James Taylor zählt zu den profiliertesten und einflussreichsten Singer-Songwritern der avancierten US-amerikanischen Pop-Musik seit 1970. Der fünffache Grammy-Preisträger hat mit seinen Alben Maßstäbe gesetzt – und über Jahrzehnte gehalten. Er veredelt aber auch Standards aus dem Great American Songbook, er eignet sie sich an. Paul-Hermann Gruner sagt, wie er das macht.

Ein Standard interpretiert Standards

In Treue fest

James Taylor und sein tiefer Griff in die US-amerikanische Song-Schatulle

Anfang März ging in Köln eine Fotoschau zu den Arbeiten des südafrikanischen Fotokünstlers Norman Seeff, Chronist des „Look of Sound“, zu Ende. Warum das den Hinweis wert ist? Weil Seeff den frühen James Taylor in genialisch bildkomponiertem Schwarzweiß vor einer Werkzeugwand mit Beil und Handsägen festhielt: Martha’s Vineyard, 1969. Taylor senkt sinnlich auffordernd den Blick ins Objektiv, dies kurz bevor er den Aufstieg zum Superstar der Songwriter-Bewegung erlebt und nicht mehr recht weiß, wie ihm geschieht. 50 Jahre danach ist Norman Seeff der Fotograf des Covers von „American Standard“. Seeff ist inzwischen 81, Taylor 72. Zwei alte Herren und meist noch viel ältere Song-Standards – das passt auch als ästhetisches Konstrukt gut zusammen.

James Taylor, 1969 (Screenshot des Fotos von Norman Seeff)

Vergleichen ist risikoreich, macht aber Spaß. Also: Taylor ist der Edward Hopper der Gitarre. Edward Hopper hat rund dreißig Jahre lang, in Treue fest, seinen früh final ausgereiften Stil gemalt. Variationen in Öl auf Holz und Leinwand. Taylor serviert seit seinem (komplett ins Wasser gefallenen) Debut von 1967 Variationen auf Vinyl-Schwarz und CD-Silber: Musik als Medium der Melancholie, Musik als Arbeit, die lastende Schwere des Lebens irgendwie leichter erscheinen zulassen, Musik als Tröstungsakt. Taylors profiliert eigenständige Kompositionen zwischen Folk, Blues und Soul, seine präzise Spieltechnik sowie die ungewöhnliche, von suggestiven Akkordfortschreibungen geprägte Harmonik begeisterte Kollegen von Yo Yo Ma bis Pat Metheny, von Michael Brecker bis Patricia Kaas.

Time-Cover 1971 mit James Taylor (Screenshot)
Time-Cover 1971 mit James Taylor

Gecovert hat der fünffache Grammy-Gewinner Taylor selbst stets so, dass viele Hörer meinen, sie hörten einen Taylor-Song, wenn „How sweet it is“ (Holland, Dozier, Holland), „You‘ ve got a friend“ oder „Up on the roof“ (Carole King) gespielt werden. Taylor covert nicht, er transformiert; er eignet sich an, verwandelt und integriert das Material in seinen ausgeruht-meditativen Personal- und Picking-Stil. Da überleben Originalkompositionen nur als Vorlage für den Veredelungsprozess. Vollkommene freundliche Übernahme ist dazu kein schlechter Begriff.

Aber warum nun Covers von großen alten American Standards? Hat Taylor nicht schon genug gecovert? Ja, hat er. Zwei reine Interpretationsalben (2007/2009) singen davon ihr Lied. Braucht jemand diese neuen Cover-Versionen? Nein, es gibt davon genug. Sie existieren als wahres Diluvium. So gut wie jeder populäre Musiker oder Crooner hat sich am Great American Songbook zwischen Hoagy Carmichael, Jerome Kern, Richard Rodgers, Cole Porter, Oscar Hammerstein II. oder Harold Arlen schon vergriffen. Will jemand diese Covers? Niemand. Keiner hat danach gerufen.

Aber Taylor, mit über fünfzig Jahren Bühnenpräsenz selbst längst ein nordamerikanischer Standard, macht, was er will. Und – ehrlich: Es ist ausgezeichnet. Eigentlich bis zum Abwinken Aufgewärmtes kann durch innovative Wiedererweckung neu laufen lernen und neu begeistern. Mit fast gespenstisch-souveräner Prägekraft nimmt sich der 1948 in Boston geborene Songschreiber Titel wie „Blue Heaven“ (1924), „The Nearness of you“ (1938) oder – der jüngste Standard – Mancinis „Moon River“ (1961) vor.

Intros werden meist intim gitarristisch gestrickt, Tempi werden stark verändert, Arrangements verschlankt und radikal entzuckert, spirituelle Verdichtung in Vortrag und Intensität wird zum Oberthema und verdrängt die im Original nicht selten violinisiert-popmusikhafte, Broadway-Musical-taugliche Oberflächlichkeit der Kompositionen. Alle Stücke, die vorher schon voller Ströme der Nebenbedeutung waren, so etwa „Ol’ man river“ (1927), laden sich hier neu auf mit ideellem Gewicht. Außerdem: Billie Holidays „God bless the child“ (1941) wird eher selten aus der Schatzkiste geholt und „As easy as rolling off a log“ (1938) wurde – tatsächlich! – sogar noch niemals gecovert.

Das Konvolut präsentiert sich im besten Sinne als angemessen: Es öffnet subtil indirekte Bezüge zu den heutigen USA der gesellschaftlichen Fliehkräfte, der inneren Widersprüche, der intellektuellen Banalisierung und politischen Rabaukisierung unter Donald Trump. Man darf diese Standards daher auch hören als Kommentar eines Songschreibers, der die Amtseinführung des wiedergewählten Präsidenten Obama in Washington (Januar 2013) musikalisch begleitete.

Resümee: Wer Showbizz-Erinnerungen (wieder)hören möchte, sollte diese Produktion meiden. Taylor ist nicht Sinatra, Billy Eckstine, Tony Bennett oder Dean Martin. Zum Glück.

Wer Taylor und seine exzellent besetzte musikalische „Familie“ (wieder)hören möchte in der Ahnung, dass diese im Kern wahrscheinlich klingt wie stets, dem ist zuzurufen: stimmt, so isses. In Treue fest, dies kann sich eben auch auf das Selbstzitat beziehen.

James Taylors Interpretation von „Moon River“ auf seinem YouTube-Channel

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 23.3.2020

James Taylor
American Standard
CD
Fantasy Records, 2020

CD bestellen