Bildern und Erinnerungen schreiben wir oft reflexartig zu, die Wirklichkeit exakt wiederzugeben. Dabei überspielen wir unsere Erinnerung permanent. Die Kamera oder das Gedächtnis reproduziert Sequenzen von trügerischer Strahlkraft – was bleibt ist stonewashed brainwashed memory. In ihrem Gedichtband »Häuser, komplett aus Licht« eröffnet uns Martina Weber die Unmöglichkeit einer unverfälschten Erinnerung, betont Elnas Nazem.

Poesie über die Ambivalenz der Erinnerung

Nichts war so wie es war

Martina Weber, Foto: Jörg Hentrich
Martina Weber, Foto: Jörg Hentrich

In ihrem zweiten Gedichtband „Häuser, komplett aus Licht“ verarbeitet Martina Weber – ausgehend von einem Aufenthaltsstipendium in St. Mihiel – ihre Eindrücke von der Region um Verdun. Daran knüpft der titelgebende Zyklus an, der fast die Hälfte aller Gedichte umfasst. Martina Weber nimmt die Spuren des Ersten Weltkrieges mit einer magischen Kamera auf und stößt uns mit Bildbrüchen vor den Kopf. Nichts ist so, wie wir es uns gewöhnlich vorstellen. Öffnet man sich ihrem (Erinnerungs)spiel, wird das dem Zyklus vorangehende Zitat des Filmemachers, Schriftstellers und Fotografen Chris Marker erfahrbar:

“We do not remember, we rewrite memory much as history is rewritten.”

Das Zitat stammt aus dem Film Sans Soleil (1982), der die Gewohnheit des Sehens durch eine verschachtelte Erzählstruktur verändert. Ähnlich wirken die Gedichte von Martina Weber. Wie in Trance fügen sich Bildfragmente zu einem Großen und Ganzen. Ihre Gedichte sind überbelichtete Fotografien, surreale Fotomontage, die die gängige Vorstellung von Erinnerung in Frage stellen. Die Wirklichkeit ist eine Reproduktion. Was wir sehen, wird immer nur durch Vermittlung auf die Netzhaut geworfen – meist durch bildgebende Verfahren. Die Bilder sind retuschiert, der Bildausschnitt blendet elementare Details aus, der Kontext ist austauschbar. Selbst das Licht birgt die Gefahr der Blendung.

„Landschaft aus geknickten Bäumen im Schwarzlicht. Niemandsland,
übereinandergeschichtete Zeit. Absencen sind das Gipsmodell meines
Denkens. Abdruck silberner Hufe, glitzernd im getrockneten Schlamm.

Verwischte Bilder, eine zerknitterte Fotografie. Die Stiefel in der Endlos-
schleife des Regens zwischen Fingern zerronnen. Ich sah nicht mal Kopien
der Sterne, aber das ganze Geröll in den Wolken, die Brandung

oder die Brechung des Lichts. Ergänzung in Handschrift: Wieder
ein Festplattencrash, Verlust eines Fluchtpunkts. Erinnerung an die
Umrisse eines Körpers auf dem Radar. Ich, mit erhobenen Händen.“

Offensichtlich orientiert sich Martina Weber am Konzept von Sans Soleil, über den Hans-Christoph Blumenberg (Die Zeit, v. 02.09.1983) schreibt: „̧Sans Soleilʼ ist ein unmöglicher Film: ein Expeditionsbericht in das Innere des magischen Auges, ein ethnographischer Essay, das Tagebuch eines Besessenen. Er paßt in kein Kino. Man muß ihn sehen.“ Und das gilt analog auch für Martina Webers „Häuser, komplett aus Licht“.

„Dieser Ort ist nur Kulisse, Illusion. Ein Ticket
für ein Erinnerungsspiel. Die Geschichte wirft
die ausgetrunkenen Gläser weit
hinter ihren Rücken.
My stonewashed brainwashed memory.
Und deine Lippenbewegung, plötzlich
wie hinter Panzerglas. Der Bildschirm
zerspringt in zwei Teile. Ich bin
kein Groupie (Verschiebung einer Struktur).
Eine unbeschriftete Wiese, blue moon.
Und das Gewicht dieses Farbwerts beachten.
Die abgestreifte, noch schimmernde Haut
einer Schlange am Wegrand. Häuser,
komplett aus Licht.“

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erstellt am 08.3.2020
aktualisiert am 09.3.2020

Martina Weber
Häuser, komplett aus Licht
Gedichte
Klappenbroschur, 88 Seiten
ISBN 978-3-948305-00-0
poetenladen Verlag, Leipzig 2019

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