Erzähl mir was, damit ich mich daran erinnern kann! – Das trifft das kulturelle Gedächtnis. Alte Legenden, Erzählungen, Filme mit der dazugehörigen Musik bilden die fiktive Heimat, an die, wie Alban Nikolai Herbst erfuhr, der in ebensolcher Weise erfundene Jazz gemahnt. „Americana“ heißt die CD von Grégoire Maret, Romain Collin, Bill Frisell und Clarence Penn, die das Lagerfeuer in die Träume verschiebt.

Jazz-CD: Americana

S m o o t h

Grégoire Maret, Bill Frisell & Romain Collin. Foto: © Neutrø
Grégoire Maret, Bill Frisell & Romain Collin

Es mag kitschig klingen, meint aber Zärtlichkeit: Diese wehend improvisierte Jazzmusik ist zum Träumen. Sie erinnert sich an eine Zeit, die sie selbst gar nicht mehr gekannt hat, die ihr aber aus Legenden hintertragen ist, fast bereits ein kollektiver Archetyp. Voll süßer Wehmut spielt sie mit Erinnerungen an die ersten Abende, an denen man – nachdem das Blockhaus fertig errichtet war, die Pflöcke der Gatter waren eingeschlagen und nächsten Tags müssen wir die Querlatten nageln, die aber auch schon zurechtgesägt auf ordentlichen Stapeln liegen, das Vieh ist ohnedies längst für die Nacht versorgt – auf der Terrasse sitzt oder am Lagerfeuer draußen und lauscht still in die Weite. Bis jemand seine Mundharmonika nimmt, oder die Gitarre, und Musik zu machen beginnt. Der junge Bursche aber, noch keine Siebzehn ist er heut, träumt von einem Mädel (und dieses, hofft er, an ihrer Heimstatt träumt von ihm). Dazu gesellte sich aus Romain Collins Piano manchmal ein Hauch von gaserleuchteter Städtischkeit, da werden die Improvisationen dann ein wenig komplexer. Doch auch sie kennen nichts Schroffes, keinen harschen Aufeinanderprall wie etwa bei Charles Ives. Nein, schon mit dem zweiten Stück ist „Americana“ vom „Blowin' in the Wind“ durchweht, in diesem – Bill Frisells „Small Town“ – sogar als konkretes Tonmaterial; man könnte es für eine Ableitung des berühmten Songs Bob Dylans halten, doch ohne seine inhärente Kritik. Die war ja auch nur Text. Und selten, am Ende von „Re: Stacks“, gibt es dann doch mal einen Seufzer.

Melancholie genießt, was einmal Leid gewesen: daß es vorbei und überwunden. Denn wie bei allen bleibenden Erinnerungen ist nicht, daß etwas durch und durch gelang, die Kraft, sondern daß wir es bezwangen. Es spielt gar keine Rolle, ob es sich um einen ganzen Lebensabschnitt, eine Liebe oder bloß um einen Urlaub gehandelt hat, bei dem das Quartier so erbärmlich gewesen. Wie Feiern in der späteren Süße, den Umständen gewachsen gewesen zu sein. Dies auch ist das Geheime eines jeden Abenteuers, ja möglicherweise jeglichen späteren Ruhms.

Grégoire Maret im Tonstudio Foto: © Neutrø

„Re: Stacks“ ist dabei das artifiziell komplexeste der Stücke, da die Melodik sich zeitweise auflöst und geradezu impressionistisch wird, auch durch den Einwurf nicht sofort zuortbarer Töne aus dem Banjo. Country wird hier Weltmusik – wie überhaupt, Jesses!, kennten wir den Titel nicht, also der ganzen CD, sie wäre an „Amerika“ gar nicht gebunden, gehörte irgendwo in den kosmischen Raum zwischen Nordamerika, Europa (mitten darinnen die Schweiz, Marets Geburtsland) und Australien. „Westlich“ allerdings ist diese Musik ganz gewiß. Dem kommt ihre pure Instrumentalität zugute, die einen Kulturraum besingt, aus ihm ins Vergangene hinein. In „Still“ schließlich gibt es Läufe, die entfernt an Jarrett-Modulationen (an seine Themen freilich nicht) der Siebziger-, frühen Achtzigerjahre erinnern.

Seit bei mir gestern erstmals Grégoire Marets funkengleich verwehende Harmonikaweisen erklangen und dann immer wieder, und heut erneute zweidrei Mal, dachte ich sofort und denke es noch immer: Das müssen deine Liebsten hören! Und so, für sie alleine, schrieb ich diesen Text. Damit auch sie nun träumen.

Das Stück „Re: Stacks (Radio Edit)“ auf Bill Frisells YouTube-Channel

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erstellt am 09.3.2020

Grégoire Maret, Romain Collin & Bill Frisell
Americana
CD
ACT 9049-2

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Erscheint am 24. April 2020