Wer einen Verkaufserfolg verlängern muss, versucht gewöhnlich, seine Produkte einander so ähnlich wie möglich zu gestalten. Was macht Netflix? Unterscheidet sich der Streamingdienst mit seinen Programmvorstellungen von anderen Serienherstellern? Jens Balkenborg gibt einen Einblick in die Strategie eines Konzerns.

Filmsparte bei Netflix

Betonrausch und Netflix

Netflix streckt mit seinen als „Original“ gelabelten Produktionen seine Fühler in Länder auf der ganzen Welt aus. Die Marketingstrategie dahinter ist so einfach wie klug: global und lokal werden zusammengeschweißt. Dem Streaming-Riesen erschließt sich durch die nationalen Produktionen, die den hiesigen Fernsehanstalten verstärkt den Rang ablaufen, ein nationales Publikum. Zugleich sind sie auch „Futter“ für ein weltweites Publikum inklusive interkultureller Kommunikation. Beispielhaft dafür ist etwa die taiwanesische Serie Nowhere Man. Die erste Netflixproduktion in Mandarin handelt von einem Gefängnisausbruch und bringt einen Genrecocktail mit ostasiatischer Mystik zusammen.

In Deutschland ging es mit der Mysteryserie Dark im Jahr 2017 los. Die erste originale deutsche Netflixproduktion gehört bis heute zu den erfolgreichsten Exporten und schaffte es zeitweise auf Platz eins der IMDB-Charts „Beliebteste Serie“. Erst verschwinden in Dark Kinder in einem fiktiven deutschen Ort, später springt die Serie durch die deutsche Geschichte inklusive 1980er-Retrolook.

In Dark verweben sich deutsche Themen und jene kosmopolitische Bildsprache, die der hochtechnisierte Geldgeber Netflix pflegt. Alleine auf formaler Ebene aber lässt sich das Herkunftsland der jeweiligen Originale kaum bestimmen. Sie sind bislang, sicher auch aufgrund der engen Produktionstaktung und -zeit, selten besonders innovativ oder gar radikal gefilmt, sehen oberflächlich betrachtet aber meist ziemlich hochwertig aus.

Regisseur Cüneyt Kaya (Screenshot)
Regisseur Cüneyt Kaya

Das gilt auch für Betonrausch von Regisseur Cüneyt Kaya, dem, nach dem im Februar veröffentlichten Isi & Ossi, zweiten originalen deutschen Netflix-Film. Leider scheint auch Betonrausch wieder den fast schon typisch deutschen Vorwurf zu bestätigen, den sich auch viele Kinofilme anhören müssen: Abgekupfert! Kayas Film wirkt in jeder Sekunde, als wolle er amerikanischen Vorbildern hinterher eilen. Auf dem gefälschten Ausweis, mit dem die Karriere von Viktor Steiner (David Kross) als Immobilienbetrüger ihren Lauf nimmt, steht Dirk Diggler – eine Anlehnung an Boogie Nights, Paul Thomas Andersons Porträt der amerikanischen Pornoszene der späten 1970er und frühen 1980er Jahre.

Betonrausch handelt denn auch von der Betrüger-Seite des amerikanischen Traums „vom Tellerwäscher zum Millionär“ und will fast in eine ähnliche Kerbe wie The Wolf of Wall Street schlagen. Nur: Gegen Martin Scorseses die Hybris auf allen Ebenen zelebrierenden Film wirkt Betonrausch dann doch wieder auf recht deutsche Weise brav und bieder.

Gemeinsam mit dem Schlitzohr Gerry Falkland (Frederick Lau) und Nicole Kleber (Janina Uhse) geht es los, nach dem Motto „höher, schneller, reicher“: Da sind die ersten krummen Dinger mit zu teuer verkauften Wohnungen, zwielichtige Bankgeschäfte, das ganz große Geld, Drogen und Partys. Die Klischees geben sich die Klinke in die Hand mit im Luxusappartment saufenden und raufenden Bulgaren von der Baustelle, Parade-Nutten im Bordell und überhaupt einem Frauenbild aus dem letzten Jahrhundert, das auch Janina Uhse als gewiefte Bankerin nicht wirklich geraderücken kann. Und mittendrin der von David Kross mit Val-Kilmer-Miene gespielte Schönling, der das alles nur macht, weil sein Maler-Papi trotz Fleiß und Ehrlichkeit vom Finanzamt bestraft und von der Mutter verlassen wurde. Am Ende driftet der auf Unterhaltung getrimmte Film doch noch in Richtung Sozialdrama ab.

Mit Betonrausch macht Netflix nach neuneinhalb originalen deutschen Serien – die österreichisch-deutsch-tschechische Koproduktion Freud mit eingerechnet – weitere Schritte im deutschen Filmsektor. Schon das Debüt Isi & Ossi, die Screwball-Komödie um eine reiche Frau aus Heidelberg und ihren armen Prinzen aus Mannheim von Bad-Banks-Head-Autor Oliver Kienle, schlug als niederschwelliges Popcornkino eine ähnliche Richtung ein. Jedoch genügt ein Blick auf das mittlerweile sehr diverse deutsche Serien-Portfolio des Streaminganbieters, um zur These zu gelangen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch die Netflix-Filme in ihren Ambitionen wachsen werden.

Im Neflix-Seriensektor nämlich zeigt sich die Bundesrepublik erstaunlich vielseitig: Deutsche urbane Milieus werden in Skylines kartografiert, der in Frankfurt angesiedelten, augenzwinkernd-authentischen Serie um ein Hip-Hop-Label inklusive Titelsong von Gangster-Rapper Haftbefehl, die, entgegen den Erwartungen vieler, nach nur einer Staffel abgesetzt wurde. Oder auch in Dogs of Berlin, Christian Alvarts auf ausgestellte Drastik bauende Genreballade um ein Ermittler-Duo im Kampf gegen die Unterwelt der Hauptstadt. Unorthodox, How to Sell Drugs Online (Fast) und Freud eignen sich wahre Begebenheiten und Personen popkulturell an: Unorthodox basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Deborah Feldman, How to Sell Drugs Online (Fast) malt sich die Geschichte des Teenagers aus, der in seinem Leipziger Kinderzimmer einen millionenschweren Online-Drogenhandel hochzog. Und in Freud schickt 4-Blocks-Regisseur Marvin Kren den Vater der Psychoanalyse in einem Genrepotpourri aus Mystery-, Okkultthriller und düsterem Gesellschaftsporträt auf Mörderjagd.

Das teils international koproduzierte Serienportfolio tangiert Aspekte der deutschen bzw. deutschsprachigen Kultur und Geschichte und verpackt die Themen in verschiedene Genres. Dabei kommen Schauspiel-Newcomern wie Maximilian Mundt (How to Sell Drugs Online) oder die Israelin Shira Haas (Unorthodox) ebenso zum Zuge wie die „älteren Hasen“ Fahri Yardım (Dogs of Berlin), Corinna Harfouch oder Christiane Paul. Letztere spielen in Zeit der Geheimnisse mit, einer Weihnachts-Miniserie um eine innerfamiliäre Aufarbeitung, die perfekt auch ins Abendprogramm der Öffentlich-Rechtlichen gepasst hätte. Den Bogen zum andere Ende der klassischen deutschen Fernsehunterhaltung à la RTL 2 spannt Netflix mit Wer kann, der kann, die deutsche Version der amerikanischen Reality-Show Nailed it!.

All das umreißt das, was man als „typisch deutsch“ im Serienportfolio des Giganten beschreiben könnte. Zugleich sind viele Produktionen kosmopolit, denn, wie eingangs gesagt: Netflix ist ein globaler Player. Mal schauen, wie sich in den kommenden Jahren die Filmsparte entwickelt. Eines ist sicher: Isi & Ossi und Betonrausch sind lange nicht das Ende der Fahnenstange.

Videotrailer zum Netflix-Film „Betonrausch“

Der Text ist in der Wochenzeitung der Freitag erschienen.

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erstellt am 09.5.2020

Ankündigung des Netflix-Films „Betonrausch“

Ankündigung des Netflix-Films „Betonrausch“ (Screenshot)