Aus Friedrich Hölderlins Leben ist viel Rätselhaftes auf uns gekommen, und nicht alles lässt sich mit psychologischen Befunden, sozialen und politischen Umständen erklären. Jenseits der Spekulationen, die der 250. Geburtstag des Dichters bereithält, bietet Otto A. Böhmer eine knappe biographische Skizze an.

Zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin

»Menschen hell mit Bildern«

Am 20. März 1770 wird Johann Christian Friedrich Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren. Der Vater Heinrich Hölderlin ist Klosterhofmeister, die Mutter Johanna eine gottesfürchtige Frau, deren herbe Schönheit gelegentlich Erwähnung findet. Hölderlins Vater stirbt früh an einem Schlaganfall. Zwei Jahre später, im Oktober 1774, heiratet Johanna den Nürtinger Weinhändler und Bürgermeister Johann Christoph Gok, der Hölderlin den ersten Vater bestens zu ersetzen weiß. Die Familie, zu der noch die Schwester Heinrike, der Halbbruder Karl und die Großmutter gehören, lebt in durchaus ansehnlichen Verhältnissen, die auf Wohlstand gründen. Allerdings stirbt auch Gok früh, und Johanna, die zweimalige Witwe, haust sich in ihren vom Leid geprüften Gottesglauben ein. Den Tod der Väter erklärt Hölderlin später zum Ausgangspunkt seiner Melancholie, die ihn ein Leben lang begleitet.

Er besucht die Klosterschulen in Denkendorf und Maulbronn, an denen streng reglementierter Unterricht betrieben wird und die Erziehungsmethoden menschenunfreundlich sind. Das Berufsziel, das die bestimmende Johanna für ihren ergebenen Sohn Friedrich ausgegeben hat, ist klar und wird sich nie ändern: Er soll Geistlicher werden und als solcher eine kleine Pfarrei im Württembergischen führen. Von 1788 bis 1793 studiert Hölderlin am renommierten Tübinger Stift und befreundet sich dort (u.a.) mit den späteren Philosophen Hegel und Schelling. Nach dem Studium, das er mit dem Magisterexamen abschließt, amtiert er, auf Empfehlung Schillers, als Hauslehrer auf dem Gut der Familie von Kalb im thüringischen Waltershausen, wovon noch zu reden sein wird. Es ist dies damals die übliche Art und Weise, wie sich Intellektuelle, die keine Universitäts- oder kirchliche Anstellung finden, über Wasser halten. Hölderlins Versuche, an der benachbarten Universität Jena Fuß zu fassen, bleiben erfolglos. Man sieht in ihm einen talentierten jungen Dichter, der zur Überspanntheit neigt – mehr nicht. Eine Begegnung mit Goethe verläuft so enttäuschend, daß sie tiefe Unmutsspuren hinterläßt: Sogar als Hölderlin längst zum Pflegefall geworden ist, gerät er noch immer in Wut, wenn ein Besucher den Namen Goethe erwähnt.

1796 tritt Hölderlin eine Hauslehrerstelle bei der Familie Gontard in Frankfurt an. Susette Gontard, die Dame des Hauses, avanciert zu seiner großen Liebe; die Liebe wird erwidert. Die Schwierigkeiten sind damit vorgezeichnet; eine standes- und sittenwidrige Liaison wie diese kann nicht verborgen bleiben geschweige denn im Glück enden. Es kommt, wie es kommen muß: Gontard, ein reicher, gefühlsarmer Handelsmann, entläßt seinen Hauslehrer im September 1798. Hölderlin hält sich noch eine Zeitlang in Homburg bei seinem Freund Sinclair auf. Heimlich trifft er sich mit Susette Gontard, der Diotima seines Romans Hyperion, dessen erster Band im April 1797 erschienen ist. Weitere literarische Pläne scheitern. Hölderlin hat indes eine innere Entwicklung durchgemacht, die seine Sprache radikalisiert und von den Konventionen der Zeit wegführt; er selbst hat immer öfter das Gefühl, daß er dem Bilderstrom, der durch seinen Kopf zieht, kaum noch gewachsen ist. Am 7. November 1799 übergibt er Susette den zweiten Band des Hyperion, in dem die Widmung steht “Wem sonst als Dir”. Er kehrt in seine schwäbische Heimat zurück. Um keine Pfarrei übernehmen zu müssen, versucht er sich erneut als Hauslehrer: 1801 in Hauptwil in der Schweiz, 1802 in Bordeaux. Beide Dienstverhältnisse werden schnell wieder gelöst. Hölderlins Gesundheit ist zerrüttet. Als er im Sommer 1802 aus Frankreich zurückkehrt, erreicht ihn die Nachricht, daß Susette Gontard gestorben ist: Als Todesursache werden Röteln genannt, aber in Wahrheit starb sie wohl am gebrochenen Herzen. – Der Rest von Hölderlins Leben läßt sich schnell erzählen: 1806 wird er in die Autenriethsche Klinik in Tübingen eingeliefert, man erklärt ihn für unheilbar geisteskrank, seine Lebenserwartung, heißt es, sei auf drei Jahre begrenzt. Als niemand mehr damit rechnet, widerfährt Hölderlin noch ein Glücksfall: Ein grundsolider Handwerksmann, der Schreinermeister Ernst Zimmer, nimmt sich des Dichters an, der nun ein Pflegefall ist. In Zimmers Haus, wo Hölderlin ein Turmzimmer mit Blick auf den Neckar bewohnt, das heute von Touristen bestaunt wird, verbringt der Dichter die andere Hälfte seines Lebens. 36 Jahre sind ihm noch vergönnt, in der er seine eigene Welt behaust, äußerlich zur Ruhe gekommen und im mühsam ausbalancierten Waffenstillstand mit den Mächten, die ihn so heftig bedrängten. –

Daß ein Dichter, der tiefer sieht als andere, gefährdet ist, ahnte Hölderlin früh, die dazugehörigen Gewißheiten ließen nicht auf sich warten. In einem Fragment, das er im Sommer 1800 niederschrieb, heißt es:

„Aber in Hütten wohnet der Mensch, und hüllet sich ins verschämte Gewand, denn inniger ist / achtsamer auch und daß er bewahre den Geist, wie die Priesterin die himmlische Flamme, dies ist sein Verstand. Und darum ist die Willkür ihm / und höhere Macht zu befehlen und zu vollbringen dem Götterähnlichen, und darum ist der Güter Gefährlichstes, die Sprache dem Menschen gegeben, damit er schaffend, zerstörend, und untergehend, und wiederkehrend zur ewigliebenden, zur Meisterin und Mutter, damit er zeuge, was er sei / geerbt zu haben, gelernt von ihr, ihr Göttlichstes, die allerhaltende Liebe.”

Im Spätherbst 1793 hatte Hölderlin eine Hauslehrerstelle in Waltershausen bei Jena angetreten. Seine Arbeitgeberin Charlotte von Kalb war zufrieden mit ihm, wohlwissend daß die Aufgabe, die Hölderlin zu erledigen hatte, keine einfache war. Der Sohn des Hauses, den es zu erziehen galt, erwies sich, milde gesprochen, als schwieriges Kind, war mal verstockt, mal vertrauensselig und insgesamt heiklen Bedürfnissen unterworfen, die zu therapieren andere Methoden erfordert hätten, als sie damals üblich waren.

Hölderlin, der trotzdem Zeit fand, etwas für sich tun, schrieb sich an der Universität Jena ein, die in jenen Tagen vor allem von ihrem philosophischen Ruf zehrte. Johann Gottlieb Fichte lehrte hier, unter den Kant-Nachfolgern der bekannteste und umstrittenste, ein Autodidakt, der die typischen Eigenschaften des Selbstversorgers aus kleinen Verhältnissen an den Tag legte: Er war streitbar, mißtrauisch, aufbrausend, witterte Verfolger auch da, wo keine in Sicht waren. Hölderlin, von Fichte anfänglich fasziniert, an dem er später „dogmatische“ Züge entdeckt, teilt die Grundannahme des deutschen Idealismus, daß die Realität nie so ergiebig zu denken sei, als daß man ihr nicht einen tieferreichenden Ursprung im Idealen zusprechen muß; er möchte das Fundament der Philosophie erweitern: Die Welt, auch die Welt des Ich, so seine Überlegung, hebt nicht mit dem Bewußtsein an, das, ungeachtet seines unverzichtbaren Stands inmitten des Wissens, ein später Hinzugekommenes ist. Eine solche Überlegung beruht auf Erfahrungen, die jeder denkende Mensch machen kann: Sein Bewußtsein spricht ihm zu, steht kaum still, deckt aber nur einen Bruchteil dessen ab, was gewußt werden kann. Das Bewußtsein schwimmt auf einem Meer von Potentialitäten, die noch nicht oder nicht mehr gewußt werden, die vergessen sind oder sich dem Zugriff des Wissens verweigern. Hölderlin geht es um mehr als um den Nachweis der Unzulänglichkeit menschlicher Bewußtseinsleistungen. Seine Vermutung besagt, daß der dem Bewußtsein vorausliegende Grund etwas ist, was sich der Erkenntnis entzieht, ja: entziehen muß. Ein solcher Grund, von Hölderlin als „Seyn“ bezeichnet, reicht an den dunklen Ursprung des Lebens heran, an dem sich auch die religiöse Gläubigkeit abmüht und Stärke zu zeigen versucht. Mit dem Begriff Seyn, den Heidegger später aufnimmt und für seine Zwecke umrüstet, glaubt Hölderlin einen Begriff gefunden zu haben, der sowohl reflektorische als auch ästhetische Wissensarbeit ermöglicht, ohne das Bewußtsein in die Verlegenheit zu bringen, sich andauernd überheben zu müssen.

Der Versuchung, auch das Seyn noch zu hinterfragen, ist Hölderlin nicht erlegen, er weiß, daß in der Philosophie wie im Leben ein Anfang gemacht werden muß. So läßt er es, dankenswerterweise, beim Seyn bewenden, das er sich aus einer „Ur-Teilung“ entstanden vorstellt, die bewußtseinsschaffende Wirkung hat und anschließend, warum auch immer, in Selbstbewußtsein übergeht, dem wir, vermutlich, bis auf den heutigen Tag unseren Hang zum Unglücklichsein verdanken. Insgesamt allerdings, und das kann Hölderlin fast erleichtert feststellen, ist die Philosophie weniger geeignet, mit Seyn und Bewußtsein auf erhebende Weise umzugehen als die Poesie.

Bevor er sich zu dieser Einsicht durchringt, hat er indes zu kämpfen: Mehr noch als an der Philosophie zweifelt er an sich selbst. Es kommt ihm so vor, als betreibe er sein Denken nicht ernsthaft genug. Zudem kennt er seine psychischen Schwächen, seine Stimmungsabhängkeit, seinen Hang zu untergründiger Trauer und aufflammender Euphorie. All das steht einem geordneten Philosophieren im Wege. Seine ganze Person, der Mensch, der er zu sein meint, wird damit in Frage gestellt, was er, zu diesem Zeitpunkt, nicht zu weit, ins Bodenlose, treiben will. Er entschließt sich zu einer Entscheidung, die gegen die Philosophie und für die Dichtkunst ausfällt. Begründen läßt sich diese Entscheidung nicht, wohl aber, in rückwirkender Vergegenwärtigung, als ein Glaubenssprung verstehen, der seine Richtigkeit hat und nicht mehr in Abrede zu stellen ist. Philosophie, so deutet es Hölderlin im Nachhinein und sieht damit bereitwillig von den inneren Kämpfen ab, die er zu durchstehen hatte, diente der geistigen Sammlung, sie öffnete sich ihm wie ein „Hospital, wohin sich jeder auf meine Art verunglückte Poet mit Ehren flüchten kann“. Allerdings geht es streng zu in diesem Hospital, der Patient wird unter Aufsicht gestellt; Visiten und Krankenbefund hat er ergeben hinzunehmen. Philosophie, als Lehr- und Heilmittel verabreicht, erweist sich als „Tyrannin“, und Hölderlin stellt resignierend fest: „Ich dulde ihren Zwang mehr, als daß ich mich ihm freiwillig unterwerfe“.

Schließlich mag er von der Zwangsveranstaltung Philosophie nichts mehr wissen, er geht auf Distanz. Ein Philosoph, der den Beschaffungsdienstplan der Wahrheit nur zu gern erfüllt, wird sich nicht vorkommen wie in Ordnungshaft genommen; der Dichter jedoch, der auf „ästhetischen Sinn“ setzt, welchem er mehr zutraut als dem Bestimmungsdiktat der Vernunft, kann nicht aus seiner Haut. Im Rückblick hat Hölderlin seinen Abgang von der Philosophie, ein wenig beschönigend, weil der Adressat seines Briefes die frömmelnde Mutter war, so zusammengefaßt:

„Ich wußte lange nicht, warum das Studium der Philosophie, das sonst den hartnäckigen Fleiß, den es erfordert, mit Ruhe belohnt, warum es mich, je uneingeschränkter ich mich ihm hingab, nur immer um so friedensloser und selbst leidenschaftlich machte; und ich erkläre es mir jetzt daraus, daß ich mich in höherm Grade, als es nötig war, von meiner eigentümlichen Neigung entfernte, und mein Herz seufzte bei der unnatürlichen Arbeit nach seinem lieben Geschäfte, wie die Schweizerhirten im Soldatenleben nach ihrem Tal und ihrer Herde sich sehnen. Nennen Sie das keine Schwärmerei! Denn darum bin ich denn friedlich und gut, wie ein Kind, wenn ich ungestört mit süßer Muße dies unschuldigste aller Geschäfte treibe, das man freilich, und dies mit Recht, nur dann ehrt, wenn es meisterhaft ist, was das meine vielleicht auch aus dem Grunde noch lange nicht ist, weil ich‘s vom Knabenalter an niemals in eben dem Grade zu treiben wagte wie manches andre, was ich vielleicht zu gutmütig gewissenhaft meinen Verhältnissen und der Meinung der Menschen zulieb trieb. Und doch erfordert jede Kunst ein ganzes Menschenleben, und der Schüler muß alles, was er lernt, in Beziehung auf sie lernen, wenn er die Anlage zu ihr entwickeln und nicht am Ende gar ersticken will.“

Ende Mai 1795 verläßt Hölderlin Jena, nachdem er zuvor schon die Hauslehrerstelle im Hause Kalb aufgeben mußte. Sein Abgang erscheint wie eine Flucht, für die es vermutlich andere, dramatischere Gründe gab als seine Unzufriedenheit mit der Philosophie. Beim Versuch, das Undenkbare zu denken, ist er über eine Grenze gegangen, die jedem Denken, aus gesundheitserhaltenden Gründen, gezogen wird. Hölderlin kommt es so vor, als hätte er den Himmel berührt, der dies übel nimmt und sich, wie zur Strafe, in seinen Kopf absenkt, wo er Bewußtseinsgröße annimmt – ein großangelegtes Täuschungsmanöver, das kleinlich endet, Stunde um Stunde, Tag für Tag, bis auf die ursprünglich gestellte Frage nur noch Schmerz antwortet, und der kann – nichts sagen.

Sagen will auch Hölderlin nichts, wenn er nach seiner Flucht gefragt wird: „Der Nachhall aus Jena tönt noch zu mächtig in mir“, schreibt er im Februar 1796 aus Frankfurt, „und die Erinnerung hat noch zu große Gewalt, als daß die Gegenwart mir heilsam werden könnte. Verschiedene Linien verschlingen sich in meinem Kopf, und ich vermag sie nicht zu entwirren. Für ein kontinuierliches Arbeiten … bin ich noch nicht gesammelt genug“. Und doch hat er die Hoffnung, sich noch einmal selbst befreien zu können, er will „das Prinzip finden, das mir die Trennungen, in denen wir denken und existieren, erklärt, das aber auch vermögend ist, den Widerstreit verschwinden zu machen, den Widerstreit zwischen dem Subjekt und dem Objekt, zwischen unserm selbst und der Welt, ja auch zwischen Vernunft und Offenbarung, theoretisch, in intellektualer Anschauung, ohne daß unsere praktische Vernunft zur Hilfe kommen müßte.“ Die Hoffnung trügt, Hölderlins Leben ist kälter geworden. An Schiller schreibt er: „Maladie und Verdruß hinderten mich, das, was ich wünschte, auszuführen … Ich fühle nur zu oft, daß ich eben kein seltner Mensch bin, Ich friere und starre in den Winter, der mich umgibt. So eisern mein Himmel ist, so steinern bin ich.“

Der späte, der zur Ruhe gekommene Hölderlin, der sich mal verschlossen, mal einfältig-zutraulich gibt, lebt in seiner eigenen Welt, die er gelegentlich, wenn er guter Laune ist, einen Spalt breit öffnet. Dann betätigt er sich als Auftragspoet und wirft auf Wunsch ein oder zwei Gedichte aufs Papier, die er datiert und mit Phantasienamen unterzeichnet: Scardanelli, Buonarotti, Rosetti und andere. Hölderlin dichtet schnell, man vermag ihm kaum zu folgen. Was er zustande bringt, verrät eine Meisterschaft, die von unendlich vereinfachter Weisheit kündet. Es ist, als ob darauf verwiesen werden sollte, daß die Wahrheiten des Lebens schrumpfen, so wie der Mensch schrumpft, wenn er alt wird und sich immer mehr mit dem Wesentlichen begnügen muß. Manchmal kommt Hölderlins Besuchern auch der Verdacht, daß der Dichter in eine andere Form der Gewißheit geschlüpft ist und einem Selbstverständnis Ausdruck verleiht, welches für den profanen Betrieb nichts mehr hergibt. Es scheint dann, als spiele er mit denen, die ihm die Aufwartung machen, als begegne er ihnen mit freundlicher Tücke, was den beabsichtigten Erfolg bringt: Man wird auf Distanz gehalten, kommt dem Dichter nicht näher, als der es haben will.

Im April 1843, wenige Wochen vor seinem Tod, besucht ihn ein treuer Verehrer, der Literat Johann Georg Fischer. Hölderlin, in aufgeräumter Stimmung, gewährt ihm eine Art Audienz, und Fischer notiert nach seinem Besuch: “Weil ich im Mai Tübingen verließ, bat ich ihn um ein paar Zeilen zum Andenken. ‚Wie Ehrwürdige Heiligkeit befehlen', sagte er, ‚soll ich Strophen über Griechenland, über den Frühling, über den Zeitgeist schreiben'? (…) Nun trat er, und mit den Augen voll jugendlichen Feuers, an seinen Stehpult, nahm einen Foliobogen und eine mit der ganzen Fahne versehene Feder heraus und schrieb, mit den Fingern der linken Hand die Verse auf dem Pult skandierend, und nach Vollendung jeder Zeile mit Kopfnicken ein zufriedenes deutliches ‚Hm' ausdrückend …” Eines von Hölderlins späten Gedichten, unterschrieben mit “Scardanelli” und datiert auf den “24. März 1671”, hat die Ruhe beschrieben, die der Dichter nun empfindet. Es ist eine heitere Ruhe, die ihre Stärke daraus bezieht, daß es keinen Anlaß mehr gibt zu zweifeln:

„AUSSICHT. – Der offne Tag ist Menschen hell mit Bildern, / Wenn sich das Grün aus ebner Ferne zeiget, / Noch eh des Abends Licht zur Dämmerung sich neiget, / Und Schimmer sanft den Klang des Tages mildern. / Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt, verschlossen, / Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen, / Die prächtige Natur erheitert seine Tage / Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage.”

Hölderlin hat sich als Dichter in die Gefahr begeben, und diese Gefahr ist das Leben selbst. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um, heißt es, was aber im Falle Hölderlins nicht das letzte Wort sein sollte, denn es schien, als hielte er sich, letztendlich, an eine seiner bekanntesten Gedichtzeilen, die da lautet: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch”. Er erkannte die Gefahr, fand aber noch ein ihn Rettendes, oder besser gesagt: Es fand ihn. Krankheit und Müdigkeit ließen seinen Geist zur Ruhe kommen, die bedrohlichen Bilder verblaßten, er richtete sich ein in den verbliebenen Reminiszenzen. An seinem eigenen Schicksal hätte er, wenn es ihm denn noch möglich gewesen wäre, ablesen können, wie nachtragend und gewalttätig jener Zuspruch ist, der dem über die Maße Hellsichtigen erwächst. Hölderlin, nach der Hälfte des Lebens, mußte das aber nicht mehr interessieren.

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erstellt am 30.3.2020
aktualisiert am 30.3.2020

Johann Christian Friedrich Hölderlin (1770 - 1843)

Johann Christian Friedrich Hölderlin
(1770 – 1843) Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792