Wir haben uns unsere Grußformeln gern aus anderen Sprachen geliehen. Das verbreitete Tschau vom italienischen Ciao bedeutet ‚ich bin dein Diener, Sklave’ – wie das bayerische ‚Servus’. Thomas Rothschild erinnert daran, dass solche Formeln nicht ganz ernst zu nehmen sind, und bemerkt, dass sich gerade ein Befehlston etabliert.

Kontrapunkt

Gesundheit

Jede Zeit hat ihre Grußformeln, mit denen Briefe oder heute E-Mails vor der Unterschrift enden, und fast immer sind sie verlogen. Früher stand da „Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung“ oder kurz „hochachtungsvoll“, auch wenn man den Adressaten ebenso wenig achtete, wie er „sehr geehrt“ wurde. Wenn sich der Briefschreiber mit der Phrase „Mit besten Empfehlungen“ verabschiedet – wer empfiehlt da wem wen oder was? Und noch bei den „herzlichen“ oder auch nur „freundlichen“ Grüßen sollte man sich nicht darauf verlassen, dass sie von Herzen kommen oder freundlich gemeint sind.

Zurzeit kommt die grassierende Grußformel nicht von Herzen, sondern als Imperativ daher: „Bleiben Sie gesund“. Wie reagiert man darauf? Mit „jawoll, zu Befehl“? Mit der Auskunft: „Ich werde mich bemühen“ oder „Ich werde mein Bestes tun“? Gemeint ist ja offenkundig: „Ich wünsche Ihnen, dass Sie gesund bleiben.“ Die Verkürzung ähnelt jener, die Hans Joachim Schädlich einmal angeprangert hat, der Floskel „Ich entschuldige mich“, wo es heißen müsste: „Ich bitte um Entschuldigung.“ Es ist üblich, einem Niesenden „Gesundheit!“ zuzurufen. Das Wort ganz ohne syntaktische Einbettung soll wohl bedeuten: „Ich wünsche Ihnen – oder dir – Gesundheit.“ Es ist, einsam, ohne Umfeld, ähnlich missverständlich wie der unvollständige Satz „Grüß Gott“. Wäre „Gesundheit“ nicht hinreichend als Grußformel in Zeiten des Coronavirus? Man könnte sie sogar glauben. Und wäre vom Befehlston befreit.

Hatschi!

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erstellt am 08.4.2020
aktualisiert am 08.4.2020