Literatur, Politik und Verbrechen stehen in komplizierten Beziehungen zueinander. Anhand einer Familiengeschichte, deren Ziel es ist, die Vorgänge während eines faschistischen Schriftstellerkongresses kurz vor Kriegsende aufzuklären, erzählt Patricio Pron in seinem Roman „Vergieß deine Tränen für keinen, der in diesen Straßen lebt“, wie die Grenzen zwischen Recht und Unrecht, von Schuld und Unschuld trügen. Gudrun Braunsperger empfiehlt das anspruchsvolle Buch.

Buchkritik

Erzähler und Diagnostiker unserer Zeit

Patricio Pron (Screenshot)
Patricio Pron

Hat man schon einmal von einer italienischen Schriftstellerin österreichischen Ursprungs namens „Rosa Rosà“ gehört? In Patricio Prons Roman „Vergieß deine Tränen für keinen, der in diesen Straßen lebt“ reist sie kurz vor Kriegsende 1945 ins norditalienische Pinerolo zu einem faschistischen Schriftstellerkongress. Rosa Rosà ist eine historische Persönlichkeit, der Kongress jedoch hat nie stattgefunden. Rosa Rosà ist nur ein Name unter vielen in einem dicht komponierten Tableau, das den Eindruck erweckt, die totalitären Verwerfungen in der italienischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu dokumentieren. Dabei lässt Pron Fiktion und Realität in einer Weise ineinander übergehen, dass der mit italienischer Literaturgeschichte nicht allzu vertraute deutschsprachige Leser erst einmal Mühe hat, sich in diesem Labyrinth von Namen und Schauplätzen zurecht zu finden. Kämpft man sich durch die stilistisch herausfordernde Lektüre hindurch – der Autor setzt in seinen an Parenthesen reichen Satzkonstruktionen kaum einmal einen Punkt –, so begreift man bald, dass es sich hierbei nicht nur um einen ziemlich anspruchsvollen Beitrag zur zeitgenössischen Literatur handelt, sondern dass sich dieses Buch auch um die Aufarbeitung der Zeithistorie verdient macht. Obwohl es in Italien spielt, reicht die Thematik weit über die Geschichte der italienischen Politik und Literatur hinaus, indem nämlich ein Schriftsteller eine zentrale Frage stellt: „Wir haben die Literatur in Politik verwandelt und danach die Politik in Verbrechen“, heißt es da. „Man muss retten, was zu retten ist, unsere Ideen vor ihrer Verwandlung in Terror.“ Die Rettung erfolgt nicht oder kommt vielmehr zu spät. Derjenige, der den zitierten Satz äußert, findet kurze Zeit später unter ungeklärten Umständen den Tod. Es handelt sich dabei um Luca Borrello, einen faschistischen Schriftsteller, der gemeinsam mit fünf anderen Protagonisten dieses Buchs als Student in Umbrien eine futuristische Sektion begründet hat, die ihrer Struktur nach einer politischen Partei ähnlich ist.

Borrellos Einsicht, für die er mit dem Leben bezahlt zu haben scheint, wird zum Leitmotiv des Romans, sie taucht in der Folge mehrfach variiert in neuem historischen Zusammenhang auf. Denn das Buch „Vergieß deine Tränen für keinen, der in diesen Straßen lebt“ umfasst die Erfahrungen dreier Generationen. Einander vorgestellt und nähergebracht werden sie durch das Schicksal des vermutlich ermordeten Borrello.

Nachdem sich Pietro oder Peter Linden, ein Aktivist im Umfeld der brigate rosse, an der Ermordung eines alten Professors mitschuldig gemacht hat, stößt er bei Recherchen nach dessen letzter Lektüre auf den Namen eines faschistischen Autors und identifiziert diesen als jemanden, den er aus den Erzählungen seines Vaters kennt: eben Luca Borrello. Dieser hat nämlich einst Lindens Vater als verwundetem Partisanen das Leben gerettet. Neugierig geworden macht sich Linden auf die Suche nach Zeitzeugen und stößt auf verblüffende Ereignisse, die sich rund um den faschistischen Schriftstellerkongress zugetragen haben. Viel später erst wird sich der Enkel des Partisanen Linden in die Geschichte vertiefen, die seinem Vater, also Peter Linden, erst nach dessen Verhaftung über so manches die Augen geöffnet haben mag. Der Enkel erkennt, dass man es sich nicht so einfach machen kann, wie sein Vater und dessen Freunde das damals getan hatten, als sie, wie es wörtlich heißt:

„… alles auf eine Konfrontation zwischen Faschisten und Antifaschisten reduzierten. Es war vielmehr ein Kampf zwischen Arm und Reich, zwischen einem System, das den Reichen auf Kosten der Armen diente, und der immer wieder aufgeschobenen Verheißung eines anderen Systems, das sich niemand vorstellen konnte.“

Patricio Pron schildert hier das, was im Gewand einer sozialen Revolution als Katastrophe über einzelne Lebensschicksale hereingebrochen ist, mit befördert von einer sich der Ästhetik verpflichtenden Haltung von Kunstschaffenden, die einst im Namen des „Futurismus“ angetreten sind, Zukunft zu gestalten, zu deren verhängnisvollen Talenten jedoch die Polemik zählt, die grundsätzliche Ablehnung fremder Argumente, der Eklat und zuletzt auch der Gehorsam im Dienst des Verbrechens.

In diesem Roman geht es aber nicht in erster Linie um Politik, sondern um universelle Fragen nach Schuld und Vergeltung, um Rache und um Selbstgerechtigkeit, und um die Doppelbödigkeit von Literatur: als Schlüssel zur Erkenntnis wie auch als Vermittlerin politischer Fehlhaltungen, die kriminelle Energie freizusetzen vermag. Kriminelle Energie gibt es auch im Umgang mit literarischen Texten, denn der Geschichte des unaufgeklärten Mordes geht die Usurpation eines fremden Werks voraus, indem eine Fälschung geschickt als Kunst getarnt wird.

Dass die Grenzen zwischen Literatur und Leben verschwimmen, ist ein zentrales Thema dieses Buchs. Überhaupt lösen sich in ihm fortwährend Grenzen auf oder werden überschritten. In der Begegnung zwischen dem faschistischen Dichter und dem Partisanen entsteht eine Kameradschaft, die ideologische Gewissheit plötzlich in Frage stellt. Das Grenzgängerische wird auch erzähltechnisch untermauert: Ein Block mit Interviews und unterschiedlichen Stimmen unterbricht den Ton des Erzählers, es folgt die Präsentation eines schriftstellerischen Nachlasses, aus dem im Rückblick die Geschichte ergänzt wird, um schließlich zur gedanklichen Reflexion des Erzählers zurückzufinden. Stilistisch operiert der Autor damit, dort Verwirrung zu stiften, wo man sich Klarheit wünscht: Dem Wunsch nach Eindeutigkeit wird auf diese Weise eine entschiedene Absage erteilt.

Patricio Pron erweist sich als ebenso großartiger Erzähler wie als klarsichtiger Diagnostiker unserer Zeit. Auf den letzten Seiten des Romans schildert er eine Demonstration in Mailand im Jahr 2014, an der der Linden-Enkel teilnimmt. Junge Menschen mit Fahnen folgen einem Demonstrationszug mit – unter Anführungsstrichen – „nur“ symbolischem Charakter in einer Zeit, in der sich die Identität der Arbeiterklasse aufgelöst hat, weil Arbeit in einem geschichtslosen Raum vor einem Computer stattfindet. Hier drängt sich die Erkenntnis auf über das, was die Familiengeschichte der drei hier vorgestellten Generationen zusammenhält: „ein unbequemes Bewusstsein der Geschichte und des Ortes, den die einzelnen darin einnehmen, selbst die wie sie in ihr keine Rolle spielen“.

Beeindruckend ist, dass es Pron gelingt, die Gewaltbereitschaft auf der Seite der provozierenden Jugend wie auf der der Polizei nachvollziehbar zu machen, ohne Position zu beziehen, zugleich aber den blockierenden Widerspruch aufzuzeigen, der dem Glauben im Sinne von Ideologie einerseits und dem Handeln andererseits innewohnt. Hier findet man es wieder, das Leitmotiv, an dessen Ursprung der italienische Futurimus stand, dass nämlich, Zitat: „Kunst sich immer in Politik verwandelt und Politik, ganz gleich welcher Couleur, in Verbrechen.“

Obgleich der Enkel, ebenso wie es wohl auch der Vater und der Großvater getan hätten, in diesem Augenblick zum Stock greift und auf den Polizisten zuläuft, formuliert das auktoriale Alter Ego, als das man den Enkel hier deuten kann, eine Einsicht, die ihm lange nach dieser Episode sein Leben bringen wird: Der Beitrag des Kunstschaffenden zum Hier und Jetzt müsse ein Beitrag für die Welt bzw. die Gesellschaft sein, um nämlich „die kriminellen Bestandteile in der Politik zu neutralisieren und sie in so etwas ähnliches wie Kunst zu verwandeln“.

Patricio Pron hat einen Roman geschrieben, der einen wichtigen Kommentar zur Gegenwart bereit hält: Er zeigt auf, wie ein Kreislauf abgeschlossen werden könnte, um in einer Spirale die höhere Ebene eines geistigen Bewusstseins zu erreichen. Schade nur, dass der hohe literarische Anspruch dieses Buchs, die Komplexität des bruchstückhaft-puzzleartigen Erzählens und die langen, kunstvoll geflochtenen Sätze in einer kurzatmigen Zeit um den langen Atem der Aufmerksamkeit kämpfen müssen, was dazu führen könnte, dass der Text weniger Lesen findet, als er verdient hätte.

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erstellt am 21.2.2020
aktualisiert am 26.2.2020

Buchcover „Vergieß deine Tränen für keinen, der in diesen Straßen lebt“

Patricio Pron
Vergieß deine Tränen für keinen, der in diesen Straßen lebt
Roman
Hardcover, 416 Seiten
ISBN: 978-3-498-05249-2
Rowohlt Verlag, 2019

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