Nicht nur bedrohliche Situationen bringen Überreaktion und Gereiztheit hervor, die sich zu oft mit Beschimpfung und Beleidigung Luft machen. Doch mit Verstand geht es auch anders. An einigen Beispielen zeigt die italienische Philosophin Cinzia Sciuto, auf welcher Sprachebene wir miteinander zurechtkommen können.

Individuelle Freiheit gegen soziale Verantwortung

Eine Lehre aus der Corona-Zeit

Wie nie zuvor erkennen wir heute, wie stark die Aktionen, die Entscheidungen, die Verhalten der Anderen unser Leben beeinflussen. Das passiert natürlich immer, aber in dieser Zeit zeigt sich dieser Zusammenhang besonders klar. Wenn unser Nachbar den Abstand nicht einhält, fühlen wir uns sofort bedroht, weil wir befürchten, dass er uns anstecken kann (oder wir ihn, natürlich. Aber daran denken wir weniger). Auch ganz einfache und normalerweise völlig sinnlose Aktionen, wie Toilettenpapier zu kaufen, zeigen heute ihren tiefen sozialen Wert: Wenn viele Leute zu viel Toilettenpapier kaufen (warum denn eigentlich?), bleiben die anderen ohne. Was nicht schön ist.

In Italien gab es in den letzten Tagen heftige Diskussionen über Leute, die in dieser Zeit der Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen draußen Sport machen wollen. Die einen sagen, dass diese Leute sich nicht verantwortungsvoll gegenüber den anderen verhalten, die anderen, dass sie keine Gefahr darstellen und dass Sport unter bestimmten Bedingungen erlaubt sei. Beide haben recht. Und beide haben auch das Recht, die Argumente der anderen in Frage zu stellen, sofern die Diskussion auf einem politischen Niveau bleibt. Was nicht immer der Fall war. Die Töne sind heftig geworden. Einerseits haben Leute von den Fenstern auf die Jogger geschimpft und sie bedroht; Bürgermeister haben Videos verbreitet, in denen sie sich mit Sarkasmus gegen „all diese Läufer“ geäußert haben. Andererseits haben einige „Läufer“ unter dem Motto „Was nicht verboten ist, ist erlaubt“ mit Unverfrorenheit geantwortet.

Diese Diskussion zeigt genau, wie eine öffentliche Debatte nicht durchgeführt werden soll. Individuelle Entscheidungen im öffentlichen Raum zu diskutieren, ist (auch wenn sie gesetzlich erlaubt sind) unerlässlich, aber sehr heikel, weil hinter einem Verhalten immer Personen aus Fleisch und Blut stehen. Deswegen muss man einerseits immer sehr gründlich argumentieren und keinen Raum für Beleidigung oder Sarkasmus lassen; andererseits aber müssen wir alle akzeptieren, dass unser Verhalten, unsere Entscheidungen immer im öffentlichen Raum diskutiert werden können, ohne dass wir eine – sogar scharfe – Kritik als Beleidigung bezeichnen und damit die Diskussion stoppen. Weil die Demokratie auf dem Spiel steht.

Haben wir das Recht, auf unseren Nachbar zu schimpfen, weil er zu oft Auto fährt und damit dem Klima schadet? Oder weil er raucht und damit seine eigene Gesundheit, wie auch die der anderen, bedroht und das Gesundheitssystem belastet? Sicher nicht; aber wir haben das Recht, über die Verhaltensweisen „Autofahren“ oder „Rauchen“ öffentlich zu diskutieren, ohne unseren Nachbarn zu beleidigen, aber auch, ohne dass er uns daran hindert, davon zu sprechen, weil er sich von unserer Kritik beleidigt fühlt. Es ist ein prekäres, aber notwendiges Gleichgewicht. Die Hauptsache ist doch, die Gründe der Anderen ernst zu nehmen und immer nur mit Argumenten zu antworten.

Nicht selten hören wir dagegen, dass über bestimmte Themen nicht diskutiert werden kann, weil das „private“ Frage seien. Aber, wie die Feministinnen uns gelehrt haben, ist das Private politisch. Wenn wir jedoch annehmen, dass bestimmte Themen außer Diskussion ständen, haben wir die politische Ebene der Diskussion verloren, was oft auch in „normalen“ Zeit passiert und sogar in Kontexten, in denen sie eigentlich zu Hause sein sollte. Ich denke z. B. an einigen feministischen Milieus, wo in der Tat die Verhaltensweisen und die Entscheidungen der Frauen (denken wir unter anderem an Themen wie Prostitution, Pornographie, Kopftuch oder Leihmutterschaft) nie in Frage gestellt werden können, so weit sie „frei“ getroffen sind. Als ob die individuelle Freiheit das Einzige ist, was zählt! Und wenn jemand doch diese Themen öffentlich diskutieren möchte, weil diese „personellen“ Entscheidungen immer soziale und politische Folgen haben, wird die Diskussion sofort gestoppt mit Argumente wie: Wer sind wir, um die Entscheidung anderer Frauen zu verurteilen? Was bedeutet, das Feld der politischen Diskussion aufzugeben, das das einzige ist, in dem Konflikte eine friedliche Lösung finden können.

DISKUSSION. Foto: Oliver Tacke / CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)

Wäre es schön, wenn wir aus dieser dramatischen Erfahrung die Lehre ziehen würden, dass niemand – weder als Individuum, noch als einzelne kleine Gemeinschaft – sein eigenes Leben ausschließlich aus seinen eigenen Wünschen, Werten, Interessen gestalten kann, ohne gleichzeitig die kollektive Verantwortung dafür zu übernehmen. Und das schließt auch die Möglichkeit ein, dass die eigenen Entscheidungen frei im öffentlichen Raum diskutiert werden können. Ohne Beleidigungen, aber auch ohne Tabus.

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Kommentare


Dr. rer. nat. Harald Wenk - ( 12-04-2020 02:12:25 )
ein äuseswtrs geschckte setting um zu verbergenb, da man andsre dahin kriegen wqoi man/frai sei hinhaben möchte, was man/frau schon voher weiss.

zuständig ist die philosopsche ethik die nolens volensy ein religionsphiosopsvh ethik zu sein hat, auis kontingenten "stäkere batallione haben" gründen.

das problem ist in dieser offenen brutalität seit den religionskrieg 1618-1648 MODERN gestellt, weil mit GALELEI eine unzeifehlhafte beschädigung der Unfehlabrkeit der kirchlichen Lehre eingetenen ist.,
die di ekirche selbst, aber auch alle mit ihr assoziierten - d.h. die an der ebenso offen brutalen kommandogewalt der kirch im verein mit den fürsten udn monarchen, profitierten, ganz entschieden bestritt und versuchte une allen umstände jede konsquenz zu verhindern.

der religionsphilsoph Descartes, führter einen ganz neuen "rationalistschen ton" in die religiuonsphilosophie ein.

erst ds rstioloischr nachfolger und konsquener verbessar Spinoza barchte eine volle NEUE ETHIK mit völlig NEUER religionsphiosophie auf mesnchenkenntnis, (soma)psychologiebasis.
brei d grelregeht rekonstruite er viel, wsa ij induen schoin lanfe bekannt und prsaktzuet ewurde, bis auf die more geomerico beeweisart.
die löste die "analogie" des ANTHPOMOPHEN GOTTES ab.

der trejhjolguscvh-politsch trsaktakt behandt auch prfssionel da sverhöltns von kirchenAUTRITÄT und politische AUTORITÄT - dei bei zienlcih an dr natur ds menschn udn sein glück voerbeoghen au sherschsucht und geldgier.

In italien ist die katholische kirche IMMER noch in saft in kraft!

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erstellt am 05.4.2020
aktualisiert am 06.4.2020

Beleidigen. (Screenshot)