Wenn man im Westen an indische Musik denkt, dann fällt der Name Ravi Shankar. Mit ihm ist der Klang der Sitar verbunden. Schon in den 1950er Jahren konzertierte er weltweit. Aber als er die Beatles kennenlernte und George Harrison sein Schüler wurde, wechselte die indische Klassik ins Pop-Genre. Clair Lüdenbach erinnert daran, dass der Pate der Weltmusik vor hundert Jahren geboren wurde.

Hundert Jahre Ravi Shankar

Klang ist Gott

„Für Jemanden, der in eine Brahmanenfamilie aus Benares hineingeboren wurde, war es ganz natürlich, den gesamten Hintergrund unserer Religion mitzubekommen, ganz sicherlich; dazu kamen die vielen Jahre, die ich mit meinem Bruder im Westen verbrachte, wo er all die mythologischen Geschichten, wie die Tänze Krishnas, aufführte. Die vielen Geschichten aus unserer Mythologie haben mein Interesse für diese Dinge geweckt. Dann traf ich meinen Guru Baba Allaudin Khan, einen Moslem, eine phantastische Persönlichkeit. Er stammte aus einem hinduistischen Dorf und kannte alle Elemente unserer Religion und die religiösen Geschichten. Vor allem hatte er ein so großes Herz, in dem für alle Religionen Platz war, ganz gleich, ob Jesus Christus, Maria, Zarathustra, Buddha, Krishna oder Shiva. Obwohl er ein bekennender Moslem war, hatte er diese Größe des Herzens, und das hat mich sehr beeinflusst. Hinzu kam meine eigene große Empfänglichkeit für das Spirituelle, das vergrößerte noch mein inneres Empfinden.“ So beschrieb Ravi Shankar in einem Interview, das ich zu seinem 80. Geburtstag mit ihm führte, sein Religionsverständnis.

Ravi Shankar (Screenshot/The Ravi Shankar Foundation)

Ravi Shankar (Screenshot)

In Benares, der wohl ältesten Pilgerstätte der Welt, wurde Ravi Shankar geboren. Seinen Vater, eine schillernde Persönlichkeit, lernte er erst mit acht Jahren kennen. Dieser hatte in Kalkutta, London und Genf studiert. Und er war Sanskritgelehrter, Anwalt und Politologe. Als 20-jähriger musste er auf Geheiß der Eltern ein elfjähriges Mädchen heiraten, das nicht einmal Englisch konnte. Dieses ungleiche Paar zog dann später an den Hof von Jhalhawar, wo er dem Maharaja als Dewan – also Minister – diente. „Bei jedem Familienbesuch machte er sie schwanger, das war wohl das Einzige, was sie verband“, schrieb Ravi Shankar über seinen Vater. Kurz bevor Ravi zur Welt kam, hatte der Vater die Familie endgültig verlassen. Er war längst mit einer Engländerin verheiratet. Die Mutter zog mit ihren vier Kindern in die heilige Stadt Benares, wo dann ihr fünfter Sohn Ravi geboren wurde. Die immer weniger werdende Pension verbesserte die verhärmte Mutter mit dem Verkauf ihrer Schätze aus der höfischen Zeit und kleinen Näharbeiten. Doch trotz aller Schwierigkeiten erhielten die Söhne eine Ausbildung und erlebten Musik als Lebensmittelpunkt in der Familie. Über seine frühkindliche, musikalische Prägung schrieb Ravi Shankar in seiner Biografie:

„An meine frühe Kindheit in Benares habe ich viele sehnsüchtige musikalische Erinnerungen. Ich weiss noch, wie entzückt ich war, wenn ich früh am Morgen aufwachte, lange vor Sonnenaufgang, und vom Bett aus dem Gesang der Pujaris lauschte, der Priester des Tempels von Vishwanath.“

Ravi Shankars Kindheit in der heiligen Stadt endete schon mit neun Jahren, als 1929 sein ältester Bruder nach einem zehnjährigen Studienaufenthalt in London nach Indien zurückkehrte. In Europa hatte Uday Kunst studiert und war in Tanztheaterproduktionen seines Vaters aufgetreten. Denn der vielseitig gebildete Herr hatte sich nicht nur als Anwalt in London niedergelassen, sondern erfüllte auch seine künstlerischen Träume mit Bühnenexperimenten. In einer seiner Vorstellungen entdeckte die Ballerina Anna Pawlowa den begabten Sohn Uday und holte ihn in ihr Ensemble. Als sie einmal in Zürich auftraten, saß die junge Bildhauerin Alice Bonner im Publikum. Damals notierte sie in ihr Tagebuch:

„Abends im Kursaal. Viel Kitsch und eine Offenbarung: Der indische Tänzer Uday Shankar. Als Bildhauerin hatte ich oft europäische Tänzer beobachtet, daher beeindruckten mich die grazile Eleganz und die Harmonie von Shankars Bewegungen, als wären Statuen von Tempelwänden lebendig geworden.“

Alice Bonner und Uday Shankar gingen gemeinsam nach Indien, um dort ein Tanzensemble aufzubauen. Von den Maharajas erhielten sie jedoch nicht die erhoffte Unterstützung, weil damals der Kunst-Tanz in der indischen Oberschicht einen halbseidenen Ruf genoss. Deshalb stellten sie kurzerhand eine Truppe aus Familienmitgliedern und Freunden zusammen. In Benares lernte Alice Bonner auch den kleinen Ravi und seine Mutter kennen.

„Die Mutter hat ein schönes, zartes Gesicht, etwas Geduldiges, unendlich Rührendes, von pathetischer Ergebenheit in unabsehbares Leiden. Der kleine Robu – später als Sitarvirtuose bekannt – hat wunderbare Augen, ernst und geweckt, von leidenschaftlichem Ausdruck.“

Mit dem Aufbruch nach Europa begann für den nun 10-jährigen Ravi der schnelle Wandel vom umsorgten Nesthäkchen zum selbstbewussten Musiker und Tänzer. Die bunten Kulissen waren sein Spielplatz. Zwei Jahre ging er in eine französische Schule und wuchs nebenher zum festen Mitglied des Ensembles heran. In dieser aufregenden Zeit lernte Ravi Shankar alle damals berühmten Künstler kennen. Denn das indische Ensemble war von seinem ersten Auftritt an ein riesiger Publikumserfolg. Ein luxuriöses Leben im europäischen Stil gehörte ebenso zu seinem Alltag wie der Glanz an den Höfen indischer Maharajas. Für ihr Publikum waren sie, die indischen Künstler, selbst die Könige aus dem Morgenland. Ravi Shankar schreibt über diese Zeit seiner aufblühenden Jugend:

„Was mich damals wirklich erregte, waren die Frauen. Ich wollte in ihrer Nähe sein, sie riechen und fühlen – ich konnte mich nicht zurückhalten. Und sie liebten mich! Sie schmusten mit mir, küßten mich, weil sie natürlich dachten, ich sei ein junger, süßer kleiner Junge. Doch ich fühlte mich nicht wie ein kleiner Junge! Ich war ständig sehr erregt!“

Damals erwachten nicht nur die erotischen Sinne. Ravi Shankar nahm ebenso wachsam alle künstlerischen Ereignisse dieser Zeit auf. Von seinem Bruder lernte er, wie man die indische Kunst-Tradition unverfälscht in ihrer Substanz und doch für ein westliches Publikum verständlich aufbereitet. Daneben sah er Toscanini dirigieren und hörte Casals, Kreisler und Haifez musizieren. Auch der kleine Yehudi Menuhin tummelte sich in der Szene. Ravi Shankar prägte sich französische Musette und spanischen Flamenco ein, und in Amerika erweiterte der Jazz sein musikalisches Bewusstsein. George Harrison konnte sich viele Jahre später über Ravi Shankars Kenntnisse nur wundern.

„Ich fuhr einmal mit Ravi nach London, und als ich eine Kassette reinschob, da dachte ich: Er denkt sicherlich, das ist aber eine sehr komische Musik. Als er fragte: ‚Wer ist das?‘, sagte ich: ‚Oh das ist Cab Calloway, du wirst ihn nicht kennen‘. Da sagte er: ‚Oh, doch, ich sah ihn um 1933 im Cotton Club‘“.

Damals hatte er soeben Allaudin Khan kennengelernt, der die nun auch in Indien erfolgreiche Truppe auf einer ihrer Reisen nach Europa begleitete. Beim Abschied in Bombay hatte Ravi Shankars Mutter den Sohn in die Obhut des alten Meisters gegeben.

„Während wir auf dem Pier standen und uns bereit machten, an Bord des Schiffes zu gehen, nahm sie meine Hand, legte sie in Babas Hand und sagte zu ihm: ‚Ich gehe nicht mit Euch, und ich weiss nicht, ob ich mein Kind je wiedersehen werde, also bitte, nimm ihn und betrachte ihn als deinen Sohn‘“. Den alten Meister störte der Glanz und Luxus, der den jungen Schützling umgab. Er kannte nur ein bescheidenes Leben am Fürstenhof von Maihar in Zentralindien. Nach seiner Auffassung konnte man Musik nur durch Verzicht richtig erlernen. Dass sich der junge Star gleichermaßen für Musik, Tanz, Literatur, Film und Frauen interessierte, wollte Allaudin Khan überhaupt nicht einleuchten. Man muss eine Sache richtig machen, sonst bleibt am Ende nichts, predigte er dem selbstbewussten Ravi. Fünf Jahre später, es war 1938, kehrte die Truppe nach Indien zurück, als sich die politische Situation in Europa zuspitzte. Während Uday Shankar seine Aufmerksamkeit ganz dem Aufbau eines Zentrums für darstellende Kunst widmete, erwog Ravi seinen Wechsel nach Maihar zu Allaudin Khan. Ganz bewusst plante er seinen Auftritt dort wie eine Theaterszene. Mit geschorenem Kopf und in grober Baumwollkleidung reiste er an. In einem Blechkoffer hatte er ein paar Wolldecken und ein Kissen. Sofort spürte er, dass seine Erscheinung bei Allaudin Khan die richtige Wirkung hatte. Auch wenn er sich fühlte, „als würde er zur Schlachtbank geführt“. Gaurav Mazumdar hat die Geschichte von seinem Lehrer selbst gehört:

„Er kam vom Luxusleben, das er in Paris führte, mit Fünf-Sterne-Hotels und all dem Luxus. Und so jemand lebte dann in einem Dorf wie Maihar ohne Radio und Kinos. Er schlief auf einer Liege, die aus Kokosseilen gefertigt war, das war sehr schwierig für ihn, und dazu war das Zimmer voller Schaben und Schlangen, wie er erzählte.“

Mit Allaudin Khans Sohn Ali Akbar verband ihn bald eine tiefe Freundschaft. Ali Akbar und andere Schüler mussten Schläge und Beschimpfungen von ihrem Lehrer aushalten. Nur einmal geriet Allaudin Khan auch über Ravi Shankar außer Fassung und erniedrigte ihn. Daraufhin packte er seine Sachen und machte sich auf den Weg zur Bahnstation. Nur auf die inständige Bitte von Ali Akbar kam er nochmals ins Haus.

„Ich sah, dass er ein Foto von mir ausschnitt und in einen Rahmen tat. Nach einer Weile sagte ich: ‚Ich gehe heute‘. Langsam blickte er zu mir herüber und sagte: ‚Ist das alles? Ich meine, ich habe nur gesagt, dass du Armbänder tragen sollst, und das hat dich so verletzt, dass du gehen willst?‘“

Ravi Shankar war gerührt über Allaudin Khans hilflose Geste der Versöhnung. Natürlich blieb er nun doch bei ihm. Aber von nun an zügelte der Lehrer sein heftiges Temperament gegenüber seinem stolzen Schüler. Ravi Shankar beflügelte offenbar seinen alten Meister. Schon nach anderthalb Jahren, im Dezember 1939, durfte er sein Solo-Debüt geben. Mit diesem Erfolg vor den bedeutendsten Musikern seiner Zeit etablierte er seinen künstlerischen Ruhm. Aber er verließ sich nie allein auf sein Handwerk. Immer suchte er nach Neuerungen, die ihn zu einem unverwechselbaren Künstler einer besonderen Musik machten.

Ravi Shankar
Ravi Shankar

„Die Sitar ist meine erste Liebe, und sie ist mir das Wichtigste. Das ist das eine. Ich liebe es, Neues zu schaffen, neue Ideen durch verschiedene Instrumente und unterschiedliche Musiker. Es gibt kein Polizeigesetz, das über die Kreativität des Einzelnen bestimmt. Es kommt darauf an, ob es gemocht wird oder nicht, das ist das alles Entscheidende. Als Sitarist habe ich mich streng an die Tradition gehalten. Aber ich war auch immer innovativ, darin hat mich selbst Nikhil Banerjee nachgeahmt. Und auch viele andere Musiker haben mir als Sitarist nachgeeifert, nicht als Komponist. In diesem Sinne war ich ein Pionier von Anfang an. Wenn ich spiele, kann ich Verwandlungen vornehmen, zum Beispiel beginne ich in einer Aufführung mit dem Dhrupadstil im Dhamar Rhythmus, ein sehr traditioneller Stil, dann wechsle ich zum Khyal, dann Dhun, worin alles möglich ist, so, wie es jeder Musiker macht. Das heißt, ich mache ganz Unterschiedliches, aber ich bin gleichzeitig dieselbe Person, die gleiche Seele.“

Zu einer Aufführung von Ravi Shankar gehört der besondere Klang seiner Sitar: das Flirren der Töne, wenn er zu Anfang eines Konzerts ein Arpeggio über die Saiten streicht. Seinem Instrument hat er eine tiefe Bass-Saite hinzugefügt, damit erreicht er fast den Klang der Surbahar, und er passt sich ebenso geschmeidig an das Klangspektrum der Sarod an. Denn im Zusammenspiel mit Allaudin Khan und seinem Sohn Ali Akbar entdeckte er zum ersten Mal die Vorteile einer tief tönenden Sitar. Später entwickelte sich aus dem Zusammenspiel die Aufführungsform Jugalbandi, das Spiel im Duett, das es bis dahin in der indischen Musik nicht gab.

Während seiner Lehrzeit in Maihar wurde Ravi Shankar, nicht ganz freiwillig, mit Anapurna, der Tochter seines Lehrmeisters verheiratet und bekam bald einen Sohn. Die Ehe hielt nur wenige Jahre. Doch erst verließ das Trio die Stille von Maihar und zog in die Filmmetropole Bombay. Er wurde zunächst Mitglied der kommunistischen Partei Indiens, um mit der „Indian People‘s Theater Association“ zusammenzuarbeiten. Seine Ballett- und Theatermusik knüpften an die kühnen Ideen seines Bruders an, und als Sitarist erweiterte er schon in den 40er Jahren die alte Tradition mit neuen Ragas. Er fühlte sich nie als „Papagei“, der die Tradition in aller Reinheit fortführt, sondern als das „schöpferische Genie, das einen Raga entdeckt, wie ein Biologe eine Tierart findet“. Nachdem Ravi Shankar den politischen Druck der Kommunisten nicht mehr aushielt, verließ er das Ensemble. Dann gründeten drei der Shankar-Brüder und einige gleichgesinnte Künstler die Gruppe „Indian Renaissance Artists“. Mit großem Aufwand brachten sie „Die Entdeckung Indiens“ nach einer Vorlage von Jawarhal Nehru als Tanztheater auf die Bühne. Nach einigen erfolgreichen Aufführungen waren sie wirtschaftlich am Ende. Ravi Shankar verlor den Mut, doch die zufällige Begegnung mit einem Yogi weckte erneut seine Lebensgeister. Ein Jahr nach der Unabhängigkeit Indiens erhielt Ravi Shankar den Auftrag, sowohl die indische Musik im Ausland zu vertreten, als auch in „All India Radio“ ein Orchester zu gründen. Sein Schüler, der Vinaspieler Gopal Krishan, sagte über seinen Lehrer Ravi Shankar, den er in sehr jungen Jahren als Orchestermitglied kennen lernte:

„Jemand fragte mich einmal: ‚Was ist Ihr Eindruck von Pandit Ravi Shankar?‘ Ich sagte: Ich warte darauf, dass er aus dem Rhythmus kommt. Man kann eine Katze aus dem Fenster werfen, sie fällt immer auf die Füße. So ist es auch mit Pandit Ravi Shankar, was man auch macht, er gerät nie aus dem Rhythmus. Das ist das Höchste, was man erreichen kann, denn wir Musiker geraten immer mal wieder aus dem Rhythmus. Wir komponieren ja die Stücke, während wir auf der Bühne sitzen, und da ist es gut möglich, einmal aus dem Rhythmus zu geraten.“

Neben seinen Experimenten mit west-östlichen Instrumenten im Orchester gab Ravi Shankar seit den 50er-Jahren Sitar-Konzerte in aller Welt. Im Jahr 1957 gastierte er sogar einmal bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik. Dass ein Sitarist im Westen vor einem Massenpublikum auftrat, war etwas ganz Neues. Wie er es von seinem Bruder gelernt hatte, überlegte er sich sehr genau, wie er sein Publikum ansprechen könnte. Der weltgewandte Künstler trug die Ragas nicht in epischer Länge vor, sondern passte sie den Hörgewohnheiten eines westlichen Publikums an. Seine Kompositionen für indische und westliche Instrumente erhielten zum ersten Mal ein weltweites Forum, als er zusammen mit Yehudin Menuhin auf die Bühne trat. Schon in den 30er-Jahren waren sich die beiden flüchtig in Paris begegnet. Aber erst auf dem Bath-Festival 1966 wurde die Welt auf dieses Duo aufmerksam.

„Was ich mache, ist kein Cocktail oder eine Fusionmusik. Was immer ich gemacht habe, entsteht aus einer spontanen Eingebung.“ In den 60er-Jahren wurde dann George Harrison Ravi Shankars Schüler.

Ravi Shankar mit George Harrison. Foto: Videostill
Ravi Shankar mit George Harrison

„Ich war immer fasziniert von Ravi Shankars Art zu musizieren und seinem Stil. Deshalb suchte ich lange nach einer Gelegenheit, ihn zu treffen und von ihm zu lernen. Er ist ein brillanter Lehrer, sehr innovativ und dadurch sehr einfallsreich. Er ist eine phantastische Person. Als Sitarist ist er ein Pionier. Er hat dem Instrument eine neue Dimension hinzugefügt. Das sind technische Innovationen, ästhetische Neuerungen. Sein Beitrag ist ungeheuer.“

Ravi Shankars Auftritte auf den legendären Pop-Festivals der 60er- und 70er-Jahre machte die Klänge der indischen Musik endgültig in aller Welt bekannt. Doch die Sphärenklänge aus dem Land der Götter und Yogis gerieten auch bald wieder in Vergessenheit. Ravi Shankar war in den 80er Jahren berühmt, verehrt, mit Auszeichnungen überhäuft und unbezahlbar. In New York hatte er eine Schule gegründet und gab sie wenig später enttäuscht wieder auf, weil sich nicht genügend Schüler mit ganzer Seele der Musik verschreiben wollten. Gegen seinen Willen war er zu einem Synonym für Spiritualität geworden, die häufig mit Drogen und rauschhaftem Musikerleben verwechselt wurde. Diese Entwicklung erfüllten Ravi Shankar mit Abscheu. „Nie mehr Woodstock“, war sein Kommentar. Aber die junge Generation, das ist die seiner Tochter Anouschka, die erst 1981 geboren wurde, hielt er für viel verständnisvoller.

„Glauben Sie mir, die Dinge haben sich verändert. So etwas kommt nie mehr zurück. Früher konzentrierte man sich auf nur eine Sache, dem musste ich mich unterziehen, das war der alte Stil. Aber in der heutigen Welt kann es nicht so sein. Man hat immer vieles im Blick. Doch Leute mit einem großen Talent können Großartiges erreichen, denn sie benötigen nicht annähernd so viel Zeit in Anzahl der Stunden oder Jahre.“

Als musikalischer Erneuerer der klassischen Musik folgte Ravi Shankar dem Vorbild seines großen Bruders Uday und seines Gurus Allaudin Khan. Er selbst ging dann einen Schritt weiter, indem er westliche und indische Instrumente zu einem Klangkörper vereinte. Für sie schrieb er Kompositionen auf der Basis indischer Raga-Gesetze und westlicher Harmonie. Viele Jahre später schrieb er in dieser Technik Werke für bedeutende Orchester in England, Amerika und Russland unter der Leitung von André Previn und Zubin Metha. Seine Orchesterwerke und Stücke für westliche Solisten bezeichnete er als die zweite Seite seines Ichs. Sein Schüler Gaurav Mazumdar sagte über ihn: „Er ist der Pionier. Er ist die Person, die das Konzept entwarf, mit westlichen Musikern, Instrumenten und westlichen Klängen zu arbeiten. All das, was die Leute heute Weltmusik nennen, geht auf ihn zurück. Nicht umsonst nennt ihn George Harrison den Paten der Weltmusik.“ Ravi Shankar starb am 11. Dezember 2012. Am siebten April dieses Jahres wäre er 100 Jahre alt geworden.

Ravi Shankar (Screenshot)

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erstellt am 31.3.2020

Ravi Shankar, Woodstock-Festival 1969
Markgoff2972 / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)