Buchcover: Viktoria Hertling, „Mietek Pemper. Der kluge Kopf hinter Oskar Schindlers Liste“
Tuschicks Kolumne

Kampfgeist & Intelligenz

An einem Knotenpunkt zwischen Jüdischem Widerstand und dem Anstand eines Einzelnen.

In Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ findet der Privatstenograf des KZ-Kommandanten Amon Leopold Göth nur am Rand Erwähnung. Die im Film zur bedeutungslosen Kunstfigur abgesunkene, historisch jedoch eindrucksvolle Person des Mieczysław „Mietek“ Pemper (1920 – 2011) taucht in einer Szene auf. Der Regisseur verdichtete wesentliche Aspekte der mit dem Namen des Unternehmers Oskar Schindler verbundenen Rettung von mehr als 1100 Menschen und niemand nahm ihm die künstlerische Freiheit übel. Pemper verteidigte Spielbergs Entscheidungen zu seinen Lasten als notwendig. Das erzählt Viktoria Hertling in ihrer Würdigung eines großen Mannes: „Mietek Pemper. Der kluge Kopf hinter Oskar Schindlers Liste“ (Hentrich & Hentrich Verlag Berlin Leipzig, 2020).

In seiner Rede zur Entgegennahme einer Ehrenbürgerschaft sprach Pemper vom saeculum horribile. Die Autorin weist darauf hin, dass horribilis sowohl schrecklich als auch staunenswert bedeuten kann. Es gibt mehr Gründe für die Annahme, dass sich Pemper nie nur als Opfer, sondern stets auch als Zeuge betrachtete, und darüber hinaus als Akteur auf dem höchsten Grat der Gefahr. Er bewies Kampfgeist und Intelligenz.

Video vom Kanal augsburg.tv (a,tv): Eine Reportage über Mietek Pemper. Mietek Pemper war Ehrenbüger der Stadt Augsburg.

Pemper schrieb mit Schindlers Liste Geschichte. In einem Aktionskonstruktivismus heikler Manöver war er Handelnder und zum Schein allein ausführendes Organ. Hertling deutet ihn als Kopf offensiv-defensiver, akkurat abgezirkelter Operationen. Pemper legte dem Fabrikanken von leicht brechenden Haushaltswaren Schindler die Produktion kriegsrelevanter Metallgegenstände nah. In Erfahrung gebracht hatte er da längst, wovon die tausend Stäbe träumten.

Zur Einordnung

Pemper diente einem Massenmörder. Dem Kommandanten von Krakau-Płaszów wurden mehr als fünfhundert Morde von eigener Hand nachgewiesen. Pemper sagte als Hauptzeuge aus. In einem „Spiegel“-Interview aus dem Jahr 2002 erklärte Pemper, wie er in nächster Nähe eines lustmörderischen Sadisten konspirativ überlebt hat:
„Göth hat mich unterschätzt.“

Jede große Erzählung atmet in einer Korona und gibt von ihrer Essenz nie einfach alles preis. Seit „Schindlers Liste“ zum geflügelten Wort wurde, verbindet sich damit das Bild eines aufrechten Deutschen, den die moralischen Grundsätze seiner Erziehung nach einem langen Eiertanz dazu zwangen, vom Weg des geringsten Widerstands und größten Profits abzuweichen und sich gerade zu machen im Kampf gegen den nationalsozialistischen Verbrecherstaat.

Ein Todgeweihter rät dem herrschaftlich trinkenden Frauenhelden Schindler im Herbst 1943 dazu, umzusatteln und ins Rüstungsgeschäft einzusteigen. Das Reich braucht Waffen. Der Tipp ist todsicher.

Was aber bewegt Mietek Pemper? Als intimer Kenner der Göth’schen Administration weiß er, dass in Berlin beschlossen wurde, jüdische Zwangsarbeitslager aufzulösen, sofern sie nicht unmittelbar dem Endsieg zuarbeiten. Schindler erweitert seine Produktion entsprechend. Er verlegt sich auf die Fertigung von Artilleriehülsen. Deshalb bleibt Płaszów in Betrieb.

Schreibsätze in Spiegelschrift

In seinen Sekretariatsfunktionen gewinnt Pemper Einblicke wie sonst nur hochrangige NS-Kader. Er jagt die Namen und Adressen besonders widerwärtiger Aufseher durch Partisanen-Pipelines. Der deutschen Sekretärin diktierte Schreibsätze studiert er in der Spiegelschrift des Kohlepapiers für die Durchschläge.

Viktoria Hertling schreibt: „Nach der blutigen Auflösung des Krakauer Ghettos, (muss) der hochgebildete, inzwischen 23-Jährige unfreiwillig als Stenograf … für den Kommandanten im Lager Płaszów arbeiten.“ Pemper qualifiziert zumal, als Einziger weit und breit „die deutsche Einheitskurzschrift“ zu beherrschen, „für eine … Dienststelle … unentbehrlich“.

Seine Devise lautet: „Die Ursachen der Dinge erkennen.“

Pemper „schönt“ Produktionslisten. Er bemüht sich um technische Details, die Wissensfülle und einen erheblichen Ausstoß von Metallgegenständen suggerieren. Er geht ein hohes Risiko ein, aber sein Kalkül geht auf. Göths Macht hängt von dem Lager ab, dessen „König“ er zu sein beliebt. Löst man das Lager auf, endet Göths Allgewalt.

Hertling skizziert ein Dreieck: Schindler – Pemper – Göth. Es geht um Schindlers Spielräume als verdeckter Antifaschist und Fabrikant, um Pempers Genie und um Göths herrschsüchtige Eitelkeit.

Pempers Coup rettet zunächst das Leben von Tausenden. Das Lager behält seine Existenzberechtigung als Eckpfeiler im Rahmen einer Rüstungsanstrengung.

Viktoria Hertling „Mietek Pemper. Der kluge Kopf hinter Oskar Schindlers Liste“
126 Seiten, Hentrich & Hentrich Verlag Berlin Leizpig, 2020
ISBN: 978-3-95565-371-2

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erstellt am 06.5.2020
aktualisiert am 06.5.2020

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.

Im Film „Schindlers Liste“ spielt Ben Kingsley jene Rolle, die Mietek Pemper in der Schreibkammer der Lagerkommandantur zufiel. Aus dramaturgischen Gründen ordnete Steven Spielberg Pempers lebensrettende Maßnahmen einer anderen historisch verbürgten Person zu. Als Sekretär des Massenmörders erscheint im Film Itzhak Stern. Der 1901 in Krakau geborene Stern gehörte zu den Bewegern um Schindler. Er agierte aber nicht unentwegt so dicht an dem unberechenbaren, gewaltdelirierenden Lagerkommandanten Amon Göth wie Pemper zwangsläufig. Foto: © Universal

Steven Spielberg und Mietek Pemper (r.) bei Dreharbeiten zu „Schindlers Liste“ Foto: Screenshot