Die Welt war unverständlich geworden. Alle Gewissheit hatte sich verflüchtigt im Jahre 1920. Es erstaunt nicht, dass Wolfgang Martynkewicz ein Centennium zurückblickt, in ein Jahr, in dem sich die angewachsenen gesellschaftlichen Unsicherheiten bündeln. Auffällig ist nur, wie ähnlich sich manches heute wiederfindet, bemerkt Gudrun Braunsperger nach der Lektüre von Martynkewiczs Buch „1920. Am Nullpunkt des Sinns“.

Wolfgang Martynkewiczs »1920. Am Nullpunkt des Sinns«

Dystopische Schattierung

Es ist ein Jahr zwischen den großen Daten der Geschichte, das Wolfgang Martynkewicz als Ausgangspunkt für seine Kulturgeschichte gewählt hat, „ein Jahr zwischen den Zeiten“. Im Jahr 1920 ist der Große Krieg zwar beendet, zu Ende gegangen ist er nicht, in der Gesellschaft tobt er weiter. Die Hoffnung auf Katharsis hat viele, gerade auch europäische Intellektuelle, zur Kriegsbegeisterung verführt, sie ist aber im Ersten Weltkrieg enttäuscht worden: Das Gefühl der Katastrophenerwartung ist geblieben, hat sich verfestigt.

Sigmund Freud vollzieht um dieses Datum herum während der Arbeit an seiner Abhandlung „Jenseits des Lustprinzips“ eine Kehrtwende in seinem Denken: Die Sexualität erscheint ihm fortan nicht mehr als die größte Triebkraft des Menschen, sondern als ein Umweg zum Tod. Freud rückt ab von einer der Aufklärung verpflichteten Haltung des Optimismus, mit der er das psychoanalytische Projekt um 1900 begründet hat. Den Todestrieb im Fokus zu haben, erfordert, der Wirklichkeit in neuer Weise zu begegnen. Diesem Zeitgefühl der „Bodenlosigkeit, da aller Sinn versagt hatte“ geht Wolfgang Martynkewicz in seiner Epochengeschichte auf den Grund.

Alfred Döblin, 1930 (Screenshot)
Alfred Döblin, 1930

Der Schock darüber, dass die Welt unverständlich geworden ist, entspricht dem Empfinden vieler Zeitgenossen. Alfred Döblins Reaktion auf die Relativitätstheorie von Albert Einstein drückt es folgendermaßen aus: „In einem Dutzend Aufsätze las ich: was hier, in der Relativitätslehre, vorgebracht würde, sei den Entdeckungen des Kopernikus, Galilei gleichzustellen. Aber Galilei und Kopernikus tragen einfache Tatsachen vor; diese neue Lehre schließt mich und die ungeheure Menge aller Menschen, auch der denkenden, auch der gebildeten, von ihrer Erkenntnis aus!“ In einer Zeit, in der alles „relativ“ geworden ist, empört sich der in den Naturwissenschaften ausgebildete Arzt Döblin nicht nur darüber, dass sich bisher Gültiges als ungewiss erweist, sondern auch, dass der Diskurs über das Ungewisse unmöglich geworden ist, bleibt er doch fortan einem elitären Kreis von Experten vorbehalten. Wenn Wissenschaft selbst für den gebildeten Laien zur Glaubenssache wird, dann erhält die Weltbetrachtung aus säkularem Blicke, nachdem Nietzsche Gott den Totenschein ausgestellt hat, eine neue Qualität. War die alte Religion eine Sache der Theologen geworden, so droht die Sache der Naturwissenschaft zur neuen Religion zu werden.

Es ist einer der vielen Momente in diesem Buch, an dem man 2020 staunend innehält und einen großen Bogen erkennt, der sich vom Jahr 1920 ins 21. Jahrhundert hinüberspannt: Die Wissenschaftsskepsis mancher Zeitgenossen wirkt nicht neu und weniger überraschend.

Wolfgang Martynkewicz verweilt an jenem „Nullpunkt des Sinns“, mit dem er das Jahr 1920 markiert: nach einer Kriegseuphorie, die in sich zusammengefallen ist und den kollektiven Katzenjammer zur Folge hat, und vor der Flucht in die Ekstase der wilden zwanziger Jahre von Babylon-Berlin. Der Autor macht die existenzielle Krise einer taumelnden Gesellschaft an der Jahreszahl 1920 fest, an der alle bisherigen Gewissheiten der europäischen Zivilisation wegzubrechen drohen: Nicht umsonst traf Oswald Spenglers zwischen 1918 und 1922 erschienene Prophetie vom Untergang des Abendlandes auf so große Resonanz unter der zeitgenössischen Leserschaft. Der Systemwechsel von der Monarchie zum Parlamentarismus hat kein Vertrauen in die neue politische Ordnung gebracht. In der jungen Weimarer Republik wird die Herrschaft des Volkes de facto als Herrschaft der Parteien empfunden. Das Gefühl tiefster Verunsicherung drückt sich als Klassenkampf zwischen links und rechts in bürgerkriegsähnlichen Zuständen aus. Das entmachtete Bürgertum – Angehörige des Militärs und Akademiker, die ihre Stellung verloren haben – kämpft ohnmächtig um seinen verlorenen Platz. Die Ermordung von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Walter Rathenau stehen in größerem Kontext: Martynkewicz zitiert eine Studie, wonach zwischen 1919 und 1922 376 politisch motivierte Morde verübt wurden, ein beträchtlicher Teil der Täter kam aus dem rechten Spektrum.

Dass die Moderne über Europa mit archaischer Gewalt hereingebrochen ist, haben die italienischen Futuristen und die russische Avantgarde ebenso empfunden und ausgedrückt wie der vom Erlebnis des Krieges geprägte Ernst Jünger, einer der Protagonisten, dessen Werk sich Wolfgang Martynkewicz als Literaturwissenschaftler intensiv zuwendet. Panzerung, Gefühllosigkeit, der Umgang mit Traumatisierung sind Themen, die eine ganze Generation von körperlich und psychisch versehrten Kriegsheimkehrern im Griff haben, hinzu kommt die Doppelbödigkeit der Technik auf dem Weg zur Mensch-Maschine, deren Auswirkungen noch nicht abgeschätzt werden können. Künstler und Intellektuelle ringen darum, diese Erfahrungen in Sprache zu übersetzen, als Seismographen ihrer Zeit erleben sie diese als bedrohlich und vermessen die moderne Welt neu: aus dem utopischen Fortschrittsglauben der Aufklärung erwächst Kulturpessimismus, aus dem Vertrauen in die Möglichkeiten der Technik wird die Warnung vor ihrer Weltbeherrschung.

Politische Unruhen in der Weimarer Republik: Kapp-Putsch, Berlin 1920 (Srceenshot)

Politische Unruhen in der Weimarer Republik 1920: Kapp-Putsch, Berlin

Diese dystopische Schattierung der frühen zwanziger Jahre, die aus der Begegnung mit Gewalt entstanden ist, interessiert Wolfgang Martynkewicz, der auch zur Geschichte der Psychoanalyse veröffentlicht hat. Er setzt fünf Protagonisten der deutschen Geistes- und Literaturgeschichte, zwischen denen es nie eine Begegnung gegeben hat, miteinander in Beziehung, indem er das Entstehen ihres Werks in diesem Zeitabschnitt verfolgt: Neben Sigmund Freud und Ernst Jünger widmet sich dieses Buch dem Werk von Walter Serner, Bertolt Brecht und Alfred Döblin, darüber hinaus gibt es zahlreiche Nebendarsteller. In einer Art filmischen Aufsicht auf dieses Datum entsteht das dicht bevölkerte Panoramabild einer Epoche, die zum Ausgangpunkt zahlreicher Zeitlinien in alle Richtungen wird. Es ist ein Querschnitt, der transparent werden lässt, was darüber hinaus entsprechend dem Ursache-Wirkungsprinzip chronologisch längsgeführt und immer wieder aufs Neue miteinander verknüpft wird.

Am Ende legt diese Methode die Einsicht frei, wie aktuell so manche Fragestellung, die uns heute bewegt, bereits vor genau einem Jahrhundert war, so als ob sich vieles von dem, was damals bereits thematisiert und auch vorausgespürt wurde, heute nur verdichtet und festgezurrt hätte. Spannend an dieser Methode ist, dass sie kein endgültiges Resümee nahelegt, der Befund bleibt „relativ“, also ungewiss. Es sind Angebote, mögliche Verbindungen, die als Fäden in die Hand gelegt werden, mit der Aufforderung, sie weiterzuverfolgen.

Bertolt Brecht, 1927 (Screenshot)
Bertolt Brecht, 1927

So manche Spur ist faszinierend, etwa diese: Durch die Übersetzungen des Sinologen Richard Wilhelm wird um die Jahrhundertwende das Interesse an östlichen Weisheitslehren geweckt, auch der junge Bert Brecht interessiert sich dafür. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wird die Hinwendung zum Osten als Gegenangebot zum Rationalismus des am Boden liegenden Abendlandes verstanden. Im November 1920 eröffnet Hermann Graf Kayserling in Darmstadt die „Schule der Weisheit“, ein Forum, an dem neben Richard Wilhelm auch C.G. Jung und Max Scheler wirken. Wenige Wochen davor liest Brecht Alfred Döblins Roman „Wang lun“ und folgt von da an der Spur des Daoismus, für ihn ist es die Zuwendung zum schöpferischen Urgrund des Lebens. Ein Ergebnis dieser Auseinandersetzung: das 1938 in der Emigration entstandene Gedicht „Die Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“. Döblin wiederum formuliert 1920 in seinem Essay „Bekenntnis zum Naturalismus“, dass die Relativierung des abendländisch geprägten Individualismus auch Eingang in den modernen Roman finden müsse; nicht Einzelpersonen und ihre Schicksale sollen im Mittelpunkt stehen, für die neue Epoche charakteristisch seien das Kollektiv, die Masse, die Großstädte.

Massen verschlingende Metropolen stehen am Ende von Martynkewiczs Epochenbeschreibung: Das apokalyptische Szenario einer Katastrophenerwartung, wie es Alfred Döblin in seinem 1924 erschienenen Zukunftsroman „Berge Meere Giganten“ entworfen hat, besitzt Merkmale mit verblüffender Aktualität, nicht zuletzt die prophezeite Landflucht, Massenmigration und Globalisierung.

Am Nullpunkt des Sinns ist der Diskurs nach allen Seiten hin offen, die Gestaltung von Wirklichkeit erlaubt ein Weitergehen in jegliche Richtung. Der Nullpunkt des Sinns ist eine Chance, die man immer wieder neu ergreifen kann.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 28.4.2020
aktualisiert am 02.5.2020

Wolfgang Martynkewicz
1920
Am Nullpunkt des Sinns.
Gebunden, 383 Seiten
ISBN: 978-3-351-03777-2
Aufbau Verlag, Berlin 2019

Buch bestellen