Nein, wir sind nicht im Krieg. Keine Armee ist in der Lage, eine Pandemie zu schlagen, keine Bombe kann sie vernichten. Ein Virus kann noch nicht einmal kontrolliert und von bewaffneten Uniformträgern an der Grenze zurückgewiesen werden. Der Philosoph Peter Trawny sieht die verfälschenden Vorstellungen von einer Seuche, die im verwendeten Vokabular kenntlich werden, und eine beunruhigende Analogie zu einem Film.

Essay von Peter Trawny

Das Virus und die Grenze

Von Peter Trawny

Peter Trawny, 2015. Foto: Segundo66 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0 (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57658508)
Peter Trawny, 2015

Versuche, das Virus zu verstehen, dem vielleicht Unverstehbaren einen Sinn zu verleihen, gibt es viele. Die Bedrohung, die Angst, zeigt auch Wirkung in der intellektuellen, nicht nur praktischen Bewältigung der Krise, wenn hier von Bewältigung überhaupt gesprochen werden kann. Denn je souveräner und radikaler die Stellungnahmen zum erzieherischen Sinn von Covid-19 werden, umso deutlicher wird, wie sinnlos es ist, dem Virus eine positive Bedeutung zusprechen wollen. Denn es wird zumeist nicht gefragt, ob das überhaupt möglich ist.

Eine Antwort auf den Virus diskutiert seine allumfassende Wirkung. Pan-demie — alle Völker werden von ihm betroffen. Er kenne keine Grenzen. Insofern ist seine Bezeichnung als „chinesischer Virus“ mehr als in nur einer Hinsicht fragwürdig, denn schon in China begann das Ganze mit einer Grenzüberschreitung, nämlich der von Tier und Mensch; einer Grenzüberschreitung, die gerade in der Sprache auch unserer Diskussionen anwesend ist.

Diese erste Entgrenzung wird im Westen viel besprochen. „Chinesen essen alles“, heißt es, um darauf hinzuweisen, dass die Einverleibung einer Fledermaus der Ursprung der Seuche war. Doch niemand weiß genau, was vorgefallen ist. Ob das den Virus in seinem Körper habende Tier gegessen wurde oder ob eine andere Übertragung stattgefunden hat, ist unerfindlich. Was wir annehmen müssen, ist, dass es nach dieser ersten Grenzüberschreitung in Wuhan den absoluten Patienten Null gegeben hat.

Wir erinnern uns alle, dass die frühesten Nachrichten über den Ausbruch der Krankheit und Seuche in China nicht sehr beunruhigend waren. Das Land schien uns sehr weit entfernt. Viele Grenzen schienen noch zwischen dem Virus und uns zu liegen. Das gab uns ein Gefühl von Sicherheit. Seuchen gibt es in China oder in Afrika, nicht in Europa. Wir haben uns getäuscht. Inzwischen wissen wir es besser.

Die Globalisierung mit ihren Verkehrsmedien hat Entfernungen in vielerlei Hinsichten abgeschafft. Sie hat das Projekt vom Imperialismus der Kolonialisierung wie der Internationalisierung der bolschewistischen Revolution weitergeführt. Das Virus zeigt uns, dass uns China räumlich nahe ist, es zeigt uns, dass keine Stelle des Planeten unerreichbar ist. Nun schauen wir auf jene virtuelle Weltkarte, auf der rote Punkte die beinahe noch überall wachsende Anzahl der Corona Infektionen markieren wie Masern auf einem ziemlich kleinen Körper. Am Ende droht der Schrecken einer einzigen zusammenhängenden roten Fläche.

Auffällig bei dieser bedrohlichen Vorstellung einer Total-Infektion mit dem Virus ist die Ähnlichkeit zur letzten zumindest europäischen Großkrise: der sogenannten Flüchtlingskrise. Auch bei dieser Krise wurden Grenzen virulent. Die Diskussion kreiste um „offene Grenzen“, die es den flüchtenden Menschen ermöglichen sollten, ein sicheres Leben zu finden. Da aber schnell klar wurde, dass auch Kriminelle die Grenzen überschritten, wie dass die Anzahl der Kommenden die sie aufnehmenden Gemeinwesen zu sehr beanspruchten, wurde der Ruf nach der Schließung der Grenzen immer lauter. Manche betonten die politische Bedeutung der nationalen Souveränität über ein begrenztes Terrain, das kurz vorher noch in einem mehr oder weniger sich vereinigenden Europa aufgehen sollte. Die „offenen Grenzen“ haben diese Situation grundlegend verändert.

Das Virus kennt nur offene Grenzen, weshalb eine der ersten Maßnahmen gegen seine Verbreitung die stärkere Kontrolle oder Schließung der Grenzen an neuralgischen Punkten wie Flughäfen gewesen ist. Doch schon diese Maßnahme zeigte, worum es uns heute naheliegenderweise geht: die Distanzierung und Abschließung der Körper voneinander. Die erste und letzte Grenze zum Virus ist der Körper, der Raum zwischen Dir und mir. Der Virus soll davon abgehalten werden, in meinen Körper einzudringen.

Das gilt auch dann, wenn Virologen mit dem Begriff der „Herdenimmunität“ an die erste Grenzüberschreitung von Tier und Mensch zurückkehren. Die Durchseuchung des sogenannten Volkskörpers ist eine abstrakte Vorstellung, die so plausibel wie für uns alle problematisch ist. Das zeigen schon die aufkommenden Selbstdiagnosen, dass der Husten vor drei Wochen vielleicht doch schon das Symptom einer Infektion gewesen sein könnte; eine Hoffnung, die wahrscheinlich nicht selten vergeblich war. Niemand will, dass das Virus in ihn eindringt, eingeatmet wird von einem Atmenden her, den die Seuche bereits befallen hat.

Wir Älteren erinnern uns noch an den Eindruck, den 1979 Ridley Scotts „Alien — Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ auf uns machte. In der ausgesetzten Situation eins Weltraumflugs empfängt die Crew wie zufällig ein unbekanntes Notsignal, um dann von einem Wesen erobert zu werden, dass jede Grenze zum eigenen Körper überwindet, um ihn zu vernichten. Die Choreographie der Verschiebung der Innen/Außen-Grenze des Körpers wird auf verschiedene Weisen durchgespielt. Zunächst nistet es sich durch den Mund in einen Körper ein, um parasitär diesen dann von Innen aufzusprengen. Dann gibt es im Inneren dieser engen Gänge des Raumschiffs kaum ein Entkommen. Zuletzt befindet es sich mit der sich von Sigourney Weaver gespielten zunächst entblößenden Ripley in einem kleinen Raumgleiter, der das Mutterschiff verlässt, um es im Selbstzerstörungsmodus zu zertrümmern. Ripley muss sich ins Innere eines Raumanzugs tasten, um sodann mit festgeschnalltem Körper die Luke des Gleiters zu öffnen, damit das Wesen in den tödlichen Raum hinausbefördert wird. Doch selbst das gelingt zunächst nicht. Erst als Ripley die Triebwerke des Raumschiffs zündet, wird das Wesen, das sich in denselben ans Schiff klammern wollte, ins All gestoßen. Später wird man erfahren, dass auch das vergebens war.

Die damals beängstigenden Bilder des Films spielen an der Innen/Außen-Grenze des Körpers, der sich in der Enge (Angst) des Schiffes nicht schützen kann. Und wirklich gehört die Grenze zur menschlichen Existenz wie wenig anderes. An ihr geschieht die Berührung und die Trennung, das Verständnis des Selbst und des Anderen, die Form meines Lebens wie ihr Verfall ins Formlose an seinem Ende. Die Angst vor dem Virus ist die vor der totalen Aufhebung dieser Ordnung, die sich zuerst im störungslosen Atmen, das mehr und anderes ist als die Sauerstoffversorgung meiner Lungen, manifestiert. Das belegt schon die alte Engführung der Bedeutung von Seele und Atem.

Nicht unmöglich, dass die verschiedenen Infektionszahlen von Italien, Spanien, oder den USA und z.&nsbp;B. Deutschland oder Schweden damit zusammenhängen, dass es verschiedene Körper-Kulturen des Berührens und Abstandhaltens gibt. Es fällt Deutschen ohnehin nicht sehr schwer, den Anderen nicht zu berühren. Wir sind auf eher auf Abstand, denn auf Nähe bedacht. Die Infektionszahlen in China, einer Kultur, in der der Körper noch einmal anders verstanden wird, hängen mit der räumlichen Enge der Wohnverhältnisse zusammen.

Die Maßnahmen, die über uns verordnet werden, müssen einmal im Rückblick beurteilt werden. Es gibt keine Hinweise, jedenfalls in den westlichen Demokratien, dass eine neue politische Ordnung sich ankündigte. Die Verwendung des Begriffs „Ausnahmezustand“ ist irreführend, weil es im juristischen Sinne nirgendwo einen gibt. Kein Land hat seine Verfassung außer Kraft gesetzt. Vielmehr befindet sich die Politik in einer Lage, die sie aufgrund der Unbekanntheit des Problems, kaum bestehen kann. Eine konsequente Rationalisierung des Handelns ist noch das Beste, was möglich ist. Dass hier auch Manches zu hektisch entschieden und wieder fallengelassen wird, ist unvermeidbar. Angesichts des Virus ist es vielleicht wirklich nicht verfehlt, daran zu erinnern, dass auch Politiker Menschen sind; was nicht heißen soll, dass wir, wie etwa Jean-Luc Nancy angeregt hat, von einem „Kommunovirus“ alle zu Gleichen geworden sind, weil das Virus keine Unterschiede macht. Die Infektionsstreuung in den USA, die belegt, dass weitaus mehr Afroamerikaner als Weiße betroffen sind, spricht eine andere Sprache.

Dass der Virus keine Grenzen kennt, wie man gesagt hat, ist vermutlich das erste Anzeichen, dass es nichts mit uns Menschen zu tun hat. Die Virologie mag noch so anschauliche Informationen über das Virus liefern, sie kann die Urangst, dass es in mich eindringt, um mich zu schwächen und sogar zu töten, nicht verdrängen. Auch die Philosophen und die Philosophinnen, die schöne Appelle à la „nach der Krise muss alles anders werden“ formulieren — als wäre es vor der Krise nicht auch so gewesen —, überspringen die Abhängigkeit unseres Lebens von einer Sorge um die Grenze, die darüber entscheidet, was mich durchdringen darf und was nicht.

Die Sorge — denn dass wir Menschen diese Grenze beherrschten, ist niemals der Fall. Wir sind ohnehin so vielen Dingen ausgesetzt, dass es nur Hybris wäre, zu behaupten, wir wären unsere eigenen Grenzkontrolleure. Und wahrscheinlich wäre eine zu große Sorge um die Grenze auch schon pathologisch. Es bleibt aber diese uns eigene Endlichkeit des Todes, die absolute Grenze, die es uns letztlich unmöglich macht, keine Angst vor dem Virus zu haben. Wir sind endlich, begrenzt, und das ist es wohl auch, das es uns verwehrt, dem Erscheinen des Virus einen Sinn zu geben.

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erstellt am 15.4.2020