1908 in Frankfurt-Sachsenhausen geboren, machte Eugen Weidmann eine unrühmliche, aber glänzende Karriere, die schließlich auf ihren sensationellen Höhepunkt zusteuerte: seine Hinrichtung in Paris am 17. Juni 1939. Johannes Winter hat in seiner Tatsachenerzählung „Ein ‚bezaubernder’ Mörder und sein Rendezvous mit der Guillotine” die zeithistorischen und literarischen Hintergründe beleuchtet.

Eugen Weidmann

Ein »bezaubernder« Mörder und sein Rendezvous mit der Guillotine

Wie Eugen Weidmann aus Frankfurt in Paris zu Eugène Weidmann wurde und dies – am Vorabend des 2. Weltkrieges – nicht überlebte.

“Es waren Saturnalien der Strafe, aus der damit ein Privileg wurde. Und in der Folge einer merkwürdigen Tradition, die den ordentlichen Riten der öffentlichen Hinrichtung zu entrinnen scheint, kam es bei den Verurteilten weniger zu den obligaten Zeichen der Reue als vielmehr zum Ausbruch einer irren Freude, welche die Bestrafung verneinte… Und so etwas wie ein politischer Hexensabbat war nicht weit weg.”
[Michel Foucault, Überwachen und Strafen]

Wie ein Schatten geistert er durch Patrick Modianos „Abendgesellschaft“, „der schüchterne junge Mann, Engel der Hölle, ein gewisser Eugène Weidmann, der am Tage seiner Hinrichtung Schuhe mit Kreppsohlen trug“, die ihm seine Mutter einst in Frankfurt gekauft habe. Der vielfache Mörder, der einem Meteor gleich in Paris aufgeschlagen war, auffuhr in den Olymp der Medienstars, veredelt zur literarischen Kultfigur, eingemeißelt ins kollektive Gedächtnis. Sein Echo hallt bis heute durch Frankreich.

Nicht zuletzt Claude Lanzmann erinnert sich in seiner Autobiografie „Der patagonische Hase“ an jenen „deutschen Mörder“, welcher ihm – auch des Gleichklangs der Schlusssilbe ihrer beider Namen wegen – die Angst vor der Guillotine eingepflanzt habe. Als Dreizehnjähriger bekam er mit, wie Weidmann „ganz Frankreich in Atem“ hielt.

Frühe Prägungen

Im Äppelwoi-Viertel Frankfurts geboren, anno 1908, als Wilhelm Busch starb, dessen „Max und Moritz“ er als Knabe nachzueifern schien, war Eugen Weidmann durch eine Kindheit und Jugend geschliddert, die ihm, dem verwöhnten Prinzen wohlsituierter Eltern – Vater Prokurist, Mutter Restaurantbetreiberin – möglicherweise eine zu starke Dosis an Lieblosigkeit bescherte. Ihre Zuwendung gewann er beim Ausprobieren von Gaunereien. Seine Widersetzlichkeit erwarb ihm Aufmerksamkeit. Getreu einem alternativen Lehrplan, der da lautete: Regeln verletzen, Tabus missachten. Ganz praktisch bedeutete dies, die Hosentaschen der Mitschüler im Schwimmbad auszuräumen.

Historische Ansicht des Äppelwoi-Viertels/Alt-Sachsenhausen, Frankfurt

Historische Ansicht des Äppelwoi-Viertels/Alt-Sachsenhausen, Frankfurt

Die Kriegsjahre über wurde er abgeschoben nach Köln, zu den Großeltern. Der Enkel brachte es zum Messdiener, dem es oblag, während der heiligen Handlung geistlichen Herren Wein zu reichen und andächtig ihre Röcke zu heben. Knabenleben im Schatten des Domes.

Ein Junge wuchs heran, so liebenswert wie ungeliebt. So dass seine Erziehung ausgelagert blieb. Nächste Station: Schloss Dehrn bei Limburg, wo er die Gesellenprüfung in Gerissenheit ablegte. Was dort an Schwarzer Pädagogik durch Schlafsäle und Werkstätten, Schulräume und Gemeinschaftsduschen pfiff, brach Eugen nicht, sondern machte ihn zum gelehrigen Regelbrecher. Rausschmiss wegen Diebstahls. Nicht lange und der junge Mann brach auf in die Ferne, ging nach Kanada. Eine Lehre in der Landwirtschaft lockte. Er half bei der Ernte, lernte Englisch, lernte Französisch, bis er, des Lebens nach der Natur überdrüssig, den Farmer um den Ertrag eines Viehverkaufs betrog. Und abgeschoben wurde.

Zurück in Frankfurt, begann ihn die Welt der Drogen und der Roten Lichter wie magisch anzuziehen; er verliebte sich in eine Frau aus dem Milieu, lernte die Leichtigkeit eines Luftikus-Lebens kennen, Scheitern inbegriffen. Spürte bald, dass ihm die Anstrengung, sich der Mühe eines Arbeitsalltags zu unterwerfen, nicht schmeckte; sie war zu bitter, ein Graus.

Der Vater, schuldbewusst, spendierte ihm einen „Horch“ (deutsch), die Luxusversion des Vorgängers von „Audi“ (lateinisch). Um Taxifahrer zu werden? Eher der Vorwand, einen Bankier, wohnhaft gleich um die Ecke im vertrauten Sachsenhausen, zu berauben. Oder zu entführen?

So Slapstick-artig die Aktion war, sie ging schief. Sie brachte Weidmann fast sechs Jahre Haft im Frankfurter Zuchthaus Preungesheim ein. Das Fiasko der Entführung war der teuer bezahlte Versuch, in den sozialen Status zu investieren, den der Vater ihm vorlebte. Ein Leben, das dem Sohn auf rechtmäßige Weise nicht mehr erreichbar schien, vielmehr nur noch über den Umweg von Untaten, über die Einbahnstraße des Verbrechens. Das Quantum an List und Tücke, das er sich alsbald in der Welt hinter Gittern aneignete, ersetzte, was er verloren hatte: bürgerlichen Anstand, welchen ihm seine Eltern hatten nahebringen wollen.

Ein Kurs in Kaltblütigkeit stand aus. Es schien, dass er ihn praxisbezogen zu absolvieren trachtete, als Abschluss seiner Laufbahn durch Erziehungsanstalt, Zuchthaus und NS-Arbeitslager, letzteres in einem sogenannten Moorlager, gekennzeichnet mit dem grünen Stern des „Berufsverbrechers“ (im Nazi-Jargon „BV´er“): die dreigliedrige Vorschule eines Mörders. Finale Station, bevor er Deutschland im Mai 1937 verließ, war das Gestapo-Haus in Wiesbaden, wo er Papiere erhielt. Verpflichtete man ihn zu Stillschweigen? Schickte man ihn mit besonderem Auftrag?

Begleitet von Kumpanen aus dem Frankfurter Knast ging Weidmann nach Paris, um sein Leben im Abseits fortzusetzen. Malte sich eine rosige Zukunft aus. Machte sich daran, das Ticket für die Unterwelt zu lösen. Trug, als er die Grenze überschritt, eine buntscheckige Palette von Identitäten mit sich: er nannte sich Siegfried Sauerbrey oder Bobby Hunter (Waidmann!), und hatte in der Brieftasche Ausweise auf die Namen Brown, Dickson und Karrer.

Villa La Voulzie bei Paris

Auf „Karrer“ mietete er im Pariser Vorort La Celle-Saint-Cloud eine Villa mit Garten, La Voulzie – sein Haus, das er bestellte: als Schlupfwinkel, als Falle, als Tatort, als Grab. Weidmanns Arrangement mit seinen Abweichungen sollte in Paris Züge von Normalität annehmen. Die Option, als Taschendieb in der Besucherschlange des Louvre oder in der Feierabend-Metro sein Leben zu sichern, verlor an Verlockung. Der Drang, sich achselzuckend zu nehmen, was ihm beliebte, wurde zum Zwang, zum Selbstläufer, der das Tabu zu töten außer Kraft setzte.

Zeiten der Hysterie

Eugen, von nun an Eugène, sattelte um auf Lockvogel, trat auf wie ein Beau, den die Schönheit der Metropole wenig zu berühren schien. Wenige Tage, bevor die Pariser Weltausstellung im Mai 1937 die Tore öffnete, traf er an der Seine ein. Versuchte vergeblich, den Job eines Guide im deutschen Pavillon zu ergattern.

Die Expo am Fuße des Eiffel-Turms war der Ort, an dem ein denkwürdiger Dialog stattfand zwischen dem nachmaligen deutschen Botschafter Otto Abetz und dem inzwischen etablierten Pablo Picasso. Vor dessen für Paris geschaffenem Werk „Guernica“ – Picassos Anklage gegen den spanischen Putschisten-General Franco und Ausdruck seines Abscheus gegen die Bombardierung des den Basken heiligen Guernica, die gerade vier Wochen zurücklag, durch die deutsche Luftwaffe. Ob er das Bild gemalt habe, fragte Abetz den Künstler. Picasso schneidend: „Nein, Sie!“

Die Geschichte begann, vierhändig zu spielen: stürmische Zeiten, ein unruhiger Sommer in Paris, während im Elysee-Palast mit Léon Blum der Ministerpräsident eines linken Bündnisses regierte, einer Volksfront, welcher die Hitler-affine Opposition den Krieg erklärt hatte. Streiks, Massendemonstrationen, Attentate, Morde. Die Atmosphäre in der Hauptstadt trug Züge von Hysterie. Eine Stimmung, als würden die revolutionären Sansculottes von 1789 durch die Straßen ziehen. Zum Bürgerkrieg fehlte nicht viel.

Eine Terrorbande namens Cagoule (Kapuze), gut vernetzt mit der Armee, was den Zugang zu Waffen und Munition erleichterte, tat sich hervor, gewalttätig, von Antisemitismus getrieben, mit dem Ziel, die Regierung zu stürzen, den jüdischen Präsidenten zu ermorden. Léon Blum überlebte ein Attentat. Zwei seiner jüdischen Minister nicht. Der verbreitete Hass gegen Juden – seit der Dreyfus-Affäre zu Anfang des Jahrhunderts existierte er in Frankreich auf Abruf.

Es waren Cagoulards, die an einem einzigen Tag Bombenanschläge gegen alle sieben Pariser Synagogen verübten. Es waren Cagoulards, die Sabotage gegen 200 französische Kampfflugzeuge durchführten, welche die Regierung für die Unterstützung der spanischen Republik gegen den Putschisten Franco vorgesehen hatte. Auf das Konto der Cagoule gingen zahlreiche politische Morde. Ihr zum Opfer fielen, während die Weltausstellung zum gewünschten Besucher-Magnet wurde, die Brüder Carlo und Nello Rosselli, Antifaschisten und Gegner Mussolinis; der russische Ökonom und Berater der Volksfront, Dimitri Navachine; und, höchst mysteriös, Laetitia Toureaux, die sogenannte Mätresse von Eugène Deloncle, dem Gründer und Führer der Cagoule. Letzterer ein Fall, in dem den Ermittlern der Name „Eugène Weidmann“ begegnete – und wieder verschwand.

Im November 1937 kamen Putschpläne der Bande auf. Weidmann war gerade festgenommen worden, da versuchten Cagoulards, die Regierung zu stürzen. Die Polizei schlug zu. Unter den siebzig Verhafteten dominierten die sogenannten besseren Kreise: Offiziere, Beamte, Juristen, Geistliche, reiche Witwen und Geschäftsleute wie Eugène Deloncle, der beim Kosmetik-Unternehmen L´Oréal auf der Gehaltsliste stand. Die Speerspitze der (späteren) Kollaboration mit den deutschen Besatzern.

Deloncle hatte einen Freundeskreis um sich geschart, junge Männer und Frauen aus bürgerlichen Familien, Flirts hier, Amouren da, die eine oder andere Ehe, sei es fürs Leben, sei es für eine berufliche, sei es für eine politische Karriere. Man war zu Hause in Passy, in den „beaux quartiers“, den besseren Vierteln.

Deloncles Schwägerin Édith Cahier heiratete ihren Jugendfreund Robert Mitterand. Dessen Schwester Marie-Josèphe („Jo“, später „La Marquise“) war liiert mit dem Cagoule-Mitglied Jean Bouvyer, der beteiligt war am Mordanschlag gegen die Rosselli-Brüder. Familienbande, zu denen auch der Bruder von Robert und Marie-Josèphe gehörte, welcher mit Jean Bouvyer seit Kindheitstagen aufs engste befreundet war – ein Jurastudent, geprägt von der ländlich-katholischen Charente, bei fremdenfeindlichen Demonstrationen gegen „Kanaken“ und Ausländer mit dem rechtsradikalen „Croix de Feux“ ebenso dabei wie bei der studentischen Kampagne gegen einen jüdischen Professor. Der Name des Studenten: François Mitterand.

François Mitterrand in jungen Jahren (Screenshot)
François Mitterrand in jungen Jahren

Wie eng der vielfältige Minister, zuletzt im Amt des Staatspräsidenten, in seiner Jugend in rechts-terroristische und antisemitische Aktivitäten verwickelt war? Eine Frage, die die französische Öffentlichkeit immer wieder umtrieb. Das sprichwörtliche Cagoule-Gerücht einer Mitgliedschaft Mitterands war nicht totzukriegen. Auch Historiker beschäftigte es, einer von ihnen, Philippe Bourdrel, der die Vergangenheit Mitterands „durchsiebte“, bescheinigte ihm: „Seine Cagoule-Freunde vergaß er nie.“

Die Schlieren am Fenster der personifizierten Geschichte Frankreichs wegzuwischen, würde den Blick aufhellen – wenn Mitterand nicht mit juristischen Knüppeln warf. Seinem Biografen Pierre Péan („Eine französische Jugend“) fiel bei Recherchen ein Trio auf. André Bettencourt, François Dalle und François Mitterand, „drei unzertrennliche Jugendfreunde“, Zöglinge desselben Pariser Internats.

Überdurchschnittlich intelligent, war der eine oder andere Mitglied rechtsextremistischer Banden mit ihren zerfließenden Rändern, getrieben von Rassismus und Antisemitismus, Royalismus und Hass auf die Demokratie. Gelenkt von einem Ehrgeiz, den politischer Instinkt und Cleverness fütterten, Eigenschaften, die das Trio zunächst in die Dienste des Vichy-Regimes trieben – Mitterand ließ sich von Marschall Pétain zum Verfassungsschutz-Chef der Südzone ernennen. Um alsbald unter dem Decknamen „Morland“ die Seite zu wechseln. Er lief zu De Gaulle über.

An Geschmeidigkeit gaben sich die Unzertrennlichen ohnehin nichts. Im Besonderen Mitterand hatte es drauf, das doppelte Spiel von Kollaborateur und Verweigerer zu spielen. Er war es, den Freund André Bettencourt, ein Mitglied der NS-Propaganda-Staffel, nach der Befreiung zum Herausgeber von „Votre Beauté“ berief, der Haus-Zeitschrift des L´Oréal-Konzerns, in der er unter dem Pseudonym „Frédérique Marnais“ schrieb, bevor er seine politische Karriere startete.

Bettencourt, Finanzier rechtsterroristischer Gruppen, war es, der in den Konzern ein- und Liliane heiratete, die Tochter von L´Oréal-Gründer Eugène Schueller, einem bedingungslosen Hitler-Sympathisanten, dem die Unterstützung seines Intimus Mitterand eine Herzensangelegenheit war. Liliane B. sollte nach dem Tod ihres Gatten das Etikett „reichste Frau Frankreichs“ erben, das sie 2017, als Steuerhinterzieherin, mit ins Grab nahm.

Eine rätselhafte Mord-Serie

Während die Cagoule Terror verbreitete, ging der junge Mann aus Frankfurt an der Seine einem Single-Leben nach. Hatte weder Liebes- noch Freundschafts-Beziehungen, hatte Kumpane. Weidmann, dem die Rolle des Charmeurs lag, befand sich auf der Pirsch nach Opfern, deren finanzielle Ressourcen ihn einer Existenz nach Art seines Vaters näherbringen sollten. Geradezu rastlos war er unterwegs, schlenderte über Boulevards, besuchte Cafés.

Sich zu ducken, war seine Sache nicht, er war sein eigenes Geschütz, geladen mit Gier und Verachtung. Er hatte seine Seele entkernt. Seine bevorzugten Orte wurden die Bars von Luxushotels mit internationalem Publikum. Dort trieb er sich herum, genoss seine Auftritte als Dandy, als wolle er an herrliche Zeiten anknüpfen, wie er sie einst in Frankfurt erlebt hatte. Im Auto eine Entführungsapotheke: Schnüre zum Fesseln, Chloroform, Gummiknüppel, Revolver. Accessoires eines potenziellen Mörders.

In der Bar des ‚Ritz’ hätte ihm Coco Chanel über den Weg laufen können, Grande Dame der Haute Couture und sozusagen Vorgängerin von Madame Bettencourt als reichste Frau Frankreichs, nicht zuletzt wegen des legendären Duftprodukts mit der Nummer 5. Etliche Affären standen für sie zu Buche, aber auch ihr notorischer Judenhass. Ihrem letzten Liebhaber und Bruder im Geiste, Paul Iribe, finanzierte sie als Bühne ein Wochenblatt (Le Témoin/Der Zeuge), welches dieser für eine Karikatur („Lebt sie noch“) nutzte: die nackt daliegende ‚Marianne’, Symbolfigur Frankreichs, mit Coco Chanels Gesichtszügen, über die sich Hitler als Arzt beugt, der umgeben ist von neugierigen Zuschauern, die der Zeichner mit Fratzen jüdischen Stereotyps ausstattet.

Fündig wurde Weidmann auf seiner Suche in der Lounge des ´Ambassador`, wo er sich als Siegfried Sauerbrey einer Broadway-Tänzerin näherte, Jean de Koven, 22, aus jüdischer Familie. Die junge New Yorkerin – auf ihrem Besuchs-Programm stand die Weltausstellung – hatte auf dem Dampfer ´Normandie` eine Reise nach Europa angetreten, beim Flanieren auf Deck war sie, Vorgeschmack auf Paris, Marlene Dietrich und Charly Chaplin begegnet. Weidmann machte einen auf Clark Gable. Stellte sich ihr als deutscher Industriellensohn mit Schweizer Pass vor.

Weidmanns erstes Opfer in Frankreich: Jean de Koven
Weidmanns erstes Opfer Jean de Koven

Zum Tête-à-Tête lud er sie ein in die Villa, die sein Hauptquartier war. Als die junge Frau, immer noch arglos, es an der Zeit sah zu gehen, sei er durchgedreht. Sie kämpfte um ihr Leben, bis er sie mit einem Stoffstreifen erdrosselte. Vergrub sie unter der Treppe, nicht ohne die Stelle mit frischen Rosen aus dem Garten zu schmücken. Beute aus Jean de Kovens Handtasche: 300 Franc und 50 Travellerschecks.

Was ging ihm durch den Kopf? Der Mord an der jungen Tänzerin würde sich als einer der beiden Momente in Weidmanns Leben herausstellen, in denen er denselben verlor. Nichts davon, dass er verstört gewesen wäre. Vielmehr lag nahe, dass, wie ein Kurzschluss, sein Gewissen ausfiel. Die moralischen Sicherungen brannten durch. Er nahm Kurs auf die Bahn eines Mörders, unerbittlich. Spurtete dem Traum vom Lebemann hinterher. Er geriet in den Tunnel der Gewalt. Von nun an exekutierte er die ahnungslosen Opfer, von hinten, per Genickschuss – um sich das Aufblitzen ihrer Todesangst vom Hals zu halten. Als habe er einen Schalter umgelegt.

Sie aufzutreiben, schien mühelos. Die Auswahl blieb gleichwohl rätselhaft. Sie brachte es bloß mit sich, dass die Erträge seiner Raubzüge niedrig, zu niedrig blieben, um mit dem Pariser Lebensstil mithalten zu können. Er war gezwungen, ihre Frequenz zu erhöhen.

Sobald er zum Tatort avanciert war, hatte jeder Ort etwas zu berichten: Geschichten von Grenzüberschreitungen, von Vertrauen und Grausamkeit, von Leben und von Tod, von Zeugen, die nicht vorhanden, von Geheimnissen, die Eigentum des Mörders waren.

Weidmann brach auf zu einer Exkursion, die Schlösser der Loire zum Ziel, von dort sollte es weiter an die Côte d´Azur gehen. Er buchte eine Luxus-Limousine mit Fahrer. Während einer Rast in der Nähe von Orleans tötete er den Chauffeur Joseph Couffy, per Genickschuss. Das Gesicht der Leiche bedeckte er mit einer Zeitung und legte sie im Straßengraben ab, wie einen Schlafenden, die Chauffeurs-Mütze obenauf. Und übernahm das Steuer. Beute: 1.500 Francs und der Wagen.

Das dritte Opfer, die Krankenschwester Janine Keller fand Weidmann per Kleinanzeige („reiche amerikanische Familie sucht…“). Vertrauensselig begleitete sie ihn, Ausflugsziel war der Wald von Barbizon, einst ein Mekka der Maler und Musiker. In einer Grotte namens Caverne des Brigands schoss er sie ins Genick. Vergrub die Tote mit einer Kinderschaufel. Beute: 1.300 Francs und zwei Ringe.

Weidmann kontaktierte Roger Le Blond, einen Impresario der Schlagerbranche. Ermordete ihn per Genickschuss in seiner Villa in Saint-Cloud. Legte ihn in einem Friedhof ab. Die Beute: 8000 Francs, goldener Füller und Armbanduhr. Ein Mord, den die Polizei – Indiz für die unübersichtlichen Zeiten – zunächst der Cagoule zuschrieb.

Sodann brachte Weidmann seinen Preungesheimer Kumpel Fritz Frommer um, in der Nähe seiner Villa, mit einem Schuss in den Nacken. Frommer, Kommunist und Jude, der nach der Haftentlassung mit ihm nach Paris gegangen war. Vermutete Weidmann in ihm einen Polizeispitzel? Vollzog er einen Mord nach Gestapo-Manier? Beute: 300 Francs.

Die Ermittler blieben ratlos. Stellten Vermutungen an. Doch eine Verbindung zur Cagoule war nicht nachweisbar. Keine Fäden, kein Netz, das zu entwirren gewesen wäre. Meist hatte Regen die Spuren verwischt, nicht ohne seinen Mittäter, den Wind.

Weidmann, wie losgelöst, tötete schließlich den Immobilienmakler Raymond Lesobre. Mit einer Kugel in den Hinterkopf. In einer Villa mit Namen ‚Mon Plaisir’, die Lesobre ihm angeboten hatte. Beute: 5000 Francs, goldenes Feuerzeug und der Wagen. Gut möglich, dass er so weiter gemacht hätte. Was ihm zum Verhängnis wurde: Neben der Leiche vergaß er die Visitenkarte eines Arthur Schott. Legte er es unbewusst darauf an, dass ihm jemand in den Arm fiel?

Längst lief die Fahndung zweispurig, sie hatte sich gegabelt. Hochtouren kamen indes nicht zustande, denn im Fall der Cagoule-Bande hatte es die Polizei mit einem anderen Kaliber zu tun. Das Stück Papier war jedenfalls eine erste Spur. Sie führte zu einem Onkel von Fritz Frommer, Weidmanns vorletztem Opfer. Arthur Schott war wie der Neffe aus Deutschland geflohen. Der hatte ihm von einem Eugen W. im Frankfurter Knast erzählt, von Begegnungen mit einem gewissen Karrer in Saint-Cloud.

Der verletzte Weidmann nach seiner Festnahme
Weidmann kurz nach seiner Festnahme

Als zwei Beamte Weidmanns Villa La Voulzie aufsuchten, um seinen Ausweis zu kontrollieren, kam es zu einem Gerangel. Weidmann schoss, traf den Hut eines der beiden Polizisten, die wie üblich unbewaffnet waren. Der andere schlug ihn mit einem Hammer nieder. Verhaftung Anfang November 1937, just in den Tagen, als der Polizei der Schlag gegen die Cagoule gelang.

Unter den Ermittlern In Paris herrschte helle Aufregung. Endlich war ihre – doppelte – Fahndung von Erfolg gekrönt: Siebzig einheimische Rechts-Terroristen und ein unbekannter deutscher Serienmörder in Haft. Die jüdischen Opfer Weidmanns, die Attentate der Cagoule gegen Juden – unverkennbare Übereinstimmungen. Verbindungen ließen sich gleichwohl nicht herstellen.

Weidmanns Traum von einem Leben nach Art des Vaters hatte sechs Menschen das Leben gekostet.

War sein Kompass der Zufall, Wahllosigkeit seine Methode? Was verbarg sich unter der Oberfläche seiner Motive? Was bedeutete es, dass zwei der Opfer jüdisch waren, beide Ausländer? War er von Antisemitismus getrieben, war er homophob? Nicht zu übersehen die Tötungsart: fünf Mal hinterrücks. Das populärste Rätsel aber, alsbald mit dem Sesamschlüssel ´Fetischismus` bedacht, bestand in der Frage: Was bewog ihn, eine derart stattliche Anzahl von Schuhen zu sammeln? Die Beute insgesamt belief sich im Übrigen auf 15.000 Francs.

Die Pariser Zeitungen präsentierten den schwarzhaarigen Weidmann – ziemlich fotogen – mit einem weißen Verband, der zu einem Turban um den Kopf gewunden war. Zur Adventszeit bescherten sie dem Publikum aufwühlende Lektüre, Schlagzeilen wie „Mörder mit Samtblick“ oder „Monster, Mörder oder Lügner?“ Weidmann hatte es auf die Besetzungsliste der Wochenschau in den Pariser Kinos geschafft. Er war bedeutend, stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit eines ganzen Landes. Er war nicht nur jemand, er war prominent, ein Star.

Nicht lange und quer durch Frankreich wuchs ein geradezu unersättliches Verlangen, das Spektakel vom absehbaren Rendezvous des deutschen Mörders mit der „Witwenmacherin“, so der Beiname der Guillotine, serviert zu bekommen.

Ein Prozess als Medienhype

Die Ermittlungen zogen sich durch das Jahr 1938. Als im November Deutschlands Juden vom Mob überfallen und ihre Synagogen, Geschäfte und Wohnhäuser zerstört wurden, während die Nachbarn zu- bzw. wegsahen, erwies sich Frankreich weltweit als einziges demokratisches Land, das auf den Pogrom mit Schweigen reagierte.

Es war die Zeit, als der Schriftsteller Céline mit seinem antisemitischen Machwerk „Bagatelles pur un Massacre“ (dt.: Die Judenverschwörung in Frankreich) einen Bestseller landete. Als auf den Straßen von Paris Rechtsradikale skandierten „Besser Hitler als Blum“. Als ein Polizeibericht („Antisemitische Organisationen in Paris“) ein Netz offen gewalttätiger Terrorbanden aufdeckte. Die Cagoule vorneweg.

Es war die Zeit der Zuspitzung. Jenseits von Frankreichs Grenzen, hinter dem Rhein, hinter den Alpen, hinter den Pyrenäen bauten Hitler, Mussolini und Franco ihre Diktaturen aus. Die Rhetorik verschärfte sich, (Erz-)Feindbilder wurden aufgefrischt. Die europäischen Spannungen strichen wie Scheinwerfer über den Fall. Was bewirkte: Weidmann wurde den Franzosen zum Synonym des Teutonischen schlechthin, er düngte die verbreitete Empfindung von Bedrohlichkeit, weckte die Erinnerung an die Schrecken des zurückliegenden Weltkrieges.

Vor dieser Kulisse trat das Geschworenen-Gericht im Frühjahr 1939 in Versailles zusammen. Vichy, das Kollaborations-Regime des Marschalls Pétain, lag noch hinterm Horizont, der deutsch-französische kalte Krieg aber sickerte in den Prozess, lag wie Nebel über dem Gerichtssaal.

Weidmann befand sich im Jenseits jeglicher Vorstellbarkeit. Zumal ihm die Richter sämtliche Morde ohne Ausnahme zuschrieben. Mögliche Mittäter, Mitwisser gingen in der Großwetterlage unter.

Weidmann wusste, dass er ein Monopol besaß, das Monopol auf den Hergang seiner Taten. Es gab keine Zeugen. Womöglich sah er in den Gerichtssaal und begann zu spüren, wie sich sein Leben in einen Skandal verwandelt hatte, der ihm die Chance bot, sich unsterblich zu machen. Was den Richtern wie ein Ausbund an Zielstrebigkeit, an Mordlust vorkam, hintertrieb er, wenn ihm daran lag, mit Melancholie, mit Sprachgewandtheit, mit Belesenheit – einnehmenden Zügen.

Szene aus dem Prozess gegen den Serienmörder.
Links, stehend: Eugen Weidmann

Er brachte es fertig, einem Reporter den Satz zu entlocken, „ein Gauner sollte nicht wie ein Ehrenmann aussehen“. Die Summe der Widersprüche in Weidmanns Einlassungen stieg höher als der Pegel der Seine bei Hochwasser, während sich der Himmel über Europa verdüsterte.

Janet Flanner, Autorin des „New Yorker“, widmete einen ihrer legendären Texte „Letter from Paris“ der Mordserie. Sie servierte Details, die die Verschmelzungslust des Publikums mit dem Mörder steigern mochten. Unter dem Titel „American in Paris“, vom ersten Mordopfer geborgt, deckte sie Weidmanns Liebe zu Wagner („Siegfried“!) auf, der er am Radio gefrönt habe. Sie breitete sich aus über sein intimes Tête-à-Tête mit Jean de Koven, servierte Fotos, die die attraktive New Yorkerin von ihrem ‚Siegfried’ in seiner Villa geschossen hatte, erzählte von einem Glas Milch zu ihrer Erfrischung und schüttelte den Inhalt ihrer weißen Handtasche vor den Leserinnen aus: American Express-Schecks in Höhe von 430 Dollar und 300 Franc in bar.

Der Gerichtssaal wurde zur Bühne von Auftritten bizarren Ausmaßes. Was Gericht, Angeklagter, Publikum und Medien boten, garantierte Live-Theater mit hohen emotionalen Werten. Weidmann und sein Publikum – darin eine Fan-Gruppe, die von den Medien als Weidminettes gefeiert wurde. Ihr Part war es, Ekstase vorzuführen.

Wie närrisch hingen die Weidmann-Girls ihrem Liebling am Munde, für die Zeitungen „weinende, trauernde, schwarz gekleidete Anbeterinnen“, die ihm zu seinem 30. Geburtstag ihre Hingabe mit einem Blumenstrauß und drei weißen Kätzchen bekundeten. Der Angeklagte, mal wortkarg, mal geschwätzig, bediente die Sehnsucht nach Frösteln. Die Gefallsucht des stattlich wirkenden Mannes war spürbar. In sanfter Ironie ernannte Janet Flanner ihn zum „Faust in seiner Vergeblichkeit“. Sie zitierte den Satz eines Pariser Passanten, der die Befürchtung äußerte, „dass man dem Boche das Schlimmste antun wollte“.

Der Prozess als Medizin gegen Fieberträume, um der Sucht nach stärkeren Dosen des Grauens abzuhelfen? Kaum. Das Geschehen im Gerichtssaal nahm vielmehr absurde Züge an, es brodelte vor Mordlust und Vorwürfen, vor Schrecken und Bewunderung, eine Mixtur, die die Auflagen der Presse explodieren ließ, mit Schlagzeilen vom „Größten Mörder des Jahrhunderts“, in eine Liga versetzt mit Dostojewskis Raskolnikow oder André Gides Lafcadio. Während in den Zeitungen des Reiches, die das Haus Goebbels an der Kandare hatte, der Fall Weidmann gleichsam verschämt als „beklagenswerte Affäre eines reinen Ariers“ überpinselt wurde.

Die Zuschauer, bevor sie sich an ihrer Gier nach großen Gefühlen verschluckt hätten, mussten sich mit Plattheiten zufriedengeben. Statt Liebe, Verrat und Millionen wurden Banalitäten verhandelt wie Schuhe, Lippenstifte und Oberhemden. Daher blieb es nicht aus, dass sich der Serienmord in ein „Mysterium“, der Protagonist Weidmann in ein „Monster“ verwandelte, dem die Fantasien nur so zuflogen. Von der allgemeinen Verwirrung angesteckt, landete das Publikum schließlich bei der Erkenntnis: er sei der Bösewicht, dem man nicht böse sein könne.

Jean Genet, etwa 1930 (Screenshot)
Jean Genet, etwa 1930

Einer hätte ihm den Rang ablaufen können, so verblüffend ähnlich war es in ihrer beider Kindheit, in ihrer Jugend zugegangen: Jean Genet, Altersgenosse, vogelfrei, Seelen-Bruder. In jenen Jahren auf der Zielgeraden zum anerkannten Schriftsteller, der von Weidmann hin und weg war.

Genet hatte es, während Weidmann mordete und er selbst immer wieder im Knast saß, auf eine (klein-)kriminelle Liste von zahllosen Delikten gebracht, darunter Diebstahl, Waffenbesitz, Landstreicherei, Desertion und Passfälschung. Immer wieder Knast. Bis ihn, den „Orpheus des Abschaums“, sein aufflammender Ruhm als Schriftsteller, befeuert von der Sympathie der Kollegen Sartre („Saint Genet, Komödiant und Märtyrer“) und Cocteau, zurück in die Freiheit trug.

Kein Zufall, das Leben im Gefängnis hatte Genet, getrieben von seiner Faszination für Mörder, geradezu gefesselt von der Attraktivität Eugène Weidmanns, genügend Muße geboten, seinen ersten Roman zu schreiben. Kein Zweifel auch, dass Jean Genet mitlitt. Genet, der in seiner Verzweiflung aus Verletzlichkeit in Härte, in Brutalität auswich, literarisch – und nicht, wie Weidmann, in mörderische Seelenkälte. Diese Grenze war ihm Gesetz, unter dem er Eugène Weidmann aufnahm in die Galerie seiner „guillotinierten Freunde“: ein Illustrierten-Foto als Pin-Up, mit dem er seine Zelle ausstaffierte, „zur Verzauberung“. Stoff für wilde Träume, nächtliche Phantasien, leidenschaftliche Hingabe ohne Reue.

Nur so war der Paukenschlag zu verstehen, zu dem ihm der Introitus geriet.
Genet widmete Weidmann die Seite Eins seines im Knast geschriebenen Erstlings „Notre Dame des Fleurs“. Er sprach ihm geradezu enthusiastisch den Status einer Ikone zu, nicht ohne anzufügen, er habe ihn zu seinem Liebesobjekt erkoren. Das berühmte Foto von Weidmanns Verhaftung muss ihn betört haben:

„Weidmann, den Kopf in schmale, weiße Bänder gehüllt, als Nonne (…) Sein schönes, von Maschinen vervielfältigtes Gesicht ging über Paris und Frankreich nieder, gelangte bis in den hintersten Winkel vergessener Dörfer, in Schlösser und Hütten, und offenbarte den bekümmerten Bürgern, dass es bezaubernde Mörder gibt, die ihren Alltag streifen.“

Auch Georges Bernanos konnte sich der Ausstrahlung Weidmanns nicht entziehen. Dessen Bilder vor Augen, schrieb der Katholik an Renée Jardin, Enkelin der Schriftstellerin George Sand, jene Renée Jardin, die den Angeklagten anwaltlich vertrat, er könne die „eindrucksvollen Fotos in ‚Paris-soir’ nicht ohne ein gewisses religiöses Erschauern betrachten“. Weidmann komme ihm vor „wie der Inbegriff der Einsamkeit, einer übernatürlichen Verlassenheit“.

Dem setzte seine Verteidigerin ein Krönchen auf, das ihre Kollegen fragen ließ, ob sie sich etwa in ihn verliebt habe. Ihr Klient schien Maître Jardin in der Tat den Kopf verdreht zu haben, so sehr himmelte sie ihn, geradezu vertraulich, an: „Er war schön, vornehm, geradezu ein Mann von Welt, charmant, sprudelte vor Leben und machte einen starken Eindruck auf mich.“

F. Tennyson Jesse, vom Londoner „Daily Mail“ entsandt, kam, in britischer Distanz, der Wirklichkeit näher. Sie hatte einen durchaus zwiespältigen Eindruck, sprach vom „Mann mit zwei Gesichtern“: im Profil „der Typ höflicher Student mit schmaler Nase, Inbild von Unschuld“, en face „die Verkörperung schierer Brutalität, ein wildes Tier“. Mit einer Stimme, die das Publikum ins Schwärmen versetzt habe.

Star im Gerichtssaal aber war, vom „Paris-soir“ aufgeboten, die Schriftstellerin Colette, mit ihrer roten Haarpracht das Gegenbild zu den grauen Köpfen der Richter. Colette, die Weidmanns Lider so entzückten, dass sie nicht umhinkam, an ihm auch seine Wimpern zu entdecken, für sie nichts als die Augenpracht eines betörend schönen Schwulen.

Colette, die beklagte, wie „bleich, gedrückt und abgezehrt durch das Dunkel seiner Zelle“ er ihr vorkomme. Die ihn hemmungslos weinen sah, schluchzen, schwitzen. Die dem Publikum ihres Blattes erzählte, wie er sich schämte und bereute, wie er sich nicht verteidigen lassen wollte. Sie entdeckte Weidmanns „spirituelles Verhältnis zur Wahrheit“, sie huldigte ihm überschwänglich, unterließ es jedoch nicht, Vermutungen über eine spezielle Spielart von „Fetischismus“ anzustellen, welche den zahlreichen Paaren von Schuhen seiner Opfer geschuldet war, die die Polizei in der Villa des Angeklagten gefunden hatte.

Die Reaktion auf die Medienfigur Weidmann nahm Züge nationaler Hysterie an, sie pendelte zwischen Erregung und Begeisterung, zwischen Bewunderung und Schrecken. Ein Massenmörder aus Naziland! Ein Ritter Blaubart! Dessen Eitelkeit ihn um Kopf und Kragen brachte.

Folgt man den Vernehmungsakten der Pariser Polizei, die der Reporter Roger Colombani einsah, bevor er unter dem Titel „L´affaire Weidmann – La Sanglante dérive d´un dandy allemand au temps du Front Populaire“ die Geschichte des „blutigen Absturzes eines deutschen Dandys“ schrieb, so blieb das Motiv für Weidmanns Opferwahl den Richtern ein Rätsel.

Der französischen Öffentlichkeit – von lähmender Kriegsangst erfasst, die das Gehabe des übermächtigen Nachbarn anfachte – wurde Weidmann zum germanischen Prototyp aus dem Reich der Finsternis. Eine dämonische Gestalt, der alles zuzutrauen war.

Dem Autor Michel Ferracci-Porri, der “Beaux Ténèbres – La pulsion du Mal d’Eugène Weidmann“ nachlegte, ging es nicht anders. Noch im Jahr 2008 sah er Weidmann vor sich, „intelligent, höflich, kultiviert und von betörendem Aussehen“, buchstabierte den Serienmörder als „schöne Finsternis“, vom „Drang zum Bösen“ getrieben. Es wollte ihm nicht in den Kopf, dass dieser mal redselige, mal maulfaule Mann „ein blutiger Mörder“ sein sollte.

Der Liebling der Presse

Pariser Medien brauten eine süffige Mischung aus Anekdoten, Episoden und Legenden, der Volksmund kreierte Mythen und Klischees, die Juristen siebten Fakten aus dem Durcheinander. Ergebnis: das Faszinosum eines sprachgewandten Mörders, nach Belieben auch das „Schreckbild eines losgelassenen teutonischen Vampirs“ oder das „Symbol des bösen Deutschen“. Der, kein Zweifel, das Bild eines gutaussehenden, berückenden Verführers abgab. Gipfel der erfolglosen Suche nach Eindeutigkeit: sogar Baudelaire-Gedichte vermochte dieser Weidmann zu rezitieren, der, wenn es im Gerichtssaal über ihn kam, zum Bild des Jammers mutierte, so dass ihm Mitleid samt Rührseligkeit nur so zuflogen. Wer wäre schon auf die Idee gekommen, einem solchen Menschen sechs Morde zuzutrauen.

Nicht nur im Gerichtssaal, auch auf den Straßen herrschte Einverständnis, dass er seine Taten mit dem Tod zu bezahlen habe. Nur so wären die Opfer gerächt. Stattdessen geschah, was nicht vorhersehbar war: Der Mann, der aus der Fremde kam, wurde unsterblich. – Weidmann gestand. Erklärte sich schuldig.

Sein Geständnis, nicht erstaunlich, litt unter Ausschlägen. Es war die Launenhaftigkeit Weidmanns, die seine Attraktivität für Zeitungsleser und vor allem -leserinnen fortschrieb. Eugène war sozusagen Tischnachbar geworden, tägliche Vor- oder, je länger desto öder, Nachspeise beim Petit Café. Er wurde zur Volksdroge. Als die Entscheidung des Gerichts – „avoir la tête tranchée“ – fiel, las Colette in seinem Gesicht, wie er „einen einzigen Atemzug lang diese Frühlingsnacht einsaugte, während der Mond am klaren Himmel Mitternacht anzeigte“.

Das Urteil war kaum gesprochen, da nahm Robert Siodmak, Regisseur aus Dresden, der nach Frankreich emigriert war, am Fall Weidmann Anleihen für seinen Film „Pièges“ („Der Fallensteller“ oder auch “Mädchenhändler“) – Maurice Chevalier, der mit Nazi-Deutschland sympathisierte, in der Hauptrolle. Dafür prädestiniert nicht nur als Ideal eines Bonvivants, sondern auch in seiner Eigenschaft als regelmäßiger Prozess-Besucher.

Eine Generation später ließ Jean-Luc Godard in „Außer Atem“ („À bout de souffle“, 1960), seinem ersten großen Spielfilm, Weidmanns Schatten auftauchen. Deutete er, wenn Jean-Paul Belmondo als gesuchter Mörder durch Paris saust, um bei Jean (!) Seberg als junger Amerikanerin (!) Unterschlupf zu finden, eine verdeckte Hommage an?

Hinrichtung als Erregungsstoff

Es ging auf den Sommer zu, es näherte sich der Tag, der Weidmanns letzter werden sollte, der 17. Juni 1939, gut zwei Monate vor Ausbruch des 2. Weltkriegs: der Showdown in Versailles, dem Frankreich entgegenfieberte, während das Haus Goebbels den Casus zum Tabu erklärt hatte. Im Reich galt das Thema als verpönt, das Urteil wurde mit antisemitischen Tiraden kommentiert.

Die Hinrichtung mit dem Fallbeil stand auf dem Stundenplan von Jules-Henri Desfourneaux, einem Neuling im Amt des Henkers, volkstümlich „Monsieur de Paris“, ein Scharfrichter mit wenig Routine, an diesem Tag der Vollstrecker der Todesstrafe an einem Serienmörder, von dem, wer Zeitung las, wusste, dass er sich die Zeit im Knast vertrieben hatte mit François Fénelons „Aventures de Télémaque“, in Frankreichs Schulen Pflichtlektüre.

Zum kollektiven Erregungsschatz gehörte auch das Wissen, dass er sich an seine „liebe gute kleine Mutti“ gewandt habe, um ihr mitzuteilen, er sei „zufrieden, wenn alles vorüber ist“. Dass er an seinen Memoiren schrieb. Auszug mit Anspielung, der Doppeldeutigkeit seiner Worte bewusst: „Im Grunde bin ich nur der Revolver in meiner Faust, ein göttlicher Revolver, den ich zärtlich in meiner Tasche betaste.“

In der Menge wartete auch ein Mann mit Namen Abel Tiffauges, Protagonist des Romans „Le roi des aulnes“ (Der Erlkönig) von Michel Tournier. Tiffauges hatte sich um Mitternacht in Begleitung seiner Wirtin Eugénie (!) und dreier Freundinnen auf den Weg nach Versailles gemacht.

„Wir gelangen zur Place St. Louis und den drei Bistros dort, die in hellem Lichterglanz erstrahlen. Durch Madame Eugénies Geschick und ihre Hartnäckigkeit kommen wir zu einem Mittelfußtischchen und fünf Stühlen auf einer der Café-Terrassen, wie sie die Bürgersteige versperren. Madame ruht nicht, bis ihr Stuhl auf dem Tischchen steht und wir sie mit Mühe und Not auf diesen wackligen Turmbau gehievt haben. Nun thront sie über dem Gedränge wie die Göttin des Blutgerichts, das sich vollziehen soll. Wir sehen so recht eigentlich nichts als Madame Eugénies Elefantenfesseln und ihre Schnallenfilzstiefel. Um uns ist ein einziges großes Picknick, über allem der fette Geruch von Pommes-frites-Ständen.“

Die Menge der Schaulustigen, notierte Abel Tiffauges in seinen „sinistren Aufzeichnungen“, wurde allmählich ungeduldig. „Plötzlich drei Silben, hunderttausend Kehlen in wütendem Rhythmus: An-fan-gen, an-fan-gen, an-fan-gen!“ Und während der Morgen zu dämmern begann, erschien die „Große Witwenmacherin“, wie der Volksmund die Guillotine ehrfürchtig-ängstlich zu bezeichnen pflegte, vor dem Tor des St.-Pierre-Gefängnisses.

„Der Himmel beginnt im Osten zu erblassen, als es im Portal des Gefängnisses hell wird. Eine Gruppe von kleinen schwarzen Männern tritt heraus; vor sich her stoßen sie einen Riesen, dessen weißes Hemd als lichter Fleck im Halbdunkel steht. Weidmann, die Arme auf den Rücken gebunden, kann nur mit ganz kleinen Schritten gehen, weil seine Beine gefesselt sind. Ein lautes Stöhnen der Befriedigung geht durch die Menge. Er wird auf das Schafott getragen.“

17. Juni 1939 in Versailles: Eugen Weidmann im weißen Hemd wird zur Guillotine (l.) geführt. Trotz eines Verbots wurde die Enthauptung fotografiert und sogar gefilmt.

Atemlos beobachtete die Reporterin Janet Flanner, wie „er seine Augen (schloss), als er die Guillotine sah“, wie er „wie ein Schlafwandler in seinen Tod (schritt)“. Doch noch war es nicht soweit. Es gab Probleme mit dem Tötungsapparat.

„Was ist denn nun los? Das reibungslose Ineinandergreifen der tödlichen Bewegungen scheint gestört. Um den Verurteilten beginnt eilige Geschäftigkeit. Die Wippe war nicht richtig eingestellt. Weidmanns Leib fiel beim Kippen nicht auf die mondsichelförmige ‚Lunette‘, in die sein Hals zu liegen kommen müsste. Er liegt gekrümmt auf der Wippe. Man packt ihn bei den Ohren, man zieht ihn an den Haaren. Es ist grotesk, es ist unerträglich. Dann das helle Klicken des Fallbeils.“
[Michel Tournier im „Erlkönig“]

Das Geräusch fehlt auf dem Amateur-Video der Enthauptung – „Tout-Paris“ auf Tuchfühlung folgte gebannt dem Vollzug. Irgendwann geriet das Stückchen Film, von einem Nachbar-Balkon aufgenommen, ins Netz, in dem es sich bis heute verfangen hat.

Abbau der Guillotine nach Weidmanns Hinrichtung
Abbau der Guillotine

Während sich Abel Tiffauges erbrach, explodierte der Beifall, Begeisterungsrufe stiegen aus der Menge auf, sie taumelte zwischen Ergriffenheit und Entsetzen. Abscheu brach sich Bahn, das Publikum pfiff sich die Seele aus dem Hals. Geschrei, Geschiebe, der Lärm der Gaffer schwollen an. Champagner-Korken knallten auf den Balkonen der Nachbarhäuser, Logen gleich, wo ausgelassene Weidmann-Feten tobten.

Im selben Moment hätten sich, so die Fama, etliche Weidminettes in Bewegung gesetzt. Wie besessen überrannten sie den Kordon der Garde mobile, stießen Polizisten beiseite, rempelten sich durch die Menge, um ihre Taschentücher ins Blut des Hingerichteten zu tauchen. Begleitet von neidischen Blicken hätten sie sich davongemacht, wie berauscht von ihrer Beute. Eine Szene, die Claude Chabrol in „Les bonnes femmes“ (Die Unbefriedigten) nicht umhin konnte zu zitieren.

Die Massen-Ekstase wurde auch im Elysée-Palast wahrgenommen. Premier Édouard Daladier empfand sie als derart degoutant, dass er öffentliche Hinrichtungen verbot. Künftig durfte die Guillotine nur noch hinter Gefängnismauern fallen, ohne Gaffer. Mehr als vierzig Jahre sollten vergehen, bis die Todesstrafe in Frankreich abgeschafft wurde – von Präsident Mitterand, 1981.

Das Spektakel von Weidmanns Hinrichtung – wer mochte, sah darin eine Etappe zur Mobilmachung, den Auftakt zur „drôle de guerre“, Simone de Beauvoirs „Attrappen-Krieg“, in der öffentlichen Meinung Frankreichs ein irgendwie seltsamer Sitzkrieg, in dem sich das Land im Herbst 1939 einzurichten begann, um wie gebannt auf die Macht hinterm Rhein zu starren. Was die Franzosen jedoch mit Schrecken gewahr wurden, war der Überfall der Wehrmacht auf Polen, Deutschlands östlichen Nachbarn.

Bis, kaum ein Jahr später, der Blitzkrieg den Sitzkrieg ablöste: Hitlers Invasion in Frankreich, gefolgt vom Überfall auf die Sowjetunion. Da waren Weidmanns Genickschüsse endgültig zum Menetekel für den Massenmord mutiert.

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erstellt am 17.4.2020

Eugen Weidmann, 1908 – 1939
(Polizeifoto nach der Festnahme 1937)