Dieter Betz, der Konservative, der das Neue befeuerte; der Referatsleiter für Literatur und Theater, der sich gegen das Regietheater wandte; der Ministeriale, der einst mit half, das Literaturbüro Frankfurt, das spätere Hessische Literaturforum, zu gründen, und, weise vorausgedacht, den Wettbewerb des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen. Der Literaturwissenschaftler Christophe Fricker erinnert an einen leidenschaftlichen Mann.

Zur Erinnerung

Dieter Betz – nach dem Leben

Von Christophe Fricker

I
Riesige Platanen auf der Rheinstraße, ein Museum mit abweisender Fassade, drinnen Jawlenskys Ikonen, eine haarige Spinne in der naturkundlichen Sammlung, die wir als Grundschulklasse besuchten, und nassauische Altertümer. Was das ist, wusste ich nicht. Ein kleines Lokal mit fettigem Essen. Ein Sexshop. Die Messehalle. Und der Eingang zum Ministerium. Einfahrt und Pforte mit Glasscheibe. Ich möchte zu Dr. Betz. Ein Innenhof mit geparkten Autos, ein Aufzug.
Parallel zur Rheinstraße verläuft die Luisenstraße. Durch ein enges Gittertor, neben dem kein Name steht, auch nicht der des Ministeriums, geht es hier wieder hinaus in die Welt der Wegschauenden, der pünktlichen Busse, der Einkaufstüten.
Zwischen diesen beiden Schwellen liegt ein helles Büro. Von der Tür aus sieht man den riesigen Schreibtisch, und vom Schreibtisch aus kommen mir buschige Augenbrauen entgegen, ein blitzender Blick, verschmitztes Lächeln aus einem etwas schiefen Mund, ein fester Händedruck. „Ja Christophe!“ Mit der Betonung auf der zweiten Silbe, darauf bestand er, ich nicht. Mit fränkisch gerolltem R. Immer mit Nachdruck, immer dringlich, jeder Augenblick ein Abenteuer.
Ich also bei Dieter Betz im Ministerium. An der Wand hängt Goethe, ein Plakat. Goethe war Minister, aber kein Politiker. So sagte es Ernst Jünger. Dieter Betz war Ministerialer, aber kein Bürokrat. Und er schätzte Ernst Jünger, den Stilisten des Krieges, Drogenverkoster, Freund Frankreichs und seiner Frauen. Wohl nicht den Verteidiger der „Gammler“, wie Jünger halb amüsiert, halb bewundernd die Hippies nannte, in denen er die wahren Widerständigen in der technisierten Moderne erkannte. Aber immerhin: Betz schlug Jünger für den Georg-Büchner-Preis vor, Deutschlands renommiertesten Literaturpreis. Ein Skandal. So unerhört, dass die Sache nie öffentlich wurde. Er erzählte es mir mit Stolz.
Warum saß ich ihm hier gegenüber, am Besprechungstisch in seinem hellen Büro? Wie oft saß ich hier? Wie machten wir diese Treffen aus? Es sind die Neunzigerjahre, vom Internet hatte ich noch nie gehört, eine E-Mail-Adresse besaßen wir beide nicht, Dieter schrieb auch später keine Mails. Ich musste angerufen haben, obwohl mir das nicht lag. Vielleicht lag es mir damals. Oder ein Fax? Ich schickte Dieter Betz Faxe ins Büro, mit Gedichten, unkommentiert. Es amüsierte ihn, wie wenig seine Sekretärin damit anfangen konnte. „Sie haben wieder ein Gedicht bekommen!“ Oder eine Postkarte? Aus dem Urlaub, ja, und er kokettierte damit, Termine per Postkarte zu vereinbaren, aber das war in der Praxis wohl schon passé. Also muss ich wohl angerufen haben.
Ich ging noch zur Schule, hasste es. Weil meine Lehrer vor Ernst Jünger Angst hatten. Weil ich nicht wusste, wie man für etwas eintritt, ohne gleich alle vor den Kopf zu stoßen. Weil ich dachte, Schiller und Goethe sollten das Sagen haben und nicht Ursula Engelen-Kefer und Björn Engholm. Dass Letztere gar nicht das Sagen hatten, begriff ich nicht, und von Ersteren hatte ich weniger gelesen, als ich zugab, und das wenige in der Schule. Aber ich saß mittags bei Dr. Betz, der mir den hektographierten Entschuldigungszettel unterschrieb, mit dem ich tags darauf meinem Lehrer erklärte, ich hätte eine Besprechung im Ministerium gehabt.

II
Dr. Dieter Betz, Leiter des Referats Literatur und Theater, kämpfte für seine Häuser, die drei Staatstheater. Gegen Kürzungen. Wie passte das zusammen – hier der Beamte und dort seine Helden, der nach Italien geflüchtete Superminister Goethe und der aus Stuttgart geflüchtete Räuberdichter Schiller? So: Die beiden brauchten nur ein knappes dutzend Jahre, jene Zeit, die schon kurz danach die Klassik genannt wurde, um ein Ideal zu entwerfen, dem Dieter Betz sich verschrieben hatte: Für sie und für ihn war Theater nichts, was der Staat unterstützte und hin und wieder auf den Prüfstand stellte. Theater war für Dieter Betz Staat. Würde der Staat das Theater abschaffen, wäre er nicht mehr Staat. Nur noch „Kulturbeutelbeschickung“, wie Dieter Betz es spöttisch nannte.
Fast dreißig Jahre lang setzte er sich dafür ein. Wie unterschiedlich die Arbeit unter den verschiedenen Behördenchefs war, weiß ich nicht. Es begann, als Theater und Literatur noch zum Kultusministerium gehörten, mit dem berühmt-berüchtigten Schulreformer Ludwig von Friedeburg, der Geschichtsunterricht und Gymnasium abschaffen wollte. Später kamen der feingeistige Wolfgang Gerhardt, für den Dieter Betz wohl einen gewissen Respekt hatte, und die nachmalige Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt sowie, in den Jahren bis zu seiner Pensionierung, Ruth Wagner. „Kiebig“ sei die. Woher hatte er solche Worte?
Der Staat als Bühne, die Bühne als moralische Anstalt, Moral als strittig und wehrhaft, Wehrkraft als Staatsaufgabe – das klingt konservativ, und wahrscheinlich ist es das auch. Aber was heißt konservativ? Dieter Betz bezeugte, dass dazu ein kritisches Erkenntnisinteresse gehört. Er war weniger ein Bewahrer als ein Antreiber. Sein Konservatismus war konstruktiv und wach, nie unterwürfig und nie trübsinnig. Und vor allem nie mittelmäßig. Zu seinen Hauptfeinden gehörten die politische Korrektheit und das Regietheater – die Versöhnung um jeden Preis und die Provokation scheinbar um ihrer selbst willen. Als unser Gespräch einmal darauf kam, ob die Bezeichnung „Schwarzer“ oder „Afroamerikaner“ angemessener sei, verkündete er väterlich gelassen: „Also, ich sag ‚Mohr‘.“ Das mag tatsächlich gestimmt haben, trotz der verdächtig gut gespielten Freude an dem altmodischen Wort, und insofern war Widerspruch geboten. Allerdings sollte man fairerweise sagen: Ihn wurmte an der Diskussion vor allem, dass er sich so oft mit Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten darüber auseinandersetzen musste, wie man über Dritte sprechen darf, wodurch weniger Zeit für die eigentliche Begegnung bliebt.
Provokation gehörte für Dieter Betz zum Theater, aber sie musste einem intellektuell redlichen Ziel dienen und durch den jeweils aufgeführten Text sanktioniert sein. In einer „Hamlet“-Inszenierung nahm Polonius seine Tochter Ophelia wortlos von hinten. Das brachte Dieter Betz zur Weißglut. Wo stand das? Wozu das? Als Jurist und Theaterwissenschaftler hatte er gleich zwei Disziplinen studiert, die sich um die richtige Textauslegung bemühen. Bedeutsam war, was vom Wort herkam. Und das Wort war Autorenwort. Eine Inszenierung des „Don Karlos“ „nach Schiller“ fand schon deshalb keine Gnade.
Waren es Polonius und Ophelia? Ich kann es nicht beschwören. War es der „Don Karlos“? Ich bin mir nicht sicher. Aber das Zerrbild des Inzests, das Dieter Betz heraufbeschwor, hat sich mir eingebrannt, ebenso wie die Aufregung darüber, dass sich einer so mutwillig über Schiller hinwegsetzt.
Er schnaubte. Ich saß an seinem Besprechungstisch. Und dann holte Dieter Betz, damit der Zorn nicht das letzte Wort behielt, die Schachtel mit Gedichten hervor. Ausgeschnittene aus der Zeitung, abgeschriebene, fotokopierte. Viele Zettel waren schon stark abgegriffen. Er zog sie offenbar immer wieder zu Rate. Ihn interessierte die gedankliche Zuspitzung, vor allem in der Reflexion über den Tod. Wie oft sah er sich veranlasst, Keats’ Grabinschrift zu zitieren: „Here lies one whose name was writ in water.“ Ihn faszinierte auch die phonetische Konzentration wie in den Gedichten des Expressionisten August Stramm. (Es war nicht Stramm, es war einer, der schrieb wie Stramm, aber dessen Namen habe ich auch vergessen.) Und ihn beschäftigte die psychologisch saubere Analyse der Motivation von Menschen, großen, aber nicht unbedingt namentlich bekannten Einzelnen, die Unerhörtes ins Werk setzten. Dass Schillers Glocke tatsächlich läutete, blieb für Dieter Betz ein Wunder. Oder „Das Terrbarium“ von Joachim Ringelnatz, über einen, der große und kleine Tiere trockenpresst und an die Wand hängt. Und weiter:

Um meine Sammlung zu komplettieren,
Wollte ich auch einen Menschen so präparieren.
Jene Miss Hamsy, die ich dazu erkor,
War eine ernste, wohlgebaute Mulattin,
Leichthin sommersprossig und Zollwächters Gattin.
Und der setzte ich Arrak mit Blumenkohl vor,
Sagte, das sei Barbarossas Lieblingsgericht,
Las ihr zwei Novellen von Freiherrn v. Schlicht,
Bis sie langsam das Bewusstsein verlor.
Als ich sie dann im Dunkeln entkleidet hatte,
Legte ich sie behutsam tastend auf die untere Platte,
Kurbelte an. Doch sie erwachte dabei.
Aber ich suchte sie taktvoll bescheiden zu trösten:
Wieviel schlimmer es wäre, lebendig zu rösten,
Und dass die Presse nicht zu umgehen sei.

Witzig ausgedacht, gekonnt gedichtet, ein starker, weißer Mann und eine verführte, verheiratete Frau, eine Spitze gegen den aktuellen Literaturbetrieb, brutale Gewalt und Schicksal – das war nach Dieter Betz’ Geschmack.
Bei den genannten Gedichten handelt es sich um viel mehr als um „literarische Vorlieben“. Sie finden ihren gemeinsamen Fluchtpunkt in der Anekdote und in der Ballade. Dieter Betz träumt davon, einen Preis für literarische Anekdoten zu stiften, die eine zeitgenössische Entwicklung im sprachlich ausgestalteten Ereignis sichtbar machen. Ich halte das für eine sehr gute Idee. Was Balladen angeht, zählten für ihn die Klassiker, doch lag ihm viel daran zu betonen, dass Börries von Münchhausen, abseits seiner politischen Irrwege, ein Meister dieser Form war.
Was lag noch in der Schachtel? Was war auf den Plakaten in dem hellen Büro zu sehen? Welche Totenmasken hingen noch an seinen Wänden, die ich schon damals nicht erkannte, und welche Schiffsmodelle von der Decke? In welchem Zusammenhang sprachen wir über das Traufrecht und in welchem über den Ersten Weltkrieg als Mobilisierungskrise? Wir sprachen über Literatur – aber welche? All das ist lange her, und wer einem Freund zuhört, steht nicht gleichzeitig als Stenograph daneben. Der Zeuge erinnert sich genauer, der Beteiligte besser. Die dritte Person hat Erinnerungen, die zweite ein Gedächtnis. Für den Bericht nach dem Leben sind die Anforderungen entsprechend anders. Genau weiß ich noch: Ich sollte Alexander Lernet-Holenias Novelle „Der Baron Bagge“ lesen. Zwischen Leben und Tod, Traum und Tat, Erinnerung und Einsamkeit. Ungewohnt eindringlich hat Dieter Betz mir die Lektüre nahegelegt.

III
Ich stand an der Rezeption des Kurhaushotels Bad Salzhausen. Mein Vater fuhr mich ein- oder zweimal im Jahr zu den Seminaren des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen. Dieter Betz hatte den Wettbewerb gegründet, dessen Sieger einen Geldpreis entgegennahmen, an einem Workshop mit arrivierten Autoren teilnehmen durften und in einer bei Suhrkamp erscheinenden Anthologie veröffentlicht wurden. Wer Kontakt hielt, wurde auch später noch eingeladen. Das war kein Netzwerk, sondern echte Förderung.
Aus dem Autoradio tönte das neue Lied der Doofen, „Mief“, mit seinen unerträglich einprägsamen Zeilen: „Achselschweiß im Überfluss, Fettfrisur und Käsefuß. Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke, denn sonst sag’ ich Winke, Winke.“ In Bad Salzhausen warteten Paulus Böhmer, Alban Nikolai Herbst, Harry Oberländer, Werner Söllner und Renate Wiggershaus. Und aus dem Aufzug neben der Rezeption trat Dieter Betz. Barocke Augenbrauen, Bajonettblick, etwas hastig, „Ja Christophe!“ Schon stand ich mit im Aufzug.
Auf seinem Hotelzimmer schenkte er mir ein Glas Amalekitergeist ein – seinen selbstgebrannten Mirabellenschnaps. War es Mirabelle? War er selbstgebrannt? Aus seinem Wochenendhaus in der Eifel? Der Umgebung seines Geburtshauses? Er sagte es mir, während er einschenkte. „Der Herr hat gut verteilen, was nicht seins ist. Also hat er den Juden das Land gegeben, wo die Amalekiter wohnten, und die haben sich gewehrt.“ Ob die im 17. Kapitel des Buches Exodus dargestellten Vorgänge so richtig wiedergegeben sind, sei dahingestellt. Auch meine Bibelkenntnisse waren weniger gut, als ich zugab; die Einschläge einer frühen Nietzschelektüre waren noch frisch. Dass Ernst Jünger die Bibel zweimal ganz gelesen hatte, wusste ich nicht. War Dieter Betz’ hochprozentige Namenwahl dadurch bestimmt, dass er sich zum Feind der Juden stilisieren wollte? Ich muss verwirrt dreingeschaut haben. Er setzte mit donnernder, eiliger Stimme an: „Wiederum hat sich heidnischer Amalekitergeist geregt im fernen Asien, und wiederum ist der Gottesbefehl ergangen: Erwähle die Männer, zeuch aus und streite wider Amalek!“ Ich schaute nun erst recht verwirrt. Das sei, sagte er, aus dem Roman „Das Pfandhaus der Glückseligkeit“ von Karlludwig Opitz, ein dem Kaiser in den Mund gelegtes Zitat. Amalek sind offenbar immer die anderen. Ein streitbares Volk, mit dem man um die Vorherrschaft ringt, das sich nicht unterkriegen lässt, ein heidnischer Haudegenhaufen. Das begeisterte Dieter Betz’ widerspenstige Geister, die er nun aus der Flasche ließ.
Seine Kampfeslust richtete sich stets gegen den jüdisch-christlichen Gott, den er so sehr verachtete wie nur einer, der ihn wohl irgendwie für wirklich hält. Nach einer Italienreise erzählte er mit sichtbarer Genugtuung vom Fluchwort „Tabernaclo maledetto!“ Beim Allerheiligsten zu fluchen, Donnerwetter … Stieß ihn am Christentum das ewige Leben ab? Dort der Allmächtige, das schien für ihn zu bedeuten: hier der Entmachtete. Für den Macher eine unerträgliche Vorstellung. Woher er sie hatte, weiß ich nicht. Dass er sie hatte, vermute ich. Mir schien auch, dass er weniger stolz auf sein Leben als auf sein Überleben war. Meiner Mutter steckt der Krieg in den Knochen; sie wurde in den letzten Kriegstagen geboren, Dieter kurz vor den ersten. Er sprach oft darüber. Unentwegt. Die Städte seiner Kindheit lagen in Schutt und Asche, während ich meine aus Lego gebaut hatte. In seinen ersten Jahren überwogen die Toten. Wie mitten in den Ruinen des Würzburger Bahnhofs ein Zug anfuhr, rührte ihn noch ein halbes Jahrhundert danach zu Tränen. Kein Wunder, sondern zäher Überlebenswille, angewandte Kenntnis, Kühnheit, große Bewegung.
Dieter Betz hatte viele Götter. Es waren jene der Athener und Weimarer Griechen, die selbst fluchten und begehrten und nur so wollten, wie sie konnten. Wen sie lieben, den holen sie früh zu sich – je älter er wurde, desto mehr schien er darüber erleichtert.
Wie Dieter Betz für seine Häuser kämpfte, setzte er sich für seine Autoren ein. Das waren die vielversprechenden Siegerinnen und Sieger des Literaturforums, von denen eine stattliche Anzahl inzwischen im literarischen Leben Deutschlands Fuß gefasst hat. Hier wurde der Ministeriale zum Mäzen. Nepotismus ist nur dann schlecht, wenn die Falschen profitieren, sagte er. Ich schreibe es ohne Anführungszeichen. So erinnere ich mich. Er hätte nie die Regeln gebrochen. Aber Vertrauen auch nicht enttäuscht.
Das Eintreten für die Preisträger war die äußere Seite des Kampfes, der im geschützten Innenraum der Bad Salzhausener Seminare mit den Preisträgern stattfand. Der Agon. Nerven waren gefragt, wenn wir unsere mitgebrachten Texte zur Beurteilung freigaben. Ich genoss das Schauspiel. Andere litten, fühlten sich angegriffen. Es ging nicht um Wertschätzung, sondern um literarische Qualität. Ich schwang in den Pausen große Reden, hielt während der Sitzungen aber den Mund. Werner griff mir am meisten unter die Arme, schrieb einmal ein ganzes Gedicht von mir neu. Es trug den Titel „Fassaden“; ich hatte mich zu sehr versteckt. Für die vom Hessischen Literaturforum herausgegebene Zeitschrift „Der Literaturbote“ empfahl Dieter Betz Texte und Autoren. Er las die Hefte aufmerksam und mokierte sich darüber, dass Auflage und Verbreitung zu wünschen übrig ließen. Er vermutete, dass er einer von drei, höchstens vier zahlenden Abonnenten sei.
Zwar mussten die arrivierten Autoren auf den Seminaren keine eigenen Texte beisteuern, doch waren sie nicht aus der Schusslinie. Harry konnte auf Zuruf ein Sonett schreiben, das imponierte Dieter, und er wollte es sehen. Alban hatte einen Laptop dabei, ein damals für die meisten noch unerhörtes Gerät, und so musste er daraus vorlesen. Für Albans Fabulierkunst schwärmte Dieter, aber Ungenauigkeiten ließ er ihm nicht durchgehen. „Ein Kommando ist nicht dasselbe wie die Kommandantur!“ Dieter stand immer auf Posten.

IV
Den einzigartigen Kämpfer hielt ich für einen Einzelkämpfer, und da habe ich mich wohl geirrt. Zwar war er eigensinnig, er konnte sicher manches eigenmächtig entscheiden, und er erzählte begeistert von seiner Jugend in einem Haus, in dem man nachts ungestört Klavier spielen konnte. Aber auch bei seinen Abenteuern hatte er einen Mitstreiter. Bei der Besteigung des Kilimandscharo, der Durchquerung der USA mit dem Motorrad. Bei den Fallschirmsprüngen ohnehin. Und in der Liebe, seiner anderen Paradedisziplin, ist man erst recht nicht allein. Das sah ich nicht. Als Dieter mir eine Woche vor Antritt des Zivildienstes riet, in den verbleibenden Tagen Atlantik und Alpen mit dem Heißluftballon zu überqueren, Venedig und St. Petersburg zu besuchen und einen Fallschirmsprung zu unternehmen, weil ich später nie wieder die Zeit dazu fände, befeuerte das nur meinen Hang zur rebellischen Abkapselung. Ich wies es anschließend auch von mir, ganz einfach irgendwo das zu studieren, was man von mir erwarten würde, und schrieb mich mit viel Mühe, hohen Faxrechnungen und tatkräftiger Unterstützung durch Judith an der University of Namibia ein. Dem war ich nicht gewachsen, obwohl oder gerade weil man mich dort, in einer mir sehr fremden Umgebung, herzlich begrüßte. Ich kehrte zurück, und Dieter sagte bedächtig: „Vielleicht hättest du einen Kameraden an deiner Seite gebraucht.“ Damit war eine magische Grenzlinie gezogen. Seither bewege ich mich diesseits.
Überhaupt, Judith. Ich hatte ihr von Dieter Betz erzählt, und so luden wir ihn ein zu einem Hauskonzert in Rauenthal. Schönbergs Lieder auf Gedichte von Stefan George, Lieder von Alban Berg, dazu Gedichte junger Autoren. Zwiebelkuchen und Federweißer, Notenständer und Umblätterer vor dem Blick in den Garten. Ein Fest. Um den Applaus zu mehren, lässt Dieter Betz es sich nicht nehmen, noch ein paar Worte zu sagen. „Kurios“ sei es, „kurios!“ Nicht einfach kurios, sondern „Curios!“ wie in Mozarts verspielten, fröhlichen Bäsle-Briefen. Worum es da geht, ist gar nicht wichtig; worauf es ankommt, ist der kleine Freudenschrei – „curios!“ So freute er sich, und dann sagte er noch ein paar Worte, die ich vergessen habe, die aber, im Gegensatz zum Mozartquiekser, so staatstragend gewesen sein müssen, dass meine ebenfalls anwesende Klavierlehrerin mir amüsiert zutuschelt, einen Kulturfunktionär erkenne man doch immer. Offenbar hatten wir die jeweils andere Hälfte von Dieter Betz’ Auftritt wahrgenommen. Beide gehörten, auf erstaunliche Art und Weise, zusammen.

Der Literaturwissenschaftler Christophe Fricker, geboren 1978, lehrt an der Universität Bristol.
www.christophe-fricker.com

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erstellt am 14.4.2020
aktualisiert am 14.4.2020

Dieter Betz

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