„Gerechte Sprache“ und Geschlechtergerechtigkeit fordern von uns Geistesgegenwart bei der Ansprache, die korrekt und politisch zu sein hat. Überall und immer? Thomas Rothschild rettet das Kind aus dem ausgeschütteten Bad.

Kontrapunkt

Die Sprache der Rassisten

„Menschen so zu bezeichnen, wie sie bezeichnet werden wollen, ist keine Frage von Höflichkeit, auch kein Symbol politischer Korrektheit oder einer progressiven Haltung – es ist einfach eine Frage des menschlichen Anstands. Ich verzichte darauf, andere trotz ihres Widerspruchs anders zu benennen, als sie es wünschen. Ich verzichte darauf, ihre Perspektive zu unterdrücken, der ich stattdessen Raum gebe.

(Alles andere) wäre ein Beharren auf der Perspektive der Ignoranz, der Gewalt, des Mordens, der kolonialen Herrschaft – und nichts anderes tun wir, wenn wir die indigenen Völker Amerikas als 'Indianer' bezeichnen oder wenn wir die Verwendung des N-Wortes verteidigen. Wir beharren auf der Perspektive der Kolonisierenden, der Sklaventreiber, der Entmenschlichung.“

Dieses Zitat aus dem eben erschienenen Buch „Sprache und Sein“ von Kübra Gümüsay ist im Programmheft des Burgtheaters zu „This is Venice (Othello & Der Kaufmann von Venedig)“ abgedruckt. Es ist ebenso richtig, wie unoriginell. Um dem Vorwurf zu entgehen, dies sei eine bloße Behauptung, darf ich ausnahmsweise aus einem eigenen, 23 Jahre alten Text zitieren:

„Kaum hatte sich Henryk M. Broder, Spezialist für Hohn und Häme, in einem ‚Spiegel‘-Leitartikel über die bösen ‚Gutmenschen‘ hergemacht, da erschien Band 2 eines ‚Wörterbuchs des Gutmenschen‘ – und was mussten wir erfahren? Mit seinem auf Alfred Hrdlicka gemünzten Diktum vom ‚linken Nazi‘ hat sich Broder selbst als ‚Gutmensch‘ qualifiziert. Worin das Gute im schlicht Dämlichen besteht, ist schwer auszumachen. Worauf das alles, von oder gegen Broder, hinausläuft, sehr viel leichter: nämlich auf die Diskreditierung dessen, was man früher ‚Anstand‘ oder ‚Moral‘ nannte. (…) Anderseits sehe ich nicht ganz, was gewonnen ist, wenn man Weißen erlaubt, Afroamerikaner Neger zu nennen, wenn diese nicht so genannt werden wollen, oder wenn man Homosexuelle als Schwule bezeichnet, ehe sie sich selbst so nennen und sich nicht gekränkt fühlen, wenn andere dieses Wort übernehmen.“
(„Das Sichrovsky-Syndrom. Über die Verführung, im Kulturkampf die Seiten zu wechseln.“, In: Zensur oder freiwillige Selbstkontrolle? Vom Tabubruch zur politischen Korrrektheit. Hg. von Wilfried Steiner. Hamburg 1997, S. 103-118)

Was Kübra Gümüsay jedoch sagt und was auch ich meinte und nach wie vor meine, gilt für den (sprachlichen) Umgang im wirklichen Leben. Auf das Theater, auf eine Rolle übertragen, führt es in die Irre. Shakespeares Jago sagt: „Ich hasse den Mohren“ („I hate the Moor“). Die Bearbeiterinnen und Übersetzerinnen der Wiener Fassung Elisabeth Bronfen und Muriel Gerstner lassen ihn bekennen: „Ich hasse den Schwarzen“. Offenbar hat ihr Jago Kübra Gümüsay gelesen. Was aber ist der Effekt von solcher Redaktion? Der Rassismus des Rassisten wird entschärft. Indem er menschlichen Anstand zeigt und in seiner Wortwahl auf die Wünsche der Diskriminierten eingeht, ist er eigentlich ein ganz sympathischer Zeitgenosse.

Sagen wir es also geradeheraus: Wer Regeln des Anstands, die im alltäglichen Verkehr gelten sollten, auf Rollensprache überträgt, hat vom Wesen des Theaters wenig verstanden und bewirkt politisch das Gegenteil dessen, was sie oder er bewirken will. Er oder sie beraubt sich der Möglichkeit, verächtliche Eigenschaften sprachlich zu markieren und die Sprecher zu charakterisieren. Er oder sie exkulpiert jene, die Shakespeare und andere, frei von der undialektischen Regelungswut einer Elisabeth Bronfen, auch sprachlich als Schurken gekennzeichnet haben. Man würde solch eine Entscheidung gerne „dumm“ nennen – wenn „dumm“ nicht der Perspektive derer widerspräche, die gemeint sind.

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erstellt am 28.2.2020
aktualisiert am 28.2.2020