Schwarzer Freitag, schwarzer Tod, – jede epidemische Heimsuchung hat die Schuldfrage im Gefolge. Und selbstverständlich sind immer die anderen schuld: die Franzosenkrankheit, die asiatische oder die spanische Grippe – die Geschichte der Seuchen ist auch die der gewöhnlichen Verschiebung ihrer Ursachen. Volker Breidecker erinnert an Wilfried Wittes Buch „Tollkirschen und Quarantäne. Die Geschichte der Spanischen Grippe“.

Wilfried Wittes beunruhigende Geschichte der Spanischen Grippe

Die Grippe der Anderen

Wilfried Witte (Screenshot)
Wilfried Witte

Nach der Panik ist vor der Panik. Ansteckender, entzündlicher, virulenter als jeder Grippevirus ist nur das Gerücht über ihn. In Sekundenschnelle breitet es sich über den Globus aus und gleicht damit selbst jener Pandemie, vor der es warnen will. Im schärfer werdenden medialen Wettbewerb um maximale Aufmerksamkeit ist von der Wetterprognose über die Finanz- und Wirtschaftsnachricht bis zum jüngsten Schreckensbild eines seuchenbedingten globalen Massensterbens eine ganze Panikindustrie mit der Erzeugung und Verbreitung apokalyptischer Nachrichten befasst. Bekanntlich haben Paniken aber eine lähmende Wirkung und lösen – wenn nicht besinnungslose Aggression – lediglich Fluchtverhalten aus. Gegenüber allen tatsächlichen Gefahren, die genug Gründe zur Beunruhigung böten, sind sie hingegen verhaltensresistent.

Seit einigen Jahren – etwa solange, wie die Welt auch auf den nächsten großen Terroranschlag von Al-Quaida wartet – grassiert die Furcht vor einer globalen Pandemie, die mit der von 1918 bis 1920 wütenden Spanischen Grippe vergleichbar wäre. Nach den Schätzungen soll die Seuche damals weltweit bis zu 50 Millionen Menschen dahingerafft haben, mehr als das Dreifache der Zahl der Opfer des Ersten Weltkriegs. In dessen Lagern und Schützengräben war die tödliche Influenza auch ausgebrochen, und die Militärzensur der kriegführenden Nationen arbeitete mit Eifer daran, jede vernünftige Aufklärung der Bevölkerung über den Verlauf und das Ausmaß der Seuche zu verhindern. So schlug der Virus, nachdem er binnen weniger Monate die Erde schon einmal umrundet hatte, ein zweites Mal sehr viel heftiger und auch noch ein drittes Mal zu. Der massenhafte Tod traf vor allem Menschen im Alter von 20 bis 40 Jahren. Erstmals aufgetreten war die Grippe unter amerikanischen Soldaten, die kriegsbedingt nach Europa verlegt wurden. „Spanisch“ kam die Grippe den Menschen deshalb vor, weil sie erst dann publik wurde, als die spanische Königsfamilie von ihr befallen war.

Grippeopfer der Spanischen Grippe liegen im Jahr 1918 in einem amerikanischen Notkrankenhaus (Screenshot)

Glaubt man dem Medizinhistoriker Wilfried Witte, dessen brillant geschriebene kleine Geschichte der Spanischen Grippe rechtzeitig vor Ausbruch der „Schweinegrippe“, alias „Mexikanische Grippe“, erschienen ist, um an die Stelle der Panik eine Besinnung aus historischer Perspektive zu setzen, so gibt diese Infektionskrankheit ihren Erforschern noch immer mehr Rätsel als Gewissheiten auf. Dem Autor, der mit einer Grundlagenarbeit über die Grippeepidemie von 1918-1920 in Deutschland promoviert hat, glaubt man dies um so mehr, als auch seine Terminologie im Umgang mit dem schwammigen Phänomen „Grippe“ nolens volens inkohärent ist. Denn auch wenn der Erreger der Spanischen Grippe heute – doch erst seit wenigen Jahren – sicher bestimmt werden kann, fällt es rückblickend schwer und ist es beinahe unmöglich, die Seuche von anderen, zeitgleich virulenten und in der Symptomatik ähnlichen Infektionskrankheiten zu unterscheiden: von der zumeist dem Hunger und der Entbehrung geschuldeten Tuberkulose zum Beispiel, und noch weniger von der zwischen 1916 und 1927 ebenfalls weltweit grassierenden Encephalitis lethargia, alias Schlafkrankheit, einer Gehirnerkrankung, berühmt geworden durch das auch verfilmte Buch „Awakenings“ des Neurologen Oliver Sacks. Ihr sollen ebenfalls rund fünf Millionen Menschen zum Opfer gefallen sein, wobei die Schnittmenge beider Erkrankungen völlig im Dunkeln liegt.

Merkwürdiger aber noch ist, dass die mit dem Ersten Weltkrieg als der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zeitlich, räumlich und demographisch so eng verschränkte – Witte zufolge – „verheerendste Grippewelle der Moderne“ in den Kollektivgedächtnissen der Menschheit kaum verankert ist. Sie ist nicht annähernd so gegenwärtig wie die ihr vorgelagerte Erinnerung an die auch viel gründlicher erforschte Schwarze Pest des Mittelalters. Dieser Pest des Jahres 1348 war rund ein Drittel der europäischen Bevölkerung zum Opfer gefallen; einhergegangen war ihr – mit einem unheimlichen Seitenblick auf die Gegenwart – die erste große Krise des frühen europäischen Handels- und Finanzkapitals, im Jahr zuvor eingeläutet vom Zusammenbruch der führenden Florentiner Peruzzi-Bank. Im kollektiven Unterbewussten der Menschen ist die Schwarze Pest das bis heute nachwirkende, maßgebliche Referenzsystem und Schreckensbild für alle epidemischen Seuchen und massenhaften Plagen auch der Moderne. Ihrer allegorischen Personifizierung verpflichtet ist noch die Ikonographie einer im Frontispiz von Wittes Buch abgebildeten dänischen Karikatur des Jahres 1918: Während ein Friedensengel traurig und verzagt am Wegesrand sitzt – den Ölzweig hat er abgelegt –, schreitet triumphierend die „Spanische Lady“ als Allegorie der Grippe vorbei, dargestellt als hochgewachsenes, langbeiniges und lasziv schreitendes Weib im schwarzen Gewand, einen Fächer in der Hand, mit hässlicher, pockennarbiger Fratze.

Wird man bei der Lektüre von Wittes kleinem Buch des ganzen Spektrums von Entstellungen und Verdrängungen, von dämonischen Aufblähungen einerseits und bequemen Verharmlosungen andererseits gewahr, dann wird auch deutlich, wie bei aller alptraumhaften, aber vergessenen Realität der Spanischen Grippe die ihr anhaftenden phantastischen Potentiale ganz ähnlichen Regeln gehorchen wie die von Sigmund Freud ergründete Traumarbeit mit ihren Verschiebungen, Verdichtungen und „sekundären Bearbeitungen“: Dies würde dann auch erklären, warum es – was in den stereotypen Namen von Grippen und Seuchen seinen Niederschlag findet – immer die Anderen sind, andere Nationen und andere Rassen, die todbringende Infektionskrankheiten „einschleppen“: Ob die Grippe in der Nachfolge der „Franzosenkrankheit“, alias Syphilis, als „Spanische“ oder als „Mexikanische“, als „Russische“ oder als „Asiatische“ firmiert, immerzu geht es dabei wie im Krieg, wie in den Schützengräben und wie auf den Schlachtfeldern zu. Und heißen die Seuchen hier „Vogelgrippe“ und dort „Schweinegrippe“, hier „Geflügelpest“ und dort „Rinderpest“, stets – und auch in der Abwehr, die kein anderes Mittel als die Massenschlachtung kennt – ist es, als suchte hier das verdrängte schlechte Gewissen ob des Zusammenhangs von industrialisierter Massentierhaltung und industrialisierter Menschenschlachtung seinen versteckten Ausdruck.

Es ehrt Wittes Darstellung, dass sie all diese Fragen zulässt, ohne sie abschließend zu beantworten, auch dass der Autor alle apokalyptischen Töne vermeidet. Ohne den drohenden Zeigefinger des Propheten zu heben, kommt er dennoch zu dem Schluss, dass „eine neue Pandemie durch Influenza“ denkbar und vorstellbar wäre und dass diese „– wegen der ungleich entwickelteren Transportwege in der globalisierten Welt – die Spanische Grippe in ihren verheerenden Auswirkungen noch um ein Vielfaches übertreffen könnte“. Keine guten Aussichten. Unter einer „Bedrohung im Konjunktiv“ gibt es freilich auch keinen Grund zur Panik, aber allerhand Gründe zum Nachdenken.

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erstellt am 14.3.2020

Wilfried Witte
Tollkirschen und Quarantäne
Die Geschichte der Spanischen Grippe
Gebunden, 122 Seiten
ISBN:978-3-8031-2633-7
Wagenbach Verlag, Berlin 2008

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