Mit kraftvollen und farbenfrohen Landschaftsbildern machten sieben kanadische Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts den wilden Norden zum malerischen Sujet – und trugen zur kanadischen Identitätsfindung bei. Vielleicht sind sie deshalb in Europa bis heute nahezu unbekannt. Bei ihrer ersten Gruppenausstellung, die vor hundert Jahren in Toronto stattfand, nannten sie sich schlicht The Group of Seven. Zum hundertsten Geburtstag dieser Ausstellung gibt es eine große Retrospektive, die Stefana Sabin zum Anlass nimmt, an die Künstler und ihre Kunst zu erinnern.

Retrospektive: »The Group of Seven«

Die kanadische Seele als gemalte Landschaft

Als er an einem Sommerabend 1917 im Canoe Lake, einem See im Algonquin-Park nördlich von Toronto, ertrank, war Tom Thomson schon berühmt-berüchtigt. Denn der junge Maler hatte sich gegen das Kunstestablishment und den europäischen Geschmack gewandt und wollte eine authentische kanadische Malerei schaffen. Thomson glaubte, daß die Kunst die besonderen geographischen Verhältnisse – die ungebändigte Natur, die wilden Witterungen – widerspiegeln müsse. Also weg von den gefälligen Porträts nach britischen oder den hübschen Straßenszenen nach französischen Vorbildern, die die Kunstszene in Toronto beherrschten, und hin zu einer Malerei, die die Dramatik der kanadischen Landschaft zeigte!

Thomson verbrachte die Sommer in den Wäldern und kehrte im Winter nur ungern in die Stadt, nach Toronto, zurück. Auch malen tat er am liebsten im Freien: einen schräg aus dem See herausragenden Felsen oder einen vom Wind gebeugten Ast. Thomson entdeckte das Malen im Freien neu. Und seine ausdrucksstarken Landschaften bildeten die kanadische Wildnis ab und erfanden sie zugleich – und hielten gewissermaßen die kanadische Seele, wenn es sie denn gab, in Form und Farbe fest.

Und Thomson war nicht allein. Er hatte Gönner, und er hatte Künstlerfreunde, die ihn auf seinen Erkundungsreisen in den Norden begleiteten und sich sein Programm einer kanadischen Malerei zu eigen machten. Thomsons früher, tragischer Tod ließ ihn zur Legende werden: Er ertrank mit 35 in dem See, den er wieder und wieder gemalt hatte.

Seine Künstlerfreunde in Toronto führten sein Projekt weiter. Frank Carmichael, Lawren Harris, A.Y. Jackson, Frank Johnston, Arthur Lismer, J.E.H. MacDonald und F.H. Varley – alle ausgebildete Künstler mit Europa-Erfahrung, die ihren Lebensunterhalt in der Werbung verdienten. Nicht zuletzt um einem zurückhaltenden Publikum, einer feindseligen Kritik und schwierigen Ausstellungsbedingungen zu trotzen, stilisierten sie die Wildnis zur Alternative der entstehenden Metropole Toronto. Bei den Ausflügen in den Norden – von Georgia Bay und Algonquin Park bis nach Algoma und zum Lake Superior – verwandelten sich die gepflegten Städter in Naturburschen. Sie zelteten und picknickten und stellten ihre Staffeleien mitten in die Landschaft, die sie malen wollten. Zuerst fertigten sie Skizzen an: postkartengroße Vorstudien mit Wasserfarbe oder schon in Öl, die das Motiv festhielten und aus denen dann im Atelier Gemälde wurden.

Es waren Naturbilder: die scheinbar endlosen Wälder und Seen, Schnee und Eis, Wind und Sturm – es waren wilde, meist menschenleere Landschaften, die die unfassbare Weite des Landes und eine absolute Freiheit inmitten der Wildnis suggerierten. Malen wurde zum großen Abenteuer, zur Entdeckungsreise. Diese Künstler entdeckten das Land, indem sie es malten – und dabei entdeckten sie sich selbst. Nicht zufällig waren sie Leser der amerikanischen Transzendentalisten. Das heroische einfache Leben in der Natur, das Henry Thoreau besungen hatte, beeinflusste sie ebenso wie der symbolische Kampf zwischen Mensch und Natur, den Henry Melville zum Roman verdichtet hatte. Und wie Melvilles Ishmael, den es zur See zog, zog es sie in die Wälder: Malen sei a matter of taking to the road, eine Sache des Aufbruchs, hieß es.

Lawren Harris: „Montreal River“, 1920
McMichael Canadian Art Collection (http://collections.mcmichael.com/collections/12/group-of-seven-and-associated/objects)

Diese Aufbrüche in die Wildnis wurden in der Stadt zuerst belächelt, aber langsam erkannte das städtische Publikum, dass die expressiven Landschaften ihr Lebensgefühl besser ausdrückten als europäische Salonmalerei. Auch die Kritik wurde gnädiger, und schließlich plante die Art Gallery of Toronto, aus der später die Art Gallery of Ontario wurde, 1920 eine Gemeinschaftsausstellung mit siebzig Gemälden, so dass jeder Künstler mit zehn Bildern repräsentiert war. Für diese Ausstellung nannten sich die Künstler The Group of Seven, in Anspielung auf die amerikanische Ashcan-School, deren Mitglieder sich The Eight nannten. So ausgiebig, wie die Eight die Stadt malten, malten die Seven die Landschaft.

Die Ausstellung wurde zu einem unerwarteten Erfolg und etablierte die Seven in der Kunstszene. Als die National Gallery in Ottawa 1936 eine erste Retrospektive zeigte, galten die Gemälde schon als nationale Malerei. Zuerst als wilde Schmierer beschimpft (sie malten mit dem Penis, empörte sich eine Kritikerin über die ausschließlich männlichen Künstler), wurden die Seven zu kanadischen Kultur-Heroen. Beides stimmte: weil sie mit dem gleichmäßigen Farbauftrag brachen, schienen die Seven die Farbe über die Leinwand zu schmieren, und weil sie programmatisch die kanadische Landschaft zum Sujet machten, waren sie tatsächlich nationale Künstler.

A.Y. Jackson: „First Snow, Algoma“, 1920
McMichael Canadian Art Collection (http://collections.mcmichael.com/collections/12/group-of-seven-and-associated/objects)

Dabei nährten sie sich aus verschiedenen Quellen: aus der Lichtmalerei des Impressionismus, den starken Farben des Fauvismus, den wuchtigen Pinselstrichen des Expressionismus destillierten sie einen eigenen Stil; vom Kubismus lernten sie die Bild-Komposition, und vom Jugendstil übernahmen sie das Dekorative. Die Seven waren traditionell in ihren Mitteln – Ölfarbe auf Leinwand oder Karton – und in ihren Formaten – mittelgroß und quer – und modern in der ästhetischen Ausarbeitung des Sujets. Denn die Landschaft pulsiert in der dick aufgetragenen Farbe: Licht wird durch Nuancierung und Aufschichtung, Wasser durch Pinselbewegung wiedergegeben.

Die hellen Töne und das klirrende Licht von Frank Carmichael (1890-1945), die klaren Linien und abstrakten Formen von Lawren Harris (1885-1970), die grelle Flächenmalerei von A.Y. Jackson (1882-1974) und J.E.H.MacDonald (1873-1932), der fast pointillistische Farbauftrag von Frank Johnston (1888-1932), schließlich die scharfen Konturen und die intensive Farbigkeit von Arthur Lismer (1885-1969) und F.H.Varley (1881-1969) machten die Wildnis nicht nur zur ästhetischen, sondern auch zur identitätsstiftenden Erfahrung.

Beschrieb die Literatur die existentielle Einsamkeit des Menschen und seinen unendlichen Kampf gegen eine feindliche Natur, suggerierte die Malerei den Sieg über die Natur: Die Bilder der Group of Seven reduzierten die unfassbare Weite des Landes zu fassbaren Landschaftsbildern von dramatischer Schönheit – und wurden zu nationalen Ikonen. Auf Postkarten und Briefmarken, auf T-Shirts und auf Etiketten von Ontario-Wein, als Puzzle-Spiele für Kinder und als Tischdecken sind sie im heutigen kanadischen Alltag allgegenwärtig. Aber in der Abgeschiedenheit des Museums entfalten die Eis-, Wind- und Waldlandschaften ihre ganze Kraft jedesmal neu.

Frank Johnston: „Dark Waters“, 1923
McMichael Canadian Art Collection (http://collections.mcmichael.com/collections/12/group-of-seven-and-associated/objects)

Anders als die USA, die sich in der Literatur, im Großen Amerikanischen Roman, zu erfinden versucht haben, hat Kanada in den Bildern der Group of Seven eine konstituierende Befindlichkeit gefunden. „Die sieben Künstler, deren Werke hier ausgestellt sind,“ hieß im Katalog der ersten Ausstellung 1920, „hegen seit mehreren Jahren eine gemeinsame Vorstellung von Kunst in Kanada. Sie alle werden von der Idee getragen, dass eine Kunst aus der Scholle wachsen und blühen muss, bevor das Land zur Heimatstätte für seine Menschen werden kann.“

Die Hängung der ersten Ausstellung war für die Retrospektive in der Art Gallery of Ontario 1996 wiederhergestellt worden. Unter dem Titel Art for a Nation, Kunst für eine Nation, schien die Ausstellung eine ersehnte Antwort auf die ewige Frage nach der kanadischen Identität anzubieten: was kanadisch ist, zeigen die Gemälde der Group of Seven.

Auch für die diesjährige Jubiläumsausstellung wurde ein suggestiver Titel gewählt: „A Like Vision“, eine gemeinsame Vorstellung, heißt die Retrospektive, mit der der 100. Geburtstag der Group of Seven in der McMichael Canadian Art Collection begangen wird. Die McMichael Collection, die auf eine private Sammlung zurückgeht, besitzt das größte Konvolut an Werken der Seven – etwa 6.500 Stücke – und hat die Pflege ihres Vermächtnisses zum Gründungsprinzip erhoben. Mitten in der Landschaft nördlich von Toronto gelegen ist dieses Museum ein besonders angemessener Ort, die Werke der Seven zu bestaunen.

F.H. Varley: „Early Morning, Sphinx Mountain“, 1928
McMichael Canadian Art Collection (http://collections.mcmichael.com/collections/12/group-of-seven-and-associated/objects)

Die Jubiläumsausstellung präsentiert etwa 300 Werke, darunter einige der bekanntesten wie Jacksons eindringlicher First Snow, Algoma (1919/20), Carmichaels herbstliche Komposition October Gold (1922), and Lawren Harris’ ikonischer Mount Robson (1929). Aber es gibt auch regelrechte Überraschungen wie die Porträtskizzen von Arthur Lismer und seine Montreal-Veduten, Lawren Harris’ Zeichnungen von Montreal River (ca. 1920) oder F.H.Varleys Flapper und nicht zuletzt seine Nachtlandschaft aus Vancouver von 1937, die nicht so ganz zum allgemeinen Verständnis der Seven passt: falsche Gegend (Pazifikküste), falsches Sujet (die Stadt), falscher Stil (kruder Expressionismus).

Die Ausstellung widmet jedem Künstler einen Raum mit den jeweils wichtigen Werken und zeigt die individuellen Entwicklungen über die Mitgliedschaft zur Gruppe hinaus. Auch Künstler, die später zu den Seven hinzugekommen sind wie A.J. Casson und Edwin Holgate wurden aufgenommen und vervollkommnen den Gesamteindruck der Group of Seven, die sich 1933 auflöste.

Der große Andrang in den ersten Wochen vor der coronabedingten Museumsschließung zeigt, wie beliebt die Malerei der Group of Seven immer noch ist. Eine Neubewertung dieser Mal-Heroen und ihrer Vorstellung der kanadischen Scholle wird sich im Verlauf des Jubiläumsjahres einstellen – spätestens, wenn das McMichael Museum eine Ausstellung zu ihren zeitgenössischen Malerinnen unter dem Titel Uninvited eröffnet.

J.E.H. MacDonald: „Goat Range, Rocky Mountains“, 1932
McMichael Canadian Art Collection (http://collections.mcmichael.com/collections/12/group-of-seven-and-associated/objects)

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erstellt am 29.4.2020
aktualisiert am 30.4.2020

Ausstellungsplakat The Group of Seven at 100, Museum McMichael (Sceenshot)

Ausstellungsplakat „The Group of Seven at 100“

Ausstellung in Kanada

»A Like Vision«: The Group of Seven at 100

25. Januar 2020 – Frühling 2021

McMichael Canadian Art Collection, Kleinburg, Ontario

Hinweis des Museums (Frühling 2020):
Special notice to all visitors: the gallery is currently closed in response to COVID-19. Visit ArtVenture Online for art activities, videos, talks and more.

Frank Carmichael: „October Gold“, 1922
McMichael Canadian Art Collection
(http://collections.mcmichael.com/collections/12/group-of-seven-and-associated/objects)

Arthur Lismer: „Bright Land“, 1938
McMichael Canadian Art Collection
(http://collections.mcmichael.com/collections/12/group-of-seven-and-associated/objects)