Ein Heulen kommt über den Himmel: 1981 kam Thomas Pynchons „Gravity’s Rainbow“ auf Deutsch heraus, hieß „Die Enden der Parabel“ und war sofort Kult. Niemand wusste wirklich warum. Der Komponist und Regisseur Klaus Buhlert hat nun eine Hörspielbearbeitung des Romans erarbeitet, die 14 Stunden dauert. Harry Oberländer hat sich durchgehört.

Klaus Buhlerts Mammuthörspiel »Die Enden der Parabel«

14 Stunden Thomas Pynchon

Leg dich hin und warte, lieg still da und sei ruhig. Das Heulen hält sich am Himmel.
[Thomas Pynchon]

Eine bedrückende Geräuschkulisse, Metall schlägt an Metall, ein fahrender Zug, jemand spricht von einer Stahlkonstruktion, von einem Kristallpalast, der zusammenbrechen wird, in völliger Verdunklung in einem gewaltigen, unsichtbaren Krachen. London 1944 vor einem erneuten Einschlag einer deutschen Vergeltungswaffe, einer V2-Rakete. So beginnt Klaus Buhlerts Hörspielfassung von Thomas Pynchons Roman „Die Enden der Parabel“. Wer die Premiere im Radio hören möchte, sollte sich auf eine Aufführungsdauer von insgesamt 14 Stunden einrichten, verteilt auf 2 Abende. Die Koproduktion mit dem Deutschlandfunk sendet SWR2 am 17. und 18. April 2020, jeweils von 20 bis 3 Uhr. Ab dem 24. April wird eine Edition von 13 CDs bei Hörbuch Hamburg erhältlich sein. Echte Pynchon Fans, die ihre Tapferkeit schon durch die Lektüre des Romans bewiesen haben, werden mit dieser Länge ebenso wenig ein Problem haben wie echte Buhlert Fans, die schon die Hörspielfassung des Ulysses von James Joyce begeistern konnte. (Gesamtlänge: 22 Stunden)

Hörspielregisseur Klaus Buhlert
Hörspielregisseur Klaus Buhlert

Der Komponist und Regisseur Klaus Buhlert, der seit den achtziger Jahren mit Georges Tabori zusammengearbeitet hatte, setzte für das Radio unter anderem auch Arno Schmidts Nobodaddys Kinder, Hermann Melvilles Moby Dick und Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften in Szene. Für die Enden der Parabel hat er erneut eine Starbesetzung mit Sprecherinnen und Sprechern wie Bibiana Beglau, Felix Goeser, Corinna Harfouch, Thomas Thieme und Manfred Zapatka zusammengebracht.

Schon die Hörfassung des Ulysses hatte mir seinerzeit klargemacht, dass konzentriertes Zuhören leichter fällt, als stilles Lesen und dadurch für die Rezeption enzyklopädischer Mammutwerke durchaus hilfreich ist. Die Enden der Parabel sind komplex und öffnen ein Universum, das seiner eigenen Logik folgt. Deshalb ist das Hörspiel auch eine geeignete Form für Pynchon-Einsteiger.

Pynchon selbst ist zur Legende geworden, weil er nie öffentlich auftrat und als Person einer der bekanntesten Unbekannten wurde. Als solcher brachte er es zu einem Auftritt in der Comicserie die Simpsons, wo er mit einer Papiertüte über Kopf und Gesicht vor einem Gebäude herumkaspert und eine Leuchtreklame mit dem Text Thomas Pychon‘s House zum Betreten einlädt. Dass er, wo auch immer und wie auch immer, noch lebt, geht daraus hervor, dass er der SWR-Produktion zustimmte. Man kann verstehen, wie erleichtert der SWR-Dramaturg Manfred Hess war, als nach langen Verhandlung Pynchons knappe Nachricht kam: „Go ahead, Manfred.“

Der Unbekannte: Thomas Pynchon's House bei den Simpsons (Screenshot)

Der Unbekannte: „Thomas Pynchon's House“ bei den Simpsons. Screenshot

Kein Autor hat das Ende des 2. Weltkriegs und die Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands so unerhört dargestellt wie Thomas Pynchon in seinem 1973 veröffentlichten Roman Gravity‘s Rainbow. Die Reise durch das besiegte und zerstörte Land – auch ein Fesselballon kommt dabei zum Einsatz – bietet ein ambivalentes Leseerlebnis. Einer der wohlmeinenden Kritiker, Richard Locke, schrieb 1973 in der New York Times bei aller Begeisterung auch: „Gravity‘s Rainbow ist knochendicht, zwanghaft ausgearbeitet, albern, obszön, lustig, tragisch, pastoral, historisch, philosophisch, poetisch, schleifend langweilig, inspiriert, schrecklich, kalt, aufgebläht, gestrandet und gesprengt – bloated, beached and blastet.“

Auf Deutsch erschien der Roman, übersetzt von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz, unter dem Titel Die Enden der Parabel 1981 bei Rowohlt. Er erlebte mehrere Auflagen und wurde zu einem „Kultbuch“. Kult ist Kult auch, wenn das Buch nur im Regal angebetet wird. Man fragt sich bang, wie viele der zehntausend oder mehr Exemplare tatsächlich gelesen wurden und wie viele der Leser an der Lektüre gescheitert sind.

Die Übersetzung kann nur eine Herkulesaufgabe gewesen sein. Elfriede Jelinek sagte 2004 in einem Interview: „Pynchon würde ich nicht noch einmal übersetzen. Nicht, dass ich ihn nicht genial fände. Es ist ein Witz, dass er den Nobelpreis nicht hat, und ich habe ihn. Ich halte Pynchon für einen der bedeutendsten lebenden Schriftsteller, weit vor Philip Roth übrigens. Ich kann doch den Nobelpreis nicht kriegen, wenn Pynchon ihn nicht hat! Das ist gegen die Naturgesetze.“ Man wird am Ende kein Etikett finden, das man guten Gewissens auf dieses Epos kleben könnte, es ist ebenso sehr fantasy wie science fiction und bei aller originären Erfindungskraft, die in ihm steckt, auch ein enzyklopädischer historischer Roman, der die historische Überlieferung gleichsam auf einem Parallelgleis subjektiver Imagination ablaufen lässt.

Start einer V2-Rakete (Screenshot)
Start einer V2-Rakete

Pynchon erzählt eine Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Das NS-Regime versuchte mit sogenannten Vergeltungs- oder Wunderwaffen, den faktisch schon verlorenen Krieg doch noch zu gewinnen. Nach der erfolgreichen Invasion der Alliierten in der Normandie wurde im Juni 1944 eine V1 auf London abgefeuert. Der Marschflugkörper V1 war wenig erfolgreich, er traf seine Ziele nicht, versagte wegen technischer Defekte und konnte leicht abgeschossen werden. Erst mit der V2, einer Rakete, die seit Ende der 30er Jahren unter Leitung Wernher von Brauns in Peenemünde auf Usedom entwickelt und mit 1000 Kilogramm schweren Sprengköpfen bestückt worden war, erzielte die Wehrmacht Erfolge. Seit September 1944 wurden 3000 dieser Raketen auf London und weitere Ziele in England, Belgien und Frankreich abgefeuert. Diesen Raketenangriffen fielen 8.000 bis 12.000 Menschen zum Opfer, vor allem in London und Antwerpen.

Die Produktion dieser Waffen wurde im August 44 in ein Bergstollensystem im Harz verlegt. Unter der Regie von Hitlers Rüstungsminister Albert Speer und der Oberaufsicht des SS-Generals Hans Kammler wurden Häftlinge aus dem KZ Buchenwald nach Nordhausen verlegt, wo sie Stollen unter dem Kohnstein in den Berg treiben mussten. Am Anfang schliefen sie in den Stollen auf Holzpritschen, erst im Sommer 1944 wurde ein Barackenlager errichtet, das KZ Mittelbau Dora. Dem Programm „Vernichtung durch Arbeit“ fielen über 12.000 Häftlinge zum Opfer, die letzten wurden, als die US Army sich näherte, auf Todesmärsche geschickt.
Parabelförmig ist die Flugbahn zwischen zwei Punkten, die Flugbahn der V2. Parabelförmig sind auch die Tunnel unter dem Kohnstein bei Nordhausen angelegt.

Der Inhalt des Romans ist kaum angemessen wiederzugeben. Er ist, wie Dietmar Dath geschrieben hat, eine Mischung aus Pulp und Joyce. Viele der Personen tragen Namen, die aus amerikanischen Groschenromanen stammen. Die Joyce-Qualitäten liegen nicht in den groben und häufig bizarren Linien der Handlung, sondern in den Nahaufnahmen, in den einzelnen Sequenzen des Textes. Pynchon spielt sein großes Wissen aus und transformiert es zu fantastischen Erzählungen einer frei erfundenen Realität. Sie wird der historischen Wahrheit dennoch immer gerecht. In den Stollen von Mittelbau Dora finden wir bei Pynchon keine KZ-Häftlinge aus Buchenwald, sondern eine mysteriöse Schwarzarmee, die auf ein viel früheres Verbrechen zurückgeht, nämlich das Massaker der kaiserlichen Kolonialarmee an den Hereros in Deutsch-Südwestafrika (Namibia) 1904. Unendlich viele Episoden reihen sich an den Schauplätzen London, Cote d’Azur, Zürich, Nordhausen im Harz, Berlin, Potsdam, der Oder, Usedom und Peenemünde aneinander. Stilistisch stehen in dem Roman triviale und pornographische Passagen unvermittelt neben Abhandlungen über Psychologie und Technikgeschichte, Alltagsbanalitäten neben virtuosen Höhenflügen, denen anders als im Ulysses von Joyce kein zugrundeliegender Mythos mehr eine Folie oder Synthese liefert.

Tyrone Slothrop heißt Pynchons Hauptfigur. Der Amerikaner arbeitet in London für den Geheimdienst und ist zugleich Opfer eines diabolischen Professors, der ihn als Säugling so konditioniert hat, dass er jetzt bei jedem Herannahen einer V2 eine Erektion bekommt. Die Handlung des Romans beginnt mit dem Einschlag einer V2 in London und endet vor dem Einschlag einer letzten in einem kalifornischen Kino. Er enthält einer Überfülle von Episoden und Figuren. Daraus lassen sich fünf Handlungsstränge hervorheben: erstens die Suche des Soldaten Tyrone Slothrope nach dem Geheimnis seiner Identität, zweitens die Geschichte des schwarzen Oberst Enzian und seiner Hererotruppe, die dem wilhelminischen Kolonialmassaker in Deutsch-Südwestafrika entkommen sind, drittens die Liebesgeschichte des Statistikers Roger Mexiko mit Jessica Swanlake, viertens die Geschichte von Franz Pökler, einem Wissenschaftler, der von den Kommunisten zu den Nazis übergelaufen ist und als V2-Ingenieur arbeitet, während seine Frau und seine Tochter im KZ Dora eingesperrt sind, fünftens die germanisch-mythologisch aufgeladene Liebes- und Todesgeschichte des deutschen Majors Weissmann (Blicero) zu Gottfried, einem Soldaten der V2-Batterie.

Blicero, der weiße Tod, steht für eine Argumentationslinie des Romans, für einen Essay, der vom Totenkult der SS und der deutschen Kulturgeschichte von Goethes Faust bis Wagners Tristan und Isolde handelt.

Man kann dabei leicht den Überblick verlieren, und der Vorteil der Hörfassung, die ohne Kürzungen nicht auskommt, ist eine gewisse Straffung der Handlung und der notwendige Verzicht auf Lektürepausen.

Am Ende, ganz am Ende, sitzen wir, die Zuhörer, wir, das Publikum, wir, die Fans im virtuellen Kino, und ratet mal, was dann kommt.

„Und es ist hier, genau bei diesem dunklen und stummen Bild, dass die Spitze der Rakete, stürzend mit mehr als einem Kilometer pro Sekunde, absolut und für immer ohne Schall, ihren letzten unermeßbaren Spalt über dem Dach dieses alten Kinos erreicht, das letzte delta-t.“

SWR-Video zum Hörspielprojekt „Die Enden der Parabel“ (4 Min.)

Sendetermine

Fr. 17.4.2020, 20:03 Uhr bis 6:00 Uhr:
Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel/Gravity's Rainbow – Teil 1

Sa. 18.4.2020, 20:03 Uhr bis 4:00 Uhr:
Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel/Gravity's Rainbow – Teil 2

17. – 25.4.2020: Online hören (On Demand-Stream):
auf SWR2.de, in der SWR2 App und der ARD Audiothek

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erstellt am 14.4.2020
aktualisiert am 14.4.2020

Aufnahme des 14-stündigen SWR-Hörspiels „Die Enden der Parabel“ (im Bild: Manuel Harder, Max von Pufendorf und Golo Euler)

Hörspiel

Gravity’s Rainbow / Die Enden der Parabel

Von Thomas Pynchon

Aus dem Amerikanischen von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz.
Eine Produktion des Südwestrundfunk und Deutschlandfunk 2020 in Kooperation mit Hörbuch Hamburg.

Hörspielbearbeitung, Komposition und Regie: Klaus Buhlert
Dramaturgie und Redaktion: Manfred Hess
Musik: Another Plus Band
Sprecher: Franz Pätzold, Felix Goeser, Golo Euler, Bibiana Beglau, Jens Harzer, Wolfram Koch, Corinna Harfouch, Thomas Thieme uvm.

SWR, Ankündigung Hörspielproduktion

Thomas Pynchon
Die Enden der Parabel
Originaltitel: Gravity's Rainbow
13 CDs, 811 Minuten Spielzeit
ISBN 978-3-95713-131-7
Hörbuch Hamburg, Hamburg 2020

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Erscheint am 24.04.2020

Thomas Pynchon
Die Enden der Parabel
Roman
Originaltitel: Gravity's Rainbow
Übersetzung: Elfriede Jelinek, Thomas Piltz
Broschiert, 1200 Seiten
ISBN: 978-3-499-13514-9
rororo Verlag, 1994

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