Zwischen Namibia und Westdeutschland gibt es mehr zu entdecken als unbewältigte Vergangenheit und Archive von Missionsgesellschaften. Windhoek/Essen ist ein schmaler Bildband, in dem Germanistikstudierende aus Duisburg-Essen und Windhoek die jeweils andere Metropole in Bild und Text wahrnehmen. Bruno Laberthier hat ihn sich angesehen.

Bildband „Windhoek/Essen“

Von Revieren und dem Revier

Ein bisschen mehr Variation hätte dem Klappentext gutgetan: „Der Blick auf Städte unterliegt stets dem konstruierenden Blick derjenigen, die sie wahrnehmen“. Aber geschenkt, oder besser, nehmen wir das mit dem doppelten Blick auf und preisen eine Neuerscheinung an.

Windhoek/Essen. Stadtwahrnehmungen in Bild und Text ist ein schmaler Bildband, der die Sichtweisen namibischer Studierender auf die Stadt Essen und – in umgekehrter Richtung – ihrer Kommiliton*innen von der Universität Duisburg-Essen auf Windhoek einfängt. Das Buch lädt ein zu einem spazierenden Blick durch Fassaden von Schulgebäuden und Imbissstände, Friedhöfe und Diorama-Aufnahmen der namibischen Hauptstadt und die Essener Stadtoasen, ihre Schilderwelten und kleinen Wasserwelten. Ergänzt durch Texte und das eine oder andere literarische Aperçu – mal ein Kurzgedicht aus der Warte eines Hotdogs, mal Reflexionen über die Weite Windhoeks, die zusammenschnurrt in den Nähen ihrer kleinen inneren Orte –, ist das knapp siebzigseitige fotographische Potpourri das Resultat eines binationalen germanistischen Projekts.

Germanistische Institutspartnerschaft

Genauer ist es hervorgegangen aus einem gemeinsamen Seminar, das im Rahmen einer vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) geförderten Institutspartnerschaft in zwei Tranchen – einer 2018 in Windhoek und einer im Sommer 2019 in Essen – stattgefunden hat. Auch eine kleine Tagung hat es gegeben, „Kontakte und Kontraste zwischen Revier und Revieren“, was sehr elegant anspielt auf einen beinahe homonymen Nexus zwischen den Universitätsstandorten. Das Revier als hierzulande ein feststehender Terminus für das Ruhrgebiet mit seiner heimlichen Kapitale Essen wird im wahrsten Sinn der Wörter kontaktiert und kontrastiert mit den Revieren Namibias: den sandigen Flussbetten, die sich auch durch Windhoek schlängeln und die sich nur in der Regenzeit – dann aber heftig – mit sturzbachartigen Wassermassen füllen.

Heiße Themen

In Windhoek/Essen haben dreizehn Studierende aus Namibia und Deutschland zusammen mit ihren Dozent*innen (und Herausgeber*innen) Julia Augart und Rolf Parr mit Bildern ergänzt, was vorher – mit Blick auf Windhoek – schon einmal als gelungene Form von urban prose figurierte.

Blick in den Bildband „Windhoek/Essen“
Foto: Ch. A. Bachmann Verlag auf Facebook, Screenshot

Der Bildband thematisiert dabei lange in die Stadtgeographien Eingeschriebenes – Architekturen, Sehenswürdigkeiten, koloniales Erbe –, aber auch sehr Aktuelles, etwa die Auswirkungen des Klimawandels. Wenn es im Essener Revier so heiß wird wie in den ausgetrockneten Flussläufen Namibias, wird man schon hellhörig und schaut, oder blickt, genauer hin:

„Als uns Ende Juni [2019] die namibischen Studierenden […] in Essen besucht haben, fühlte sich das Wetter fast wie in Namibia an. Sengende Hitze bei fast 40 Grad. Seit Wochen hatte es nicht geregnet. Aus diesem Grund haben wir uns gefragt: Welche Rolle Wasser im öffentlichen Raum einer Stadt wie Essen spielt?“ (S. 49)

Windhoek/Essen ist so auch das Dokument einer Studierendengeneration über eine Zeit und die Herausforderungen, die es in den Revier- und Revieren-Regionen anzugehen gilt.

Empfehlung? Empfehlung!

Der Band ist nicht nur wegen dieser Aktualität mehr als einen Blick wert. Vielleicht ist er ein wenig hochpreisig geraten: das aber geht nicht an die Adresse seiner beiden Herausgeber*innen, und erst recht nicht an die engagierten studentischen Foto- und Urbanographen von der University of Namibia (UNAM) und ihren Pendants in Duisburg-Essen. Diese blicken vielmehr doppelt – textuell und in Form von Illustrationen – bestens durch.

Kurz: Empfehlung!

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erstellt am 03.4.2020
aktualisiert am 05.4.2020

Julia Augart, Rolf Parr (Hrsg.)
Windhoek/Essen
Stadtwahrnehmung in Bild und Text
Hardcover, 72 Seiten, vierfarbig
ISBN: 978-3-96234-031-4
Ch. A. Bachmann Verlag, Berlin 2020

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