Ein zerbrochener Krug, eine szenische Matthäus-Passion und das Political „Casino“. Hessens Landeshauptstadt Wiesbaden macht das Leben zum Theater und bringt Leben ins Theater. Walter H. Krämer hat sich in diesem Leben umgesehen.

Theater und Musiktheater in Wiesbaden

Passion und Political

Das Staatstheater Wiesbaden unter Intendant Uwe Eric Laufenberg zeigt sich experimentier- und risikofreudig. Da ist einmal die Inszenierung des Hausherrn selbst von Kleists Zerbrochenem Krug in ungekürzter Fassung (Premiere war bereits am 26.10.2019) – eine eher unübliche Praxis auf deutschen Bühnen und – so die fast einhellige Meinung des Feuilletons – „von der ersten bis zur letzten Minute ein Vergnügen, den brillant dahingleitenden Blankversen Kleists zu lauschen“. Außerdem der Versuch der Regisseurin Johanna Wehner die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach szenisch umzusetzen (Premiere war am 18.01.2020) und last but not least das „Political“ – eine Wortschöpfung aus Politik und Musical – Casino, mit dem das Staatstheater politische Machenschaften in der Stadt Wiesbaden zeitnah auf die Bühne bringt. (Premiere war am 19.01.2020). Das erinnert stark an Schilderungen Siegfried Kracauers in seinem Buch „Jacques Offenbach und seine Zeit“, in denen infolge der Juli-Revolution 1830/31 in Paris politische Geschehnisse innerhalb kürzester Zeit auf die Bühne gebracht, mit Musik versehen und kabarettistisch angeschärft, zum gesellschaftspolitischen Ereignis schlechthin wurden.

Mätthäus-Passion

Die Matthäus-Passion ist ein musik- und sprachgewaltiges Werk für Solisten, Chor und Orchester von Johann Sebastian Bach. Am Karfreitag 1727 in der Thomaskirche zu Leipzig zum ersten Mal aufgeführt, ist die Matthäus-Passion das wohl bekannteste Oratorium über die Leidensgeschichte Jesu und gehört zu den bedeutendsten Kompositionen der geistlichen Musik und ist ein herausragendes Werk protestantischer Kirchenmusik.

Der Text basiert auf dem 26. und 27. Kapitel des Matthäus-Evangeliums in der Übersetzung Martin Luthers. Erweitert wird er durch eingebaute Passionschoräle und Dichtungen von Christian Friedrich Henrici (genannt Picander) in freien Chören und Arien. Häufig verknüpfen Stichworte den Bibeltext mit den Arien und den Chorälen, so dass ein geschlossenes Ganzes mit einem sich entwickelnden Handlungsablauf entsteht.

Versuche, dieses Oratorium in Szene zu setzen, gab es schon viele – beispielsweise von Ferruccio Busoni oder durch Pier Paolo Pasolinis berühmte Verfilmung von 1964. Gelungen – und auch nach mehr als 40 Jahren noch im Repertoire – das Ballett von John Neumeier aus dem Jahre 1981. Damals noch ein Sakrileg, finden sich heute inszenierte Oratorien des Öfteren auf der Bühne und eine szenische Aufführung der Matthäus-Passion bleibt nach wie vor eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Meist sind Chor und Orchester auf Barockes nicht spezialisiert und Ansprüche an eine stilgerechte Aufführungspraxis hoch.

E.M. Cioran, (1911 – 1995), rumänischer Philosoph und Essayist, beschrieb die außerordentliche Wirkung des Oratoriums auf die ZuhörerInnen mit dem Satz „Wenn es jemanden gibt, der Bach alles verdankt, dann Gott!”.

In Wiesbaden kann man das jetzt live erleben. Hier stemmte die Regisseurin Johanna Wehner eine Matthäus-Passion auf die Bühne des großen Hauses, und das sicher nicht ganz zufällig in den Wochen vor Ostern. In dieser Zeit kann man sich einer verstärkten Aufmerksamkeit für dieses Werk vom Leiden und Sterben des Jesus Christus sicher ein.

Mit Konrad Junghänel steht ein mit der historischen Aufführungspraxis vertrauter Dirigent am Pult. Er sorgt auch mit kleiner Besetzung – der Komponist hat es für zwei Orchester komponiert und bei manchen Aufführungen dieses Oratoriums wirken bis zu 345 Personen mit – für authentische Klänge aus dem Orchestergraben.

In der Matthäus-Passion geht es um Entbehrung, Schmerz und Trauer, aber auch um Würde, Erhabenheit und Erlösung. Die eingearbeiteten Choräle – zwischen Rezitativen, Chören und Arien – nehmen auf die dramatischen Höhepunkte der Handlung Bezug. Dabei spielt der Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhardt eine wichtige Rolle und erklingt mit verschiedenen Strophen und Harmonisierungen insgesamt gleich fünf Mal. Auch andere einprägsame Melodien durchweben das Werk, gleichsam wie die Anwesenheit eines Gottes, der uns nie verlassen wird, auch wenn er vor unseren Augen stirbt.

Eine starke Setzung und damit auch eine Herausforderung für die Regie ist das überdimensionale begehbare Kreuz in barocken Formen (Bühnenbild Volker Hintermeier), das schräg über die ganze Bühne verteilt noch in den Orchestergraben ragt und an den Klangkörper eines großen Musikinstruments denken lässt. Im Hintergrund dampft der Nebel, und ab und an wird durch diese Nebelwand eine Kirchenrosette sichtbar. In luftiger Höhe hängt ein weiteres Kreuz in moderner eckiger Form, an dem Leuchtröhren befestigt sind (Licht Andreas Frank). Mehr Lichteffekte und unterschiedliche Beleuchtungssituationen wären sicher von Vorteil gewesen.

Die Protagonisten stecken bis auf wenige Ausnahmen durchweg in schwarzen Kostümen, wobei hier stilistisch verschiedene Epochen angedeutet sind. Die Kostüme (Su Bühler) beeindrucken trotz deren einheitlicher Farbe und markieren so auch den jeweils individuellen Charakter der ChoristInnen und einzelnen Figuren.

„Mätthäus-Passion“: Bühne mit begehbarem Kreuz Foto: Karl & Monika Forster

Die Regisseurin Johanna Wehner hat bewusst darauf verzichtet, entscheidende Passagen der Passion nachspielen zu lassen, sondern die SängerInnen und ChoristInnen bewegen sich auf der Bühne und nutzen das Kreuz als Spielfläche. An einigen Stellen – passend zum Gesang – choreographiert die Regisseurin bewusst Bewegungsabläufe. In der Situation, in der Simon davon singt, dass das Kreuz zu schwer zum Tragen sei, versuchen alle ChoristInnen das Riesenkreuz zu heben – vergeblich. Auch zur Grablegung Jesu oder beim Judaskuss beziehen sich die choreographischen Gesten direkt und eindeutig auf die in den Texten vorgetragenen Inhalte.

Johanna Wehner hat mit großem Respekt vor dem Werk eine eher halbszenische Arbeit auf die Bühne gestellt. Es herrscht überwiegend eine getragene Langsamkeit und Beherrschtheit der Sänger vor. Der Abend lohnt sich allerdings schon und vor allem wegen der außerordentlichen Musik Johann Sebastian Bachs und den stimmgewaltigen ProtagonistInnen der _ Passion_. Allen voran Anna El-Khashem und Anna Alàsi Jové, sowie Konstantin Kimmel als Jesus, Julian Habermann als Evangelist, Wolf Matthias Friedrich als Petrus und Benjamin Russell als Judas.

Beflügelt und beeindruckt durch die Musik Bachs ist die Möglichkeit gegeben, eigene Bilder im Kopf entstehen zu lassen und sich mit den Themen zu verbinden – auch im Sinne von einer, wie es Peter Sellars einmal formulierte, kathartischen Wirkung für die Zuhörenden.

Political „Casino“

Eine Leidensgeschichte ganz anderer und zeitgenössischer Art hatte am Tag darauf auf der Bühne des Kleinen Hauses in Wiesbaden Premiere.

Bühnenreif kam die Wiesbadener Kommunalpolitik in den letzten Jahren daher und sorgte wegen Korruptionsverdacht, Schlammschlachten und Vetternwirtschaft für Schlagzeilen. Wesentlich geprägt vom Aufstieg und Fall dreier Männer – des damaligen Oberbürgermeisters Sven Gerich, des ehemaligen CDU-Schatzmeisters und Immobilien-Unternehmers Ralph Schüler und des ehemaligen CDU-Vorsitzenden Bernhard Lorenz – ging es auch um Vorteilsnahme, Freundschaft und den Gebrauch von Macht. Jetzt hat sich das Theater dieses Stoffes angenommen und ein treffliches Stück Theaterwirklichkeit daraus gemacht.

Autor David Gieselmann und Regisseur Clemens Bechtel nahmen sich zusammen mit Dramaturgin Marie Johannsen dieser Wiesbadener Skandalgeschichten (u. a. Privatgeschäfte mit Sonderklauseln, undurchsichtigen Urlaubsreisen, teuren Weihnachtsessen und Ungereimtheiten im Vergabeverfahren für Gastronomiekonzessionen) an, die dank investigativer JournalistInnen beim Wiesbadener Kurier und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aufgedeckt wurden – und letztlich zum Rückzug nicht nur des damaligen Oberbürgermeisters Sven Gerich aus der Politik führte.

Die drei Hauptfiguren werden von den Schauspielern Thomas Peters als Oberbürgermeister, Uwe Kraus als Immobilien-Unternehmer und Michael Birnbaum als Fraktionsvorsitzender der CDU dicht an den Vorbildern im wahren Leben entwickelt und gespielt. An ihrem Umgang untereinander wird nachvollziehbar, wie Macht korrumpieren und man jegliches Maß für Anstand und Würde verlieren kann. Die Inszenierung zeigt aber auch den Zerfall der Macht und das Auseinanderbrechen von Freundschaft. Um die Fallhöhe deutlich zu machen und dem Ganzen noch mehr Gewicht zu geben, lässt die Regie Sätze aus Shakespeares Richard II zitieren und im Bühnenbild von Ulrich Frommhold wird anfangs „Die Schule von Athen“, ein Gemälde von Raphael aus den Vatikanischen Museen im Rom, eingeblendet. Das Amtszimmer öffnet sich am Ende und man sieht in die Kulisse einer verfallenen Wandelhalle mit großen Bögen. Einst groß und mächtig, jetzt dem Verfall geweiht. Die Menschen am Boden zerstört, am Ende – zumindest vorerst. Denn im Abgang droht der Oberbürgermeister seine Rückkehr an.

Political „Casino“ im Staatstheater Wiesbaden Foto: Karl & Monika Forster

Das Stück verarbeitet dokumentarisches Material – hier orientiert man sich weitgehend an den durch die Presse ans Tageslicht gebrachten Fakten – baut aber auch fiktionale Erzählstränge und Personen mit ein. Es ist ein Stück Lokalgeschichte, und das Theater erfüllt damit eine wichtige Aufgabe: Die BürgerInnen können sich anhand des vorgetragenen Spiels über Zustände in ihrer Stadt verständigen und bewusst Vorgänge nachvollziehen, und das gemeinsam an einem öffentlichen Ort – dem vermeintlich letzten Ort in unserer Gesellschaft, wo dies noch möglich ist.

In der Figur der Gertrud Rosche, dargestellt von Iris Atzwanger, kommt auch die Presse vor und zeigt sich – anders als in der Realität der wahren Geschichte – auch für Schmeicheleien anfällig. Ein Seitenhieb wohl gegen die Sensationslust und Skandalisierungsversuche bestimmter Medien und Presseorgane.

Ein solches Thema innerhalb einer Stadt gehört unbedingt auf die Bühne und deshalb sei es den Mitwirkenden des Staatstheaters Wiesbaden gedankt, dass sie sich dieser Mühe unterzogen haben. Und all dies in einer an- und entsprechenden Form mit Live-Kamera-Bildern und Musik. Wenn man dann noch vor Augen / im Ohr hat, dass Wiesbaden exemplarisch für viele Kommunen steht, dann wird es höchste Zeit, den sogenannten VolksvertreterInnen „nicht nur aufs Maul, sondern auch auf die Hände zu schauen“ und mehr Einfluss auf die Politik und deren Gestaltung zu nehmen.

Vorstellungen

Matthäus-Passion: 8. März, 10. April 2020
Casino: 16. Februar, 31. März und viele weitere zwischen April-Juni 2020

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erstellt am 12.2.2020

„Matthäus-Passion“: Konstantin Krimmel, Chor
Foto: Karl & Monika Forster

Theater / Musiktheater

Mätthäus-Passion

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)
Szenisches Oratorium

Musikalische Leitung: Konrad Junghänel
Inszenierung: Johanna Wehner
Bühne: Volker Hintermeier
Kostüme: Su Bühler
Besetzung: Evangelist / Tenor Julian Habermann, Jesus Konstantin Krimmel, Sopran Anna El-Khashem, Alt Anna Alàs i Jové, Franziska Gottwald, Bass / Petrus Wolf Matthias Friedrich, Judas / Pilatus Benjamin Russell
Chor & Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Casino

Ein Political von Clemens Bechtel und David Gieselmann

Regie: Clemens Bechtel
Text: David Gieselmann
Bühne: Ulrich Frommhold
Kostüme: Vesna Hiltmann
Dramaturgie: Marie Johannsen
Besetzung: Michael Birnbaum, Uwe Kraus, Thomas Maria Peters, Paul Simon, Iris Atzwanger, Christina Tzatzaraki, Lena Hilsdorf, Martin Plass

Hessisches Staatstheater Wiesbaden