Die Kunstwelt ringt in Zeiten der Corona-Krise um Sichtbarkeit und setzt auf digitale Präsenz. Das füllt oft nur die Lücken, die eine fehlende analoge Begegnung mit Kunst hinterlässt und kann in dieser jetzt aufkommenden Menge überfordern. Ellen Wagner plädiert für ein kurzes Innehalten, um sich über Fragen nach dem Verhältnis von Präsenzzwang und Rückzug, das Visuelle und das Unsichtbare auszutauschen.

Kunstwelt: Hohe digitale Präsenz in Zeiten der Corona-Krise

Welche Art von Sichtbarkeit?

Zwei Wochen nach den ersten Veranstaltungsabsagen habe ich nun die letzten Ausstellungen rezensiert, die ich noch im analogen Raum besuchen durfte – „wegrezensiert“, so fühlt es sich an, alles kunstkritische Restpotenzial verbraucht, die letzten Einhörner erlegt, und ich weiß nicht, wohin ich mit dieser Metapher will, aber sie fühlt sich angemessen dramatisch an. Artensterben in der Kunsttextproduktion. Auch wenn die Themen, schaut man genauer hin, keineswegs auszugehen drohen.

Merkwürdig ist: Es wird mir trotzdem alles zu viel. Alle Ausstellungen haben geschlossen, doch sekündlich trudeln neue Installation Views in meiner Timeline ein. Dinge, die ich hätte sehen können, wäre ich vor zwei Wochen, vor fünf Monaten oder letztes Jahr irgendwann an Ort x bei Künstler*in y auf Vernissage z gewesen. Ein wenig habe ich Angst, dass nach überstandener Corona-Krise ich online so viel Kunst gesehen haben werde, dass ich ein dringendes Bedürfnis verspüren könnte, umzuschulen. Vielleicht zum Tierpfleger oder Landschaftsgärtner. Auch Zahnärzte werden immer gebraucht, und wenn sie Lücken stopfen, dann mit solidem Kunststoff, nicht nervösen Klicks.

Die Kunstwelt postet emsig, was das Zeug hält, um Menschen, Dingen (manchmal Kunst), Institutionen jetzt (jetzt!) virtuelle Sichtbarkeit zu verschaffen. Das klingt erst einmal gut und ist es: Zahlreiche Streaming-Angebote etwa für Theaterproduktionen, Festival-Talks, Führungen durch große Ausstellungshäuser oder winzige Hinterhofgalerien machen es möglich, auf lange Hand mit viel Aufwand vorbereiteten Veranstaltungen den gebührenden Publikumsrespekt zukommen zu lassen, den alle Beteiligten und nicht zuletzt das künstlerische Ergebnis selbst verdient haben. Wenn die Türen geschlossen bleiben, öffnen sich die Browserfenster.

Das Problem dabei: So positiv kulturbejahend kostenfreie Angebote sind, so wenig helfen sie langfristig uns allen, die eigene Arbeit in Lohn zu verwandeln. Wenn niemand zahlen muss, wird häufig leider auch niemand bezahlt. Zumindest nicht, wenn man dieses Modell hochrechnet auf mehrere Wochen und Monate, die uns noch bevorstehen – ohne Openings, ohne bezuschusste Neuproduktionen, ohne Messen, ohne Zusagen, ohne Aufträge. Es ist zentral, nicht zu vergessen, dass wir Kunst- und Kulturschaffende nicht nur dafür arbeiten, uns gegenseitig Plattformen der Sichtbarkeit und diskursiven Relevanz zu bieten. In der Masse verfügbarer Sichtbarkeiten wäre es vermutlich auch naiv zu glauben, es käme allein darauf an.

Der Betrieb bleibt unter prekären Anstrengungen am Laufen

Man sollte lernen von den Fehlern der Zeitungsbranche, die sich viel zu spät darauf besann, die neu digitalisierten Inhalte über verschiedene Paywall-Modelle als Qualitätsprodukt auszuzeichnen, das sich ganz buchstäblich auch bezahlbar macht. Wenn „der Betrieb“ auch freiwillig und kostengünstig „funktioniert“, das heißt unter unsichtbaren, doch sehr realen, oft prekären Anstrengungen am Laufen bleibt, stellt er sich autarker, als er ist, und riskiert letztlich seine Existenzgrundlage. Mancher Online-Musikdienst hat dies bereits verinnerlicht und umgesetzt – die Kunstwelt tut sich etwas schwerer mit dem Erzielen und der Weitergabe von Erlösen für die eigenen Akteure. Vielleicht, weil entsprechende Strukturen ohnehin eher unterentwickelt, sofern überhaupt existent sind.

Vor etwa zwei Jahren auf einem Workshop am Kaffeebuffet. Ich: „I’m doing art criticism.“ Person gegenüber: „Oh, so you’re having a blog!?“ Und genau da fangen die Probleme an.

Kultur muss auch mal Ehrenamt sein dürfen, muss einspringen, wo politische Entscheidungen oder eben Katastrophenfälle ihre Freiheit, Wahrnehmbarkeit und Lebensgrundlage bedrohen, ohne gleich darauf zu schielen, wer das Engagement bezahlt. Doch wenn schlecht oder unbezahlte Arbeit ohnehin Normalfall ist, droht dies eher den individualistischen Kampf um Slots und Features zu befördern, den man sich finanziell wie nervlich leisten können muss. Die eigene Produktion zu garantieren und sichtbar, konsumierbar zu halten, hat Priorität, ungeachtet der Tatsache, ob dies überhaupt gerade die tatsächliche Baustelle ist, die das große Ganze in seiner Infrastruktur betrifft. Und Infrastruktur ist nicht das gleiche wie ein Netzwerk, in dem bestimmte Routen und Verbindungen immer schon näher als die anderen liegen, mutmaßlich schneller zum Ziel führen und damit auch ein Abseits ihrer Selbst kreieren.

Wichtig ist in Zeiten digitaler Homeoffices: Vorbereitet sein – auf eine Zeit, die kommen wird, sei es in drei Wochen oder in drei Monaten, wenn Veranstaltungen „in real life“ wieder möglich sein werden. Und wer will dann schon dastehen und nicht loslegen können, ohne loszustolpern wie nach langer Bettlägerigkeit? Wer will riskieren, dass der Kulturbranche in ein paar Monaten die Beine wegknicken, weil sie sich nicht oder zu spät zu bewegen getraut hat?

Die Bundesregierung initiierte den „Wir vs. Virus“-Hackathon, um verschiedenste Gruppen und Akteure zum produktiven Austausch zu versammeln. Gefragt sind innovative Lösungsvorschläge für gesellschaftliche Bereiche, in denen die Digitalisierung noch unausgeschöpfte Möglichkeiten bieten kann. Kreative, die sich ausdrücklich als Bürger*innen begreifen, sind Teil dieser Initiative, und natürlich wird es auch ums Virtualisieren von Kultur und ihrer Institutionen gehen. Entscheidend ist jedoch das Wie der diskutierten Ansätze. Wie macht man nicht nur die Aktivitäten der „Großen“ mit entsprechender Social-Media-Reichweite sichtbar, sondern auch kleinerer Initiativen und Einzelpositionen? Wie erleichtert man es, neue Künstler*innen im Digitalen zu entdecken, gegen die eigene algorithmisch eingeschworene Filterblase?

Die analoge Kultur fehlt momentan nun mal

Bilder, Texte, Videos und Audiospuren – sie alle sind digitalisierbar. Ob „die Kultur“ es ebenso ist, bleibt zu bezweifeln. Natürlich, selbstverständlich – auch im Digitalen gibt es eine Kultur. Sogar viele, ganz verschiedene spezifische Kulturen. Doch diese digitale Kultur ist nicht in Deckung zu bringen mit einer umformatierten analogen Welt, in der wir Leute treffen, über Hindernisse (auch im Kunstraum) steigen, ganz buchstäblich Wände hochziehen, um Formate daran zu befestigen, die sich nicht über Dateiendungen, sondern durch physisch messbare Gewichte und Volumina definieren. Und diese analoge Kultur, zumindest manche ihrer Aspekte, es tut weh, fehlen momentan nun mal. Sorry to say.

Geht man davon aus, dass Kultur in sich ein Plural ist, wird es immer blinde Flecken geben, die sich entweder nur im Analogen oder nur im Digitalen so und nicht etwa anders zu erkennen geben werden – oder aber dann, wenn beide Räume zusammenwirken, ohne einander doch zu ersetzen. „Anders“ nämlich bedeutet nicht schlechter – aber: Es ist auch nicht dasselbe. Kultur wird nicht zuletzt beeinflusst von verschiebbaren, aber doch existenten Grenzen eines Lebensumfeldes, einer Reichweite, der jeweiligen Beweglichkeit der Publika – die einschränken, aber auch Dinge erst ermöglichen können. Und diese sind im Analogen und im Digitalen jeweils anders abgesteckt und definiert.

Aus all dem ergibt sich, dass es also keineswegs gilt, alle Versuche, online Kunst zu zeigen, abzublocken. Vielmehr ist dafür zu plädieren, noch mehr auszuprobieren. Ausstellungen in virtuellen Räumen, die sich ihrer spezifischen Räumlichkeit auch bewusst sind, in Online-Spielumgebungen oder eingebettet in digitale 360°-Fotografien, als Website, die sich auch nicht einfach so auf 60 Zoll und LCD screenen lässt, ohne ihre Besonderheit zu verlieren – all das sind Möglichkeiten, die man zuspitzen und erweitern kann. Weil Technologie einfach zu schade ist, um statt als Experimentierfeld nur zum Zuschneiden rechteckiger Bildausschnitte zu dienen. (Was nicht heißt, dass auch diese Funktion in bestimmten Fällen wichtig ist.) Vielleicht muss man auch gar nicht immer ausstellen, sondern hält kurz inne, um sich – denn auch das ist digital ja hervorragend möglich – auszutauschen über Fragen nach dem Verhältnis von Präsenzzwang und Rückzug, das Visuelle und das Unsichtbare im Bereich der Kunst und der Kultur.

Natürlich ist es richtig, künstlerische Produktionen, die bereits präsent, doch ungesehen im Raum stehen, virtuell zugänglich zu machen. Doch welche Inhalte lohnen darüber hinaus (re-)produziert zu werden? Wo hört das solidarische Anliegen auf, fängt der reine Content an?

Es geht nicht darum, eine Lücke zu füllen, sondern darum, sie als solche zu erfahren, was bedeutet, sie als Freiraum für neue Formate – abseits von Insta-Storys und -Kettenpostings – zu begreifen ebenso wie als Loch, aus dem wir uns gemeinsam für die Zukunft herausstrampeln müssen. Wenn mehr Leute digitale Werkzeuge für das benutzen würden, was diese Werkzeuge ganz spezifisch können, wären sicherlich in der Vergangenheit noch unterschätzte Potentiale zu entfalten. Genauso aber sollte es mehr Raum geben, parallel zu dieser Versuchsanordnung – die momentan ja gerade nicht unter Laborbedingungen erprobt wird, was ein Ansporn sein sollte – die Lücke, die durch den Wegfall nicht-digitalisierbarer Kultur entsteht, zu reflektieren, ja, ein wenig auch in hoffender Vorfreude auf Künftiges zu betrauern, sie zumindest nicht gleich zuzustopfen, als gelte es, im Online-Stream noch schnell drei Kisten Werke zu hamstern für das Vorratsregal des individuellen Kunstkonsums.

Wer will denn nach drei Wochen noch jeden Tag fünf Teller Pasta essen? Wer verbraucht, ernsthaft, 112 Tampons pro Monat? Und wer soll bloß den ganzen Content noch verdauen, der seit einigen Tagen nun in drei- und vierfacher Menge per Social-Media-Lieferservice bei uns ankommt und hartnäckig Sturm klingelt? Vielleicht hilft es, einfach nicht aufzumachen und stattdessen auf einen Klingelstreich zu hoffen, auf eine Lieferung, die, nicht bestellt, dann trotzdem einfach ankommt, sich entpackt und eventuell zum Teilen, vor allem aber zum Denken anregt.

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erstellt am 25.3.2020

(Illustration: Screenshot)

Zuerst erscheinen auf der Website des Ausstellungsprojekts Making Crises Visible