Wie gehen theatrale Konzepte mit der Tradition um? Muss sich das Drama, um sich zu erneuern, aufgeben? Joseph Roths „Radetzkymarsch“, Ben Kidds und Bush Moukarzels „Die Traumdeutung von Sigmund Freud“ und Anton Tschechows „Kirschgarten” an den Wiener Theatern geben Thomas Rothschild Gelegenheit, das Dauerproblem der dramatischen Kunst zu benennen und mit guten Argumenten abzuwägen.

Theater in Wien

Freud, Tschechow und Joseph Roth

Die Meinungen gehen auseinander. Soll sich das österreichische Theater seine Eigenheit bewahren? Soll es aus seiner Geschichte überlieferte Unterschiede zum Theater in Deutschland betonen, oder droht es durch solche „Hartnäckigkeit“ in konservative Erstarrung zu verfallen? Was bei einer Großmacht mit gewisser Berechtigung als Nationalismus interpretiert werden mag, ist bei kleinen Nationen manchmal nur ein Akt der Selbstbehauptung. Die Medien, allen voran das Fernsehen, haben die Sprache in Österreich gründlich verändert. Das muss kein Malheur sein. Aber mit Besonderheiten des Wortschatzes und der Aussprache verschwinden auch Teile der österreichischen literarischen und theatralen Geschichte. Zumindest wird ihr Bestehen gefährdet und erschwert. Wenn es keine Schauspieler mehr gibt, die Nestroy oder Schnitzler authentisch sprechen können, werden Nestroy und Schnitzer auf die Dauer unaufführbar und zuletzt unverständlich sein.

»Radetzkymarsch« im Theater in der Josefstadt

Die Heimstatt des österreichischen, genauer: des Wiener Tons, sowohl des plebejischen von Nestroy, wie auch, verstärkt, des aristokratisch-großbürgerlichen von Schnitzler, war, mehr noch als das Burgtheater, das Theater in der Josefstadt. So gesehen gehört eine Bearbeitung von Joseph Roths „Radetzkymarsch“, wenn man denn überhaupt Romane für die Bühne adaptieren muss, hierher. Vor etwas mehr als zwei Jahren hat der Niederländer Johan Simons am Burgtheater eine Dramatisierung durch seinen Landsmann Koen Tachelet inszeniert. Das Theater in der Josefstadt hat mit einer eigenen Bearbeitung des Regisseurs Elmar Goerden nachgezogen.

Befriedigen kann Goerdens Fassung nicht. Sie ist eher ein Beleg dafür, dass sich Roths Roman nicht unbeschädigt für die Bühne übertragen lässt. Es ist die Erzählerstimme und sind gerade nicht die Dialoge, was den besonderen Reiz von „Radetzkymarsch“ ausmacht. Es ist kein Zufall, dass Joseph Roth kein Drama geschrieben hat. Seine Begabung lag in der Epik. Goerden ahnt das. Er legt den Figuren Fragmente der Erzählerrede in den Mund. Aber diese kurzen Ausschnitte zerstören den Charakter des Ganzen. Der Josefstädter „Radetzkymarsch“ kommt daher als Collage aus Erzähltext und Dialogen, die im fast ständig sich drehenden Bühnenbild, einer abstrakten verschachtelten Konstruktion, auftauchen und wieder verschwinden, als hätte Roths Roman die Struktur der „Letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus. Genau die aber hat er, bei thematischer Verwandtschaft, gerade nicht. In Goerdens Dramatisierung geht der Rhythmus, die Musik von Roths Sprache flöten. Bei ihm wird das Legato zum Staccato, das einen Epochenroman in das Korsett von zwei Stunden zwängt.

Mit dem österreichischen Ton hat Goerden, der zwar aus Viersen stammt, aber schon mehrmals an der Josefstadt inszeniert hat, nichts im Sinn. Er lässt bühnendeutsch sprechen, und wenn Nebenfiguren, von denen eine, deren Name wir gnädig verschweigen wollen, quälend chargiert, dann doch Dialekt sprechen – übrigens ohne die korrekte soziale Distinktion –, wirkt das im gegebenen Kontext unfreiwillig komisch.

Figuren, die dem Leser von Joseph Roths Roman unauslöschlich im Gedächtnis haften bleiben und für dessen Aussage essentiell sind, wie der Doktor Skowronnek oder der Graf Chojnicki, gewinnen in der Aufführung kein Profil. Sie gehen in der Eile der Szenenfolge zusammen mit dem Nasentropfen des Kaisers Franz Joseph, auf dessen markante Maske Goerden wohlweislich verzichtet, verloren.

Florian Teichtmeister (Carl Joseph von Trotta), Peter Scholz (Doktor Max Demant, Kapturak) in „Radetzkymarsch“ Foto: © Moritz Schell

Die Inszenierung kommt mit zehn Darstellern, zum Teil in mehreren Rollen, aus. Den jungen von Trotta spielt oder erleidet viel mehr Florian Teichtmeister. Er bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück. Hingegen hat die Rolle seines Vaters, des Bezirkshauptmanns Franz Freiherr von Trotta und Sipolje, in Joseph Lorenz ihre ideale Verkörperung gefunden. Dessen stets etwas steifen, eckigen Bewegungen passen exakt zu der Figur des konservativen Beamten, der seine Zeit nicht mehr versteht. Seinen Vater, den „Helden von Solferino“, und mehrere andere Rollen spielt Michael König, der ehemalige Schaubühnen-Star, den es nach Wien verschlagen hat, wo er sowohl an der Burg, wie auch in der Josefstadt reüssiert hat. Und dann, überraschend und ohne interpretierbare Bedeutung, Andrea Jonasson als Erzählerin zu Beginn und dann als Graf Chojnicki. Ging es nur darum, der Witwe von Giorgio Strehler einen Auftritt zu verschaffen? Dafür gäbe es bessere Gelegenheiten. Das große Lob, das Elmar Goerden im Programmheft der Verfilmung von Joseph Roths Roman durch Michael Kehlmann zollt, darf man, wenn man Zwischentöne entschlüsselt, als Kritik an der späteren aufwendigen Verfilmung von Axel Corti verstehen. In dieser ist Gert Voss in einer seiner wenigen Filmrollen zu sehen, eben als Graf Chojnicki. Man kann über Voss als Filmschauspieler streiten, aber wie er die Hellsicht, den sarkastischen Realismus und zugleich die Härte dieses Mannes mit polnischem Akzent zeichnet, setzt eine Latte, die Goerden und Jonasson nicht erreichen. Schade. Denn hier, an dieser Stelle, könnte die Bühne etwas liefern, was der Roman der Vorstellungskraft des Lesers überlässt.

Vielleicht gibt es aber, jenseits der Problematik von Romanadaptionen, einen ganz anderen Grund dafür, dass einen der Abend aus dem Theater in der Josefstadt unbefriedigt entlässt. Als Joseph Roth, in seiner Jugend Sozialist, den „Radetzkymarsch“ schrieb, empfand er das Ende der Habsburger-Monarchie als Unglück. Sein Roman verklärt zumindest tendenziell die Vergangenheit. Teilt Elmar Goerden diese Sicht? Eignet er sich Roths Melancholie an? Oder sieht er diese (auch) kritisch? Das lässt er offen. Das Ende, für das die Darsteller mit bedröppelten Gesichtern an die Rampe treten, wirkt unentschieden, die grundsätzliche Haltung rätselhaft. Weil die Erzählerstimme fehlt, weil sie, auszugsweise, auf die Figuren verteilt, keinen eigentlichen Sprecher hat, fehlt auch der point of view, von dem aus die Geschichte zu betrachten wäre.

»Die Traumdeutung von Sigmund Freud« im Akademietheater

1859 hat Joseph Roths fiktiver „Held von Solferino“ dem Kaiser das Leben gerettet. Drei Jahre davor, 1856, wurde der reale Sigmund Freud geboren. Mit ihm, mit einem anderen Kapitel der österreichischen Geschichte also, beschäftigt sich eine Uraufführung am Akademietheater. Sie wurde freilich nicht von Österreichern geschrieben und inszeniert, sondern von dem britisch-irischen Team Dead Centre, bestehend aus Ben Kidd und Bush Moukarzel. So kehrt Freud aus dem Land, in das er als 82-jähriger vor den Nazis und den Österreichern fliehen musste, nach Wien zurück.

Nach einem Präludium, das in das Thema – Sigmund Freuds Traumdeutung – einführt, wird eine Frau aus dem Publikum auf die Bühne eingeladen, um einen authentischen Traum zu erzählen. Was nun folgt, entzieht sich den üblichen Kategorien. Es ist eine Art Boulevardtheater mit Tiefgang, das Mosaiksteinchen aus dem Leben Freuds und insbesondere aus seiner Traumtheorie zu einem abwechslungsreichen Bilderbogen zusammensetzt. Komik entspringt der Verkleinerung und Banalisierung von bekannten Fakten und einer als Genie gefeierten Persönlichkeit. Kidd und Moukarzel bedienen sich alter und durch neuere Techniken hinzugekommener Theatertricks. Informationen, die erst im Lauf der Vorstellung durch die teilnehmende Zuschauerin eintreffen, werden alsbald in wenigen Minuten für die Aufführung umgesetzt. Gegen Ende wird eine längere Passage vor einer Greenscreen arrangiert und auf eine die virtuelle vordere Bühnenwand füllende Leinwand projiziert. Der Gast aus dem Publikum macht das alles artig mit und darf sich am Ende auch verneigen.

Johannes Zirner, Philipp Hauß, Tim Werths, Träumerin in „Die Traumdeutung des Siegmund Freud“ Foto: © Matthias Horn / Burgtheater

Den vier Darstellern Philipp Haus, Alexandra Henkel, Tim Werths und Johannes Zirner werden Fähigkeiten abverlangt, die sie in ihrer Generation an den Schauspielschulen garantiert nicht erwerben konnten: die Fähigkeit zur Improvisation, zum schnellen Reagieren, zur Kreativität jenseits von Rolle und einstudiertem Text. Und sie machen das bravourös. Mit weniger Souveränität und Lockerheit wäre derlei für das Publikum eine Qual. Früher fanden Experimente dieser Art in Kellertheatern statt. Inzwischen sind sie in den großen, hoch subventionierten Häusern angekommen, und viele Kleintheater reproduzieren im Austausch Spielweisen der Vergangenheit. Man darf sich freilich nicht täuschen lassen. Nichts weist darauf hin, dass „Die Traumdeutung von Sigmund Freud“ den künftigen Weg des Burgtheaters markiert. Vielmehr dürfte Martin Kušej signalisieren wollen, dass er als Intendant und Tausendsassa auch so etwas nicht nur gestattet, sondern fördert. Er lässt auch den Löwen spielen.

»Der Kirschgarten« im Theater in der Josefstadt

Zurück in die Josefstadt. Amélie Niermeyer hat den „Kirschgarten“ in der Bearbeitung von Elisabeth Plessen nach einer Übersetzung von Ulrike Zemme inszeniert und den tradierten Josefstadt-Stil weit überholt. Die Frage, ob Tschechow nach der Auffassung Stanislawskis oder als Komödie gespielt werden soll, entscheidet Niermeyer durch ein Tempo, das keinen Raum für Melancholie lässt. Die Ranjewskaja von Sona MacDonald ist eine moderne Frau mit kurz geschnittenen weißen Haaren und eng anliegenden Kleidern. Wenn Trofimow auftritt und sie an ihren ertrunkenen Sohn erinnert, verliert sie die Nerven: Ein kleines Kabinettstück, das gerade deshalb an Intensität gewinnt, weil Sona MacDonald auf Übertreibung verzichtet.

Die Kunststückchen demonstrierende Gouvernante Charlotta Iwanowna ist ein Transvestit. Trofimow, der „ewige Student“ und Träumer von einer besseren Welt, wird in Niermeyers Inszenierung nicht lächerlich gemacht. Ihre Skepsis richtet sich eher gegen die restlichen Figuren, die ihm, mit Ausnahme von Anja, nicht zuhören. Keine Melancholie, aber doch der Ernst einer Welt von verzweifelten und einsamen Menschen. Niermeyer hält die Balance.

Seit Peter Zadeks Inszenierung mit Ulrich Wildgruber sieht man in Lopachin eher den Aufsteiger, den in seiner Jugend gedemütigten Sohn eines Leibeigenen, der den Kauf des Kirschgartens als Triumph empfindet, denn den bösen Kapitalisten. So auch im Theater in der Josefstadt. Wenn dann der Kirschgarten abgeholzt wird, hört man von hinter dem Zuschauerraum eine Motorsäge. Die Geräuschdramaturgie, die Tschechow vorschreibt, wird hier nicht, wie so oft, ignoriert. Er muss einem nicht sympathisch sein, dieser Lopachin, und man mag, ganz modern, mit ökologischem Scharfblick seine Zerstörung der Natur anklagen. Aber er hat, realistisch betrachtet, die Welt der Ranjewskaja ebenso überlebt wie die der Trottas. Ihm gehört unsere Gegenwart und, so ist zu befürchten, die Zukunft. Trofimow jedenfalls wird nicht gegen ihn ankommen.

Szenenbild „Der Kirschgarten“ Foto: © Astrid Knie

Auch im „Kirschgarten“ kreist das Bühnenbild fast unaufhörlich. Im Obergeschoss hockt der amerikanische Singer Songwriter Ian Fisher und singt zur Gitarre – in englischer Sprache, um zu verdeutlichen, wer heute auf der Bühne in Sachen Musik das Sagen hat. Die Regie hat dem Stück, wie das heute üblich ist, das Russische fast völlig ausgetrieben, nur „Guten Appetit“ dürfen einander die Personen der Handlung in russischer Sprache wünschen.

Die Sensation der Aufführung aber ist Otto Schenk in der Rolle des alten Firs, dem einer der genialsten Schlüsse der dramatischen Weltliteratur gehört. Schenk ist in Österreich in einer Weise populär, wie es in Deutschland kaum ein Schauspieler ist. Aber er wird in erster Linie als komische Figur wahrgenommen (und ist daran nicht ganz unschuldig). Dass er ein großartiger Menschendarsteller und Verwandlungskünstler ist, darf der demnächst Neunzigjährige als der schwerhörige Diener und Überlebende aus einer überlebten Vergangenheit unter Beweis stellen. Demnächst wird Kay Voges das benachbarte Volkstheater übernehmen und voraussichtlich den Siegeszug der digitalen Medien einleiten. Bis dahin wollen wir eine Auffassung von Theater genießen, für die Otto Schenk geradezu paradigmatisch steht. Die Magie, die von einem lebendigen Menschen ausgeht, der so tut, als wäre er ein anderer, veraltet ebenso wenig wie die Dramen von Tschechow, ob man sie nun in der Rubaschke spielt oder im Paillettenkleid. Er hält zur Not sogar amerikanische Neofolklore anstelle des Klangs einer gesprungenen Saite aus, die der Autor sich wünschte.

Vorstellungen

„Radetzkymarsch“, Theater in der Josefstadt:
26. Februar, 24. März, 24., 25. April, 14. Mai 2020
„Die Traumdeutung von Sigmund Freud“, Akademietheater/Burgtheater:
1., 10., 22. März 2020
„Der Kirschgarten“, Theater in der Josefstadt:
9., 10., 25., 28., 29. März, 4., 5., 6., 8., 14., 20. April, 13., 22., 25., 26., 29. Mai,
10., 11., 22. Juni 2020

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erstellt am 25.2.2020
aktualisiert am 26.2.2020

Ankündigungsbild „Radetzkymarsch“, Theater in der Josefstadt Foto: © Jan Frankl

Theater in Wien

Radetzkymarsch

von Joseph Roth
Uraufführung/Premiere 16. Mai 2019

Regie: Elmar Goerden
Bühnenbild: Silvia Merlo, Ulf Stengl
Kostüme: Lydia Kirchleitner
Dramaturgie: Barbara Nowotny
Licht: Manfred Grohs

Besetzung: Florian Teichtmeister, Joseph Lorenz, Michael König, Andrea Jonasson, Pauline Knof, Peter Scholz, Alexandra Krismer, Alexander Absenger, Oliver Rosskopf, Ingrid Christina Winkler

Theater in der Josefstadt, Wien
  

Die Traumdeutung von Sigmund Freud

Eine Adaption des Theater-Duos Dead Centre
Uraufführung 16. Januar 2020

Regie: Bush Moukarzel, Ben Kidd
Bühnen und Kostüme: Nina Wetzel
Sounddesign und Musik: Kevin Gleeson
Dramaturgie: Andreas Karlaganis
Licht: Marcus Loran
Video: Sophie Lux

Besetzung: Alexandra Henkel, Philipp Hauß, Tim Werths, Johannes Zirner, Anouk Auer, Chiara Bauer-Mitterlehner, Mara Nathalie Brosteanu und Eine Träumerin

Akademietheater/Burgtheater, Wien
  

Der Kirschgarten

von Anton Tschechow
Premiere 5. Dezember 2019

Regie: Amélie Niermeyer
Bühnenbild: Stefanie Seitz
Kostüme: Annelies Vanlaere
Dramaturgie: Silke Ofner
Songs, Musikalische Komposition: Ian Fisher, Imre Lichtenberger Bozok
Licht: Emmerich Steigberger

Besetzung: Sona MacDonald, Gioia Osthoff, Silvia Meisterle, Götz Schulte, Raphael von Bargen, Nikolaus Barton, Robert Joseph Bartl, Alexander Absenger, Igor Karbus, Alma Hasun, Otto Schenk, Claudius von Stolzmann, sowie Ian Fisher (Live-Musiker)

Theater in der Josefstadt, Wien