„Zum Verhältnis von Natur und Hightech in der zeitgenössischen Kunst” untertitelt das Kunstpalais Erlangen seine Schau „Survival of the Fittest”, während der Kunstverein Temporary Gallery in Köln die revolutionäre Kraft der Pflanzen untersucht. Ellen Wagner hat die einen interdisziplinären Spagat vollziehenden Ausstellungen vor ihrer Corona-bedingten Schließung besucht.

Ausstellungen in Erlangen und Köln

Schleichend wurzelt die Zukunft

„We had experienced chaos, but only in our desktops“ – mit großen glänzenden Augen verkündet ein niedliches Kätzchen, Staatsoberhaupt der Erde zu sein. Es erläutert, wie die Inkompetenz der Politiker, global vorausschauend zu agieren, dazu geführt hat, dass die Weltordnung im Jahr 2039 nunmehr von Künstlichen Intelligenzen aufrechtzuerhalten ist. Diese haben, um die Menschen nicht zu ängstigen, niedliche Tiergestalt angenommen. Ob Zuwanderung, Abfallentsorgung, Verkehrssicherheit – unsere natürliche Umgebung, so legt Pinar Yoldas Animationsfilm The Kitty AI: Artificial Intelligence for Governance (2016) nahe, wird schon bald durch smarte Haustiere und Home-Devices geregelt. Oder sind wir nicht schon längst an diesem Punkt?

Hinter knopfäugig anthropomorph gestalteten Oberflächen regelt sich unser Zugang zur Welt, die Künstlichkeit wird ganz natürlich und die Natur – wie eh – verändert sich. Der Mensch steht mittendrin, zwischen zukunftsweisenden Technologien für einen effizienteren oder schonenderen (nicht immer fällt dies in eins) Umgang mit der Umwelt und einem Drang „zum Ursprung“ der Natur, zur Wurzel des imaginären Lebensbaums, an die geknüpft wir in mythischer Einheit leben – auch wenn das Paradies bedroht ist und der Anstieg des Meeresspiegels vor der unberührtesten Insel nicht haltmacht.

Ausstellungsansicht in „Survival of the Fittest“: Pinar Yolda, „The Kitty AI: Artificial Intelligence for Governance (2016)“. Foto: Ellen Wagner

Im Erlanger Kunstpalais versammelt aktuell die Ausstellung Survival of the Fittest künstlerische Arbeiten, wie diejenige Yoldas, rund um das Verhältnis zwischen Hightech und Natur. Kann das eine das andere ersetzen? Und wenn ja: Wer ist die Stärkere? Bereits im Titel transportiert die Schau, etwas problematisch, einen unkommentiert bleibenden neodarwinistischen Konkurrenzgedanken, auch wenn sie diesen mit den Werken gerade nicht anthropozentrisch zu formulieren sucht. Zeitgleich fragt die Temporary Gallery in Köln mit Floraphilia, wie Pflanzen selbst politisches Potential entfalten können, um das Zusammenleben auf der Erde zu revolutionieren bzw. wie ihr gänzlich unideologisches Verhalten ein Vorbild für menschliches Miteinander geben könnte. Während im Kunstpalais Landschaften im Zentrum stehen, das algorithmisch gestützte Abstecken ökonomisch nutz- und sinnlich konsumierbarer Naturausschnitte, widmet sich die Temporary Gallery kultivierten Pflanzen als einzelnen Spezies und Exemplaren. Sie blickt dabei gerade auf deren Eigenschaft, Netzwerke zu bilden und Territorien invasiv zu unterwandern.

Die wertende Frage, ob der eine oder der andere Weg – das Zuschneiden, Rahmen und Berechnen oder die Verflechtung – „nach vorn“ oder „zurück“ weist, stellt sich dabei nur an der Oberfläche, unter welcher Grundlegenderes zum Ausdruck kommt. In unserem Verhältnis zur Natur, wie es beide Ausstellungen jeweils unterschiedlich entwerfen, zeichnet sich eine Haltung zur Zeit ab – dazu, was uns Menschen übrigbleibt, um diese zu nutzen und zu schaffen als Raum für neue Handlungsformen.

Während die Erlanger Schau spekulativ aus einer möglichen Zukunft auf die Gegenwart als deren „Vorstufe“ und „Wegbereiter“ blickt, herrscht in Köln fast schon messianische Erwartungshaltung. So lassen sich Alexandra Daisy Ginsbergs Entwürfe artifizieller Arten, die künftig das Ökosystem beeinflussen könnten, Buket Sanatis Serie von Pflanzendarstellungen gegenüberstellen, um die Ansätze beider Ausstellungen zu konturieren. Während sich Ginsberg in Erlangen dem spekulativen Design von Lebensformen wie an Schnecken oder Igel erinnernde „Devices“ zur Samenverbreitung oder Aufwertung saurer Böden widmet, lässt Sanati in Köln die Kategorien existierender und imaginierter Pflanzenarten in scherenschnitthaften Bleistiftzeichnungen verschwimmen (GIZLI, 2016). Wie zum Mandala gehängt laden die Blätter zur Versenkung ein, übertragen aber ebenso körperliche Kraft und Entschlossenheit in ihrer entschiedenen Schraffur.

Buket Sanati: „GLZLI“, 2016. Serie von Zeichnungen auf Papier. Foto: Luise Flügge

Ähnlich unterschwelliges Handlungspotential deutet Cecylia Maliks 365 Trees (2008) an, die Dokumentation einer Performance, bei der die Künstlerin ein Jahr lang jeden Tag einen Baum bestieg. Die Fotos – auch hier gliedert eine Serie die Betrachtung in der Zeit – wirken märchenhaft und geprägt von aktivistischer Beharrlichkeit zugleich. Im Erlanger Kunstpalais „antwortet“ ihnen, rationalistischer, das Projekt von Paul Seidler, Paul Kolling und Max Hampshire: Das Experiment überlässt es einem Wald, via Blockchain-System anhand von per Sensoren gesammelten Daten über die eigene Abholzung oder Aufforstung zu entscheiden. Wie diese menschenunabhängige Selbstverwaltung genau funktionieren soll, erschließt sich Technik-Laien kaum. Was sich festsetzt ist die Frage: Ist das wirklich ernst gemeint? Ist unser Verhältnis zur Natur tatsächlich nur durch Ausschluss des Menschen und Automatisierung von Teilsystemen zu retten?

Ausstellungsansicht, im Vordergrund: Cecylia Malik: „356 trees“, Performance und Fotografien, 2008 (links), und „Goldenrod, from the Meadow Dresses Series“, Leinwandruck, 2013 (rechts). Foto: Luise Flügge

Das symbiotische Verflechten von Wahrnehmungsweisen in einer imaginativ durchdrungenen Welt in der Temporary Gallery steht einer Fernbeziehung zwischen Gegenwart und Zukunft im Erlanger Kunstpalais gegenüber. Beide Beziehungsmodelle haben ihre Stärken und ihre Tücken. So schließt ersteres ein wie auch aus – durch teils hermetisch geratende Versammlungen von Fragmenten und Dokumentationen früherer Aktionen, deren Kontext man sich etwas mühsamer erschließen muss. Im Kunstpalais wiederum klafft eine Lücke, wo das Hier und Jetzt die häufig doch recht angewandt und anwendbar, als Design und Datenvisualisierung, sich präsentierenden Entwürfe nach konkreter Anschlussfähigkeit fragt – damit aber auch einen demonstrativen Spielraum für gesellschaftliche Diskussionen auf ganz vordergründiger Ebene bietet.

Floraphilia wendet sich innig der Botanik als einer mit Diversität und Interkulturalität verbundenen Beschäftigung zu. Dabei vergibt sie die Chance, die populäre Hingabe an Zimmerpflanzen im privaten Heim, die sie selbst als ihren Impuls benennt, ernst zu nehmen – als Ausgangslage, von der aus es zu starten gilt in Richtung eines weniger protektionistischen oder instrumentalisierenden Umgangs – einer Interaktion – mit der Natur. Die Ausstellung setzt sich ab, ohne sich zu konfrontieren, mit dem „reaktionären Kontext von Einrichtungsmagazinen“, wie es im Begleitheft heißt, und wirkt dadurch etwas distanzlos zu sich selbst.

Auch wenn Floraphilia keinen Heilsbringer benennt, sondern ein gemeinschaftliches Anliegen formuliert, assoziiert sie sich mit einer parapsychologischen Atmosphäre „wie in einer Sekte“. Runde Tische mit weißen, floral bestickten Tüchern dienen als Sockel und Projektionsflächen für die Exponate, die sich häufig einen Tisch teilen. Man denkt an eine spiritistische Sitzung, erwartet fast, eines der Möbel könne sich gleich in die Luft erheben. In Igor und Ivan Buharovs Eternal Intentionfield Tuning (2018) erheben sich die Arme einer kinetischen Skulptur aus künstlichen und getrockneten Pflanzen wie zum Gebet und zur Beschwörung – oder wie Scheibenwischer auf und nieder, um die Sicht auf die Realitätseben zu verwirren und zu klären. Die Stimmung kreist surreal im Rhythmus des Wartens, der sich langsam auf Ungewohntes öffnen kann.

Igor und Ivan Buharov: „Eternal Intentionfield Tuning“, Installationsansicht, 2018. Foto: Luise Flügge

In Survival of the Fittest ist der Verfall präsenter – melancholische Bezüge zu Wolkenstudien, literarischen Motiven, nicht zuletzt auch zu den Sternen und zum All, treffen auf einen spielerischen Umgang mit Datenvisualisierung und kalkulierter Zukunft. Auf den großen visuellen Paukenschlag zugunsten olfaktorischer Fragilität verzichtet die Arbeit Resurrecting the Sublime von Christina Agapakis, Alexandra Daisy Ginsberg und Sissel Tolaas (2019): Im Labor wurden Düfte ausgestorbener Blumen aus dem Herbarium der Harvard-Universität rekonstruiert, die nun leise immersiv im Ausstellungsraum verströmen.

Christina Agapakis, Alexandra Daisy Ginsberg und Sissel Tolaas: „Resurrecting the Sublime (2019)“. Foto: Ellen Wagner

Inszenatorisch gegenläufig zeigen sich Tega Brains, Julian Olivers und Bengt Sjölens Asunder (2019). Eine selbsterstellte Software analysiert hier Satellitenbilder geographischer Regionen vor dem Hintergrund ihrer drohenden Veränderungen durch den Klimawandel. Daraufhin gibt sie Empfehlungen zur landschaftlichen Umgestaltung. Mit der Zeit entfaltet die zunächst etwas sperrig monumental daherkommende Dreikanalinstallation einen besonderen nüchternen Humor – wenn etwa für den Ballungsraum Berlin zur umfassenden Aufforstung mit Regenwald geraten wird (und das mit dem vollen Ernst, den eine Künstliche Intelligenz auch im Kunstkontext an den Tag zu legen fähig ist).

Im Kunstpalais Erlangen: Tega Brain, Julian Oliver und Bengt Sjölen: „Asunder“ (2019). Foto: Ellen Wagner

In beiden Ausstellungen durchdringen sich die Zeit- und Realitätsebenen: Was ist, was nicht mehr ist, was vergeht, was werden könnte. Die Erlanger Schau zeigt sich in ihrem motivischen Fokus auf das Verhältnis von Hightech und Natur in der Kunst ziemlich menschenverlassen. Auch das kann als Statement gedeutet werden, wirkt aber doch wie ein Rückzug – in die Zukunft?

In der Temporary Gallery rücken die Menschen, die Pflanzen und die experimentellen Techniken ihrer Kontaktaufnahme dichter aneinander. KünstlerInnen treten hier nicht (nur), wie im Kunstpalais, als DesignerInnen und ForscherInnen auf, sondern vor allem als ein Teil dieser Natur und der Gesellschaft, als Subjekt und als Objekt ihrer eigenen Betrachtung. Auch wenn die Ausstellung insgesamt auf Kontemplation ausgerichtet scheint, vermag sie – letztlich dadurch bedingt – weniger über klar benennbare Themen als über die Anmutung der Materialbearbeitung, etwa Strichführung oder Art der Bildmontage, Reflexionen über Zerbrechlichkeit und Stärke des Verhältnisses von Natur und Menschen anzustoßen. Insofern fasst Floraphilia über das Anreichern „der“ Wirklichkeit mit verschiedenen Realitäten, emotionalen Färbungen und assoziativen Verdichtungen, was Survival of the Fittest nicht weniger nachdenkenswert, doch eher über das Stehenlassen einer Lücke in den Raum bringt.

Mit leuchtenden Augen und seidigem Fell schleicht die Katze suchend am Boden. Geschmeidig bewegt sich auch Michelle Nonó, Kulturaktivistin, Botanikerin und zweite Protagonistin des Videos, welches in der Temporary Gallery hinter einem Gestrüpp invasiver Goldruten gezeigt wird. Im Rhythmus zirpender Insekten, Frösche und trommelnder Melodien fließt und zuckt der Körper über die Bildfläche. Abwechselnd erläutern Text und Stimme den Dialog zwischen Mensch und Tier, der selbst im Stummen sich vollzieht: Das Gespräch handelt von Androgynen, einer industriellen Kriegsmaschinerie und der Kraft eines Zauberspruchs, der mit derselben sich verzehrenden Energie geschaffen werden muss, mit der er ein System – wie den Kapitalismus – brechen soll.

Vorne: Bianka Rolando: Solidare, Installation mit getrockneten Goldruten, 2019. Im Hintergrund: Beatriz Santiago Muñoz: La cabeza mató a todos, Video, 2016. Foto: Luise Flügge

Die an ihrem Publikum herzlich desinteressiert bei sich seiende schwarze Katze in Beatriz Santiago Muñoz’ La cabeza mató a todos (2016) ist als Gegenstück zu Pinar Yoldas‘ Kitty AI zu denken. Statt die Narration aus einer utopisch-dystopischen Zukunft frontal an uns Betrachtende zu richten, bleibt bei Muñoz, die mit Montage und der Indirektheit von Rede spielt, vage, wer hier adressiert wird. Statt spekulativer Tatsachen – der Regierung der Welt durch Technologien, die sich auf uns und uns auf sich einstellen – schafft das Video einen magischen Zwischenraum. In diesem bleibt unabsehbar, wer vom Bann betroffen ist und wer einen solchen aussprechen könnte. Wer die Verantwortung für seine Handlungen und Wünsche abgibt oder trägt. Dass man beim Versuch, zu überleben, stets vermutlich sowohl den einen als auch den anderen Part übernimmt, scheint dabei nicht unwahrscheinlich, im Unterholz geteilter Irrationalitäten.

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erstellt am 07.4.2020

Ines Doujak: „Exu“, Stahl, Pappmaché, 2017. In der Ausstellung „Floraphilia“ der Temporary Gallery Köln. Foto: Luise Flügge

Ausstellung in Erlangen

Survival of the Fittest

Zum Verhältnis von Natur und Hightech in der zeitgenössischen Kunst

29.2. – 24.5.2020
Aufgrund der aktuellen Lage (SARS-CoV-2) vorübergehend geschlossen.

Kunstpalais Erlangen
 
 
 

Ausstellung in Köln

Floraphilia. Revolution of plants

7.3. – 7.6.2020
Aufgrund der aktuellen Lage (SARS-CoV-2) vorübergehend geschlossen.

Temporary Gallery Köln