Martin Wimmer wollte weg von zuhause, weg aus Berlin, dahin, wo es besser ist: nach New York. Er sieht Filme über Folkmusiker, besucht Konzerte, erlebt die Stimmung der Fans und ist selbst Stimmung. Es sind die alten Helden der angloamerikanischen Folkmusik, die er aufsucht und deren legendäre Songs in seinem Gedächtnis längst beheimatet sind. Hier findet sich sein Roadreport in die schöne alte Welt der musikalischen Legenden.

Eine Reise zu sehr, sehr alten Folkmusikern in New York City

Revival of the fittest

Greenwich Village, Lower East Side, Central Park, Broadway. Der Stadtplan New Yorks ist auch ein Lexikon der Musikgeschichte. Das American Folk Music Revival feierte seinen Höhepunkt Anfang der 60er, bis Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts die letzten Songwriter das Licht ausmachten. Das ist urgroßelternlange her. Die alten Folk-Country-Rock-Stars erleben aber gerade ihren dritten Frühling. Sind sie heute noch relevant? Oder doch nur abgehalfterte Karikaturen ihrer selbst? Eine musikreiche Woche in New York gibt Aufschluss. Mit u. a. Judy Collins (80), Dion (80), Bob Dylan (78), Tom Rush (78), Paul Simon (78), David Crosby (78), John Sebastian (75), Linda Ronstadt (73), Dolly Parton (73), Willie Nile (71) und Bruce Springsteen (70).

Wild Rose

15. November 2019. Eben bin ich in New York gelandet. Denn ich wollte wohin, wo es besser ist als zuhause, zumindest für einen Tag oder zwei Wochen. Im Flieger habe ich schon die ersten Musikfilme gesehen. Ich bin in Stimmung. Denn „Wild Rose“ (2019) ist endlich ein Film, der die Frage beantwortet, ob frau eine Fußfessel unter einem Cowboystiefel tragen kann. Nach 12 Monaten im Gefängnis kommt Rose-Lynn aus dem Gefängnis. Ihren Job im lokalen Country-Schuppen mit dem selbstironischen Titel „Glasgow‘s Grand Ole Opry“ ist sie erst mal los. Ihre Mutter besorgt ihr Arbeit als Putzfrau in einem Schloss. Unterlegt sind musicalartige Szenen wie Lasso werfen üben mit dem Staubsaugerkabel mit von Hauptdarstellerin Jessie Buckley selbst eingesungenen Klassikern wie „Angel From Montgomery“, „I‘m Movin’ On“ und „Honky Tonk Angels“. Denn Rose-Lynn hat einen Traum, und der heißt: Nashville. Als sie einmal doch die Bühne stürmt und „Outlaw State Of Mind“ anstimmt, versteht wirklich jeder Zuschauer, Opernfan oder Rapper, dass es für Freiheitsträume keine passendere Musik gibt als Country und dass diese Frau für Countrystiefel geboren wurde und nicht für elektronische Fußfesseln. Sogar ihre Kinder heißen Wynona und Lyle. Und zwischen ihnen und der Musik muss sie sich nun entscheiden. „Born to run“, singt sie, Harris, nicht Springsteen, während ihr Sohn, vernachlässigt und allein gelassen von der für den großen Auftritt probenden Mutter, sie anschreit: Ich hasse dich. Was tun? Gut, dass Mütter immer wissen, was am besten für ihre Kinder ist… Mit Ashley McBryde und Kacey Musgraves haben auch zwei der derzeit angesagtesten coolen Countrystars kurze Auftritte in dem rundum gelungenen Film. Das weitere Geschehen will ich hier nicht spoilern. Selten ist die sinnstiftende und gleichzeitig selbstzerstörerische Kraft von Musik so glaubwürdig gezeigt worden. Buckley spielt und singt mit einer Intensität, die „Wild Rose“ weit über die üblichen „A Star Is Born“-Dramaturgien hinaushebt. Dazu trägt vor allem die mutige Grundkonstellation bei, die den amerikanischen Traum in die schottische Provinz verlegt und damit den Weg nach oben noch viel weiter (über den großen Teich), den Fall zurück in die Sozialwohnung aber auch erträglicher macht. Drehbuchautorin und Regisseur ist zudem zu danken, dass sie uns übliche Klischees wie Drogenexzesse und Liebesverwicklungen ersparen, sowie keine starke Männerquotenrolle eingebaut haben. So wurde „Wild Rose“ ein richtig toller Film über eine ganz normale Frau mit Stärken und Schwächen aus der Unterschicht, emotional und politisch, und mit hervorragendem Soundtrack. Wenn das mit den alten Männern nichts wird die nächsten zwei Wochen, das ist also die Rückfalloption: Die jungen Frauen sind definitiv schon mal die Hoffnung.

Jessie Buckley singt Country Girl in „Wild Rose“

David Crosby: Remember My Name

David Crosby ist ein Arschloch. Man hätte es vielleicht auch schon Graham Nash nach einem Zitat geglaubt, aber nach 90 Minuten der Dokumentation „David Crosby: Remember My Name“ von (2019) ist man sich wirklich sicher. Der Film räumt seinem Helden allerdings genug Zeit ein, um das zumindest einzusehen und glaubwürdig zu bedauern. Diese innere Zerrissenheit trägt den Film durch den etwas mauen Start über die wilden Jahre mit den Byrds, mit Crosby, Stills, Nash & Young (über „Ohio“ fällt der schöne ironische Satz: „the best job of being troubadours or town criers that we ever did“), als Solokünstler, den Totalabsturz in die Drogen, die Zeit im Gefängnis bis zu den Reflexionen des heute 78-jährigen über sein Leben. Am wärmsten wird man mit Crosby, wenn er sich an seine Liebe zu Joni Mitchell erinnert. Am schwächsten aber ist der Soundtrack, und das ist für einen Musikfilm nun wirklich das K.O.-Kriterium. Auf Dauer ist das dann doch sehr eintöniges und dazu arg aus der Zeit gefallenes Gegniedel. Der Film, wie auch die Musik Crosbys, führen irgendwo hin. Ich befürchte, der Name wird doch vergessen werden.

Tom Rush

Tom Rush, Ende 2019 in New York. Foto: Martin Wimmer
Tom Rush. Foto: Martin Wimmer

Das Taxi brachte mich ins Hotel, mit der Subway fahre ich rüber in das Rubin Museum of Art nach Chelsea, ein Tempel für Kunst, die mit dem Himalaya zu tun hat. 1962 hat Tom Rush sein erstes Album aufgenommen, mir ist aus den 57 Jahren seither nichts bekannt, das den Auftrittsort erklären würde und die nächsten 90 Minuten mit dem legendären Folkie aus dem Greenwich Village werden das Rätsel auch nicht lösen. Andererseits sprechen wir von einem Mann, der Songs von Guy Clark (Desperados Waiting For A Train), Jackson Browne (These Days) und Joni Mitchell (The Circle Game) noch vor diesen selbst aufgenommen hat. Ziemliches Trüffelschwein. Vermutlich sollte man jetzt in buddhistische Kunst investieren. Ich hatte ja Sorgen, dass das eine traurige Mitleid-mit-einem-78-Jahre-alten-Tattergreis-Show wird, aber es war absolut grandios. Das Ganze fand wirklich rein akustisch, also ohne Mikrofon und Lautsprecher etc., in einem kleinen Raum mit perfekter Akustik statt. Rush, ein immer noch begnadeter Gitarrist, war höchst präsent, erzählte selbstironische Geschichten und spielte vor allem neuere Songs, u. a. von seinem späten Meisterwerk „What I Know“ und dem nur wenig schwächeren aktuellen Album „Voices“. Dazu Coverversionen von alten Bluessongs, Bukka White, Sleepy John Estes, von Lyle Lovett und Joni Mitchell. Deren „Urge For Going“ diente als Leitmotiv für den höchst gelungenen Abend, der in Erinnerung rief, dass es im Folk einst darum ging: auszubrechen, aufzubrechen. Verkrustete Strukturen, in die große weite Welt. Woanders hin, in eine bessere Zukunft. Irgendwas mit nackt sein und Gras.

Beans on Toast

Beans on Toast (Jay McAllister). Foto: Martin Wimmer
Beans on Toast (Jay McAllister)

Schon am nächsten Tag geht es weiter. Schnell noch mal den TV einschalten wegen des Wetters, und was läuft: Ethan Hawke’s „Blaze“, das starke Biopic über den Townes Van Zandt Kumpel Blaze Foley, im Film herausragend gespielt von Charlie Sexton und Ben Dickey. Ein gutes Omen.
„Beans On Toast“ ist der Bühnenname des englischen Songwriters Jay McAllister aus Essex. Gleich von Anfang an bemüht er sich in der New Yorker Rockwood Music Hall, die Kulturbarriere einzureißen: „Fuck You Nashville“. Songs, die Jimmy Buffett, Kris Kristofferson und John Prine erwähnen, können ja nicht schlecht sein. Es geht munter weiter mit Trump-Bashing, Brexit-Wut, Klimawandel-Anklage, eine Absage an Facebook-Werbung und das brandneue „On And On“ vom neuen Album (seit zehn Jahren veröffentlicht der Folkie an jedem 1.12. eine neue Songsammlung zu seinen Lieblingsthemen „Politik, Drogen und Liebe“) fasst dann alle Themen nochmal Fridays-for-Future-tauglich zusammen. Alle singen mit. Ein sehr sympathischer Kumpel, der da barfuß mit einer Blume an der Kappe vor dem Mikro steht. „A Whole Lot Of Loving“ entsteht da im Raum. Folk für Väter, Zeitungsleser und Demoteilnehmer. Zukunftstauglich.

Jeffrey Martin

Jeffrey Martin. Foto: Martin Wimmer
Jeffrey Martin. Foto: Martin Wimmer

Jeffrey Martins „Sad Blue Eyes“ gehört zu den Liedern, die einen mit ihrem traurigen Timbre sofort packen und nicht mehr loslassen. Doch jetzt steht der Sänger auf einer Bühne in der Lower East Side vor dir und es geht eine Ton-Bild-Schere auf. Du hörst Leonard Cohen und siehst einen jungen Rübezahl. Die Stimme und die gezupften Basssaiten vertragen sich wirklich hervorragend mit den intensiven Stimmungen der Lieder, „I’m a grower of trees, can you wait for me“, solche Zeilen sind schon umwerfend, und seine Version von Dylans „Buckets Of Rain“ geht auch als beseelt durch, aber diese ungelenke Figur und die angestrengte Mimik wollen so gar nicht dazu passen. Der Schluss ging bisschen unter, der Jetlag, und das two drink minimum summieren sich ganz schön auf bei zwei Konzerten an einem Abend, und dann war da auch noch das Länderspiel gegen Weißrussland im bayrischen Wirtshaus „Zum Schneider“ im East Village, da gab es auch schon eine Art moralische Verpflichtung zu zwei Schneider-Weißen, ein harter Tag, das Leben kann einen manchmal ganz schön durchspülen.

Am urbanen Lagerfeuer

„Das ‚Stadtlagerfeuer“ ist ein partizipatives Konzerterlebnis, in dem die Grenzen zwischen Künstler und Publikum aufgehoben werden.“ Das fand ich doch mal einen spannenden Ansatz: Legendäre Singer-Songwriter gehen beim „Urban Campfire Guitar Mash“ auf die Bühne, spielen ihre Hits und allseits bekannte Klassiker, und das Publikum – hört nicht einfach nur zu, sondern singt und spielt mit. Nur 200 Gäste passen unter diesen Bedingungen ins Le Poisson Rouge im New Yorker Greenwich Village, ungefähr Ecke Bleecker / McDougal Street, da klingen einem Folkie schon vom Hingooglemappen die Ohren. Denn zwei Drittel haben ihr Instrument dabei, und das ist nun mal raumgreifend. Bevor es losgeht werden Capos verteilt. Wer vergisst sein Capo, wenn er zu seiner Show geht? Leichte Zweifel an der Professionalität der 150 Gitarristen schleichen sich in meinem Optimismus. Dann wird gestimmt. High E, A, D und schon geht‘s los. „For What It‘s Worth“. Der Beamer wirft Noten und Songtext an die Leinwand, wie ein stotternder Teleprompter ruckelt er nach unten durch, alle stimmen ein, die Arme gehen im Rhythmus der 60er auf und ab. „It's s time we stop, hey, what's that sound / Everybody look what's going down.“ Und nahtlos geht‘s weiter, David Bowie, „Space Oddity“. Die Hausband mit Drums, Bass und Keys liefert ein stabiles Gerüst. Conferencier Mark Stewart heizt ein, come on, come on! Manche suchen noch nach dem richtigen Bund, andere sind schon beim Solo. Der erste Gast wird auf die Bühne geholt. Tash Neal von The London Souls hat sich für „Hey Jude“ entschieden. Schon praktisch, dass im Vorfeld eine Playlist mit allen Songs auf Spotify zusammengestellt wurde. Einer zückt eine Geige, Ukulelen und Mandolinen werden auch geduldet.

„Urban Campfire Guitar Mash“ Foto: Martin Wimmer

Wirklich alle sind da, Teenager, HipsterInnen mit Beanie, mittelalte Holzfällerhemden mit Truckercap, weißhaarige Greisinnen, Schwarze, Weiße. So divers wie das immersive Publikum sind die gespielten Töne. Ein Heidenspaß. „Got my mojo working“. Wer jetzt nicht schrammelt oder grölt, der klatscht und stampft und schüttelt sich. Ein älterer Mann, Glatze, aber Koteletten bis zum Kinn, packt die Mundharmonika aus. Versunken bläst er immer noch, als das Stück längst vorbei ist. Abbie Gardner (bekannt von der Folkgruppe Red Molly) kommt mit Dobro auf die Bühne und schwelgt in Lucinda Williams‘ „Can‘t Let Go“. Und plötzlich ist man ungeachtet des ganzen Brimboriums auf einem richtig guten Konzert. „Dixie Chicken“ von Little Feat, groovt. Angekündigt wird Sammy Brue. Ein Nerd mit Brille hampelt auf die Bühne. Den kenn ich doch! Daniel Küblböck ist also doch nicht im Meer ertrunken. Und singt immer noch komische Sachen. „No Rain“ (Blind Melon). „Send Me On My Way“ (Rusted Root). Sagen mir beide nichts. Aber egal, jetzt ist erst mal eine halbe Stunde Pause, Sponsoren wird gedankt, Gitarren werden verlost. Auf die Bühne kommen 15 Jugendliche, Teilnehmer aus dem Förderprogramm der Initiative, die das alles veranstaltet. Zusammen mit uns jammen sie ein Medley aus „Mercy Mercy Me“ und „Big Yellow Taxi“ von Marvin Gaye bzw. Joni Mitchell. Wobei man bei der Gelegenheit feststellen kann, wie genial prophetisch Joni war:

„No no no / Don't it always seem to go / That you don't know what you've got / Til it‘s gone / They paved paradise / And put up a parking lot / Hey farmer farmer / Put away the pesticides / I don’t care about spots on my apples / Leave me the birds and the bees / Please!“

Jetzt mal ehrlich, wenn das nicht noch als die Hymne von Fridays for Future zur Geltung kommt. Weiter geht‘s mit Amythyst Kiah (derzeit mit Rhiannon Giddens in der Folk-Supergruppe Our Native Daughters unterwegs). „Closer To Fine“, im Original von den Indigo Girls, wird der erste wirklich große Gänsehaut-Moment dieses Nachmittags. Sie wechselt zum Banjo. „Set Fire To The Rain“ von Adele. Intense, funky country steht über den Noten. Und so klingt es dann auch. Jetzt aber wird es Zeit für die beiden Headliner. Wobei die eigentlichen Stars natürlich die Gitarren im Saal sind, und der Mut, nach Herzenslust darauf rumzuklampfen. John Sebastian ist leicht ramponiert. Aber als einer der Protagonisten des Folkrevivals damals war er nun mal auch in Woodstock schon dabei, bei der Lebensspanne ist es ok, wenn die Stimme jetzt nicht mehr den Umfang hat. Er erzählt erst mal Geschichten über Johnny Cash. „I Walk The Line“. Dann aber: „Do You Believe In Magic?“ Wer würde das nicht nach den folgenden fünf Minuten. Musik ist der große Zauberer. Er lässt Schmerzen vergessen, die Vergangenheit, Angst vor der Zukunft, Ungleichheit, Hass, Kälte und verstimmte Gitarren. Hier sind grad alle jetzt und glücklich und in Wärme vereint. „How the music can free you, whenever it starts.“ Jetzt kommt auch noch Dion dazu, immer noch taufrisch, mit der unverwechselbaren Kangol-Mütze. „Honky Tonk Blues“. „Shotgun Boogie“. Hey, das stand nicht im Programm, der Teleprompter sucht und sucht, was jetzt, egal, Ex-Junkies, Vietnam, da bricht eben auch mal unorthodoxer Wahnsinn durch. Und dann singt Dion sein Lied, nimm das, Status Quo, „The Wanderer“, kein 50ies Oldie, sondern ein Plädoyer für wildes, freies Leben voller Liebe. Einige legen die Gitarre weg und tanzen. Ach ist das schön hier.

Das große Finale steht an. Es wird eng. Alle Beteiligten finden sich noch mal auf der Bühne ein, aber wo ist heute eigentlich schon die Bühne. Wir sind alle auf der Bühne. „You Never Can Tell“. „Johnny B. Goode“. Zweieinhalb Stunden, wie das Leben sein soll, Folk, Blues, Country, Rock’n’Roll, Gitarren, Singen, Tanzen, jetzt ist alles vorbei. Grandiose Idee. Muss unbedingt nach Deutschland. Wer fängt an?

YouTube-Video mit Impressionen vom Urban Campfire

Linda Ronstadt

Es regnet am Times Square. Da lockt das Kino: Linda Ronstadt, The Sound Of My Voice (2019). Nimmt man doch gern mit, wenn‘s schon läuft. Linda Ronstadt? War die erfolgreichste Sängerin der USA in den 70ern, 10 Grammys, sie war die erste Frau, die zwei Singles in den Top 5 hatte, ihr Album „Simple Dreams“ verkaufte damals mehr Exemplare als je das einer anderen Frau zuvor, ihr Album „Living In The USA“ war das erste Album überhaupt (Mann, Frau, oder Band, Beatles oder Elvis oder Sinatra), das Doppelplatinum erreichte, sie war die erste Frau, die eine Tour durch die großen Stadion füllte und-und-und, ein absoluter Superstar. Warum ihr das gelang, zeigt eindrucksvoll diese Doku. Das Offensichtliche zuerst: Kein Foto, kein Video, das sie nicht rehaugenbildhüsch und sexy inszeniert. Mit viel nackter brauner Haut und klar akzentuierten spitzen Brüsten. Nach all den eher ätherischen Hippie-Schönheiten der Folkszene (Baez, Collins, Mitchell) verkörperte Ronstadt in ultrakurzen Shorts und einer glänzenden Polyester-Trainingsjacke auf Roller Skates einen modernen, selbstbewussten Frauentyp. Aus heutiger Sicht war sie Queer, wie auch die beiden Regisseure, Oskar-Preisträger Rob Epstein & Jeffery Friedman („Wer war Harvey Milk?“) betonen. Dann beginnt dieser Engel zu singen und du hörst eine der kraftvollsten Stimmen der Rockgeschichte. Sogar die pixeligen alten Liveaufnahmen im Film geben hervorragend wieder, wie diese Stimme ganze Stadien füllt. Ronstadt bringt das Kunststück fertig, sogar die Balladen zu rocken. Langjährige Partnerinnen wie Emmylou Harris, Dolly Parton, Karla Bonoff und Bonnie Raitt werden im Film daher auch nicht müde zu betonen, wie variabel und eindrucksvoll ihr Gesang ist. Die Band schwitzt, das Publikum rastet aus, aber völlig ohne ausladende Bühnentheatralik beherrscht Ronstadt die Szenerie vollständig allein mit ihrer Stimme.

Filmtrailer „Linda Ronstadt, The Sound Of My Voice“

Umso überraschender ist ihr Erfolg, als sie nicht zu den damals angesagten Singer-Songwritern gehörte. Ronstadt schrieb keine eigenen Songs, sie verstand sich als Interpretin, die oft auch schon ältere Stücke aus beliebigen Quellen in einen zeitgemäßen Sound packte und mit neuem Ausdruck versah. Von „It‘s So Easy“ und „Blue Bayou“ über „You‘re No Good“ und „Willin’“ bis „Tumbling Dice“ und „Poor Poor Pitiful Me“. Zu sagen hätte die überzeugte Feministin und LGBTQ-Aktivistin jedenfalls sicher genug gehabt, die Interviews lassen keinen Zweifel an ihrer klaren politischen Überzeugung, die sie u. a. mit Jackson Browne auf Anti-Atomkraft-Konzerten auslebte. Wer war das also überhaupt, diese Frau mit dem deutschen Namen von der mexikanischen Grenze? Deren Begleitband die Keimzelle der Eagles war? Die Frau, die mit dem kalifornischen Gouverneur Jerry Brown und Regisseur George Lucas liiert war? Die auf dem Höhepunkt ihrer Country-Rock Karriere ein operettenhaftes Musical am Broadway sang, ein Erfolgs-Album mit Sinatra-Arrangeur Nelson Riddle aufnahm, mit einem Jazzalbum auf Verve auf Patz der Charts vorrückte, zusammen mit Parton und Harris im Trio eine der erfolgreichsten Countrypop-Platten aller Zeiten hinlegte, und mit traditionellen mexikanischen Weisen zum Superstar der Latinszene mutierte? Wenn Dylan wandlungsfähig war, dann war Ronstadt ein Chamäleon. Sehenswerter Film. Fünf Sterne.

Hadestown

Der Schwarzmarkt wäre meine einzige Chance, das Kultmusical „Hamilton“ zu sehen. Doch Preise ab 300 Dollar aufwärts, Tickets um die 1.000 Dollar keine Seltenheit, mache ich dann doch nicht mit. Ich bleibe in der Unterwelt und gehe in „Hadestown“. Das Folk-Musical von Songwriterin Anais Mitchell (38) über den Mythos von Orpheus und Eurydike ist dieses Jahr Publikums- und Kritikerliebling. Clou sind die von einer guten Band live gespielten Songs mit authentischem New Orleans Flair. Die auf dem Originalalbum von Stars wie Greg Brown, Justin Vernon (Bon Iver) und Ani DiFranco eingesungenen Partien entfalten auch in der Broadway-Adaption ihre Wirkung. Auch wenn die traurige Geschichte am Times Square halt eher nach den Parfums der 5th Avenue schmeckt als nach dem Schweiß des Blues. Dennoch: Acht Tony Awards und eben für den Grammy nominiert – zu Recht. Und ein weiterer Haken für die These, dass wir uns um die Zukunft der Musik keine Sorgen machen müssen, solange junge Frauen am Ruder sind.

Willie Nile

Willie Nile auf der Bühne. Foto: Martin Wimmer
Willie Nile. Foto: Martin Wimmer

In Abenteuerfilmen gibt es manchmal diese antiken Artefakte, setzt man sie korrekt zusammen, geht eine geheime Tür auf oder ein Monster erwacht. Irgendjemand hat in den 80ern je einen Teil Lou Reed, Bruce Springsteen und Bob Dylan ineinandergeschoben, eine dieser Kellerluken auf einem dreckigen Boulevard ging auf und Willie Nile grinste in eine Samstagnacht. „Monday, Tuesday, Wednesday, Thursday, Friday, Saturday, Sunday“, um genau zu sein, wie es im Eddy Grant / The Clash Klassiker „Police On My Back“ heißt, den er als zweite Zugabe mit einer Lebensfreude durch den Raum jagt, dass selbst die Whiskeyflaschen in der Bar mittanzen. Zuvor jeder Song ein Juwel. Dazu Geschichten über Lennon, Harrison, Cash, die Pogues, Patti Smith und Jeff Buckley erzählt. Mit „Tiorunda Surprise“ einer kaputten Vorstadtschönheit in einer Pianoballade ein Denkmal gesetzt. Allein diese Haartolle und die schwarze Rockerjacke mit Charlie Chaplin hinten drauf. Schon ein geiler Typ. Krümmt sich vor jedem Start vor Schmerzen, beim Versuch, seinen Capo zu befestigen. Eine Verletzung am Handgelenk. Steve Conte (von den „New York Dolls“) an der E-Gitarre, und der hat wirklich schon einiges gesehen, hilft anerkennend kopfschüttelnd aus. Egal, the show must go on. Ständig wuselt Nile über die Bühne und sucht seine Gitarre. Wie kann man die verlegen auf zehn Quadratmetern? Mehrfach? Kannste nicht erfinden. Ein echtes Original. Glaubwürdig, hart, liebenswert. Zum zwanzigjährigen Jubiläum seines Albums „Beautiful Wreck Of The World“ gönnte sich der auch schon 71-jährige eine laute Show in der sagenumwobenen Mercury Lounge und wummte uns alle weg. My life was saved by Rock‘n‘Roll.

Village Voice

Die Village Voice war mal das Hausblatt der Linken in NYC. Das Stadtmagazin förderte ein halbes Jahrhundert lang die beste Musik, die irrsten Kunsttrends, und, wie die fünf Gäste auf dem Podium betonen, die talentiertesten Autoren. Im Museum Of The City Of New York sitzen nachmittags vier ehemalige Redakteure auf der Bühne und schauen aus der gediegenen Upper East Side zurück. Der Schwarze. Der Schwule. Die Feministin. Nostalgische Anekdoten mit einem klaren Tenor: Die Stimme der Diversität ist verstummt, weil es die Linke in dem Ausmaß nicht mehr gibt. Traurig, aber wohl wahr. Jenseits des Central Parks bekomme ich im Barnes & Noble im Zeitschrifteneck das American Songwriter Magazine, die Texas Music und die Southern Music Issue des Oxford American. So schlecht ist die Welt ja doch nicht.

Live From Here mit Chris Thile, Paul Simon, Anais Mitchell und Vagabon

„Live From Here“, Chris Thile‘s 2,5h-Show aus der Town Hall wird live in rund 600 Radiostationen übertragen. Da muss jede Ansage, jeder Ton, jeder Übergang sitzen. Mit welcher Leichtigkeit der Bluegrass-Superstar (Nickel Creek, Punch Brothers) diese wöchentliche Aufgabe meistert, ist schon beeindruckend. Schlaksig tanzt er um das Mikro, seine Mandoline immer im Anschlag, um selbst der scheinbar nebensächlichsten Bemerkung noch ein Flageolett mitzugeben. Ein Derwisch. Anais Mitchell singt einen wunderschönen neuen Song, „Morning Glory“, und verlässt auf dem Höhepunkt ihres Hadestown-Erfolges schwelgend die Bühne gleich gar nicht mehr. Eine Schauspielerin liest ein Gedicht. Die farbige Sängerin Vagabon liefert mit ihrer Band völlig unbeeindruckt von dem gediegenen Mittelstandspublikum einen megacoolen leicht Elektro-infizierten Sound ab, Anspieltipp „Every Woman“. Zwei Comedians bringen den Saal fast ohne Zoten fast zum Lachen. Dann kommt endlich der Star des Abends. Paul Simon. Sein „Questions For The Angels“ wird zum Höhepunkt des Aufenthalts. Messerscharfe Beobachtungen über New York, in selbstreflexive Traurigkeit übersetzt, veredelt von Thile und Mitchell und der Hausband mit Gitarre, Bass, Drums, Fiddle und Keys. Ebenfalls meisterhaft: „American Tune“. Und als Crowdpleaser dann noch „Kodachrome“. Lieder, die auch heute über den erbärmlichen Zustand der Welt geschrieben hätten werden können. Stehende Ovationen.

„Live From Here”-Show mit Chris Thile, Paul Simon, Anais Mitchell und Vagabon

„Live From Here”-Show mit Chris Thile, Paul Simon, Anais Mitchell und Vagabon
Foto: Martin Wimmer

Die komplette „Live From Here“-Show gibt es hier zum Nachhören.

Dolly Parton

Dolly Parton-Special auf NBC. Foto: Martin Wimmer
Dolly Parton-Special auf NBC

Dolly Parton feiert 50 Jahre Grand Ole Opry. In einem seelenlosen 2h-Special auf NBC werden alte Fotos, Interviewsequenzen, Livesongs von Parton und Auftritte von Gaststars aneinandergeschnitten. Klar wird immerhin, dass wir es mit einer sehr selbstbewussten und erfolgreichen Frau zu tun haben. Herausgearbeitet wird auch die Songwriterin Parton, aus deren Feder mit „9 To 5“, „Jolene“, „Coat Of Many Colors“ und natürlich „I Will Always Love You“ (Whitney Houston) zahlreiche Klassiker flossen. Lady Antebellum geben ohne Chemie zwischen sich eine 1:1 Imitation von „Islands In The Stream“. Auch Toby Keith langweilt. Erst Dierks Bentley bringt mit „Old Flames (Can‘t Hold A Candle To You)“ richtig Authentizität rein, bis Hank Williams Jr. mit einem Medley aus „Move It On Over / Mind Your Own Business“ sogar richtig die Bude rockt. In Summe komplett verzichtbare Fernsehmomente. Und die neue Netflix-Serie, die ihre Songs verfilmt, bietet auch eher Rosamunde-Pilcher-Ästhetik.

Judy Collins, Jonas Fjeld und Chatham County Line

Konzertplakat Judy Collins in New York. Foto: Martin Wimmer
Konzertplakat Judy Collins, New York

Jetzt wird es kuschlig. Holzscheite knistern im offenen Kamin, von dem warmes orangenes Licht auf dein Gesicht flackert. Draußen schneit es in tiefer Stille schwere, handtellergroße, vanillige Flocken. Goldener Tee und dicke rote Wolldecken. Das ist so ungefähr die wohlige Stimmung, in die der Auftritt von 70ies-Ikone Judy Collins ihre Fans in Joe‘s Pub bereits mit dem ersten Lied versetzt. „Winter Songs“, heißt das Motto heute. Dafür hat sie sich als Verstärkung den norwegischen Folkie Jonas Fjeld (bekannt von seinem Trio mit Rick Danko und Eric Andersen) und die Bluegrass-Stars Chatham County Line als Begleitband geholt, die bereits drei Alben gemeinsam aufgenommen haben. Zusammen spielen sie Lieder vom gleichnamigen neuen vierten Album, auf dem Collins die meisten Vocals singt, u. a. ein irisch angehauchtes „Northwest Passage“ und ein ergreifendes „Frozen North“. Die Winterreise schließt auch altbekannte Lieder ein, denen die 80-jährige mit ihrem immer noch beeindruckenden Timbre neue Facetten abgewinnen kann. Obwohl tausend Mal gehört, klingen „City Of New Orleans“ (Steve Goodman) und „Highwayman“ (Jimmy Webb) im jazzigen Arrangement von CCL wieder wie die Bestandsaufnahmen aktueller Befindlichkeiten der USA, die sie einmal waren. Highlights sind aber zwei Songs von Joni Mitchell, die das Publikum zu Begeisterungsstürmen treiben: „River“ und zunehmend mit Tränen in den Augen dann „Both Sides Now“. Bei ihrem selbstgeschriebenen „The Blizzard“ überrascht sie als sichere Pianistin, bis, es ist ja der Abend vor Thanksgiving, zu „Amazing Grace“ alle mitsingen. Ein bezauberndes Konzert.

Bob Dylan

Eigentlich logisch. Bob Dylan spielt im Beacon Theatre am Broadway natürlich ein Musical. Erleben Sie Songs in der Art von Bob Dylan in: Ein Bob Dylan spielt die Songs von Bob Dylan. Vor den Musikern stehen drei weiße Büsten auf der Bühne des auf antik gemachten Theaters. Hinter ihnen stehen drei Schaufensterpuppen. Zwei weibliche im Abendkleid und eine männliche im Smoking. Die Lichtstimmung ist gedämpft, der Hintergrund wird ab und an mit dezenten Farbmustern angestrahlt. Die Band hat sich ganz nach dort hinten verzogen. Zur Rampe sind gut drei Meter Leere. Links hinten sitzt Drummer Matt Chamberlain, schräg vor ihm am Bühnenrand steht Charlie Sexton, gegenüber Bassist Tony Garnier, neben dem der zweite Gitarrist Bob Britt. Rechts hinten hat Donnie Herron seine Steel Guitar und seine Violine bereitgestellt. Dylan sitzt direkt vor ihm am quer gestellten Piano, ab und an steht er auf und tänzelt zu zwei Mikrofonständern in der Mitte der Bühne, zwei Schritte vor Sexton, zum Singen und wenn er Gitarre spielt, oder gesellt sich gleich ganz zu ihm und Garnier, meist wenn er mit der Mundharmonika unterwegs ist. Er trägt schwarzes Hemd, weißes Jacket, schwarze Hose mit weißem Streifen und weiße Schuhe, die Band unscheinbare helle Anzüge, an den Saiteninstrumentlern glitzern kunstvolle Gurte. Dylan steht vornübergebeugt, dirigiert mit den Armen, gibt mit kleinen Handbewegungen den Takt an, immer wieder deutet er mit den Füßen ein Tanzen an. Sein Blick geht in ein Nirgendwo, vom Publikum ahnt er lange nichts. Soweit zu Handlung und Ausstattung des Musicals.

„Ein Bob Dylan spielt die Songs von Bob Dylan“ Foto: Martin Wimmer

Gegeben wird ein sensationelles Rockkonzert, die Band spielt einen mauerdichten Groove, keine Spur von Folk und Sinatra und Cash und Weihnachten. Da vorne liest kein Nobelpreisträger, wenn schon Assoziation, dann nähern wir uns heute von Seiten ZZ Top, boogielastiger Countryrock mit klarem Verständnis von swingendem Rockabilly heißt die Devise. Mit „It Ain’t Me Babe“, „Highway 61“ und „Simple Twist Of Fate“ geht es gleich am Anfang mitten ans Herz der Fans. Heftigsten Zwischenapplaus erntet „Make You Feel My Love“, auch das dunkle, bluesige „Not Dark Yet“ ist grandios. Beste Nummer wird ein leidenschaftliches „When I Paint My Masterpiece“. Wenn überhaupt irgendwas nicht auf 120 % Höchstform läuft, dann das in letzter Zeit so viel gerühmte „Girl From The North Country“, das sich etwas verläppert. Ganz groß auch „Lenny Bruce“, dessen Wahl einige im Publikum hörbar positiv überrascht. Offensichtlich haben nicht alle vorher die Setlist studiert, denn Dylan spielt seit zwei Wochen genau dieselben Songs, in genau derselben Reihenfolge. Aber vielleicht ja jedes Mal in einer völlig anderen Version? Möglich wäre es als weiterer Schachzug des Meisters, gelöst wird das Rätsel dann mit Bootleg Series Vol. 71, alle zehn Shows im Beacon komplett. Zu „Gotta Serve Somebody“ springt die erste Reihe auf und tanzt, und bei der ersten Zugabe singen alle mit: „Something’s happening / and I don’t know what it is / do you, Mr Jones?“ Eigentlich kann man aber keinen Song rauspicken, alles läuft in einem rollenden Zug auf Vollgas durch. Emotional einfach ein geiles Konzert. Intellektuell bleibt wie üblich auch diesmal die Frage: War das überhaupt Dylan? Waren das überhaupt seine Songs? Waren das seine Texte? War es überhaupt sein Publikum? Oder sind wir nur Dylanpublikumsdarsteller, gleichgültig, verwirrt, bewundernd, hingebungsvoll? Egal. Wenn Broadway, dann Dylan!

Yesterday

Der Urlaub endet, wie er begann, mit Musikfilmen im Flieger. ‚Yesterday’ (2019) ist ein leider misslungener Versuch von Regisseur Danny Boyle, den Songs der Beatles ein filmisches Vermächtnis zu setzen. Hier ging fast alles schief. Schon die Grundidee – ein erfolgloser Sänger wacht nach einem Unfall als einziger Mensch auf, der noch die Beatles kennt und wird mit ihren Songs zum Star – ist völlig Banane, sie wird nicht konsequent durchgespielt. Und am Ende wird sie nicht mal aufgelöst. Szenen mit einem gealterten John Lennon und Anspielungen wie auf das legendäre Rooftop Concert wirken verloren. Der vielleicht größte Fehler war, Superstar Ed Sheeran mit einer albernen Rolle einzubauen (vor allem für Sheeran, dessen Auftritt weniger als Selbstironie wirkt denn als Meuchelmord durch den Drehbuchautor). Gut gelungen waren dagegen die Songs der Fab Four. Kann man auch heute noch wunderbar hören.

Blinded By The Light

Von der lebensverändernden Sprengkraft der Musik erzählt „Blinded By The Light“ (2019). Javed lebt in einer Kleinstadt im Norden Londons. Als Sohn pakistanischer Einwohner ist er vielen Kränkungen ausgesetzt: den traditionellen religiösen Ansprüchen des übermächtigen Vaters, der Ungerechtigkeit, dem Rassismus und der Armut, als der den Fabrikjob verliert. Er ist ein Niemand mit einem unentdeckten Talent: Schreiben. Während im Schulradio – es ist 1987 – die Pet Shop Boys der letzte Schrei sind und alle „Lessons in Love“ nehmen, drückt ein neuer Freund Javed zwei Cassetten in die Hand: The Boss! Regisseurin Gurinder Chadha gelingt das Kunststück, die bunten New Wave Klamotten und auftoupierten Frisuren der anderen Schüler nicht zu verraten. Auch sie kommen als das zur Geltung, was sie sind: Abgrenzungscodes gegenüber den Spießereltern und Aufbruchsignale in eine lebendigere, weniger trostlose Zukunft. Alle suchen nach einem Ausweg. Verloren sind nur die Neonazis, die den Pakistanis in den Briefkastenschlitz pissen. Doch einzig Javed wird ein Erweckungserlebnis zuteil, das Chadha genial in Szene setzt: „Sometimes I feel so weak I just want to explode“. Bruce Springsteen singt, und Hauptdarsteller Viveik Kalra wird während „The Promised Land“ vom Loser zu einem Mann mit einer Mission. „Mister I ain't a boy, no, I'm a man / And I believe in a promised land.“ Ein herausragender Film über Vater-Sohn-Beziehungen, erste Liebe, Freundschaft aus der Schulzeit, Beruf und Berufung. Baby, we were born to run.

So ist das Leben. Du wolltest aus Berlin los nach New York. Stattdessen startest du in Schottland, machst Abstecher über Nashville und endest in London. Du recherchierst Fakten für eine politische Topografie der Musikgeschichte, aber während der Lieder überschwemmen dich Erinnerungen aus deiner Vergangenheit und aktuelle Gefühle. So schön, erfolgreich und einflussreich die Musiker einst mal waren, heute wirken sie klein hinter ihren Songs, den wahren unsterblichen Helden dieser Geschichte. Ob In-Ear-Kopfhörer oder Line Array, der Sound schottet dich ab von der Welt, eine Gitarre, eine Stimme, eine Geschichte, drei Minuten, und du bist ganz bei dir. Du spürst den Rhythmus des Bluts in deinem Herz, es rockt.

New York, New York … Foto: Martin Wimmer

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erstellt am 21.2.2020
aktualisiert am 02.3.2020

Martin Wimmer in New York Foto: Martin Wimmer