzählung „Alan Turing“. Im Grunde dessen Lebensbericht als genialer Mathematiker im sog. britisch geheimen Enigma Ausforschungsprogramm deutscher Chiffriermaschine Deutscher Wehrmacht, Kriegsmarine, Luftwaffe seit 1940. Dass er in 50ziger Jahren brit, Kriegsverbrechen an eigenen Soldaten u. a. im Mittelmeer öffentlich machen wollte, gelang ihm nicht, Es ging um erfolgreich brit. Ausforschung einer deutschen Enigma Chiffriermaschine auf einem Truppentransporter, bis aufs Ober-Deck gefüllt mit britischen Kriegsgefangenen von Afrika nach Italien. Turing, seine Leute informierten alarmiert brit. Admiralität, Premierminister Churchill, trotzdem wurde der Truppentransporter durch britischen U-Boot Angriff mit tausenden britischen Soldaten versenkt. Tragisch wurde Turing 1954 wg erwiesen damals strafbarer Homosexualität, angezeigt durch einen seiner jugendlichen Liebhaber, angeklagt, den er zuvor bei einem Diebstahl in seiner Wohnung ertappt, angezeigt hatte, auf Bewährung dermaßen in seiner Reisefreiheit eingeschränkt, dass er angeblich 1957 Suizid beging. In achtziger Jahren wurden Hochhuth Manuskripte Turings zugespielt, deren Veröffentlichung in Great Britain immer noch als schwerer Geheimnisverrat strafbewehrt galt, aber in Westdeutschland nicht. Hochhuth griff zu, veröffentlichte dokumentarisch angereichert Turings biografischen Bericht 1987 bei Rowohlt.

In einem offenen Brief forderte der Dramatiker Rolf Hochhuth Bundeskanzlerin Angela Merkel 2013 empört auf, dem US Whistleblower Edward Snowden Asyl zu geben. Deutschland sei dazu histroisch verpflichtet wie kein anderes europäisches Land

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/sehr-verehrte-frau-bundeskanzlerin

Kommentar eintragen









erstellt am 15.5.2020

Rolf Hochhuth (1931 - 2020)

Rolf Hochhuth (1931 – 2020)
Rolf Hochhuth nach einer Lesung im Duisburger Kleintheater „Die SÄULE“, 2005.
© BlackIceNRW (WP/WC), CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12307815