Mit Glauben und Wissen hat sich Karl Heinz Haag wohl ein Leben lang beschäftigt. Er studierte Philosophie und Theologie an der Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen, wurde von Max Horkheimer über die Seinsdialektik bei Hegel promoviert und habilitierte sich 1956 über die neuere Ontologie. Peter Kern erinnert an den Philosophen, der die Metaphysik zu rehabilitieren suchte.

Philosophie

Eine Denkmanufaktur liefert feinste Philosophie: Karl Heinz Haag

Karl Heinz Haag (Foto: privat)
Karl Heinz Haag

Nur den mit der Geschichte des Instituts für Sozialforschung genauer Vertrauten ist er noch ein Begriff: Karl Heinz Haag. Sein letztes, vor 15 Jahren erschienenes Buch wurde kaum mehr wahrgenommen, was das Institut ihm, dem vor bald zehn Jahren verstorbenen Theoretiker verdankt, scheint vergessen. Es ist sehr viel. Er, den Max Horkheimer ‚unser Haag‘ nannte und den alle seine Schüler als großartigen Lehrer und bescheidenen Menschen charakterisieren, war sich dessen gleichwohl bewusst. Es gebe neben der in der amerikanischen Emigration verfassten, „einen zweiten Teil der Kritischen Theorie…Seit 1952 habe ich philosophiegeschichtliche Grundlagen für jene Theoreme beigestellt und damit zur Verankerung dieser Lehre in der Tradition des abendländischen Denkens beigetragen.“ (1)

Der 1924 in Höchst geborene Haag, der von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, den Jesuiten in Frankfurt-Oberrad, ans Institut für Sozialforschung kam, dort zum Nestor der sich entwickelnden, theoriefähigen Neuen Linken wurde, sich aus Uni und Lehre Anfang der 70er Jahre in die Forschung und in seinen Geburtsort zurückzog, hat in seiner, an einer Ausfallstraße Richtung Autobahn gelegenen Wohnung in 35 Jahren gerade mal 350 Seiten, verteilt auf zwei Bücher, geschrieben. Jeder Satz in diesen Büchern ist von äußerster Präzision.

Das abendländische Denken soll neuerdings nur noch Geltung beanspruchen dürfen, soweit es als nachmetaphysisches auftritt. Ein Antipode dieses Geltungsanspruchs sei mit Karl Heinz Haag vorgestellt. Laut Haag lässt sich philosophisch nur rational denken, wenn man metaphysisch denkt. Das ist die Quintessenz seines Werks und der Titel seines letzten Buchs.(2) Er entfaltet seine Metaphysik in der Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften und in stringent logischer Argumentation.

Welchen Status kann naturwissenschaftliche Erkenntnis beanspruchen? Sie klärt uns über einen separierten Naturzusammenhang auf und verifiziert die gefundene Gesetzmäßigkeit durch ein Experiment. Ein Naturgesetz, wie die Fotosynthese, regiert einen Teilprozess des Pflanzenwachstums; damit eine Pflanze erzeugt wird, braucht es mehrere solcher, von Naturgesetzen regierte Teilprozesse. Chemische, stickstoffbasierte Reaktionen starten den Keimprozess, das erzeugte Blattgrün absorbiert das Sonnenlicht, der als Sog wirkende Unterdruck im Pflanzeninneren zieht, entgegen der Schwerkraft, das die Pflanze versorgende Grundwasser nach oben. Diese Einzelprozesse müssen zweckmäßig zusammenwirken. Die Naturgesetze, denen sie gehorchen, sind notwendige Mittel der Erzeugung des Pflanzenkörpers, aber sie sind nicht das Ganze. Es braucht ein Prinzip, das sie auf ein Ganzes hin anordnet.

Das zweckmäßig anordnende Prinzip lässt sich nicht selbst als ein Naturgesetz fixieren, und per Experiment demonstrieren. Es gehört einer physikalisch nicht zugänglichen Dimension der Natur an. Von ihr kann Metaphysik nur sagen, sie sei zwar empirisch nicht fassbar, aber ohne diese Dimension Natur zu denken, sei unvernünftig, irrational. Kant, auf den sich Haag hier natürlich bezieht, hat diese Schicht das Ding an sich genannt. Haag nennt sie das „metaphysische Fundament des Zusammenhangs von Mittel und Zweck“ (3). Ohne dieses Fundament zu philosophieren hieße, roher Materie das Vermögen zuzusprechen, sich selbst zu differenziertem Leben entfalten zu können. Kant, auf den Haag sich hier stützt, nennt dies „vernunftwidrig.“

Das Allgemeine existiert

Naturwissenschaften könnten keine Gesetzmäßigkeit fixieren, wenn ihre Gegenstände ungeordnet wären. Wäre die Natur nur ein Chaos zerstreuter Einzeldinge, wäre sie nicht nach Arten und Gattungen gegliedert, es ließe sich über sie keine experimentell beweisbaren Aussagen treffen. Die Genese einer Pflanze verliefe einmal so, einmal anders. Ein Naturgesetz, das identische Abläufe für denselben Art- und Gattungszusammenhang formuliert, wäre unmöglich.

Aus diesem Gedanken zieht Haag einen weiteren, seine Metaphysik stützenden logischen Schluss. Die Klassifikation der Natur, der Gattungsbegriff Pflanze z.&nbps;B., ist begrifflicher Art. Die Pflanze lässt sich nicht schmecken, riechen, ertasten und sehen, wie der Holunderstrauch in einem Vorgarten. Aber das Wort kann nicht nur ein subjektives Zeichen sein. In den Einzeldingen, auf der Objektseite, gibt es etwas, das das Ordnen in Gattung und Art erlaubt, und woran menschliche Erkenntnis sich halten kann. Die Einzeldinge partizipieren, so Haag unter Verwendung des klassischen Begriffs, an ihrem Wesen.

Kann aber etwas Sein beanspruchen, dem alle sinnlichen Qualitäten abgehen? Keinesfalls, sagt eine die Naturwissenschaften zur Philosophie aufspreizende Philosophie, und der Alltagsverstand stimmt ihr wohl zu. Nur was per Experiment, Beobachtung und Falsifizierung, mit den üblichen naturwissenschaftlichen Verfahren also, dingfest zu machen ist, ist etwas Reales. Haag hält dagegen. Schon eine begriffliche Klassifizierung, gar die Naturgesetze, wären auf der Basis von Einzeldingen gar nicht möglich. Diese selbst weisen eine Ordnung – in der Sprache der Philosophie eine Ontologie – auf, nur diese macht sie wissenschaftlich erforschbar.

Buchcover „Der Fortschritt in der Philosophie“

In seinem Buch „Der Fortschritt der Philosophie“ entfaltet Haag keinen linearen Fortschrittsbegriff. Was als abgetanes Problem einer spätmittelalterlichen Philosophie in ihrer Auseinandersetzung mit einer modernen, die Naturwissenschaften verabsolutierenden Philosophie gilt, taucht, weil unerledigt, wieder auf. Der Begriff des Wesens lässt sich nicht abtun, wahr ist nicht nur das in wissenschaftlichen Aussagen Fassbare. Das Allgemeine ist existent, auch wenn kein Experiment es erweisen kann. Natur ist nicht identisch mit dem, was wissenschaftliche Forschung über sie ausmacht.

Die Naturwissenschaften sind nicht omnipotent in ihrer Erklärungsmacht. Das Gesetz der Fotosynthese bringt die Pflanze nicht hervor. Die wissenschaftliche Methode erschließt mit ihren Experimenten nicht, was die Natur in ihren Schaffensakten leitet. Auch die Gentechnologie, die Haag noch gar nicht vor Augen hatte, ändert daran nichts. Sie reproduziert, was sie vorfindet, sie produziert es nicht. Der Eingriff in die genetische Keimbahn setzt die menschliche Zelle voraus. Wird menschliche Natur wie alle Natur aber als wesenlos gedacht, ist ihrer völligen Verfügbarkeit keine Grenzen gesetzt.

Nun maßt sich Haag seinerseits kein omnipotentes Wissen an. Worin jedes Naturding sein Wesen hat, das es seiner Gattung und Art zuordnet und zugleich als Individuelles entstehen lässt, bleibt menschlicher Erkenntnis verschlossen. Haags Metaphysik ist eine negative, sie wiederbelebt nicht die sich von Platon fortschreibende Ontologie. Deren Grundirrtum sieht er darin, die empirische Welt aus einer Hierarchie der Ideen hervorgehen zu lassen. Was sich dem abstrahierenden menschlichen Verstand verdankt, kann nicht zum Wesen der Einzeldinge erklärt werden. Der real existierende Holunder im Garten ist nicht bloß der Schatten einer Idee.

Haag sah seine negative Metaphysik noch Anfang der 80er Jahre herausgefordert durch eine Wiederbelebung von Ontologie. Heidegger, der die von Kant der Vernunft gezogene Grenze überschreitet, indem er das Sein konzipiert als eines, das den Menschen ‚anwest‘, und auf welches dieser zu ‚hören‘ hat, bekommt seine Philosophie mit logischer Stringenz zerpflückt.(4) Auch den 68 gehypten Hegelianismus hatte Haag nicht mitgemacht, und die Gründe dafür ist er nicht schuldig geblieben.(5) Seine Metaphysik ist vor allem gegen das seit bald zwei Jahrhunderten so erfolgreiche Joint Venture aus philosophiegestützter Wissenschaftsgläubigkeit und kapitalistische Naturaneignung gerichtet.

Haag betreibt in bestem Sinn Kritische Theorie; die Selbstgenügsamkeit innerakademischer Debatten war seine Sache nicht. Er zielt auf eine Veränderung der Gesellschaft. Haag zeigt, wie sehr eine als wesenlos ausgegebene Natur Passform aufweist für eine Ökonomie, die die äußere und die menschliche Natur als bloßen Rohstoff der Kapitalverwertung ansieht. Sie sei zur „Brandschatzung“ freigegeben. Natur als wesenhaft zu begreifen, ist für ihn „von höchster Wichtigkeit nicht nur für das Schicksal der Philosophie, sondern hat intensivste Bedeutung…für das Schicksal der Menschheit“. (6)

Der hässliche Zwerg

Seine negative Metaphysik bleibt das Positive schuldig. Sie weiß, Naturwissenschaften bieten eine relative Erkenntnis ihres Gegenstands, keine absolute. Sie bilden den historischen Stand der Auseinandersetzung der Gesellschaft mit der Natur ab. Davon lässt sich nicht abstrahieren. Eine überhistorische, ewige, das Wesen der Natur wiedergebende Philosophie reimt sich auf Scharlatanerie. Haag intendiert keine dogmatische Wesensschau. Auch das Dogma eines Hegelmarxismus ist ihm fremd. Natur wird mit menschlicher Praxis erschlossen, aber diese von den Naturwissenschaften angeleitete Praxis produziert nicht die Natur. Der auf Marx zurückgehende Gedanke ist auch bei Haag nicht vergessen: Gesellschaft selbst ist Natur, der Stoffwechsel mit ihr, der Arbeitsprozess, ist eine ewige Naturnotwendigkeit.

Die von Kant der Vernunft gezogene Grenze des Erkennbaren ist nicht statisch, sondern verschiebt sich gemäß dem fortschreitenden gesellschaftlichen Lernprozess. Aber dieser Lernprozess endet nicht bei der totalen Erkenntnis der Natur. Die Natur an sich lässt sich nicht affirmativ bestimmen. Nachmetaphysisches Denken folgert daraus: Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Haag zieht daraus einen theologischen Schluss.

Dieser Schluss mag ein Grund gewesen sein, warum sein Spätwerk kaum mehr rezipiert wurde. Theologie gilt, laut Benjamin, als hässlicher Zwerg, der sich nicht blicken lassen darf.(7) Die Sache riecht irgendwie schlecht. Gott hängt nun das Attribut des Teufels an, der bekanntlich am Schwefelgeruch zu erkennen ist. Haag hat da keine Berührungsängste. Ist seine Konsequenz aber von der Logik seiner Gedankenführung gedeckt? Er behauptet nicht weniger als „daß es einen Gott gibt. Diese Gewissheit ist erreichbar – in logischer Strenge.“ (8) Das Prinzip, das die nach ihren Gesetzmäßigkeiten verlaufenden Naturprozesse so organisiert, dass jeweils ein zweckmäßiges Naturgebilde entsteht und in ihrem Zusammenwirken ein geordnetes Universum, kann, so Haag, nur ein göttliches, allmächtiges sein.

Wenn ein solches determinierendes Prinzip ausgeschlossen ist, bleibt als logische Alternative Indeterminismus, also der Zufall. Der das Universum in seinem Werden und Bestehen verursachende Zufall hat gegenwärtig ja eine ziemlich gute Presse. Haag weist dieser Presse Denkfehler nach. Sich auf rein physikalisch Fassbares bei der Naturauffassung zu beschränken, spricht dem Zufall eine unglaubliche Bedeutung zu. Er nimmt, so Haag, dann gleichsam selbst die Stelle Gottes ein. Antimetaphysische Welterklärung beruft sich dabei gerne auf Heisenbergs Atomphysik. Im Mikrokosmos soll demnach nicht gelten, was im Newtonschen Raum gilt: Gesetzmäßigkeit; die Unschärfetheorie verweist darauf. Der Akt des Beobachtens eines atomphysikalischen Objekts verändert es jeweils, sodass Gesetzmäßigkeit zwischen zwei Bestimmungsgrößen nicht auszumachen ist. Diese Veränderung durch Beobachtung geht demnach aufs Konto des Subjekts; dem Objekt damit Gesetzmäßigkeit abzusprechen, ist für Haag unlogisch. Herrsche im Mikrokosmos Chaos, könne es nicht einmal die von Heisenberg zugestandene Wahrscheinlichkeit geben.

Haag rehabilitiert Theologie, indem er zeigt, dass für das Sein und das Werden konkreter Naturdinge naturwissenschaftliche Welterklärung nicht hinreicht. Er gibt nicht vor, der von ihm als allmächtig bezeichneten göttlichen Vernunft in die Karten schauen zu können. Die von Adorno geforderte „äußerste Askese jeglichem Offenbarungsglauben gegenüber, äußerste Treue zum Bilderverbot“ (9) hält er ein. Seine Denkbewegung ist eine negative; sie negiert, was ein Alltagsatheismus sich selbst einredet: Anorganische, rohe Materie, die sich einmal Knall auf Fall bewegt hat, konstituiert aus sich selbst heraus lebendige Organismen, die per Versuch und Irrtum die Evolution in Gang bringen; dann entwickelt sich noch die Krone der Schöpfung und unser Bewusstsein von der ganzen Geschichte.

Haag hat seinen Gottesbegriff aus kosmologischen Gründen entwickelt. Es ist aber eine Theologie aus kantianischem Geist.(10) Haag hält an der Begrenzung des menschlichen Intellekts fest; davon lässt er sich kein Jota abhandeln. Jede Theologie, die sich im Besitz des göttlichen kosmologischen Plans wähnt, lehnt er ab. Und auch deren Gegenteil lehnt er mit Gründen ab, eine moderne, existentialistische Theologie, die aus lauter Resignation vor den allzuständigen Naturwissenschaften ins Irrationale flüchtet, in die Haltung: Ich glaube, weil es absurd ist.

Buchcover „Auch eine Geschichte der Philosophie“

Das Verhältnis von Glauben und Wissen ist mit dem neulich erschienenen Werk von Jürgen Habermas (11) wieder Gegenstand einer Debatte geworden, die vielleicht über das Verfallsdatum des Feuilletons hinaus andauert. Um es im Duktus der Sportseite zu sagen: In der bisherigen Debatte hat das Team Wissen, Mannschaftsführer Habermas, einen haushohen Sieg eingefahren. Das Glaubensteam ist zum Match eigentlich gar nicht angetreten. Die hohen Funktionäre der Amtskirchen, in aller Regel habilitierte Theologen, haben gekniffen. Einer aus dem theologischen Fanblock hat die Abseitsfalle namens Mystik als Matchplan vorgeschlagen.(12) Gegen die Sprachpragmatik kommt der Rückzug auf mystisches Denken einer Kapitulation gleich.

Die Veranlassung der Debatte, das mächtige Spätwerk von Habermas, nimmt nun in irritierender Weise von Haag keine Notiz. Er aber wäre ein ernsthafter, weil auf Sieg spielender Gegner, Garant für ein spannendes Rückspiel.

Fußnoten

1)    Brief an den Autor dieses Artikels vom 13. 02. 1984
2)    Metaphysik als Forderung rationaler Weltauffassung, Frankfurt a. M., 2005
3)    Der Fortschritt in der Philosophie, Frankfurt a. M., 1983. Neben den beiden genannten Büchern sei auf ein drittes hingewiesen: Kritische Philosophie, edition text+kritik, München, 2012. Es versammelt Vorstudien auf dem Weg zur später entfalteten negativen Metaphysik, und ist mit einem Haags Denken präzise charakterisierenden Nachwort von Günther Mensching versehen.
4)    Heidegger intendiert, so Haag, eine Kritik des Positivismus, der jede Metaphysik für sinnloses Gerede erklärt, und nur ein System wissenschaftlicher Sätze gelten lässt. Auch Heidegger schreibt Aussagesätze, nur mit dem Zusatz versehen, bei ihm spreche aber das Sein. (A.a.O. S.156 f.) Die ‚Seinsvergessenheit‘ positivistischen Denkens sieht Heidegger in der modernen Technik, dem ‚Ge-Stell‘, am Werk. „Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern…“ Heidegger, der den Judenhass der Nazis philosophisch bemäntelte, spricht sich von eigener Verantwortung frei, indem er die Shoah zur Verstrickung in eine losgelassene, schicksalhafte Technik erklärt. Das berüchtigte Zitat von 1949 diene nur der Selbstrechtfertigung, habe aber keinerlei Bezug zu Heideggers Ontologie, glaubt die linke, französische Apologie. Derweil hält die rechtsradikale deutsche Apologie wieder Festvorträge über Heidegger, in dem der AfD und seinem Höcke-Flügel nahestehenden Institut für Staatspolitik.
5)    In: Philosophischer Idealismus, Frankfurt a. M. 1967; das Buch ist längst vergriffen.
6)    Metaphysik, S. 113. Wörtlich heißt es am angegebenen Ort: „Die nihilistischen Folgen einer solchen Ablehnung [eines metaphysischen Wesens der natürlichen Dinge] widerlegen die moderne Vorstellung von der straflosen Brandschatzung des Gegebenen. Es ist weder wesenlos noch wehrlos.“ Die sich wehrende Natur: Hier unterläuft Haag ein Anthropomorphismus. Dass das unseren Sinnen Gegebene nicht wesenlos ist, lässt sich rational einsehen. Ob die dahinterliegende, unserer Erfahrung nicht zugängliche Natur sich gegen Frevel wehrt, können wir nicht wissen. In Zeiten einer Pandemie sieht man sich fast veranlasst, anders zu denken.
7)    Benjamin, Walter, Über den Begriff der Geschichte, GS, Band I 2, Frankfurt a. M. 1978, S. 693
8)    Der Fortschritt in der Philosophie, S. 115
9)    Adorno, Th. W., Stichworte, Frankfurt a. M. 1980, S. 28
10)   Dass Kant die Gesetzmäßigkeit der erscheinenden Natur in einem abstrakt gedachten transzendentalen Subjekt ansiedelt, ohne Vermittlung zum Ansichsein der Natur, leuchtet Haag nicht ein. Ihm gelten die Naturgesetze als gleichen Ursprungs wie die materiellen Objekte, die sich ihnen gemäß verhalten. Dem physiko-theologischen Gottesbeweis kommt dadurch eine Beweiskraft zu, die er bei Kant nicht hat.
11)   Habermas, Jürgen, Auch eine Geschichte der Philosophie, Frankfurt a. M. 2019
12)   Joas, Hans, Süddeutsche Zeitung, 14. 11. 2019

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erstellt am 09.5.2020
aktualisiert am 10.5.2020

Karl Heinz Haag links neben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Rechts sitzt der junge Alfred Schmidt. Foto: Prof. Günther Mensching