Als 17-Jähriger besuchte der Komponist, Sänger und Hörspielautor Oliver Augst ein geschichtsträchtiges Konzert von Lou Reed. Mit den Musikern Françoise Cactus und Brezel Göring nahm Augst jüngst ein von seinem Jugenderlebnis inspiriertes Hörspiel auf. Eugen El hat mit ihm über „Lou Reed in Offenbach“ gesprochen.

Hörspiel und Konzeptalbum

»Lou Reed in Offenbach«

Oliver Augst (Screenshot)
Oliver Augst

Es war ein Initiationserlebnis. Am 6. April 1979 besuchte der 17-jährige Oliver Augst mit seiner damaligen Freundin ein Konzert des amerikanischen Musikers Lou Reed in der Offenbacher Stadthalle. „Das war mein erstes Rockkonzert“, erinnert sich Augst, der heute als Komponist, Sänger und Hörspielautor in Ludwigshafen lebt. Lou Reed sei damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere gewesen. Er sei erst nach langer Wartezeit auf die Bühne gekommen und habe schon den ersten Song abgebrochen. Nach Provokationen aus dem Publikum und ersten Gewalttätigkeiten habe Reed die Bühne verlassen. Der Rest ist Offenbacher Lokalgeschichte: Im Saal brach Tumult aus, Stühle flogen. Irgendwann schritt die Polizei ein und nahm Lou Reed fest. Seine Tournee musste abgebrochen werden. „Das war die Schule des Lebens, was Rockmusik sein kann“, sagt Oliver Augst beim Treffen in einem Mannheimer Café. Von dem Gewaltausbruch sei er damals, ein Vorstadtkind wie auch Reed, schockiert gewesen.

Vor etwa zweieinhalb Jahren habe er, so Augst, den Berliner Musikern Françoise Cactus und Brezel Göring von seinem Lou-Reed-Erlebnis berichtet. Sie seien begeistert gewesen und hätten angeregt, etwas aus dieser Geschichte zu machen. Mit Cactus und Göring, bekannt als Popgruppe „Stereo Total“, verbinde ihn „eine essenzielle Mixtur von Freundschaft und Zusammenarbeit“. Sie haben schon mehrere gemeinsame Hörspielprojekte umgesetzt. Auch diesmal kam es zu einer Kooperation. „Lou Reed in Offenbach“ dreht sich um den 2013 verstorbenen Musiker, sein Umfeld und das berüchtigte Konzert. Brezel Göring schrieb imaginierte Zeitzeugentexte aus der Sicht von Lou Reeds Mutter, seines Tourmanagers, der Polizei und eines Journalisten. Françoise Cactus verfasste Songtexte, darunter eine Coverversion von Reeds Hit „Perfect Day“ von 1972.

Augst, Cactus und Göring zogen sich im Sommer 2018 in ein Haus im französischen Städtchen Parentis-en-Born zurück, um eine LP aufzunehmen. Ob Gesang, Komposition, Arrangement oder Instrumentalbegleitung: Alle Beteiligten übernahmen abwechselnd alle Aufgaben. Die mit zwölf Songs bestückte, beim Label „unbreakmyheart“ erscheinende Platte sollte am 13. März im Frankfurter Mousonturm vorgestellt werden. Wegen der Corona-Pandemie fand die Uraufführung ohne Publikum statt. Die Performance, die Musik und Live-Hörspiel miteinander verschränkte, wurde live im Internet übertragen. Inzwischen hat Augst die Hörspielfassung von „Lou Reed in Offenbach“ entwickelt, die im Hessischen und Westdeutschen Rundfunk gesendet wird.

Eine Uraufführung ohne Publikum: Oliver Augst, Brezel Göring und Francoise Cactus während der Performance von „Lou Reed in Offenbach“ Foto: J. Pauli

Lou Reed wird 1979 in Offenbach von der Polizei abgeführt (Screenshot)
Lou Reed, 1979 in Offenbach

Im Gespräch wirkt Oliver Augst umgänglich und zugewandt. Er lässt das Gegenüber spüren, wie sehr ihn seine künstlerischen Vorhaben persönlich angehen und berühren. So ist Augsts Blick auf Lou Reed von seiner ersten Begegnung mit dem Rockmusiker als Jugendlicher aus der hessischen Provinz geprägt. Reed sei für Menschen wie ihn immer ein Idol gewesen. Auch Augsts übriges Werk, das Musik und Medientheater, Performance, Hörspiel und Klanginstallationen umfasst, hat einen autobiografischen Ausgangspunkt: „Es ist immer die Position des Eigenen im Spiegel mit Deutschland.“

2018 realisierte Augst in Zusammenarbeit mit Françoise Cactus und Brezel Göring das Musical und Hörspiel „Kurt Weill jagt Fantômas“. Es rückt das Pariser Exil des berühmten Komponisten von 1933 bis 1935 in den Fokus. Kurt Weills Kompositionen aus dieser Zeit erklingen in dem für Bühne und Rundfunk konzipierten Stück. Es wurde im Mousonturm uraufgeführt. Ebenfalls dort sang Augst Lieder des deutschen Unterhaltungsmusikers Ernst Neger (1909-1989).

Eine Negers Heimatstadt Mainz gewidmete, in der frühen Nachkriegszeit entstandene Interpretation des Liedes „Heile, heile Gänsje“ enthält die Zeile „Du warst doch gar net schuld.“ „So bin ich auch aufgewachsen“, sagt der 1962 geborene Oliver Augst. Die Großeltern sagten damals, sie hätten nichts von dem, was im Nationalsozialismus geschah, gewusst. „Diese ganze Verlogenheit hat schon in meiner Jugend in mir gebohrt und geglüht“, erinnert sich Augst. Er versuche, sich daran abzuarbeiten: „Man muss das Alte erst mal wie ein Gespenst loswerden.“

Audio-Teaser zum Feature-Fiction Hörspiel „Lou Reed in Offenbach“

Dieser Text ist für die Spielzeitbeilage des Frankfurter Künstlerhauses Mousonturm entstanden, die aufgrund der Corona-Pandemie nicht erscheinen konnte.

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erstellt am 11.5.2020

Oliver Augst, Françoise Cactus, Brezel Göring
Lou Reed in Offenbach
LP, 12“
Konzeptalbum/Feature-Fiction-Performance
mit 12 Songs + 16 Seiten Booklet
unbreakmyheart, Offenbach 2020

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Feature-Fiction Hörspiel

Lou Reed in Offenbach

Von und mit
Oliver Augst / Françoise Cactus / Brezel Göring

Françoise Cactus: Songtexte, Stimme, Drums
Brezel Göring: Texte, Song-Kompositionen, Arrangements, Stimme, Gitarre, Bass, Keyboards, Drums etc.
Oliver Augst: Hörspielrealisation, Song-Kompositionen, Arrangements, Stimme
Mit den Stimmen von Stella Schnabel, Mitchell Watkins, Elaine Gehrmann und Roger Grunwald.
Thomas Rombach: Sprachaufnahmen hr
hr / WDR 2020

hr2-kultur, The Artist's Corner: Ankündigung
 

Sendetermine

30.05.2020, 23 Uhr (Ursendung): hr2-kultur
06.06.2020, 19.04 Uhr: WDR 3
07.06.2020, 17.04 Uhr: WDR 5