„Stay at home“ lautet das Gebot der Stunde. Im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie setzen viele Regierungen auf Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen. Am Beispiel Österreichs untersucht der Kultur- und Medientheoretiker Marc Ries die Sprache, mit der die Politik in der Krise agiert.

Zur Semantik der Krise in Österreich

Das Soziale und das Zuhause: Ein neuer Dualismus?

Von Marc Ries

13.03., erste Pressekonferenz in Sache >Covid-19<
Kanzler Kurz: „Am Montag müssen wir unser soziales Leben auf ein Minimum reduzieren. … Bleiben Sie Zuhause!“

Marc Ries
Marc Ries

Dort, wo Menschen zusammenkommen, steigt die Gefahr der Ansteckung. Das Zusammenleben in Gesellschaft anderer gilt es zu vermeiden. Die Frage ist, ob die politische Sprache mit diesen beiden, mittlerweile endlos wiederholten Sätzen – dem Verbot und der scheinbaren Lösung des Problems – tatsächlich „wahr“ spricht, ob die Aussagen stimmen, zutreffen auf eine Gesellschaft in der Krise?

Zunächst: Ist das „soziale Leben“ tatsächlich der Gegner, den es auszuschalten gilt? Man versteht, was da gemeint sein will, was die Volksvertreter einem zu sagen versuchen. Dennoch verstört die Aussage. Die Einfalt, mit der hier die Sprache – unser soziales Medium schlechthin – verkürzt, ja verfremdet wird, um eine medizinische Maßnahme zu rechtfertigen, ist erschreckend. Wir werden Zeuge einer „Semantik der Krise“, die selber in der Krise steckt. Semantik, das meint die Art und Weise des Sprechens über die Wirklichkeit, die Vorstellungen und Bedeutungen, die wir mit anderen teilen. Wenn eine Krisen-Semantik als Problem das „soziale Leben“ ausweist und als Lösung das „Zuhause“, dann ist die damit erreichte Komplexitätsreduktion entweder bedenklich naiv oder bedenklich machtorientiert.

Ist es notwendig, die physische Separierung der Individuen in der Öffentlichkeit mit der Aufkündigung des sozialen Lebens gleichzusetzen, muss man das Gemeinwohl auf diese Weise attackieren, als Feind stilisieren? „Die Schlacht um Corona wird nicht im Spital entschieden, sondern in der Gemeinschaft“, meint ein Spitalsleiter, also ein Experte, der selbstverständlich nur einen notwendig verkleinerten Expertenblick auf das Problem hat. Doch ist das Problem nicht nur ein medizinisches, sondern betrifft die Gesellschaft als solche. Wenn der soziale Stoff, das, was zwischen den Menschen passiert, nicht erhalten bleibt, ist der Gesellschaft eine jede Grundlage entzogen. Das ist der eine Punkt, warum der Satz nicht die Wahrheit sagt: Das Soziale, die Austauschprozesse der Vielen, ist Legitimation für das, was wir unter Politik in demokratischen Verhältnissen verstehen. Die Wirtschaft leidet, ja, das hören wir auch tagtäglich, doch gleichermaßen leidet das Soziale, in einer sehr konkreten Hinsicht, bedenkt man die soziale Isolation vieler Menschen, die beengten Lebensverhältnisse vieler Familien, die Tatsache, dass viele gar kein „Zuhause“ haben; zugleich leidet das Soziale als sinnstiftendes Bild, geht man von der „blinden“ Semantik aus, die im Moment die Krise begleitet.

Der Staat versucht in extremen Vereinfachungen stark zu sein, Vater und Mutter in einem zu spielen, autoritär Verbote zu verkünden und sich um den Schutz aller „zuhause“ zu kümmern. Und vergisst, dass er es mit Bürgern zu tun hat. Jedenfalls mit Menschen, die er nur adressieren kann, weil sie als diese Bürger Teil des Staats sind, Teil des sozialen Raumes, die diese Art von Politik allererst ermöglicht. Wäre es da nicht angebrachter, eine Kommunikation auf Augenhöhe zu führen?

Nicht #Social Distancing, sondern #Physical Distancing

Kann eine aufgeklärte Gesellschaft nicht eine andere Semantik, einen anderen Diskurstyp erfinden, der die notwendige hygiene-technische Isolation mit einem erweiterten Begriff von Öffentlichkeit assoziiert, der den Menschen klar sagt, dass man sie nicht alleine lässt, zuhause, sozial isoliert, häuslicher Gewalt ausgesetzt, sondern dass man alternative Öffentlichkeiten entwirft? Etwa: Haltet unbedingt euer soziales Leben aufrecht, aber meidet den physischen Kontakt zu möglichst vielen Menschen. Das geht nämlich. Technisch und menschlich. Mit Sozialtechniken als Menschen-Techniken. Auf diese Weise lassen sich Unsicherheiten, Ängste, kollektiver Hospitalismus und Aggressionen vermeiden. Ja, und warum nicht auch öffentliche Begegnungszonen einrichten, in denen man zusammenkommt, mit Abstand, wo man seine sozialen Bedürfnisse wahrnehmen kann, eine Weile mit Anderen redet. Auf das Epidemische mit sublimen, sozialen Räumen reagieren! (Hierzu die zaghaften Versuche der Grünen für den Ostersonntag in Wien.)

Warum also passiert das Gegenteil? Warum eine Dämonisierung der Außenwelt, des Sozialen? Sind etwas längere, weiterführende Sätze in den Aussagen der Verwaltung der Krise nicht möglich, da das „Volk“ semantisch-ungebildet ist? Ein Virus, dem man nur mit Entzug der Öffentlichkeit, des sozialen Lebens, der Vereinzelung entgegentreten kann, ist offensichtlich ein guter Partner für eine autokratische Politik, die kein Interesse an „kritischen Massen“ hat.

Zuhause, wo ist das?

BLEIBEN SIE ZUHAUSE! Das Wort in seiner Doppelbedeutung des Ortes, an dem man wohnt, und des Ortes, an dem man „daheim“, also geborgen, also bei sich ist, bekommt eine infame Stärke. Es ist, als ob die bürgerliche Gesellschaft nun endlich jenen Topos zu feiern vermag, der schon immer als ihr Imaginäres durch alle Diskurse geisterte, ein Ort der Befriedung, des Rückzugs, der Sicherheit, des Bei-sich-seins, aber auch des Unter-sich-seins der Familie. Eine Formel, die im 19. Jh. als ideologisch wichtiger Gegenbegriff zur entfremdeten industriellen Arbeit, aber auch als vermeintlicher Ruhepol zur umtriebigen, politisch aktiven bürgerlichen Öffentlichkeit ausgerufen wurde. Dort, zuhause, war man nur Mensch, nicht Arbeiter oder Bürger. Ein Raum, der jedoch niemals diese Aufgaben einzulösen vermochte, da selbstverständlich die Belastungen des Arbeitslebens und die Resonanzen der bürgerlichen Öffentlichkeit in diesen Privat- und Intimraum zu jeder Zeit eindrangen!

Für sehr viele Menschen ist das Soziale – auch wenn sie ein Zuhause haben – beinahe ihr einziges Kapital, das, mit dem sie sich „am Leben erhalten“. Und selbstverständlich werden all diese das tun, was sie immer schon gemacht haben: soziale Nähe herstellen, über Medien, soziale Medien etwa. So lässt sich soziales Leben aufrechterhalten, gegen die Gefahr körperlicher Ansteckung, aber auch gegen die psychische Isolation und vor allem gegen die einfältige Diktion der Regierung. Das ist der zweite Punkt, warum die simplifizierten Formeln der Regierung an der sozialen Wirklichkeit vorbeizielen. Soziales Leben macht schlau. Genau das gilt es in Zeiten der Krise zu bewahren.

Man frohlockt in den Studios des ORF, dass nun endlich wieder das „Volk“ sich vor dem Leitmedium versammelt. In der Kommunikationsgesellschaft braucht es starke Sender und demütige Empfänger. Jedoch, es gibt kein Zurück in die zentral gesteuerten medialen Wonnewelten der 60er und 70er Jahre. Wo man staatsideologisch verwöhnen konnte. Wo die Message Control, die dem Bundeskanzler so wichtig ist, noch einfach umzusetzen war. Viele werden heute unterschiedlichste Kommunikationskanäle nutzen. Sich über sozio-mediale Kontakte informieren und desinformieren und vor allem sich auszukennen versuchen. Ein Spiel aus Kontrollgewinn und Kontrollverlust.

Montag 30.03, zweite Pressekonferenz
Die Diktion ist die gleiche: soziales Leben vermeiden, zuhause bleiben. Die nun eingeführten Mund-Nasen-Schutzmasken für den Einkauf haben eine zusätzliche politische Symbolik: „Lautdenken“ (Kant) geht nun nicht mehr so leicht.

Über den Autor

Marc Ries, Kultur- und Medientheoretiker, arbeitet an der Hochschule für Gestaltung, Offenbach am Main und lebt in Wien.

Marc Ries, HfG Offenbach

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erstellt am 27.4.2020
aktualisiert am 28.4.2020