Der 8. Mai 1945 gilt als das Datum für das Ende des Zweiten Weltkrieges. Als die Waffen endlich schwiegen, waren mehr als 60 Millionen Menschen tot. Und Hitlers Deutsche? Die Mehrheit der Deutschen wollten nichts sehen und nichts wissen, obschon sie sehen und wissen konnten – bis zum Untergang. Helmut Ortner beschreibt in seinem Essay, dass nicht alle Deutschen aus der Katastrophe gelernt haben.

Essay

Die Deutschen, der Krieg und die Stunde Null

Hitlers Deutsche: sie kamen aus der Wirtschaft, der Justiz, der Wissenschaft, der Verwaltung. Unterstützer fanden sich im intellektuellen Milieu, im Adel und im Klerus, begeisterte Anhänger gab es im Kleinbürgertum und der Arbeiterschaft, kurz: die »deutsche Volksgemeinschaft« umfasste und integrierte alle Klassen, Schichten und Milieus. »Hitlers Deutsche« vereinten sich hinter und unter ihrem »Führer« – und sie hatten ihn frei gewählt.

Die Mechanik nationalsozialistischer Macht, die Struktur der Barbarei basierte auf einem kollektiven Einverständnis: ein Volk, ein Reich, ein Führer. Dazu brauchte es eine widerspruchsfreie Öffentlichkeit, eine gleichgeschaltete Presse, eine effiziente Bürokratie, ein Heer willfähriger und höriger Mitarbeiter, Komplizen und Helfer. Diese personelle Basis, getragen von fanatischen Parteimitgliedern, opportunistischen Karrieristen und schlichten Handlagern – sie hatten sich als »Herrenmenschen« gesehen und davon geträumt, die Welt zu unterjochen. Im Namen dieses Traums und des »Führers« hatten sie die Menschenwürde mit Füßen getreten, Oppositionelle und Andersdenkende verfolgt, inhaftiert und ermordet.

Es war ein Geist, der biedere Bürger dazu führte, verwerfliche, erniedrigende, menschenunwürdige Gesetze und Anweisungen blind zu akzeptieren – und die meisten Deutschen machten mit oder schauten weg: die Rassengesetze, die Hetzreden, die Ausschaltung jeglicher Opposition, die Judenpogrome, die »Reichskristallnacht«, der »gelbe Stern« für jüdische Mitbürger, das Verbot »entarteter Kunst«, die Bücherverbrennungen, die Deportation jüdischer Nachbarn, die roten Plakate mit den Todesurteilen des »Volksgerichtshofs«, Goebbels Ruf »Wollt ihr den totalen Krieg?«.

Die Mehrheit der Deutschen wollten nichts sehen und nichts wissen, obschon sie sehen und wissen konnten – bis zum Untergang. Nach Ende des nationalsozialistischen Wahns, nach dem Inferno – nach der Niederlage: das Ende, die »Stunde Null«. Die Deutschen waren verbittert, enttäuscht, irritiert. Auch über sich selbst?

Schutt, Schuld und Scham

Als das »Tausendjährige Reich« zur Hölle gefahren war, Deutschland kapituliert hatte, geschlagen und zerschlagen – unter dem Schutt von Schuld und Scham begraben, von der Welt geächtet, in Besatzungszonen zerteilt, seiner Souveränität und seines Selbstwertgefühls beraubt – hatten die Deutschen nicht nur den Krieg (den sie in die Welt gebracht hatten), nicht nur ihren »geliebten Führer«, sondern auch ihre Identität verloren.

Keine Frage: Auch hier gab es weit mehr Menschen, die, gerade der Katastrophe entkommen, das Erlebte und Geschehene verdrängten, statt es im Bewusstsein der Verantwortung als eigene Geschichte anzunehmen. Die meisten Deutschen wollten von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von Judenverfolgung und Holocaust, den NS-Verstrickungen, von schuldhaften Täter-Biographien, kurz: vom moralischen und zivilisatorischen Desaster des Hitler-Deutschlands nichts mehr wissen. Ein Volk auf der Flucht vor der eigenen Vergangenheit.

In der Nachkriegs-Republik standen die Zeichen auf Amnestie und Integration der Täter. Straffreiheit für bestimmte maßnahmenstaatliche Akte der NS-Diktatur zum Bestandteil der Rechtsordnung zu machen – darum ging es. So verwandelten sich Tötungs- und Gewaltdelikte in eine »von oben« befohlene Straftat ohne eigene Verantwortung. Die Täter und ihre Taten wurden weißgewaschen. Sie hatten angeblich keine eigene, sondern gewissermaßen eine »fremde« Tat begangen, stellvertretend ihre Pflicht erfüllt, einem Eid verpflichtet – für Partei, Volk und Vaterland. Wo Gehorsam höchste Tugend war, konnte die Erfüllung der Tugend nichts Schlechtes sein. Es war ein Geist, der biedere Bürger dazu führte, verwerfliche, erniedrigende, menschenunwürdige Anweisungen blind zu befolgen, weil die meisten sie befolgten. Befehl ist Befehl.

Bis zum bitteren Ende wurden von deutschen Kriegsrichtern im Schnellverfahren Todesurteile gefällt – und unmittelbar exekutiert: wegen »Verschwörung und Aufforderung zur Meuterei«, »Wehrkraftzersetzung« und »Fahnenflucht«.

Noch am 21. April 1945 – 17 Tage vor Ende des Krieges – wurden fünf Männer hingerichtet, die versucht hatten, die Insel Helgoland kampflos den Engländern zu übergeben. Als oberster Gerichtsherr bestätigte Konteradmiral Rolf Johannesson die Todesurteile gegen fünf der Widerständler. Fünf sinnlose Tote, wenige Tage vor dem Ende eines sinnlosen Kriegs.

Seit 2017 ziert eine Büste von Rolf Johannesson die Aula der Marineschule Mürwik in Flensburg. Der Konteradmiral der Kriegsmarine diente nicht nur Hitler, nach Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte er zu den Gründervätern der Bundesmarine. Noch heute wird ein „Admiral-Johannesson-Preis“, zweimal jährlich an die besten Nachwuchsoffiziere der Marineschule verliehen.

Dass Nazis nach dem Krieg Karriere machten, in der Wirtschaft, in der Politik, in der Justiz, an den Hochschulen, in Ministerien, Behörden und Institutionen – das war keineswegs die Ausnahme. Die Adenauer-Republik setzte auf personelle Kontinuität, auch wenn es sich um belastete Eliten handelte.

Zehntausende von Tätern, Handlangern, Mitläufern und Mit-Machern, die dem Nazi-Regime in wichtigen Positionen gedient hatten, setzten – nun »ent-nazifiziert« – in der neuen Bundesrepublik Deutschland ihre Karrieren fort: Politiker, Juristen, Offiziere, Ärzte, Unternehmer und Journalisten, darunter Prominente wie der Banker Josef Abs, der Kriegsrichter Hans Filbinger (der es zum Ministerpräsidenten eines Bundeslandes brachte), Kurt-Georg Kiesinger (der es gar zum Bundeskanzler brachte), Werner Höfer (der zum Fernsehdirektor aufstieg), Reinhard Gehlen (der zum Geheimdienstchef ernannt wurde) und viele, viele andere. Die personelle Kontinuität nach 1945 ist ein zweifelhaftes Lehrstück politischen Verhaltens zwischen Vergangenheits-Verantwortung und Real-Politik.

Evidentes Beispiel: belastete Juristen. Besonders das Bundesjustizministerium, das 1949 seine Arbeit aufnahm, galt als besonders NS-kontaminiert. Dass Juristen, die eine stark belastete NS-Vergangenheit hatten, in der Behörde Dienst taten, wurde ebenso wenig als problematisch empfunden wie die Tatsache, dass an deutschen Gerichten ehemalige NS-Richter und Staatsanwälte (häufig in leitenden Positionen) wieder Recht sprachen, die bereits der NS-Justiz als willfährige Helfer dienten. „Kein Berufsstand hat nach 1945 mit derart guten Gewissen weiter amtiert wie die Justizjuristen“, zieht Ingo Müller in seinem Buch »Furchtbare Juristen« ernüchternd Bilanz. Eine beschämende Bilanz.

Täter, Mitläufer und Wegseher

Selbst schwer belastete Täter, nachweisliche Mörder und Massenmörder, mussten kaum damit rechnen, zur Verantwortung gezogen zu werden, angeklagt oder gar verurteilt zu werden. Ehemalige NS-Juristen – nun in neuer Funktion – hielten schützend ihre Hände über sie. Andere entkamen mit Hilfe des Vatikans, wo der klerikal-faschistische Bischof Alois Hudal eine Flucht-Route für Nazi-Verbrecher organsierte. Über dessen »rat lines« – ausgestattet mit Ersatz-Dokumenten, mit Pässen des Roten Kreuzes – entkamen Gestapo-Mörder wie Klaus Barbie, Holocaust-Organisator Adolf Eichmann, KZ-Arzt Josef Mengele, SS-Schlächter wie Erich Priebke oder der SS-Mann Walther Rauff via Genua nach Argentinien, Bolivien oder Brasilien. Mitunter fanden sie eine Anstellung als Mitarbeiter dortiger Geheimdienste.

Wenn die Spuren von Nazi- Kriegsverbrechern weiterhin verfolgt wurden, so war dies allenfalls ein Verdienst von Menschen wie Simon Wiesenthal oder des engagierten hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, der – eher behindert als unterstützt – dazu beitrug, dass Adolf Eichmann schließlich in Argentinien aufgegriffen und in Jerusalem vor Gericht gestellt wurde. Auch der Frankfurter Ausschwitzprozess, in dem sich erstmals KZ-Täter für ihr Morden zu verantworten hatten, ist allein Bauers Hartnäckigkeit geschuldet.

Und alle die anonymen Mitläufer, Wegseher und Zuschauer, die das Nazi-System gestützt und bejubelt hatten, die Nachbarn denunzierten, bei der Judenverfolgung die Augen verschlossen und sich bei der Nazi-Partei anbiederten? Durch die Direktive Nr. 10 des Kontrollrats der vier Siegermächte waren ab 1946 sogenannte »Spruchkammern« eingerichtet worden: Befragt von einem »öffentlichen Kläger«, mussten die Vorgeladenen ihre Unschuld beweisen. Das Urteil klassifizierte sie in fünf Kategorien: Hauptschuldige – Belastete oder Aktivisten – Minderbelastete – Mitläufer – Entlastete. Die meisten wurden »weißgewaschen«.

Wer aber waren die Täter? Waren sie Bestien oder Befehlsempfänger, desinteressierte Bürokraten und willenlose Rädchen im Getriebe? Waren sie ideologisierte Überzeugungstäter oder gewöhnliche Verbrecher? Die Geschichtswissenschaft hat sich jahrzehntelang fast ausschließlich auf die Haupttäter Hitler, Himmler und Heydrich oder auch auf Schreibtischtäter wie Goebbels und Eichmann konzentriert und die Akteure der zweiten und dritten Ebene, die Vollstrecker vor Ort, ausgespart.

Die Deutschen haben sich spät daran gemacht, auf diese quälenden Fragen Antworten zu finden, auch außerhalb der Historiker-Zunft, gewissermaßen im öffentlichen Raum. Kaum ein anderes politisch-historisches Thema hat – so scheint es – das Land in den letzten sieben Jahrzehnten so bewegt.

Gibt es eine kollektive Schuld? Gibt es eine individuelle Moral, eine ganz und gar persönliche Schuld? Und machen sich nicht alle, die die Vergangenheit weiterhin verdrängen oder gar verleugnen – nachträglich – mitschuldig? Der Publizist Ralph Giordano hat dafür einmal den Begriff der »zweiten Schuld« geprägt.

Vergangenheit vergeht nicht

Deutschland 2020: Die Zeit des »Dritten Reiches« entschwindet der Zeitgenossenschaft, der Nationalsozialismus verabschiedet sich nun endgültig aus dem in der deutschen Gesellschaft präsenten Vorrat persönlichen Erlebens. Hitlers Wähler sind nicht mehr unter den Deutschen. Nicht mehr die Täter, nicht die Komplizen und Mitläufer – und nicht mehr die Opfer.

Und die Kinder und Enkel der Täter-Generation? Dass die Täter, Anstifter und Mithelfer schuldig sind, versteht sich. Wir verstehen auch, dass die schuldig wurden, die Widerstand und Widerspruch unterlassen haben, selbst wenn sie dazu fähig waren. Aber müssen Kinder und Enkel Teil dieses schuldbeladenen Netzes sein?

Vergessen lässt sich die Vergangenheit nicht. Nicht nur, weil ihre Wirklichkeiten so furchtbar sind, dass sie nie vergessen werden können. Auch, weil sie den Stoff bergen, der uns immer wieder der Gefährdungen unserer zivilisatorischen Existenz vor Augen führt. Verweigerung und Anpassung, Loyalität und Haltung, Treue und Verrat, Schweigen oder Handeln, Gesinnung und Gewissen – kein moralisches Drama, das sich nicht als Ereignis der Vergangenheit zu Vergegenwärtigung unserer jetzigen Lebenswelt erzählen lässt.

Die Wochenzeitung »Zeit« hat die Ergebnisse einer neuen Online-Umfrage veröffentlicht. Demnach spricht die Mehrheit von heute die Mehrheit von damals von individueller Schuld frei. „Die Masse der Deutschen hatte keine Schuld, es waren nur einige Verbrecher, die den Krieg angezettelt und die Juden umgebracht haben.“ Dieser Meinung sind 53 Prozent der Befragten. Ein irritierendes Ergebnis.

75 Jahre nach der »Stunde Null« findet sich im Deutschen Bundestag die größte Oppositionspartei, die »Alternative für Deutschland«. Bei der Bundestagswahl 2017 übersprang die AfD mit 12,6 % der Stimmen erstmals die Fünf-Prozent-Hürde. Sie ist mit 91 Abgeordneten im 19. Deutschen Bundestag vertreten.

AFD-Abgeordnete sitzen bereits in allen deutschen Landtagen. Ihre Partei-Vorderen nannten die barbarische Nazi-Diktatur einen »Fliegenschiss in der deutschen Geschichte« (Alexander Gauland) und das zentrale Holocaust-Mahnmal in Berlin »ein Denkmal der Schande« (Björn Höcke). Viele jüngere Wählerinnen und Wähler haben der Partei trotzdem ihre Stimme gegeben. Ein bedenkliches Zeichen, eine beunruhigende Tatsache.

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Kommentare


christian radtke - ( 08-05-2020 05:35:47 )
Vielen Dank! Sehr interessante und fundierte Infos, Chr. Radtke

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erstellt am 06.5.2020
aktualisiert am 07.5.2020