Mitte der 1920er Jahre war Marie Jahoda schon im Verband Sozialistischer Mittelschüler tätig und wurde Obfrau der Gymnasiastenorganisation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs. Die Sozialpsychologin, die 2001 in Sussex starb, wurde als 25-Jährige promoviert, arbeitete für die Revolutionären Sozialisten im Untergrund, kam in Haft und emigrierte nach ihrer Freilassung nach England. Thomas Rothschild erinnert an die mutige Repräsentantin der sozialistischen Frauenbewegung.

Die Sozialpsychologin Marie Jahoda

Auf der Seite der Erniedrigten und Beleidigten

Zu den Themen, mit denen Generationen von aufsatzschreibenden Schülern gequält wurden, gehörte „Mein Vorbild“. Die „richtige“ Antwort auf die versteckte Frage war Albert Schweitzer. Arnold Schwarzenegger oder John Wayne wären nicht geduldet worden.

Zu meinen Vorbildern, wenn ich denn eins haben muss, zählt seit langem, noch vor Berta Suttner und Helen Keller, die uns Lehrer in der vorfeministischen Zeit mittels triefender Spielfilme schmackhaft machen wollten, neben Robert Jungk und Noam Chomsky Marie Jahoda. Unter anderem nimmt mich für sie ein, dass sie nicht nachgerechnet hat, wie groß der Prozentsatz von Frauen in den Gremien der Unternehmen und Banken, wie wirksam also ihr Anteil an der Ausbeutung in einem ungerechten System ist, sondern sich ein Leben lang auf die Seite der Ausgebeuteten geschlagen hat. Dass Gabriele Henkel mit der Frau eines Fließbandarbeiters bei Daimler mehr gemeinsam habe als mit ihrem Mann, gehörte nicht zu ihren Überzeugungen. Sie war eine Repräsentantin der heute fast vergessenen sozialistischen Frauenbewegung, nicht eines bürgerlichen Feminismus, der die Machtstellung einer Margaret Thatcher, einer Condoleeza Rice oder einer Angela Merkel als Sieg feiert. Vielleicht ist das ein Grund, dass sie weniger bekannt ist als Alice Schwarzer. Ein Feminismus, der die Klassenfrage ausblendet, ist den Herrschenden willkommen. Er ist für sie keine wirkliche Gefahr. Eine Quote in den Chefetagen können sie aushalten. Das Ende der Klassengesellschaft, das Marie Jahoda ersehnt hat, nicht. Das freilich ist nicht durch eine geschlechtergerechte Verteilung der Privilegien zu erreichen.

Ein Team an der Johannes Kepler Universität Linz arbeitet nun schon seit einigen Jahren an einer Edition von Marie Jahodas Werk. Bislang sind drei Bände erschienen: ihre Dissertation von 1932 sowie „Arbeitslose bei der Arbeit“ und „Aufsätze und Essays“.

„Arbeitslose bei der Arbeit“ entstand 1937/38 im britischen Exil, wo Marie Jahoda bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Zuflucht fand, nachdem sie in ihrer austrofaschistischen Heimat zu drei Monaten Kerker verurteilt und nur unter der Auflage „begnadigt“ wurde, dass sie Österreich verlasse. Die Studie wurde seinerzeit nicht veröffentlicht – aus Gründen, die nichts mit ihrer Gültigkeit zu tun haben. Die Berücksichtigung von außerwissenschaftlichen Faktoren, der Verzicht auf (karrierefördernde) Publikationen, wenn deren Wirkung Schaden anrichten könnte, blieb ein Wesenszug Marie Jahodas und verleiht ihr einen moralischen Status, den nicht viele beanspruchen können.

„Arbeitslose bei der Arbeit“ berichtet von einem von Quäkern initiierten Programm der Subsistenzproduktion (S.P.S) für arbeitslose Bergarbeiter in Südwales. Marie Jahoda hat sich vier Monate hindurch selbst an diesem Projekt beteiligt. Mit ihrer „teilnehmenden Beobachtung“ – Jahoda nennt sie mit Berufung auf Oscar A. Oeser „funktionale Durchdringung“ – lieferte sie eine soziologische Analogie zu der zur gleichen Zeit unternommenen ethnologischen Feldforschung von Margaret Mead.

In seinem umfangreichen Nachwort weist der Mitherausgeber Meinrad Ziegler darauf hin, dass es Jahodas spezifischem Ansatz von Sozialpsychologie entspricht, „psychologische und soziale Phänomene systematisch zu verknüpfen, weil diese beiden Dimensionen auch in der sozialen Realität untrennbar miteinander verbunden sind“. Bei aller Sympathie für das Experiment kommt Marie Jahoda zu einem eher skeptischen Ergebnis: Das S.P.S. „ist ein heroischer Versuch, bei einem Problem den richtigen Hebel anzusetzen. Heroisch, weil seine Mittel ungenügend sind und der Versuch von Anfang an zum Scheitern verurteilt war“. Man sei „wahrscheinlich besser beraten, wenn man sich statt auf Wohltätigkeit auf die Macht des sozialen Wandels verlässt“. Albert Schweitzer vs. Marie Jahoda. Sage da einer, Marie Jahoda sei 80 Jahre später nicht mehr aktuell.

Der Band „Aufsätze und Essays“ ist thematisch gegliedert. Er enthält zwischen 1937 und 1997 entstandene Beiträge zu „Sozialpsychologie und Sozialwissenschaft“, zu „Antisemitismus- und Vorurteilsforschung“, zu „Konformität und Freiheit“, zur „Sozialpsychologie der Freiheit“ sowie unter der Kategorie „Essays“ – wodurch genau unterscheiden sie sich von Aufsätzen? – vier weitere Schriften mit unterschiedlicher Thematik. Die Texte, insbesondere die für den mündlichen Vortrag bestimmten, zeichnen sich durch eine klare, auch für den Laien verständliche Sprache aus. Es wird deutlich, dass Marie Jahoda auch von jenen wahrgenommen werden wollte, deren Belange in ihrer Forschung einen bevorzugten Platz einnahmen.

Ein Satz in dem späten Aufsatz „Was heißt es, jüdisch zu sein?“ gibt eine bemerkenswert pessimistische – oder muss man doch sagen: realistische – Antwort auf die heute wieder gestellte Frage, was man gegen den zunehmenden Antisemitismus tun könne. „Wenn Neid und Projektion tatsächlich die dem Antisemitismus zugrundeliegenden Prozesse sind, dann gibt es nur geringe Aussichten, dass er jemals beseitigt werden kann.“

Ein Text formuliert Überlegungen zu jener Arbeit, auf der Marie Jahodas Berühmtheit beruht, zu den mit Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel publizierten „Arbeitslosen von Marienthal“. Er endet charakteristischerweise mit einer Anspielung auf Karl Marx. Marie Jahoda plädiert für eine „Forschung, die geeignet ist, eine bessere Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft hervorzubringen, die uns ihrerseits nicht nur befähigen sollte, diese Welt zu interpretieren, sondern uns auch die Mittel verstehen lässt, die es uns ermöglichen, diese Welt zu verändern“.

Marie Jahodas auf den Forschungen von Charlotte Bühler aufbauende Dissertation „Anamnese im Versorgungshaus. Ein Beitrag zur Lebenspsychologie“, der die Herausgeber den sachlichen Titel „Lebensgeschichtliche Protokolle der arbeitenden Klassen 1850–1930“ verliehen haben, füllt nicht einmal die Hälfte des dritten Bandes der Jahoda-Edition. Der neue Titel verweist auf ein Charakteristikum von Marie Jahoda: Sie war nie eine Soziologin im engen, fachidiotischen Verständnis, wie es heute für einen Großteil der Universitätsprofessoren gilt. Sie war immer zugleich Wirtschaftswissenschaftlerin, Politikwissenschaftlerin, Philosophin und vor allem gesellschaftlich engagierte Zeitgenossin. Im Fall ihrer Dissertation kann man ebenso gut von einer sozialpsychologischen wie von einer historischen Arbeit sprechen. Ergänzt wird sie durch mehrere Kommentare. Ob die Apologeten Marie Jahodas ihrerseits Forschung betreiben, die uns „nicht nur befähigen sollte, diese Welt zu interpretieren, sondern uns auch die Mittel verstehen lässt, die es uns ermöglichen, diese Welt zu verändern“, wissen wir nicht. Im umfangreichsten Beitrag zeichnet der Grazer Soziologe Christian Fleck ein Porträt von Marie Jahoda. Es sollte auch für jene von Interesse sein, die sich nicht in die Forschungen der großen Wissenschaftlerin und politischen Aktivistin vertiefen wollen. Nicht zuletzt für jene, die ein Vorbild diesseits von Lambarene suchen und das mit Gabriele Henkel garantiert nicht mehr gemeinsam hat als das Geschlecht.

Video mit Interview zu Marie Jahodas Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal”
3sat, ca. 6 Minuten

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Kommentare


Wolfgang Haible - ( 23-04-2020 03:07:44 )
Ich habe nach der Lektüre deines Textes den Titel gleich für die Stadtbibliothek in Stuttgart zur Anschaffung empfohlen. Das Ergebnis kann man sich (einmal mehr) denken.

Wolfgang Haible - ( 23-04-2020 03:08:00 )
Ich habe nach der Lektüre deines Textes den Titel gleich für die Stadtbibliothek in Stuttgart zur Anschaffung empfohlen. Das Ergebnis kann man sich (einmal mehr) denken.

Wolfgang Haible - ( 23-04-2020 03:08:31 )
Ich habe nach der Lektüre deines Textes den Titel gleich für die Stadtbibliothek in Stuttgart zur Anschaffung empfohlen. Das Ergebnis kann man sich (einmal mehr) denken.

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erstellt am 19.4.2020
aktualisiert am 25.4.2020

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