Als Günter Schabowski am 9. November 1989 das neue Reisegesetz, sprich: die Grenzöffnung, verkündete, wirkte das wie ein unfassbares Missverständnis. Der Mauerfall versetzte die Deutschen aus dem Osten plötzlich in eine Orientierungslosigkeit, an der Lutz Seilers Roman „Stern 111“ ansetzt. Barbara Sievering beschreibt die charakteristischen Elemente des Buches.

Buchkritik

Das Leben anstelle eines anderen

Von Barbara Sievering

Lutz Seiler (Screenshot)
Lutz Seiler

Lutz Seiler hat ein großartiges Buch über das Leben geschrieben. Er hat ein Buch verfasst, das zugleich Berlin-Roman, Ost-West-Roman, Bildungsroman und Kneipenroman ist. Und sofern es Kneipenromane formal nicht geben sollte, dann hat Seiler das Genre erfunden oder verfeinert, wenn man Sven Regeners „Herrn Lehmann“ noch mit dazu zählt. Nun also statt Edgar Bendler und Kruso, Carl Bischoff und der Hirte: Bischoff ist Maurer, Kellner, ein Suchender mit der Begabung zum Schreiben. Sein Oeuvre als Dichter umfaßt sieben Gedichte, später dann zwanzig, sein Leben trudelt durch die Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Und als Leser trudelt man auf einzigartige Weise mit.

Man muss die Orte nicht kennen, die er beschreibt, vermutlich vermittelt sich die Intensität der Sprache Seilers auch so. Aber wenn man sie kennt, überwältigt sie einen. Man sieht die „Assel“ vor sich, diese in der quasi gesetzlosen Zwischen-Staaten-Zeit von 1989/90 von Hausbesetzern gegründeten Kellerkneipe in der Oranienburger Straße. Das „U-Boot“, wie Seiler schreibt, Hafen für Gestrandete und Anschlußsuchende jeder Art, einander ähnlich in ihrer individuellen Verlorenheit.

Carl macht sich also von Gera auf nach Berlin. Zuvor hat er ein Studium abgebrochen, der entstandene leere Raum für den eigenen Lebensentwurf wird von den Eltern gefüllt, denn diese wagen den Aufbruch in den Westen. Carl, so lautet der Auftrag, möge sich kümmern um den Nachlass in Gera, als Lohn dafür erhält er das Auto des Vaters, den Shiguli, russischer Herkunft und entsprechend unverwüstlich. Seilers Schreiben ist schmerzhaft überkonkret in der Darstellung von Zwischenräumen und Zweifeln. Ohne klaren Auftrag und verwirrt, wieder an den Ort der eigenen Kindheit gebunden zu werden, oszilliert Carl durch die verschiedenen Wirklichkeitsebenen aus Trauer, dem Verlust der Eltern und sonstigen Gegebenheiten (denn plötzlich ändert sich ja alles) und dem Nicht-Wissen-Wohin-Mit-Sich. Gott sei Dank weist ihm der Shiguli den Weg nach Berlin. Planlos, aber mit dem tiefen inneren Bewußtsein, dort schreiben zu wollen, bricht Carl auf.

Wie Seiler diesen Selbstebnungsprozeß Carls beschreibt, dieses Nicht-Suchen und Gefunden-Werden, das Freisein im Wortsinn, das vermutlich nur dann real existiert, wenn man wirklich gerade nicht mehr weiter weiß, ist einzigartig. Nicht als Dichter, aber als Maurer hilft er nun dabei, diesen Ostberliner Keller herzurichten, der später die „Assel“ sein wird. Ein Arbeitercafé, so lautet die Vision. Der Bezug zur Arbeit, zum Handwerk und damit auch zum Schreiben ist dem Roman auf weiten Strecken eingeschrieben. Dies offenbart nicht nur Seilers Poetik, sondern bringt in den Figuren des Romans auch einen fast vergessenen, ich möchte sagen DDR-typischen, Künstlertypus mit hervor, dem man schon in „Kruso“ begegnen konnte. Kunst und Arbeit werden als Einheit begriffen, das eine bedingt das andere, nur so entsteht die innere Freiheit zum schöpferischen Handeln sowie gesellschaftliche Teilhabe. In diesem 89/90er Vakuum, dem Mangel an politischen Zuweisungsideen, in dem Gesellschaft neu definiert werden muss, entstehen Minigesellschaften aus sich selbst verantwortenden Leuten, die loslegen, Häuser besetzen und Kneipen eröffnen und damit Begegnungsräume schaffen für alle, die sich zugehörig fühlen wollen. In dieser Zwischenzeit weichen politische Antagonismen auf, das soziale Zuordnungsschema des Westens trennt die Menschen noch nicht.

Carl malocht also im „Assel“-Keller und fährt Schwarztaxi, um später zu Hause Gedichte zu schreiben. Ein mühsames, nur schrittweises Vorankommen, von unzähligen Zweifeln begleitet. Carls Eltern landen in Amerika und erfüllen sich einen Lebenstraum. Und Carl muss begreifen, und das ist einer der schmerzhaftesten Sätze in diesem Buch, daß diese, seine, Eltern nur ein „zweitbestes Leben“ gelebt haben. Ein Leben anstelle eines anderen, das möglich gewesen wäre, aber nicht möglich war.

„Es entsprach einem Grundgefühl seiner Kindheit: jemand oder etwas zu vertreten, nicht voll und ganz gemeint zu sein – nicht an sich, oder wie sollte man es sagen?“

Diese Erkenntnis wirbelt auch beim Leser nochmals alles durcheinander, so universell ist sie. Noch eben ist man mit Carl in den Abrißhäusern der Rykestraße unterwegs gewesen oder nachts mit ihm von der Museumsinsel in den Prenzlauer Berg gelaufen, eine Ziege fliegt und die Fassaden sind grau. Kruso, der Mann von der Insel Hiddensee, kommt vorbei, und Carl begegnet Edgar Bendler, seinem jüngeren Ich aus dem Sommer davor.

Die Zeit ist ausgehebelt. Alles ist ursprünglich und abwartend zugleich. Das einzufangen und zu kontextualisieren, ist Seilers große Kunst, dafür hat er die Sprache und die Themen. Im Grunde ist „Stern 111“ kein Erinnerungsbuch an ein Zeitfenster, das angesichts des politischen Rechtsrucks nun Beachtung erfährt, sondern ein Zukunftsentwurf, der jeden Einzelnen anleitet, das „wann, wenn nicht jetzt; wer, wenn nicht wir“ von Rio Reiser auf die eigene Lebensflagge zu schreiben.

Barbara Sievering, geboren 1976, Theater- und Literaturwissenschaftlerin, lebt und arbeitet in Berlin und Potsdam. Sie schreibt im Bereich der Lyrik und Prosa und fotografiert.

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Kommentare


Joachim Petrick - ( 16-04-2020 11:41:40 )
Mich beschäftigt, warum Lutz Seilers Roman den Titel trägt „Stern 111“, wenn ja, weil Stephen Hawkins (1942-2018) bei der Entdeckung und Beschreibung Schwarzer Löcher auf die Raum-Zeit Singularität stieß, in Stern 111 folglich Wolke 7 mit Wolke 8 zusammenkracht der Äther im Universum lacht, die Zeit im Momentum der Wendezeit 1989/90 bis zur Deutschen Einheit sich für jeden, gleich ob er hüben, drüben wohnt, auf die persönliche Raum Zeit Singularität zurückspult, Raum in der Zeit, Zeit im Raum zum Nichts versank

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erstellt am 10.4.2020
aktualisiert am 13.4.2020

Buchcover Lutz Seiler: Stern 111

Lutz Seiler
Stern 111
Preis der Leipziger Buchmesse 2020
gebunden, 528 Seiten
ISBN: 978-3-518-42925-9
Suhrkamp, Berlin 2020

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