Nicht nur in der stalinistischen Sowjetunion, auch von der westeuropäischen Linken wurden solche Bücher geschmäht. Die revolutionäre Intelligenzija, die sich hoffnungsvoll an der Neugestaltung der Gesellschaft beteiligen wollte, wurde rasch kriminalisiert und mit dem Tode bedroht. Wie Olga Forsch diesen Prozess in „Russisches Narrenschiff“ gestaltet hat, beschreibt Gudrun Braunsperger.

Olga Forsch: »Russisches Narrenschiff«

Das verrückte Schiff

Olga Forsch (Screenshot)
Olga Forsch

In der Sowjetunion galt sie als renommierte Autorin historischer Romane, nicht als Dissidentin. Olga Forsch war der gefährliche Balanceakt gelungen, einen Weg als Schriftstellerin zu finden, der nicht im Widerspruch zum sozialistischen Realismus stand: dessen Vorgaben nämlich kontrollierten das kulturelle Leben ab 1934 allumfassend. „Russisches Narrenschiff“ war ihr dritter Roman, er erschien 1930 und erlebte erst lange nach dem Tod der 1961 verstorbenen Autorin 1988 eine weitere Auflage. Das Buch dokumentiert das Lebensgefühl der Intelligenz des alten Sankt Petersburg in den Jahren nach der Revolution, und es enthüllt die gut verborgene künstlerische Identität der Autorin jenseits ihrer scheinbaren intellektuellen Unterordnung: Sie offenbart sich hier als wache und ernüchterte Diagnostikerin ihrer Zeit, die hautnah miterlebt hat, was es bedeutete, gegen den hohen Wellengang einer machtvollen Brandung schwimmen zu wollen, die sich auf die russischen Intellektuellen zubewegte und nicht wenige von ihnen vernichtete.

Mit dem „verrückten Schiff“, so lautet der Titel wörtlich, ist das Haus der Künste in Petrograd bezeichnet, eine Künstlerkommune, die auf Maxim Gorkis Initiative hin 1919 ins Leben gerufen und als Wohn- und Lebensprojekt im Jelissejewschen Palais eingerichtet wurde. Die Architektur des Gebäudes am Nevskij-Prospekt erinnert tatsächlich an ein Schiff. Die bedeutendsten russischen Dichter, Künstler und Intellektuelle ihrer Zeit waren dort gemeinsam mit der Jelissejewschen Dienerschaft einquartiert oder sie gingen im Haus der Künste aus und ein.

Das Haus Newski Prospekt 15 um 1900, von 1919-1923 „Haus der Künste“  Foto: Gemeinfrei, via Wikimedia Commons, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/56/Chicherin_House_1900.jpg

Das Haus Newski Prospekt 15 um 1900, von 1919-1923 „Haus der Künste“
Gemeinfrei, via Wikimedia Commons, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/56/Chicherin_House_1900.jpg

In neun erzählerischen Wellen segelt das Schiff am Leser vorbei, der hohe Wellengang bildet mit unkonventionellen formalen Mitteln den Taumel dieser ungeordneten Jahre ab. Im Haus der Künste fanden zahlreiche Gruppierungen der russischen Avantgarde in einem innovativen Laboratorium der Moderne zueinander, in dem die Utopie einer zukünftigen Gesellschaft verhandelt wurde. In nächtelangen Diskussionen theoretisierte man über Gegenwart und Zukunft des neuen Menschen, die Passagiere des „Narrenschiffs“ gestalteten das Projekt des gemeinsamen Überlebens während der Zeit der Mangelwirtschaft mit künstlerischer Phantasie und sprühender Kreativität, etwa an Rezitations- und Theaterabenden.

Wenigstens in den ersten Abschnitten der Reise herrscht noch die Zuversicht, dass der Einzelne in der Gesamtheit aller aufgehen und „zu einer Welle im Meer anderer Wellen“ werde: „Branden diese gegen einen Felsen, zerschellen sie, nur um sich erneut zusammenzusetzen“.

Es ist kein Schlüsselroman und dennoch lassen die Decknamen, die Olga Forsch hier verwendet, Rückschlüsse auf reale Personen zu sowie auf Ereignisse, die verstörten: der frühe Tod von Aleksandr Blok, der von den Zeitgenossen als Mord an einem Dichtergenie empfunden wurde, der Selbstmord von Sergej Jessenin, die Verhaftung und Erschießung von Nikolaj Gumiljow, so wie überhaupt Entbehrungen und Tod in bestürzender Weise präsent sind in diesem Text.

Sehr bald folgte auf die von vielen begrüßte Revolution die Desillusionierung: Die gesellschaftliche Praxis der Bolschewiken brachte die Zensur zurück und etablierten Mechanismen der sozialen Kontrolle, die das Individuum im Namen des Kollektivs unterdrückte. Damit war jener Gruppe der Kampf angesagt, die sich der neuen Zeit und Ordnung am bereitwilligsten zur Verfügung gestellt hatte: die Intellektuellen. Die neue Wirklichkeit erwies sich in jeder Hinsicht als ernüchternd: „Das Leben bestand längst nicht mehr darin, Erfahrungen zu sammeln, sondern nur noch in der Kunst, diese Erfahrungen zu überleben“ heißt es da unter dem Eindruck von Hunger und Kälte, die dazu zwangen, „die bis dahin gültige Hierarchie vernünftiger Wertmaßstäbe aufzugeben“.

Olga Forsch arbeitete als Zeichenlehrerin, bevor sie mit 35 Jahren ihren ersten Roman schrieb. Die Synergien zwischen den einzelnen Sparten, die das kreative Potenzial im Haus der Künste ermöglichte, zeigt sich auch im Werk dieser Autorin: Sie hatte von der Malerei zum Schreiben gefunden und beherrschte ihr Handwerk meisterlich, sodass die Lektüre dieses Buchs ein vergnügliches Fest ist: Man genießt den Reichtum des sprachlichen Ausdrucks ebenso wie ihre Kunst des Wortwitzes, trefflich wiedergegeben in der Übersetzung von Christiane Pöhlmann, die sich darüber hinaus durch einen umfassenden Anhang und ein kommentierendes Nachwort verdient gemacht hat, um dem mit der russischen Kulturgeschichte wenig vertrauten Leser einen Wegweiser durch das Labyrinth dieses Romans anzubieten. Der Roman setzt Bildung voraus, denn im Haus der Kunst ging das Silberne Zeitalter der russischen Kultur zu Ende, das sich dem Goldenen Zeitalter, der Ära Puschkins, noch eng verbunden fühlte und reich an Anspielungen ist. So ist dieses Buch nicht nur ein Schwanengesang auf eine im Aussterben begriffene Gattung, den russischen Intellektuellen, sondern auf eine ganze Epoche. Die wenigen Passagiere des Narrenschiffs, die später als Sowjetschriftsteller Karriere machen werden, etwa Konstantin Fedin, werden das als willfährige Parteisoldaten tun.

Die Malerin Forsch versteht es, mit Wörtern ebenso fein zu zeichnen wie mit dem Pinsel und in leuchtenden Farben Bilder der Groteske entstehen zu lassen, die in Russland Tradition hat wie auch Witz und Ironie, die Zensur und Repression entgegengehalten werden. Mit dem Humor der „Anekdoty“, also mit der Kunst des Witzeerzählens werden Metaphern zur Entspannung für das erschaffen, was nicht zu ändern ist. Etwa in jenem armenischen Witz von der Biene, die in ein Gewitter kommt und nur überleben kann, indem sie sich dazu entscheidet, in einen Bienenstock zu fliegen, der für sie zu eng ist – sie jammert also, heißt es da, und fliegt rein.

Formal bildet der Roman jene Aufbruchsstimmung ab, in der Grenzen des bis dahin Gültigen überschritten werden. Mit provokanter Koketterie adressiert die Autorin ihre Kritiker, während sie die Form des herkömmlichen Erzählens sprengt:

„Die Autorin jagt liebend gern die Grenzsteine der Zeit in die Luft, streift in Gedanken zugleich durch Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft und verbindet Ereignisse ausschließlich durch Figuren sowie durch subjektive Eindrücke, die sie für bedeutsam hält (…) Petrograd alias Leningrad und Italien sind daher, so komisch es auch klingen mag, für sie gelegentlich eins …“

Diese Möglichkeit zur sogenannten „Exteriorisierung“ wird hier nicht nur theoretisch abgehandelt, als Flucht nach Italien oder nach Frankreich in der Phantasie.
Die Metapher des Schiffs, das auf ein Ufer hinsteuert, lässt sich mehrfach deuten: Als Fähre, auf der all das untergebracht ist, „was für die Kunst überlebenswichtig war, um (es) über den stürmischen Fluss der Ereignisse an das neue Ufer zu bringen“, aber auch als Arche Noah, die die Letzten ihrer Art versammelt. Nach der Schließung des Hauses im Jahr 1923 wird ein beträchtlicher Teil der Bewohner massiven Repressionen ausgesetzt sein, nicht wenige von ihnen finden später den Tod im Lager oder werden hingerichtet.

Die neunte Welle, so will es das Seemannsgarn, ist die heftigste. In welch erschütterndem Ausmaß sie den Kurs dieses Künstlerschiffes schon in den frühen zwanziger Jahren irritiert hat, lange vor den Säuberungen des Stalinismus, macht begreiflich, warum dieses Buch so lange in Vergessenheit verblieben war.

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erstellt am 13.3.2020
aktualisiert am 14.3.2020

Buchcover „Russisches Narrenschiff“ von Olga Forsch

Olga Forsch
Russisches Narrenschiff
Ein Roman in neun Wellen
Aus dem Russischem von Christiane Pöhlmann
Gebunden, 324 Seiten
ISBN: 978-3847704218
Die Andere Bibliothek, Berlin 2019

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