Ein Drittel der 20 Bücher, die von ihr veröffentlicht wurden, sind Kinder- und Jugendbücher, ein weiteres Drittel bilden Bände mit Erzählungen. Unter ihren Romanen ist „Die Wand“ ihr bekanntester, dessen Stoff auch durch die Verfilmung mit Martina Gedeck Verbreitung fand. Ria Endres erinnert an die öffentlichkeitsscheue, zu wenig beachtete österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer.

Zum 100. Geburtstag von Marlen Haushofer

»Ich bin manchmal für Minuten glücklich«

Die österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer starb 1970 kurz vor ihrem 50. Geburtstag an Knochenkrebs, der ihr Leben in den letzten Jahren zu einem stillen Drama gemacht hatte. Drei Jahre später erlitt ihre Kollegin Ingeborg Bachmann mit 47 Jahren einen tödlichen Brandunfall. Marlen Haushofer wurde zwar im deutschen Sprachraum nicht annähernd so bekannt wie die gefeierte Bachmann, aber auch diese scheinbar bescheidene Autorin hat ein bedeutendes Werk hinterlassen.

Beide Dichterinnen sind, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise in ihrem Schreiben nicht kompromißbereit gewesen, beiden war ihre Literatur letztendlich keine Hilfe, denn auch die brillantesten Texte nützten ihnen wenig zur Lebensbewältigung.

Die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl hat 2000 eine wichtige und schöne Biographie über Marlen Haushofer verfaßt. Sie schildert darin auf eindrückliche Weise das zurückhaltende Wesen von Marlen Haushofer, ihr Zögern, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, ihr Zögern im Verhältnis zum Schreiben selbst und bei der Veröffentlichung ihrer Texte. Ihre literarischen Arbeiten begriff sie als abgespaltenes Werk, das aus ihrer inneren Erfahrung kam und eigentlich auch versteckt werden sollte. Die studierte Germanistin führte jahrzehntelang Tagebücher, die sie dann nach einer gewissen Zeit verbrannte. Noch kurz vor ihrem Tod versuchte sie, alle privaten Spuren zu löschen. Zum Glück sind ihre Briefpartner nicht genauso verfahren. Trotzdem siegte in ihr dann doch immer wieder der Wille, mit einer Erzählung oder gar einem Roman in die Öffentlichkeit zu treten. Es sind Texte, in denen ihre oft melancholischen Heldinnen ein merkwürdiges Aufbegehren wagen – und sei es nur in der Phantasie.

Die Tochter eines Revierförsters heiratete nach ihrem Studium in Wien und Graz einen Zahnarzt, lebt in Steyr völlig unspektakulär in bürgerlichen Verhältnissen, versteckt ihr Provinzleben und ihre unglückliche Ehe vor ihren literarischen Freunden. Nach acht Jahren Ehe läßt sie sich 1950 scheiden, um dann nach weiteren acht Jahren den gleichen Mann wieder zu heiraten. Zur gleichen Zeit schreibt sie an ihrem fast geheimen Werk. Die Männer kommen in ihren Texten nicht gut weg. Die Autorin interessiert das innere Psychogramm der Frauen. Zwischen beiden Geschlechtern klafft ein Riß, der nie zu kitten ist. Alltägliche Kleinigkeiten führen in Katastrophen, aus denen es kein Entkommen gibt. Im Jahr ihrer Scheidung schickt sie zum ersten Mal einige Prosaarbeiten an den Literaturkritiker Hans Weigel, der auch bei der Karriere von Ingeborg Bachmann keine unwesentliche Rolle spielte. Doch dieser will ihr erstes Romanmanuskript nicht veröffentlicht sehen. Haushofer vernichtet es. Trotzdem erscheinen 1952 Erzählungen mit der Billigung ihres Mentors. Sie bekommt Förderungen und Preise, arbeitet fleißig weiter und im gleichen Jahr ist ihr zweites Romanmanuskript fertig. Wieder glaubt Weigel, daß es besser sei, den Roman nicht zu veröffentlichen. Er konnte es wohl nicht ertragen, daß der Roman von zwei Frauen handelt, die während eines Festes planen, einen recht widerlichen Mann in eine Schlucht hinunterzustoßen und es tatsächlich auch tun, ohne daß die Tat gesühnt wird. Weigel hatte moralische Bedenken. Seitdem ist auch dieses Manuskript verschollen. Später tat Weigel sein Urteil leid. Wie er Marlen Haushofer gegenüber argumentierte, ist nicht bekannt, aber sie schreibt ihm:

„Ich bin sehr froh, daß Sie so aufrichtig zu mir sind. Daß ich ein recht schwerer Fall bin, weiß ich ja auch selber … Sie bemängeln, daß sich in meinem Roman die Personen nicht ändern, und das beweist mir, daß ich eben nicht im Stand war, das glaubhaft zu machen. Gerade, daß sich nichts ändert, war ja mein Thema.

Tatsächlich wünsche ich mir jetzt einen handgreiflichen Erfolg, damit man mich in Ruhe arbeiten läßt und nicht behaupten kann, daß ich meine Zeit und Gesundheit einer fixen Idee opfere. Im übrigen ist die Zeit, in der ich schreiben kann (und ich schreibe sehr mühsam) für mich die erträglichste, ich bin manchmal für Minuten glücklich.“

Zum Glück für uns Leser und Leserinnen hat sie sich durch Weigels Verbote nicht entmutigen lassen. Zehn Jahre später erscheint nach dreijähriger Arbeit ihr opus magnum, der Roman „Die Wand“ von 1963. (Im gleichen Jahr wird auch Thomas Bernhards Roman „Frost“ veröffentlicht.) Marlen Haushofer erzählt darin vom Schicksal einer namenlosen Protagonistin, die von einem Wochenendausflug ins Gebirge nie mehr in die normale Zivilisation zurückführen wird, weil sie eine durchsichtige Wand plötzlich von ihrer direkten Umgebung abtrennt. Es gibt kein Schlupfloch durch diese rätselhafte Wand und das Leben jenseits von ihr ist völlig erstarrt. Ist die Icherzählerin durch diese Wand vor einer Katastrophe, die das Leben auf der anderen Seite vernichtet hat, geschützt? Immerhin ist sie unverletzt. Sie muss nun in einer Jagdhütte allein ihr Überleben erproben. Doch ganz allein ist sie nicht, im Gegenteil: Tiere geben ihrem Tagesablauf Rhythmus und Form. Nun sprach Hans Weigel nach der Lektüre von einem großen Leseerlebnis. Der Roman „Die Wand“ wird damals in Österreich zwiespältig aufgenommen, aber im Laufe der Zeit wird das Werk in immer neuen Auflagen zum Kultbuch der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur und erfährt 2012 durch Julian Roman Pölslers phantastische Verfilmung mit Martina Gedeck eine noch breitere internationale Anerkennung.

Marlen Haushofer, 1970 (Screenshot / © Sybille Haushofer Steyr/Wien)
Marlen Haushofer, 1970

Dieser stilistisch kühle Roman mit seinen vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten wirkt auch heute unheimlich und sehr modern. Die Protagonistin ist durch die Wand zum Abstandhalten ganz unerbittlich gezwungen. Für Daniela Strigl ist „Die Wand“ eine Endzeitgeschichte, die auf geradezu beklemmende Weise in unser neues Jahrhundert paßt. Und nun fallen der 100. Geburtstag und der 50. Todestag von Marlen Haushofer in diesem Jahr zusammen. Daniela Strigl schreibt mit Recht über die skandalöse Nichtbeachtung der grossen Literatin im Ullstein Verlag. Warum gibt es nicht endlich eine gute Werkausgabe? Oder eine Edition mit Texten von Marlen Haushofer, wie sie bei anderen österreichischen Nachkriegsliteraten selbstverständlich gewesen ist?

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erstellt am 11.4.2020

Marlen Haushofer (11. April 1920 - 21. März 1970). Screenshot

Marlen Haushofer
(11. April 1920 – 21. März 1970)

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Daniela Strigl
Marlen Haushofer. Die Biographie
Gebunden, 398 Seiten
ISBN: 9783546001878
Claassen Verlag, München 2000

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Die Wand
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ISBN: 978-3548605715
Ullstein Taschenbuch Verlag, 2004

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